Todesstille

Roman

von Jeffery Deaver

Buch

Taschenbuch (349 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Wenn irgendwo in der amerikanischen Provinz ein großer Hollywoodfilm gedreht wird, kämpfen die Einheimischen normalerweise um eine winzige Rolle - um einen Augenblick des Ruhms. Als die Filmemacher John Pellam und Marty Jacobs im verschlafenen Städtchen Cleary eintreffen, wird ihnen jedoch ein ganz anderer Empfang zuteil: Nach einem offensichtlich gezielten Schuss stirbt Marty in seinem brennenden Auto! Erschüttert versucht John, die scheinbar sinnlose Tat aufzuklären. Dabei wird ihm aber bald klar: Im Gewehr des Mörders befindet sich auch noch eine Kugel für ihn ...




Pressestimmen:

"Der beste Autor psychologischer Thriller weit und breit!" The Times, London

Produktdetails

ISBN-10: 3-442-35946-5
EAN: 9783442359462
Originaltitel: Shallow Graves - A Location Scout Mystery
Erschienen: 01.01.2004
Verlag: Blanvalet
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 349
Länge/Breite: 182mm/116mm
Gewicht: 270 g
Übersetzer: Helmut Splinter
Reihe: Blanvalet Taschenbücher
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Jeffery Deaver

Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher wurden in 12 Sprachen übersetzt und haben ihm bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingetragen.Die kongeniale Verfilmung seines Romans 'Die Assistentin' unter dem Titel 'Der Knochenjäger' (mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen) war weltweit ein sensationeller Kinoerfolg und hat dem faszinierenden Ermittler- und Liebespaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine riesige Fangemeinde erobert.

Werner Bauer

Werner Bauer ist seit 25 Jahren selbstständig tätig. Seine Beratungsschwerpunkte sind Projektmanagement, Team-Coaching und Management-Systeme.

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    von einer Kundin/einem Kunden, am 12.06.2004

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Ein ganz guter Thriller, nur das Ende hätte besser sein müssen!!!

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»Irgendwann mal habe ich diese gruselige Geschichte über dich gehört«, sagte Marty. »Aber ich hatte keinen Schimmer, ob sie wahr ist oder nicht.«
Pellam sah nicht zu ihm hinüber. Er saß am Steuer des Winnebago Chieftain 43 und fuhr zurück in die Stadt. Sie hatten gerade zwei Kilometer die Straße hinauf ein altes Farmhaus gefunden und dem erstaunten Besitzer 1300 Dollar geboten, um zwei Szenen auf seiner vorderen Veranda drehen zu können, sofern er nichts dagegen hätte, dass statt seines rostigen orangefarbenen Nissans ein paar Tage lang ein Mähdrescher in der Einfahrt stehen würde. Für so viel Geld, hatte der Farmer gemeint, würde er, falls gewünscht, den Wagen sogar aufessen.
Pellam hatte ihm gesagt, das sei nicht nötig.
»Du hast mal als Stuntman gearbeitet?«, fragte Marty mit seiner hohen Stimme und dem leichten Mid-West-Akzent.
»Ein bisschen, ja. Nur für ein Jahr oder so.«
»Ah, ja. Der Film, den du gemacht hast?«
»M-hm.« Pellam nahm seine alte schwarze Hugh-Hefner-Sonnenbrille ab. Am frühen Morgen dieses Herbsttages hatte sich ein stahlblauer Himmel von Horizont zu Horizont gespannt. Vor einer halben Stunde hatte sich der Himmel bezogen, und jetzt, am frühen Nachmittag, sah er aus wie zur Abenddämmerung im Winter.
»Es war ein Spielberg-Film«, sagte Marty.
»Für Spielberg habe ich nie gearbeitet.«
Marty überlegte. »Nein? Also, ich habe aber gehört, dass es ein Spielberg-Film war. Egal, jedenfalls gibt's eine Szene, in der der Hauptdarsteller mit dem Motorrad über eine Brücke fährt und hinter ihm Granaten hochgehen. Der Typ fährt wie der Henker, hinter ihm immer die Granaten. Dann wird er von einer getroffen und in dem Moment durch die Luft gewirbelt, in dem die Brücke unter ihm zusammenkracht. Okay? Man wollte aber eine Puppe nehmen, weil der Stunt Supervisor niemand von seinen Jungs ranlassen wollte. Dann kommst du und sagst dem zweiten Aufnahmeleiter, er soll die Kameras laufen lassen. Und du, na ja, hast es einfach gemacht.«
»Hm-hm.«
Marty sah zu Pellam hinüber und wartete. Dann lachte er. »Was meinst du mit ›hm-hm‹? Hast du oder hast du nicht?«
»Ja, ich erinnere mich daran.«
Marty verdrehte die Augen und beobachtete in der Ferne einen Vogel. »Oh, er erinnert sich ...« Er wandte sein Gesicht wieder Pellam zu. »Dann habe ich noch gehört, dass du nicht richtig durch die Luft geflogen bist, sondern dich an einem Kabel festklammern musstest, während die Brücke unter dir zusammengekracht ist.«
»M-hm.«
Marty wartete immer noch. Es machte keinen Spaß, jemandem Kriegsgeschichten zu erzählen, von dem man sie eigentlich zu hören bekommen sollte. »Und?«
»Ziemlich genau so ist es passiert.«
»Hattest du keine Angst?«
»Klar hatte ich die.«
»Warum hast du's dann gemacht?«
Pellam griff nach unten zu der Flasche Bier, die zwischen seinen ausgelatschten Cowboy-Stiefeln klemmte. Er blickte in die rotgelbe Herbstlandschaft auf der Suche nach New-York-State-Polizisten, dann hob er die Flasche an die Lippen und leerte sie. »O ja, damals habe ich lauter verrückte Sachen gemacht. War dumm von mir. Der Aufnahmeleiter hat mich rausgeschmissen.«
»Aber die Aufnahme haben sie verwendet?«
»Ging nicht anders. Sie hatten keine Brücke mehr.«
Pellam drückte das ausgeleierte Gaspedal durch, um eine Anhöhe zu nehmen. Der Motor reagierte nicht gerade prompt, ließ von irgendwo aus seinen Tiefen ein Klopfen hören, wie man es halt bei einem alten Wohnmobil gewohnt sein sollte, das ächzend bergauf fährt.
Marty war neunundzwanzig und dünn und trug in seinem linken Ohr einen goldenen Ring. Er hatte ein rundes, glattes Gesicht, und seine Augenlider waren direkt mit seinem Herz verbunden - sie öffneten sich ganz weit, sobald sein Puls einen Zahn zulegte. Pellam war älter. Auch er war dünn, aber eher sehnig, und hatte einen dunklen Teint; den schütteren, grau gesprenkelten Bart, den er sich seit einer Woche wachsen ließ, konnte er schon nicht mehr sehen. Die Lider über seinen graugrünen Augen öffneten sich niemals sehr weit. Beide Männer trugen Bluejeans und Jeansjacken, Marty ein schwarzes T-Shirt, Pellam ein blau kariertes Arbeiterhemd. Mit solchen Klamotten und seinen spitzen Stiefeln sah Pellam eher wie ein Cowboy aus, und wenn jemand - vor allem eine Frau - einen Kommentar darüber abgab, antwortete er stets, er sei mit Wild Bill Hickok verwandt. Das entsprach zwar der Wahrheit, aber in einer solch komplizierten Weise, dass er sich heute nicht mehr genau erinnerte, wo auf seiner Ahnentafel der Revolverheld angesiedelt war.
»Ich würde gerne als Stuntman arbeiten«, sagte Marty.
»Kann ich mir nicht vorstellen«, gab Pellam zurück.
»Doch, das würde mir Spaß machen.«
»Nein, das würde dir wehtun.«
Die beiden Männer schwiegen eine Weile.
»Dann haben wir also einen Friedhof, einen Marktplatz, zwei Scheunen und ein Farmhaus«, zählte Pellam schließlich auf. »Wir haben kilometerweise Straßen. Was brauchen wir noch?«
Marty blätterte durch ein großes Notizbuch. »Ein ganz, ganz großes Feld, ich meine echt tierisch groß, ein Beerdigungsinstitut, ein Haus im viktorianischen Stil mit einem Garten, in dem man eine Hochzeit feiern kann, einen Eisenwarenladen, so viele Innenräume, dass einem schlecht wird ... oh, Mist, das dauert bestimmt zwei Wochen, bis ich wieder nach Manhattan komme. Ich kann keine Kühe mehr sehen, Pellam. Ich habe diese Viecher so verdammt satt.«
»Bist du schon mal auf einer Kuh geritten?«, fragte Pellam.
»Ich bin aus dem mittleren Westen. Jeder reitet dort auf Kühen.«
»Das habe ich noch nie gemacht. Würde ich aber gerne mal.«
»Pellam, du bist noch nie auf einer Kuh geritten?«
»Nö.«
Mit scheinbar echter Bestürzung schüttelte Marty den Kopf. »O Mann ...«
Es war schon drei Tage her, seit sie von der Interstate abgebogen und hier nach Cleary im Staat New York gefahren waren. Der Winnebago hatte dreihundertfünfzig Kilometer zurückgelegt, sich über Hügel mit knorrigen Pinien gequält, vorbei an verschlafenen Farmen, kleinen, einfachen pastellfarbenen Häusern mit Pick-ups, aufgebockten Wagen ohne Räder und steifer, an langen Leinen aufgehängter Wäsche davor.
Drei Tage Nebel, Septemberstürme, umherwirbelnde gelbe Blätter und Regen, nichts als Regen.
Marty blickte aus dem Fenster, schwieg fünf Minuten lang. Pellam dachte: Schweigen ist Platin.
»Weißt du, woran mich das hier erinnert?«, fragte Marty schließlich.
Der Junge hatte eine Phantasie, die umherschweifte wie eine hungrige Krähe. Pellam hatte keine Ahnung, woran Marty dachte.
»Ich war beim Dreh von Echoes of War dabei«, erklärte Marty.
Das war ein Dreiundsechzig-Millionen-Dollar-Vietnam-kriegsfilm, für den Pellam keine Lust gehabt hatte, als Location-Scout die Drehorte auszukundschaften. Jetzt hatte er keine Lust, sich den Film im Kino anzuschauen, und er würde auch keine Lust haben, ihn sich in seinem Videoladen in L. A. auszuleihen.
»Du weißt, dass sie ihn aus irgendwelchen Gründen nicht in Asien gedreht haben?«, meinte Marty.
»Ist das 'ne Frage?«
»Nein, ich erzähl's dir nur.«
»Hört sich aber an, als würdest du mich das fragen.«
»Nein. Sie haben beschlossen, den Film nicht in Asien zu drehen.«
»Warum nicht?«
»Ist nicht wichtig. Sie haben es halt nicht getan.«
»Na gut«, gab sich Pellam zufrieden.
»Sie haben ihn in England gedreht, in Cornwall.« Martys dickes, ovales Gesicht wirbelte mit einem breiten Grinsen in Pellams Richtung. Pellam mochte es, wenn jemand begeistert war. Aber begeistert waren immer nur Menschen, die viel redeten. Na ja, man kann eben nicht alles haben. »He, wusstest du, dass es in England Palmen gibt? Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Palmen ... Egal, der Setdesigner hat beim Truppenstützpunkt unglaubliche Arbeit geleistet mit Einschlaglöchern von Granaten und allem Drum und Dran. Wir sind um fünf Uhr aufgestanden, um zu drehen. Ich hatte echt immer ein komisches Gefühl. Ich meine, ich wusste, dass wir in England sind und dass es nur ein Film ist. Aber alle Schauspieler waren verkleidet, hatten Uniformen an, haben in Erdlöchern geschlafen und Armeeproviant gegessen. Der Regisseur wollte es so haben. Ich kann dir sagen, wenn ich da so rumstand, war mir ganz ... unwohl.« Er überlegte, ob dies der richtige Ausdruck war. Er entschied sich für ein Ja und wiederholte es. »Unwohl. Ja, genauso fühle ich mich auch jetzt.«
Er verfiel in Schweigen.
Pellam hatte bei mehreren Kriegsfilmen mitgearbeitet, aber im Moment fiel ihm keiner davon ein. Woran er dachte, war das Muster der gesprungenen Scheibe am Seitenfenster seines Wohnmobils. Winnebagos haben dicke Fenster, und man muss schon kräftig zuschlagen, um eine Flasche hindurchwerfen zu können. Auf dem Zettel darin hatte gestanden: »Lebt wohl«. Das Wohnmobil war im Lauf der Jahre schon mehrmals Opfer kreativer Zerstörungswut gewesen, aber nie auf eine so zweideutig beunruhigende Art. Die Vandalen hatten offensichtlich absichtlich die Windschutzscheibe verschont; Pellams Blick sollte wohl durch nichts getrübt werden, wenn er aus der Stadt hinausfahren würde.
Pellam hatte auch bemerkt, dass es eine Flasche gewesen war, kein Stein, und sie hätte genauso gut Benzin statt der sorgfältig geschriebenen Nachricht enthalten können.
Genau daran dachte John Pellam im Moment. Nicht an Stunts, Kriegsfilme oder unheilvolle Sonnenaufgänge über England.
»Es wird kalt«, stellte Marty fest.
Pellam streckte seine Hand zum Armaturenbrett aus und drehte die Heizung zwei Stufen höher. Feuchte, nach Gummi riechende Luft machte sich im Führerhaus breit.
Auf dem Boden knirschten Glassplitter unter Pellams Stiefeln. Er schob sie zur Seite.
Lebt wohl ...

Cleary hatte nicht viel zu bieten.
Zwei Waschsalons, eine Filiale der Chase Manhattan Bank, eine städtische Bank. Zwei praktisch gleich eingerichtete Bars. Ein Dutzend Antiquitätenläden, deren Schaufenster gerammelt voll waren mit Beistelltischchen, Werbeansteckern von Präsidentenwahlkämpfen, Leuchtern, Dreifüßen, Zinngeschirr, verblichenen Teppichen und ein paar eleganten viktorianischen Gerätschaften. Daneben gab es zwei Immobilienmakler, einen Musikinstrumentenladen mit Schwerpunkt auf Instrumenten für Blaskapellen und einen Eisenwarenladen. Der kleine Teeladen, der eher an eine gemütliche englische Zwergenhütte erinnerte, machte ein Wahnsinnsgeschäft mit Muffins: Muffins mit Ballaststoffen, Müsli und Honig.
Ein alter Ramschladen mit Holzfußboden. Ein paar Drugstores, einen mit einer Theke aus den Fünfzigern, die so authentisch aussah, dass sie ein Setdesigner nicht besser hinbekommen könnte. Mehrere Häuser waren zu kleinen Geschäften umgewandelt worden. Crystalmere - Original Schmuckdesign von Janine. Schottischer Import - unsere Spezialität: Shetland-Wolle.
Zwei Jugendliche mit stoppeligen Gesichtern und frech herausforderndem Grinsen standen unter der Markise des Eisenwarenladens. Die Hemden über ihren kräftigen Oberkörpern hatten sie aufgeknöpft, als würde ihnen der frische Wind nichts anhaben können. Einer von ihnen hob den Mittelfinger in Richtung des Wohnmobils.
»Arschlöcher«, meinte Marty.
In Mexiko, wo Pellam und Marty einen Monat zuvor gewesen waren, waren die Einwohner freundlicher gewesen - aber das konnte auch am Dollar gelegen haben, der in punkto internationaler Brüderschaft und Verständigung einen großen Beitrag leistet.
Pellam zuckte mit den Schultern.
Marty hielt seinen Blick immer noch nach draußen gerichtet und beobachtete die Bürgersteige. »Hier in der Stadt gibt's wohl nicht viele Frauen.« Er runzelte die Stirn, als wäre er enttäuscht, dass er in den Schaufenstern keine Damen mit Badeanzügen aus der Sports Illustrated sah.
»Die haben sie im Wald versteckt, als sie gehört haben, dass du kommst.« Pellam suchte einen Parkplatz.
»Ein Kino habe ich auch noch nicht entdeckt.«
»Ja, ein Kino wäre besser für dich«, sagte Pellam. »Mit Filmen hast du mehr Glück als mit Frauen.«
Diesen Kommentar ignorierte Marty. »He, meinst du nicht auch, dass es nichts Besseres gibt, als mit einer Frau vom Lande in einem komischen Hotelzimmer Liebe zu machen?«, fragte er stattdessen beinahe ehrfurchtsvoll.
»Statt in einem normalen Hotelzimmer?« Eigentlich dachte Pellam tatsächlich, dass es gut war, wenn auch nicht das Beste, aber er sagte nicht »Liebe machen« dazu. Er entwickelte auch nicht eine derart ungestüme Jungmännerlust wie Marty. Pellam musste den Burschen im Auge behalten. Er verlor leicht die Kontrolle und schäkerte in den Cocktailbars kleiner Städte schonungslos mit Blondinen - Frauen, die Lichtjahre härter drauf waren als die meisten aalglatten Schönheiten aus Manhattan oder Los Angeles mit ihren stahlharten Augen.
Die Wolkendecke hätte nicht dichter sein können, als sie die Stadtmitte erreichten. Es goss wie aus Eimern, der Regen überspülte die Straßen, riss die Blätter von den Bäumen und nahm ihnen jede Sicht. Das Wohnmobil schwankte wie ein Boot im Sturm.
»Puh«, stöhnte Marty. »Ich würde sagen, es wird langsam Zeit, dass wir uns betrinken.«
Pellam suchte einen geeigneten Parkplatz. Im dichten Regen übersah er den Bordstein, an dem er mit metallischem Knirschen entlangschrappte. Er wusste nicht mehr, ob im Zentrum von Cleary Parkuhren standen. Wenn ja, gab es jetzt eine weniger.
Der Regen hörte nicht auf, trommelte aufs Dach wie ein Dutzend umherwirbelnder, durchgedrehter Breakdancer. Auf den Scheiben waren keine Tropfen mehr zu erkennen, das Wasser rann als gleichmäßige Schicht die Fenster hinab.
Pellam kletterte von seinem Sitz und sah zu Marty hinüber. »Auf drei.«
»Oh, nee, Pellam, da draußen ist es nass.«
»Du wolltest was trinken.«
»Warte, bis es ...«
Pellam öffnete die Tür und sprang hinaus. »Drei!«
»... nachlässt.«
Bis unter das nächste Vordach brauchten sie nur acht Schritte, trotzdem waren sie nass bis auf die Knochen.
Unter dem hohlen Schlag einer Kuhglocke öffneten sie die Tür. Marty blieb wie angewurzelt stehen. »Das ist das Speiserestaurant, Pellam.«
»He, Mann, mach die Tür zu.«
»Das ist das Speiserestaurant.«
»Es ist noch viel zu früh zum Trinken«, erwiderte Pellam. »Mir ist eher nach Kuchen zumute.«
»Kuchen? Oh, Scheiße.«
Marge's Café war ganz in Türkis und Plastik gehalten und schlichtweg ungemütlich. Die Neonröhren schimmerten grün, ein Licht, das einen gefühlsmäßig sofort in den Flur einer Highschool zurückversetzte.
Sie setzten sich an den Tresen und zogen Papierservietten aus einem Halter, um sich Gesicht und Arme abzutrocknen.
Zwei schmuddelige, stämmige Männer - beide über fünfzig, vielleicht Erntehelfer oder Farmer - mit schwarzem Dreck in den Poren saßen gebeugt über ihren kugelsicheren weißen Kaffeebechern. Sie unterbrachen ihr Gespräch nicht, folgten aber Pellam und Marty mit ihren Blicken wie Retriever, die Vögeln hinterherspähten.
»Genau, hatte sich mit seinem Traktor fast auf den Kopf gestellt.«
»Auf der Interstate? Hätte Eintritt bezahlt, um das zu sehen.«
»Hat eine Menge anderer Fahrer völlig aus dem Konzept gebracht ... hab ich dir schon mal erzählt, wie ich meinen Harvester über den Bach gesetzt habe?«
Marty bestellte ein Bier, doch das Mädchen, so um die dreißig mit hübschem Gesicht und breiten Hüften, meinte, sie würde ihm gerne eins geben, doch leider hätten sie keine Genehmigung dafür. »Tut mir wirklich Leid«, wiederholte sie und überlegte krampfhaft, was sie zu ihrer Entschuldigung noch sagen könnte. Ihre Entscheidung fiel auf: »Darf ich Ihnen was anderes bringen?« In ihrer Stimme klang Bewunderung mit. Marty warf Pellam einen triumphierenden Blick zu, dann lächelte er das Mädchen an und bestellte eine Portion Chili und dazu eine Cola. Pellam nahm Kaffee und ein Stück Schokoladenkuchen.
»Ist der auch wirklich selbst gemacht?«, fragte er.
»Wenn Sie meinen, dass man bei A&P was selber macht, dann ja.« Zu ihrer Bewunderung gesellte sich Vernarrtheit, als sie Marty fragte: »Zwiebeln?«
»Ja, Ma'm.«
»Nein«, fiel ihm Pellam ins Wort. Das Wohnmobil war ziemlich klein.
Marty seufzte. Sie sah ihn an, und er schüttelte den Kopf.
»Möchten Sie ihn à la mode?«
»Alamo?«
Sie blickte sich um. »Mit Eiscreme, meine ich.«
»Äh, nein. Nur den Kuchen.«
»Euer Wohnmobil sieht ganz okay aus.« Sie rührte sich nicht von der Stelle. »Mein Paps hatte früher einen Travel-All, hat aber mal beim Rückwärtsfahren Mist gebaut - wir waren auf dem Weg zum Lake Webster-, und die Achse ist gebrochen.«
»Ja, man muss schon vorsichtig sein«, meinte Pellam.
»Man konnte sie nie wieder richtig zusammenschweißen.«
»Tja, da hat man den Salat.«
Nach einer Weile kam Bewegung in die Frau. Mit schwingenden Hüften ging sie auf die andere Seite der Theke.
Marty war aufgeregt. »Hast du den Ramschladen da drüben gesehen, Pellam?« Er blickte aus dem Fenster. »Ich war gestern drin. Der Laden ist hervorragend. Die verkaufen Perücken da drin, reihenweise stehen die da rum. Ich meine, wo auf der Welt gehst du einfach in einen Laden, bezahlst neunzehn neunundneunzig und gehst mit einer Perücke wieder raus? Und? Findest du so was auf dem Rodeo Drive? Oder auf der Michigan Avenue?«
»Stimmt, du kriegst echt schon langsam eine Glatze.«
Plötzlich prasselte der Regen gegen die große Glasscheibe, gefolgt von einigen Donnerschlägen. Als Pellam sich zum Fenster drehte, sah er, wie eine Frau aufs Restaurant zugerannt kam, die Tür aufriss und die Kuhglocke ertönen ließ. Angewidert streifte sie ihren grünen Regenumhang ab und entpuppte sich als etwa gleich alt wie Pellam, vielleicht ein, zwei Jahre älter, und trug ein ausgeblichenes rotes Kleid mit hoher Taille, die genau unter ihrer üppigen Brust ansetzte. »Omakleid« fiel ihm dazu nur ein. Das lange Haar - braun mit leichtem Silberschimmer - war in der Mitte gescheitelt.
Ihr Blick streifte sowohl Pellam als auch Marty. Pellam warf sie so etwas wie ein Lächeln zu, dann wandte sie sich zum Tresen und wischte sich den Regen vom Gesicht.
Auch Pellam und Marty drehten sich zurück. Sie zogen die Polaroidbilder heraus, legten sie nebeneinander auf den Tresen und begannen, über die Einstellwinkel der Kamera zu reden.

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