Buch
Taschenbuch (990 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Raben geheimnisvoll und dunkel, Wesen voller Magie und Zauber. berbringer mysteriser Botschaften, gefrchtete Begleiter von Hexen und Magiern. In Patricia Briggs phantastischem Epos werden diese Geschpfe auf atemberaubende Weise lebendig und zum Schlssel in einem uralten Rtsel. Am Fue des Schattengebirges wohnt die junge Seraph, eine jener geheimnisvollen Zauberinnen des Raben, die einst von Dorf zu Dorf und von Kontinent zu Kontinent zogen, um die Welt mit ihrer Magie vor bsen Krften zu bewahren. Als eine Verschwrung das Geheimnis des Rabenordens bedroht, muss Seraph endlich dem Ruf ihrer Ahnen folgen "′Dieser Roman verwebt magische und romantische Momente und besticht durch groartige Charaktere. Ein wundervolles Fantasy-Abenteuer!" SF Site
| ISBN-10: | 3-453-52315-6 |
|---|---|
| EAN: | 9783453523159 |
| Originaltitel: | Raven´s Shadow/ Raven's Strike |
| Erschienen: | 03.03.2008 |
| Verlag: | Heyne Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 990 |
| Länge/Breite: | 206mm/135mm |
| Gewicht: | 708 g |
| Übersetzer: | Winter Winter Translations Inc. |
| Reihe: | Heyne-Bücher Allgemeine Reihe |
Patricia Briggs, Jahrgang 1965, wuchs in Montana auf und interessiert sich seit ihrer Kindheit für Phantastisches. So studierte sie neben Geschichte auch Deutsch, denn ihre große Liebe gilt Burgen und Märchen. Patricia Briggs hat erfolgreiche und preisgekrönte Fantasy-Romane und die Mystery-Saga um Mercy Thompson im Portfolio.
von Regina P., am 14.02.2009
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von einer Kundin/einem Kunden, am 17.08.2008
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von einer Kundin/einem Kunden, am 30.04.2008
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ERSTES BUCH
»Es ist jetzt nicht mehr weit, Junge«, sagte Tier. »Das da vorn ist Rauch und nicht bloß Nebel - wir werden ein gemütliches Dorfgasthaus finden, wo wir uns aufwärmen können.«
Sein Pferd schnaubte zur Antwort - oder war es nur wegen eines lästigen Regentropfens? - und trabte weiter.
Tiers Pferd war ebenso wie sein Schwert von erheblich besserer Qualität als seine Kleidung. Er hatte beides von Männern erbeutet, die er getötet hatte; das Schwert in seinem ersten Kriegsjahr, das Pferd in diesem Jahr, als sein eigenes Reittier unter ihm niedergestreckt worden war. Scheck war ein Schlachtross, gezüchtet und ausgebildet für einen adligen Offizier, aber er hatte Tier, den Sohn eines Bäckers, jetzt schon durch zwei Schlachten, sechs Scharmützel und grob gerechnet über tausend Wegmeilen getragen.
Er war ein wertvolles Pferd, aber in den ersten paar Wochen von Tiers Reise, die ihn durch vom langen Krieg verwüstete Regionen führte, hatte der Neid in den Augen der Menschen ebenso viel mit Hunger wie mit Gold zu tun gehabt. Tier hatte gespannt darauf gewartet, dass sie ihn überfielen oder ihn in einen Hinterhalt lockten. Aber etwas an seiner Haltung, vielleicht die Kampfbereitschaft, die immer noch hinter der ruhigen Fassade lauerte, musste sie abgeschreckt haben.
In den wohlhabenderen Regionen weiter entfernt von den Reichsgrenzen ließ die Gefahr eines Angriffs dann leider beträchtlich nach. Dabei hätte ein Kampf Tier vielleicht ein wenig Ablenkung von der Furcht verschafft, die er beim Gedanken an seine baldige Heimkehr empfand.
So viele waren tot. Die beiden jungen Männer aus seinem Dorf, die sich zusammen mit ihm für einen Krieg gemeldet hatten, der einen halben Kontinent von zu Hause entfernt stattfand, waren gefallen, ebenso wie viele andere junge Männer, die sich Gold, Ruhm oder eine Fluchtmöglichkeit erhofft hatten. Tier hatte überlebt. Er war sich immer noch nicht ganz sicher, wie es dazu gekommen war - denn geplant hatte er es ganz bestimmt nicht. Zwar hatte er den Tod nie gesucht, aber ein Soldat wusste, dass es ihn jederzeit treffen konnte.
Wenn der Krieg ewig gedauert hätte, hätte Tier bis zum Tod gekämpft. Aber nun war er vorbei, und er hatte den Posten, den sein kommandierender Sept ihm angeboten hatte, abgelehnt. Er hatte wirklich kein Bedürfnis, noch mehr junge Männer für den Kampf auszubilden.
Also ritt er nun nach Hause. Der Junge, der sich vor beinahe einem Jahrzehnt aus dem Heim seiner Familie geschlichen hatte, hätte sich nie träumen lassen, dass die Rückkehr so viel schwieriger sein würde als der Aufbruch.
Tiers massiger Wallach schüttelte die schwarz-weiße Mähne und übersprühte seinen Reiter mit Wasser. Er tätschelte dem Pferd den Hals.
»Was habe ich dir gesagt, Scheck?«, meinte er. »Da unten gibt es ein Dach; du kannst es zwischen den Bäumen sehen.«
Er freute sich auf einen warmen Schankraum, durchflutet von Lärm und Bier - etwas, womit er seine innere Leere füllen konnte. Vielleicht würde ein bisschen von der guten Laune an ihm hängen bleiben, bis er sein Dorf erreichte.
Er kam seiner Heimat näher. Selbst ohne Landkarte wäre der bittere Geschmack der Alten Magie, der die Berge hier erfüllte, vielsagend genug gewesen. Der Kampf selbst mochte lange vorüber sein, aber die Magie eines Zauberers blieb manchmal noch länger erhalten als die Erinnerung an ihn, und der Schatten war ein großer Zauberer gewesen. In der Nähe des Schlachtfelds von Schattenfall konnte es gefährlich sein, durch den Wald zu reiten. In Tiers Heimatdorf Redern wussten alle, dass man Orte, an denen die Magie des Schattens verharrte, lieber mied.
Der braun-weiß gescheckte Wallach interessierte sich nicht für Magie jedweder Art und trabte weiter den schmalen Bergweg hinunter, und als der Hang sanfter wurde, bog er auf einen Feldweg ein, der sich seinerseits bald schon in eine kopfsteingepflasterte Straße verwandelte. Kurz darauf tauchte das kleine Dorf, das Tier von den Hügeln aus gesehen hatte, zwischen den Bäumen auf.
Die nassen Steinhäuser, so anders als die Holzhäuser, an denen er in den letzten neun Jahren vorbeigeritten war, erinnerten ihn an zu Hause, obwohl der Baustil hier weniger schroff wirkte als in seinem eigenen Dorf. Es war noch nicht daheim, aber es war ein richtiges Dorf. Es würde einen Marktplatz geben, und dort würde das Gasthaus stehen.
Er stellte sich einen kleinen, warmen Raum vor, in das goldene Licht von Feuerstelle und Fackeln getaucht - einen Ort, wo ein Soldat eine gute warme Mahlzeit bekommen und im Trockenen sitzen konnte.
Als er näher zum Markplatz kam, nahm er den Geruch nach Rauch und gebratenem Fleisch war. Rein instinktiv lockerte er das Schwert und brachte den Wallach dazu, sich anzuspannen und zu schnauben: zu viel Krieg, zu viele verbrannte Dörfer. Rasch murmelte er Scheck ein paar beruhigende Worte zu und erinnerte ihn daran, dass sie mit diesem Teil ihres Lebens fertig waren, obwohl er sich nicht dazu durchringen konnte, das Schwert wieder zu sichern.
Als sie auf den Marktplatz einbogen, sah er einen brennenden Scheiterhaufen.
Der Abend war ein seltsamer Zeitpunkt für eine Beisetzung. Tier runzelte die Stirn. So nahe seiner Heimat würden sie ihre Toten begraben und nicht verbrennen. Er sah sich die Menge genauer an und bemerkte, dass keine Frauen und Kinder anwesend waren.
Das da war keine Beisetzung, sondern eine Hinrichtung.
An den meisten Orten, wo die Erinnerung an den Schatten erhalten geblieben war, verbrannte man Hexer. Nicht die hochgeborenen Zauberer, die nur für die Adligen arbeiteten, welche sie bezahlten - die standen oberhalb der Dorfjustiz -, aber Heiler, umherziehende Hexer und Reisende, die die falsche Person beleidigten oder verängstigten, konnten ernsthaften Ärger bekommen. Wenn so jemand brannte, schauten die Dorffrauen nur aus dunklen Fenstern zu, um vor dem Zorn der Toten sicher zu sein.
Auch Fremde wie Tier wurden manchmal für Reisende oder Hexer gehalten. Doch er war bewaffnet und hatte gutes Geld dabei - und wenn man nach dem Geruch von Rauch und Fleisch ging, hatte das Dorf seine Blutlust bereits gestillt. Er ließ die Hand am Schwertgriff, kam dann aber zu dem Schluss, dass es einigermaßen sicher sein würde, hier die Nacht zu verbringen.
Er gönnte dem Scheiterhaufen nur einen Seitenblick, als er an ihm vorbeiritt, und selbst der sagte ihm, dass der Mann inmitten des brennenden Holzes schon tot gewesen war, als man das Feuer entzündet hatte. Einem Toten konnte man nicht mehr helfen.
Die mürrischen Männer des Dorfs, die am Scheiterhaufen standen, wurden noch leiser, als er an ihnen vorbeiritt, aber als er keine Notiz von ihnen nahm, wandten sie sich wieder ihrer finsteren Unterhaltung zu.
Wie Tier erwartet hatte, lag das Gasthaus am Rand des Dorfplatzes. Es hatte auch einen Stall, aber niemand arbeitete darin. Der Stalljunge war vermutlich bei den anderen auf dem Platz.
Tier sattelte Scheck ab, rieb ihn mit einem rauen Tuch trocken und führte ihn in eine leere Box. Dann sah er sich nach Heu um und bemerkte dabei den Handwagen eines Reisenden mit Lederfransen und traurig verblasster bunter Farbe. Der Mann, den sie verbrannt hatten, war also ein Reisender gewesen.
Tier ging an dem Wagen vorbei und brachte Scheck eine Gabel voll Heu, doch seit er ins Dorf geritten war, freute er sich nicht mehr besonders auf den Abend im Schankraum. Es machte ihn nervös, solcher Gewalttätigkeit so nahe zu sein, und der stille Stall beruhigte ihn. Er blieb, bis es wirklich dunkel wurde, dann siegte schließlich der Gedanke an eine warme Mahlzeit über seinen Unwillen, anderen Menschen zu begegnen.
Als er aus dem Stall kam, zeichneten sich draußen nur noch ein paar Gestalten vor dem Feuerlicht ab - vermutlich waren es Wachen, die dafür sorgen sollten, dass der Mann nicht wieder zum Leben erwachte und floh. Er selbst hatte noch nie gesehen, dass ein Mann mit durchschnittener Kehle wieder aufgewacht wäre und Magie gewirkt hätte. Oh, er kannte die Geschichten, er hatte sogar selbst ein paar davon weitererzählt. Aber er hatte auch viel Tod gesehen, und der war nach seiner Erfahrung immer endgültig.
Als er das Gasthaus betrat, war er verblüfft über den Lärm im Schankraum. Ein schneller Blick sagte ihm, dass ihn niemand bemerkt hatte; also suchte er sich einen Platz zwischen der Treppe und der hinteren Wand, wo er den Raum gut beobachten konnte.
Er hätte sich eigentlich schon denken können, dass die Menschenmenge sich nicht so schnell auflösen würde. Nach einer Hinrichtung verlangte es die meisten Männer nach Alkohol, und der Schankraum des Gasthauses war bis zum Bersten angefüllt mit Männern, von denen die meisten halb betrunken vom Bier und dem Wahnsinn von Menschenmengen waren. Tier dachte daran, lieber im Stall zu schlafen, aber er hatte Hunger. Er würde eine Weile warten und sehen, ob die Dinge sich wieder so weit beruhigten, dass es für einen Fremden wie ihn sicher sein würde, hier zu essen. Der Raum hallte wider von übertriebenem Lachen, was ihn an die Stimmung nach einer Schlacht erinnerte, wenn Männer verrückte Dinge taten, die sie dann den Rest ihres Lebens zu vergessen versuchten.
Er hatte immer noch Käse und Fladenbrot in der Satteltasche. Sicher, das war keine warme Mahlzeit, und der Käse hatte schon ein paar grüne Flecke, aber er würde in Ruhe essen können. Er machte einen Schritt auf die Tür zu.
Als wäre diese Bewegung ein Weckruf gewesen, wurde es plötzlich still. Tier erstarrte, aber er begriff sehr bald, dass niemand ihn beachtete.
In der Stille zog das Knarren von Holz seinen Blick zur nahen Treppe. Zuerst sah man schwere Stiefel, dann einen Stier von einem Mann, der in diesen Stiefeln steckte, und schließlich ein Mädchen, das er die Treppe hinunterzerrte. Der Mann trug eine fleckige Schürze und war wohl der Wirt, aber er hatte auch Schwielen an den Händen, die von einer Kampfaxt oder einem Breitschwert stammen mochten.
Der Wirt blieb vier oder fünf Stufen über dem Schankraum stehen, wo alle seine Gefangene sehen konnten. Tier, weiter hinten im Raum und ein Stück hinter der Treppe so gut wie unbemerkt, musste sich der wachsenden Gewissheit stellen, dass er an diesem Abend keine warme Mahlzeit und kein weiches Bett bekommen würde.
Das so vielsagende silbrigaschfarbene Haar, das ihr in vom Schlaf zerzausten Zöpfen beinahe bis zur Taille hing, sagte ihm sofort, dass sie eine Reisende war, vermutlich eine Verwandte des toten jungen Mannes, der draußen briet.
Zunächst hielt er sie für ein Kind, aber ihr weites Nachthemd fing sich an einer gerundeten Hüfte, die ihn ein oder zwei Jahre zu ihrem Alter hinzuzählen ließ. Als sie zu der Menge aufblickte, konnte er sehen, dass ihre Augen von klarem Bernsteingrün waren und älter als ihr Gesicht.
Die Männer im Gasthaus waren überwiegend Bauern; einer oder zwei trugen ein langes Messer im Gürtel. Er hatte solche Leute im Heer gesehen und achtete sie. Es waren wahrscheinlich gute Männer, jedenfalls die meisten, mit Ehefrauen und Müttern, die zu Hause auf sie warteten, und sie fühlten sich unbehaglich angesichts der Gewalttätigkeit, zu der ihre Angst sie verleitet hatte.
Dem Mädchen würde nichts passieren, sagte sich Tier. Diese Männer würden ein Kind nicht so leicht verletzen, wie sie den Mann getötet hatten. Ein Mann, ein Reisender, stellte eine Gefahr für ihre Sicherheit dar. Ein Kind, ein Mädchen, war etwas, das diese Männer schützten. Tier blickte sich im Schankraum um und bemerkte, dass die Gesichter mehrerer Gäste weicher wurden, als sie den verwunderten Schrecken des Mädchens sahen.
Sein abschätzender Blick fiel auf einen bärtigen Mann, der gerade Eintopf aß. Gut geschneiderte Adligenkleidung unterschied ihn von den Dorfbewohnern. Solche Kleidung kam sicher aus Taela oder einer anderen größeren Stadt.
Etwas an den beiläufigen, präzisen Bewegungen, die der Mann beim Essen machte, warnte Tier, dass er in ihm vielleicht die gefährlichste Person im Raum vor sich hatte - dann schaute er wieder das Mädchen an und überlegte es sich noch einmal.
In den paar Augenblicken, in denen Tier sich umgesehen hatte, hatte sie ihren ersten Schrecken und die Furcht so eindeutig abgeworfen wie eine Schlange ihre Haut.
Die junge Reisende richtete sich auf wie eine Königin, ihre Miene ruhig und gefasst. Der Wirt war einen Fuß größer als sie, aber er machte nun plötzlich nicht mehr den Eindruck, als ob er sie wirklich festhalten könnte. Das Eis in den kalten Augen des Mädchens bewirkte, dass ein Schauder, aus Kindergeschichten erwachsen, über Tiers Rücken lief. In Jahren der Kämpfe geschliffene Instinkte sagten ihm, dass er nicht der Einzige war, den sie aus der Fassung brachte.
Dummes Mädchen, dachte er.
Ein kluges Mädchen hätte leise und entsetzt geschluchzt und wäre in sich zusammengesunken, um kleiner und noch jünger auszusehen und damit das Mitleid des Pöbels zu wecken. Das hier waren keine Söldner und keine erfahrenen Kämpfer, es waren Bauern und Kaufleute.
Wenn er in diesem Augenblick hätte gehen können, hätte er es getan - zumindest sagte er sich das, aber jede Bewegung seinerseits hätte jetzt die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Es war nicht gut, sich für die gleiche Behandlung anzubieten, die der tote Mann auf dem Platz erhalten hatte.
»Wo ist der Priester? Ich brauche ihn, um meine Aussage zu bezeugen«, sagte der Wirt, der selbstzufrieden und zugleich nervös klang. Wenn er das Mädchen angesehen hätte, das er immer noch festhielt, hätte er sich noch erheblich nervöser angehört.
Die Menge bewegte sich ein wenig und spuckte einen dünnen jungen Mann aus, der sich ein wenig überrascht umsah, als er plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Jemand brachte einen Hocker und einen wackligen Tisch von der Größe eines Tellers. Als ein grobes Stück Haut, ein Tintenfass und eine Feder aufgetrieben wurden, setzte sich der inzwischen ein wenig selbstsicherer gewordene Priester nieder.
»Also gut«, sagte der Wirt. »Drei Tage Unterkunft, vier Kupferstücke für jeden Tag. Drei Mahlzeiten am Tag für jeweils ein Kupferstück.«
Tier zog zynisch die Brauen hoch. Nichts wies darauf hin, dass das Gasthaus plötzlich nach Taela geflogen sein sollte, wo derartige Preise vielleicht gerechtfertigt waren. Für ein Gasthaus in diesem Dorf waren zwei Kupferstücke am Tag wahrscheinlicher, und das sollte die Mahlzeiten einschließen.
»Einundzwanzig Kupferstücke«, verkündete der Priester schließlich. Schweigen folgte.
»Ein Kupfer am Tag für die Unterbringung des Wagens«, warf der Adlige ein, und zwar, wie Tier bemerkte, ohne von seiner Mahlzeit aufzublicken. Seinem Akzent nach zu schließen kam er aus dem östlichen Teil des Landes, vielleicht sogar von der Küste. »Das sind noch drei weitere Kupferstücke, also insgesamt vierundzwanzig: ein Silberstück.«
Der Wirt lächelte selbstzufrieden. »Ah ja, danke, Lord Wresen. Das Gesetz sieht vor, wenn jemand eine Schuld von einem Silberstück verursacht und nicht ausgleicht« - so, wie der Mann das Wort betonte, war es für Tier offensichtlich, dass ausgleichen kein Wort war, das oft über seine Lippen kam -, »kann man diese Person verkaufen, um die Schuld zu begleichen. Wenn sich kein Käufer findet, dann soll der Schuldner auf dem Marktplatz fünfzig Peitschenhiebe erhalten.«
Auspeitschung war eine weit verbreitete Strafe. Tier wusste ebenso gut wie alle anderen im Raum, dass ein solches Kind wahrscheinlich keine fünfzig Hiebe überleben würde. Er ging weiter in den Raum hinein und setzte dazu an zu protestieren, hielt jedoch inne, als ihm klar wurde, was hier wirklich geschah.
Sein alter Kommandant hatte immer gesagt, dass Wissen mehr Schlachten gewann als Schwerter. Die Beweggründe des Wirts waren leicht zu verstehen. Das Mädchen zu verkaufen, würde ihm mehr einbringen, als er für gewöhnlich in einer ganzen Woche verdiente - immer vorausgesetzt, er konnte sie verkaufen. Kein Dorfbewohner würde ein ganzes Silberstück ausgeben, um eine Reisende zu kaufen. Tier hätte darauf gewettet, dass die juristischen Kenntnisse des Wirts von dem Adligen kamen ->Lord WresenMan brauchte nicht besonders intelligent zu sein, um zu erkennen, dass Wresen das Mädchen haben wollte und diese ganze Szene arrangiert hatte, damit er es auch bekam. Die Reisende würde als erwachsene Frau nicht schön sein, aber sie verfügte über den Liebreiz einer Jungfrau zwischen der Kindheit und dem Aufblühen des Frauseins. Wresen hatte nicht vor, sie totpeitschen zu lassen.
»Hast du ein Silberstück?«, fragte der Wirt das Mädchen und schüttelte es dabei grob.
Sie hätte sich fürchten sollen. Selbst jetzt ging Tier noch davon aus, dass ein wenig demonstrative Angst ihrer Sicherheit durchaus zuträglich gewesen wäre. Ein junges Mädchen in die Sklaverei zu verkaufen, gehörte nicht zum Alltag dieser Bauern und würde ihnen falsch vorkommen. Nicht einmal der Wirt schien sich bei dem Gedanken sonderlich wohlzufühlen. Wenn sie an sein Mitgefühl appellierte, würde ihn die Anwesenheit der anderen Männer zwingen, sie gehen zu lassen.
Stattdessen lächelte sie den Wirt verächtlich an und zeigte ihm, dass ihr und jedem anderen im Gasthaus klar war, wie er ihre Verwundbarkeit allein für seinen Profit auszubeuten gedachte. Das machte den Wirt aber nur wütender und brachte sein Gewissen vollkommen zum Schweigen - wusste dieses Mädchen denn überhaupt nichts über Menschen?
»Also, meine Herren«, sagte der Wirt mit einem Blick zu Wresen, der gerade die letzten Bissen aß. »Ein Toter kann seine Schulden nicht mehr zahlen, und sie fallen an seinen Erben. Die da schuldet mir ein Silberstück und kann nicht zahlen. Braucht einer von euch eine Sklavin, oder soll sie sich zu ihrem Bruder gesellen, der auf dem Marktplatz brennt?«
Ihre zornig roten Wangen wurden sofort blass.