Schau Dich nicht um

Roman

von Joy Fielding

Buch

Taschenbuch (441 Seiten)

28. Auflage

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Jess Koster, junge und erfolgreiche Staatsanwältin in Chicago, fühlt sich verfolgt. Wer ist der Mann, dessen Gesicht ihr aus jeder Menschenmenge entgegenstarrt? Und welche Verbindung gibt es zu dem Angeklagten, dem sie gerade eine brutale Vergewaltigung nachweisen will? Oder bildet sich Jess das alles nur ein? Keine Hirngespinste jedenfalls sind die beispiellosen Terrorakte, mit denen sie unter Druck gesetzt wird und die sie schier um den Verstand bringen. Ganz langsam wächst in ihr der Verdacht, Opfer eines teuflischen Plans zu sein.


Pressestimmen:

Niemand sollte auf die Idee kommen, das Buch in die Hand zu nehmen, wenn er sich in den Schlaf lesen will." (Kirkus Review)

Produktdetails

Verkaufsrang: 22.739
ISBN-10: 3-442-43087-9
EAN: 9783442430871
Originaltitel: Tell Me No Secrets
Erschienen: 01.04.1995
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 28. Auflage
Seitenzahl: 441
Länge/Breite: 190mm/119mm
Gewicht: 359 g
Übersetzer: Mechtild Sandberg-Ciletti
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Joy Fielding

Joy Fielding wurde am 18. März 1945 in Kanada geboren - was sie allerdings scherzhaft bezweifelt, weil sie sich noch nicht so alt fühlt, wie sie von der Jahreszahl her zu sein hätte. Schon seit Jahren zählt Joy Fielding zu den absoluten Spitzenautorinnen für Spannungsliteratur. Ihre Thriller und Psychothriller spielen immer wieder mit den Abgründen der Gesellschaft und der Gewalt, die sich in ihr wiederfindet. Die Hauptfiguren sind meist Frauen, die gut ausgebildet und in einer scheinbar perfekten Welt mit toller Beziehung in amerikanischen Großstädten leben. Scheinbar harmlose Ereignisse fördern dann alte Geheimnisse oder Sehnsüchte der Figuren ans Licht, die das vorher perfekte Leben komplett zerlegen.
Beruflich machte Joy Fielding ein paar Umwege, obwohl ihr schon früh klar war, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Als Achtjährige begann sie, Entwürfe an Zeitschriften zu schicken, die aber abgelehnt wurden, genauso wie ihre Geschichten, die sie im Teenageralter schrieb. Einen leichten Hang zur blutigen Feder lässt sich allerdings schon zu dieser Zeit entdecken: Ein Drehbuch handelte von einem Mädchen, dass seine Eltern umbringt. Während ihres Literaturstudiums ab 1963 in Toronto spielte Joy Fielding in mehreren Studentenfilmen mit und verwarf den Plan, Schriftstellerin zu werden. Stattdessen wollte sie Schauspielerin werden und zog nach dem Studium nach L.A. Nach einigen kleinen Rollen, aber ohne großen Durchbruch, begann Joy Fielding wieder zu schreiben. Anfang der 1970er Jahre kehrte sie nach Toronto zurück, finanzierte sich durch das Mitspielen in TV- Spots und schrieb nebenher an ihren Romanen, bis sie damit genug zum Überleben verdiente. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1991 mit dem Roman "Lauf, Jane, lauf", der 1,8 Mio. Mal verkauft wurde. Die Autorin Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada und in Palm Beach, Florida.

Meinung der Redaktion
Einmal Joy Fielding - immer Joy Fielding! Ihre Romane sind fesselnd, spielen mit den Abgründen der Gesellschaft und zeigen, dass jeder zwei Seiten hat. Pointiert und manchmal brutal schildert Fielding, wie sich Menschen ändern können und wie sie sich in Ausnahmesituationen verhalten. Einfach nur spannend und eine Lesedroge.

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Kundenrezensionen

  • laaaangweilig Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von einer Kundin/einem Kunden, am 08.08.2012

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    Ursprünglich hatte eine Arbeitskollegin mich auf Joy Fielding aufmerksam gemacht. Deshalb habe ich mir gleich 5 Bücher bestellt, jedoch nur die mit den besten Bewertungen. Deshalb war ich auch total gespannt und habe mir einiges davon versprochen. "Schau dich nicht um" war das erste Buch, das ich gelesen hatte und ich war komplett enttäuscht. Ich fand es überhaupt nicht spannend bis auf die letzen 15 Seiten, wo dann noch einmal etwas passierte. Also ich kann dieses Buch wirklich nicht empfehlen.
    Im Vergleich dazu ist mein zweites Buch, das ich gelesen habe, "Lauf, Jane, lauf" von Anfang bis Ende super spannend.

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  • Spannung pur Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Alessandra, am 09.11.2010

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    "Schau Dich nicht um" war mein erster Roman von Joy Fielding, den ich gelesen habe. Das Buch war von der ersten bis zur letzten Seite einfach nur spannend, ich habe nur sehr schwer zu lesen aufhören können. Die Geschichte ist super durchdacht und mitreißend und fesselnd geschrieben. Und wen man glaubt, dass man schon weiß, wie es ausgehen wird. . . tja, ich kann nur sagen, ich bin ganz schön überrascht worden. Mein erster, aber bestimmt nicht mein letzter Roman von Joy Fielding. Einfach nur super. LESEN!!!

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  • super spannnend Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Helena, am 03.06.2009

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    ein typisches joy fielding buch!
    das buch und die geschichte des buches sind sehr spannend und fesseln einen sofort. man kommt nicht drum herum selber vermutungen anzustellen und jedes kapitel schliest auf eine neue vermutung.

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  • Hervorragend! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von einer Kundin/einem Kunden, am 09.09.2008

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    Ein unglaubliches Buch! Hat mich die letzten 3 Nächte gekostet. Stilistisch hervorragend, ein Thriller mit einem Schuß schwarzen Humor der einen auch zum Lachen bringt, und im nächsten Moment gleich wieder das Blut in den Adern erfrieren lässt. Unbedingt lesen!

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  • Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von einer Kundin/einem Kunden

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    Dieses Buch ist eines der besten, die ich gelesen habe. Ungefähr in der Mitte fesselt dieses Buch einen so, das man nicht mehr mit dem lessen aufhören kann. Und bis zur letzten Seite bleibt dieses Buch spannend. Umbedingt lesenswert.

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  • Spannung bis zur letzen Seite Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von einer Kundin/einem Kunden

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    Joy Fieldings Psychothriller "Schau dich nicht um" steht ihrem Bestseller "Lauf, Jane, lauf" spannungsmäßig in nichts nach. In diesem Roman ist die bedrohliche Atmosphäre auf jeder Seite zu spüren und lenkt den Verdacht des möglichen Täters in immer wieder neue Richtungen, so dass der Leser seine Vermutungen immer wieder neu überdenkt und bis zur letzten Seite im Unklaren über den tatsächlichen Täter bleibt. Joy Fielding ist hier ein toller Mix aus Spannung, Psychologie und einer unmöglich vorhersehbaren Handlung gelungen. Wirklich klasse!

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Er wartete auf sie, als sie zur Arbeit kam. So schien es Jess jedenfalls, die ihn sofort sah. Er stand reglos an der Ecke California Avenue und 25. Straße. Sie spürte, daß er sie beobachtete, als sie aus der Parkgarage kam und über die Straße zum Administration Building lief. Seine dunklen Augen waren kälter als der Oktoberwind, der in seinem strähnigen hellen Haar spielte, seine bloßen Hände waren über den Taschen seiner abgetragenen braunen Lederjacke zu Fäusten geballt. Kannte sie ihn?
Seine Haltung veränderte sich leicht, als Jess näherkam, und sie sah, daß sein voller Mund zu einem halben Lächeln verzogen war, bei dessen Anblick es sie kalt überlief; als wüßte er etwas, das sie nicht wußte. Es war ein Lächeln ganz ohne Wärme, das Lächeln eines Mannes, dem es als Kind Spaß gemacht hatte, Schmetterlingen die Flügel auszureißen, dachte sie schaudernd und ignorierte das kaum wahrnehmbare Kopfnicken, mit dem er sie grüßte, als ihre Blicke sich trafen. Ein Lächeln voller Geheimnisse, begriff sie. Sie wandte sich hastig ab und hatte plötzlich Angst, als sie die Treppe hinauflief.
Sie spürte, wie der Mann hinter ihr sich in Bewegung setzte, wußte, ohne sich umzusehen, daß er hinter ihr die Treppe hinaufging. Als sie oben ihre Schulter gegen die schwere Drehtür aus Glas drückte, sah sie, daß der Fremde auf der obersten Stufe stehengeblieben war. Sein Gesicht spiegelte sich in den rotierenden Glasflächen, erschien, verschwand und erschien von neuem, und das wissende Lächeln wich nicht von seinen Lippen.
Ich bin der Tod, hauchte das Lächeln. Ich bin gekommen, dich zu holen.
Jess hörte sich nach Luft schnappen und merkte am Füßescharren hinter sich, daß sie die Aufmerksamkeit eines der Wächter auf sich gezogen hatte. Mit einem Ruck drehte sie sich herum und sah dem Mann entgegen, der sich ihr vorsichtig näherte und dabei zum Holster seiner Dienstwaffe griff.
»Stimmt was nicht?« fragte er.
»Ich weiß nicht«, antwortete Jess. »Da draußen ist ein Mann, der -« Der was? fragte sie sich stumm, während sie dem Wächter in die müden blauen Augen sah. Der ins Warme möchte, weil es draußen so kalt ist? Der ein Grinsen hat, daß man Gänsehaut bekommt? War das in Cook County neuerdings ein Verbrechen? Der Wächter sah an ihr vorbei zur Tür, und sie folgte mit den Augen langsam seinem Blick. Dort war niemand.
»Ich seh anscheinend Gespenster«, sagte Jess entschuldigend und fragte sich, ob das zutreffe, war froh, daß der junge Mann, wer immer er sein mochte, fort war.
»So was kann schon mal vorkommen«, sagte der Wächter und ließ sich Jess' Ausweis zeigen, obwohl er wußte, wer sie war. Dann winkte er sie durch den Metalldetektor, wie er das seit vier Jahren jeden Morgen gewohnheitsmäßig tat.
Jess mochte feste Gewohnheiten. Sie stand jeden Morgen Punkt Viertel vor sieben auf und zog nach einer hastigen Morgentoilette die Sachen an, die sie am Abend zuvor sorgfältig zurechtgelegt hatte. Zum Frühstück schlang sie ein gefrorenes Stück Kuchen direkt aus der Tiefkühltruhe hinunter und saß eine Stunde später vor ihrem aufgeschlagenen Terminkalender und ihren Akten am Schreibtisch. Wenn sie gerade an einem Fall arbeitete, gab es immer etwas mit ihren Mitarbeitern zu besprechen, Strategien mußten entworfen, Fragen formuliert, Antworten abgestimmt werden. (Eine gute Staatsanwältin stellte niemals eine Frage, auf die sie die Antwort nicht schon wußte.) Wenn sie sich auf einen bevorstehenden Prozeß vorbereitete, galt es, Informationen zu sammeln, Spuren nachzugehen, Zeugen zu vernehmen, mit Polizeibeamten zu sprechen, Konferenzen abzuhalten, Pläne zu koordinieren. Alles mußte klappen wie am Schnürchen. Jess Koster liebte Überraschungen im Gerichtssaal so wenig wie außerhalb.
Hatte sie sich von dem vor ihr Hegenden Tag ein vollständiges Bild gemacht, so pflegte sie bei einer Tasse schwarzen Kaffee und einem Krapfen eine kleine Pause einzulegen, um die Morgenzeitung zu lesen. Mit den Todesanzeigen fing sie an. Immer las sie zuerst die Todesanzeigen. Ashcroft, Pauline, im Alter von siebenundsechzig Jahren -ganz plötzlich verstorben; Barrett, Ronald, neunundsiebzig Jahre alt, nach längerer Krankheit friedlich entschlafen; Black, Matthew, geliebter Ehemann und Vater... statt Kränzen Spenden an die Herzforschung von Amerika. Jess wußte selbst nicht mehr, wann sie angefangen hatte, die Todesanzeigen zur Routinelektüre zu machen, und sie wußte auch nicht, warum. Es war eine ziemlich ausgefallene Gewohnheit für jemanden, der knapp dreißig Jahre alt war, selbst für eine Anwältin bei der Staatsanwaltschaft von Cook County in Chicago. »Na, jemand gefunden, den Sie kennen?« hatte einer ihrer Kollegen einmal gefragt. Jess hatte den Kopf geschüttelt. Es war nie jemand darunter, den sie kannte.
Suchte sie nach ihrer Mutter, wie ihr geschiedener Mann einmal unterstellt hatte? Oder erwartete sie vielleicht, ihren eigenen Namen zu sehen?
Der Fremde mit dem strähnigen blonden Haar und dem bösen Lächeln drängte sich rücksichtslos in ihre Gedanken. Ich bin der Tod, sprach er höhnisch, und seine Stimme brach sich an den nackten Bürowänden. Ich bin gekommen, dich zu holen.
Jess senkte die Zeitung und ließ ihren Blick langsam durch das Zimmer wandern. Drei Schreibtische aus mehr oder weniger zerkratztem Walnußholz standen willkürlich verteilt vor mattweißen Wänden. Bilder waren keine da, weder Landschaften noch Porträts, nichts außer einem alten Poster von Bye Bye Birdie, das mit mittlerweile vergilbtem Tesafilm festgeklebt an der Wand gegenüber ihrem Schreibtisch hing. Die durch und durch zweckmäßigen Metallregale waren mit juristischen Fachbüchern vollgestopft. Die ganze Einrichtung wirkte so, als könnte sie jederzeit zusammengepackt und abtransportiert werden. Und so war es auch. Es kam häufig genug vor. Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft wurden turnusmäßig von Abteilung zu Abteilung versetzt. Es war nicht empfehlenswert, sich irgendwo zu heimisch zu fühlen.
Jess teilte sich das Büro mit Neil Strayhorn und Barbara Cohen, die ihr als Vertreter beziehungsweise Vertreterin beigeordnet waren. Jess war als Leiterin ihrer Gruppe für alle größeren Entscheidungen über Arbeits- und Vorgehensweise der Gruppe zuständig. In Cook County gab es siebenhundertfünfzig Staatsanwälte, über zweihundert waren allein in diesem Gebäude untergebracht; zu jeder Abteilung gehörten achtzehn Staatsanwälte, drei pro Zimmer, und alle waren sie Abteilungsleitern unterstellt. Spätestens um halb neun pflegte es in dem Labyrinth von Büros im zwölften und dreizehnten Stockwerk des Administration Building so lebhaft und laut zuzugehen wie auf dem Wrigley Field, so schien es Jess jedenfalls meistens, die diese kurzen Augenblicke des Friedens und der Ruhe vor der Ankunft der anderen im allgemeinen sehr genoß.
Heute allerdings war das anders. Der junge Mann hatte sie verstört, sie aus ihrem gewohnten Rhythmus geworfen. Was war es nur an ihm, das ihr so vertraut erschien, fragte sie sich. In Wahrheit hatte sie sein Gesicht ja gar nicht richtig gesehen, hatte über dieses schaurige Lächeln hinaus kaum etwas wahrgenommen, wäre niemals fähig gewesen, ihn einem Polizeizeichner zu beschreiben, hätte ihn bei einer Gegenüberstellung niemals erkannt. Er hatte sie ja nicht einmal angesprochen. Weshalb ging er ihr nicht aus dem Kopf?
Sie wandte sich wieder den Todesanzeigen zu. Bederman, Marvin, 74, nach langer Krankheit in Frieden heimgegangen; Edwards, Sarah, im einundneunzigsten Lebensjahr verschieden...
»Du bist aber früh da!« sagte jemand von der Tür her.
»Ich bin immer früh da«, antwortete Jess, ohne aufzusehen. Die Mühe konnte sie sich sparen. Hätte nicht der aufdringliche Duft des Aramis Eau de Colognes Greg Oliver verraten, so hätte es auf jeden Fall der selbstbewußte, schwadronierende Ton seiner Stimme getan. Im Amt hieß es allgemein, Greg Olivers hohe Erfolgsquote im Gerichtssaal werde nur von seinen Rekorden im Schlafzimmer übertroffen. Aus eben diesem Grund achtete Jess stets darauf, daß ihre Gespräche mit dem vierzigjährigen Staatsanwalt von nebenan streng sachlich und unpersönlich blieben. Nach ihrer gescheiterten Ehe mit einem Anwalt stand für sie fest, daß eine neue Beziehung zu einem Kollegen nicht in Frage kam.
»Kann ich was für dich tun, Greg?«
Greg Oliver durchmaß den Raum zwischen der Tür und ihrem Schreibtisch mit drei schnellen Schritten. »Zeig mal, was du da liest.« Er beugte sich vor, um ihr über die Schulter zu sehen. »Die Todesanzeigen? Du Heber Himmel, was die Leute nicht alles tun, um ihren Namen in die Zeitung zu kriegen.«
Jess mußte wider Willen lachen. »Greg, ich hab einen Haufen zu tun...«
»Das sehe ich.«
»Nein, wirklich«, behauptete Jess mit einem raschen Blick in sein auf konventionelle Weise gutaussehendes Gesicht, das die flüssige Schokolade seiner Augen bemerkenswert machte. »Ich muß um halb zehn im Gerichtssaal sein.«
Er sah auf seine Uhr. Eine Rolex. Aus Gold. Sie hatte läuten hören, daß er vor kurzem Geld geheiratet hatte. »Da hast du noch massenhaft Zeit.«
»Die Zeit brauch ich, um Ordnung in meine Gedanken zu bringen.«
»Oh, ich wette, die sind schon längst in Ordnung«, entgegnete er und richtete sich auf. aber nur. um sich seitlich an ihren Schreibtisch zu lehnen und ganz offen sein Spiegelbild im Glas des Fensters hinter ihr zu prüfen, während er mit der Hand flüchtig über einen Stapel säuberlich geordneter Papiere strich. »Ich bin überzeugt, daß es in deinem Kopf genauso ordentlich zugeht wie auf deinem Schreibtisch.«
Er lachte, und dabei verzog sich der eine Winkel seines Mundes leicht nach unten. Jess fiel sofort wieder der Fremde mit dem unangenehmen Lächeln ein.
»Schau dich doch an«, sagte Greg, der ihre Reaktion falsch verstand. »Du bist total nervös und angespannt, nur weil ich versehentlich ein paar von deinen Papieren verschoben habe.« Er rückte sie demonstrativ wieder zurecht und wischte dann ein imaginäres Stäubchen von ihrer Schreibtischplatte. »Du magst es gar nicht, wenn jemand deine Sachen anrührt, nicht?«
Mit den Fingern strich er in kleinen Kreisen wie liebkosend über das Holz der Schreibtischplatte. Die Bewegung hatte eine beinahe hypnotische Wirkung. Ein Schlangenbeschwörer, dachte Jess, und fragte sich flüchtig, ob er der Beschwörer war oder die Schlange.
Sie lächelte, höchst verwundert über die seltsamen Gedanken, die ihr an diesem Morgen durch den Kopf gingen, und stand auf. Zielstrebig ging sie zu den Bücherregalen, obwohl sie in Wirklichkeit dort gar nichts zu tun hatte.
»Ich glaube, du gehst jetzt besser, damit ich hier noch etwas geschafft bekomme. Ich muß heute morgen mein Schlußplädoyer im Fall Erica Barnowski halten und -«
»Erica Barnowski?« Er mußte einen Moment überlegen. »Ach so, ja. Das Mädchen, das behauptet, es sei vergewaltigt worden...«
»Die Frau, die vergewaltigt wurde«, korrigierte Jess.
Sein Lachen füllte den Raum zwischen ihnen. »Du lieber Himmel, Jess, die hat doch nicht mal einen Schlüpfer angehabt! Glaubst du etwa, daß irgendein Gericht im ganzen Land einen Mann wegen Vergewaltigung verurteilen wird, weil er es mit einer Frau getrieben hat, die er in einer Kneipe aufgegabelt hatte und die nicht mal einen Schlüpfer anhatte?« Greg Oliver verdrehte kurz die Augen zur Decke, ehe er Jess wieder ansah. »Ich weiß nicht, aber die Tatsache, daß die Dame ohne Schlüpfer in ein bekanntes Aufreißerlokal ging, riecht mir doch stark nach stillschweigendem Einverständnis.«
»Ach, und ein Messer an der Kehle gehört dann wohl deiner Meinung nach zum Vorspiel?« Jess schüttelte den Kopf, eher bekümmert als angewidert. Greg Oliver war bekannt für seine zutreffenden Prognosen. Wenn es ihr nicht einmal gelang, ihren Kollegen davon zu überzeugen, daß der Angeklagte schuldig war, wie konnte sie da hoffen, die Geschworenen zu überzeugen?
»Es zeichnet sich gar nichts ab unter diesem kurzen Rock«, sagte Greg Oliver. »Verraten Sie mir mal, ob Sie ein Höschen tragen, Frau Anwältin?«
Jess strich sich unwillkürlich mit beiden Händen über den grauen Wollrock, der oberhalb ihrer Knie endete. »Hör auf mit dem Quatsch, Greg«, sagte sie nur.
Greg Olivers Augen blitzten mutwillig. »Was würde es denn brauchen, in dieses Höschen reinzukommen?«
»Da muß ich dich leider enttäuschen, Greg«, sagte Jess ruhig. »In diesem Höschen ist nur für ein Arschloch Platz.«
Die flüssige Schokolade von Greg Olivers Augen gefror einen Moment zu braunem Eis, dann jedoch schmolz sie sofort wieder, als sein Lachen erneut das Zimmer erfüllte. »Das liebe ich so an dir, Jess. Du bist so verdammt frech. Du nimmst es mit jedem auf.« Er ging zur Tür. »Eines muß ich dir lassen - wenn jemand diesen Fall gewinnen kann, dann du.«
»Danke«, sagte Jess zu der sich schließenden Tür. Sie ging zum Fenster und blickte geistesabwesend zur Straße hinunter. Riesige Plakatwände schrien zu ihr hinauf. Abogado, verkündeten sie. »Rechtsanwalt« auf Spanisch, gefolgt von einem Namen. Auf jedem Schild ein anderer Name. Rund um die Uhr geöffnet.
Es gab in diesem Viertel sonst keine Hochhäuser. Das Administration Building mit seinen vierzehn Stockwerken überragte alles, häßlich und hochmütig. Das anschließende Gerichtsgebäude war bloß sieben Stockwerke hoch. Dahinter stand das Gefängnis von Cook County, wo des Mordes und anderer Verbrechen Angeklagte, die entweder die Kaution nicht aufbringen konnten oder denen 'Sicherheitsleistung nicht zugestanden worden war, eingesperrt blieben, bis ihnen der Prozeß gemacht wurde. Ein finsterer, unheilvoller Ort, dachte Jess oft, für finstere, unheilvolle Menschen.
Ich bin der Tod, flüsterte es von den Straßen herauf. Ich bin gekommen, dich zu holen.
Sie schüttelte energisch den Kopf und sah zum Himmel hinauf, aber selbst der war stumpf und grau, von Schneewolken schwer. Schnee im Oktober, dachte Jess. Sie konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal vor Allerheiligen geschneit hatte. Trotz der Wettervorhersage hatte sie ihre Stiefel nicht angezogen. Sie waren nicht mehr wasserdicht und hatten rund um die Kappen häßliche Salzringe, wie die Jahresringe eines Baums. Vielleicht würde sie später kurz in die Stadt gehen und sich ein paar neue kaufen.
Das Telefon läutete. Gerade mal acht Uhr, und schon ging es los. Sie hob den Hörer ab, ehe es ein zweites Mal läuten konnte.
»Jess Koster«, sagte sie.
»Jess Koster, Maureen Peppler hier.« In der Stimme schwang mädchenhaftes Gelächter. »Störe ich dich?«
»Du störst nie«, versicherte Jess ihrer älteren Schwester und sah dabei Maureens vergnügtes Lächeln und ihre warmen grünen Augen vor sich. »Ich bin froh, daß du angerufen hast.«
Jess hatte Maureen immer mit den zart gezeichneten Ballettänzerinnen Edgar Degas' verglichen, weich und verschwommen in den Konturen. Selbst ihre Stimme war weich. Die Leute sagten oft, die Schwestern sähen einander ähnlich. Das stimmte in gewisser Hinsicht, beide hatten sie das gleiche ovale Gesicht, beide waren sie groß und schlank, doch nichts an Jess war verschwommen. Ihr braunes schulterlanges Haar war dunkler als das Maureens, ihre Augen hatten einen tieferen, eindringlicheren Grünton, ihr zierlicher Körper war weniger gerundet, kantiger. Es war, als hätte der Künstler zweimal die gleiche Skizze angefertigt, die eine dann in Pastell ausgeführt, die andere in Öl.
»Was gibt's?« fragte Jess. »Wie geht's Tyler und den Zwillingen?«
»Den Zwillingen geht's prächtig. Tyler ist immer noch nicht begeistert. Er fragt dauernd, wann wir sie endlich zurückschicken. Du hast dich nicht nach Barry erkundigt.«
Jess kniff einen Moment die Lippen zusammen. Maureens Mann, Barry, war ein erfolgreicher Wirtschaftsprüfer, und für seinen brandneuen Jaguar hatte er sich Nummernschilder mit der Aufschrift EARND IT pressen lassen. Mußte sie wirklich noch mehr von ihm wissen? »Wie geht es ihm?« fragte sie trotzdem.
»Gut. Das Geschäft läuft phantastisch trotz der Wirtschaftskrise. Oder vielleicht deswegen. Na, egal, er ist jedenfalls sehr zufrieden. Ich wollte dich für morgen abend zu uns zum Essen einladen. Bitte sag jetzt nicht, du bist schon verabredet.«
Jess hätte beinahe gelacht. Wann hatte sie das letzte Mal eine Verabredung gehabt? Wann war sie das letzte Mal ausgegangen, ohne daß berufliche Gründe dahintergesteckt hätten? Wie war sie auf den Gedanken gekommen, nur Arzte seien vierundzwanzig Stunden am Tag im Dienst?
»Nein, ich bin nicht verabredet«, antwortete sie.
»Gut, dann kommst du also. Ich seh dich dieser Tage viel zu selten. Ich glaube, ich hab dich öfter zu Gesicht bekommen, als ich noch gearbeitet habe.«
»Dann fang doch wieder an zu arbeiten.«
»Nie im Leben. Also, morgen um sechs. Dad kommt auch.«
Jess lächelte. »Schön, wir sehen uns morgen.« Kurz bevor sie den Hörer auflegte, hörte sie aus der Ferne noch Babygeschrei. Sie stellte sich vor, wie Maureen vom Telefon ins Kinderzimmer lief, sich über die Bettchen ihrer sechs Monate alten Zwillinge beugte, die Kleinen wickelte und fütterte und dabei darauf achtete, daß auch der Dreijährige, der ihr nicht von der Seite wich, die Aufmerksamkeit bekam, die er sich so dringend wünschte. Welten entfernt von den heiligen Hallen der Harvard Business School, an der sie ihren Magister in BWL gemacht hatte. Jess zuckte die Achseln. Jeder von uns muß seine Entscheidung treffen, dachte sie. Maureen hatte ihre offensichtlich getroffen.
Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und versuchte, sich auf das bevorstehende Stück Arbeit zu konzentrieren. Sie hoffte inständig, sie könnte Greg Oliver beweisen, daß er sich geirrt hatte. Sie wußte allerdings, daß es nahezu unmöglich war, in diesem Fall eine Verurteilung zu erreichen. Sie und ihr Kollege würden schon sehr überzeugend sein müssen.
Bei einem Prozeß vor dem Geschworenengericht arbeiteten die Staatsanwälte immer paarweise. Ihr Vertreter, Neil Strayhorn, würde zunächst ein erstes Schlußplädoyer halten, in dessen Rahmen er den Geschworenen noch einmal die nackten, häßlichen Tatsachen des Falls ins Gedächtnis rufen würde. Dem würden die abschließenden Bemerkungen des Verteidigers folgen, und danach würde Jess selbst das replizierende Schlußplädoyer halten, das reichlich Gelegenheit zu kreativer moralischer Entrüstung bot.
»Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt«, begann sie laut, um in der Geborgenheit ihres Büros ihren Vortrag noch einmal zu üben. »Das heißt, daß etwa alle 46 Sekunden eine erwachsene Frau vergewaltigt wird, was sich im Laufe eines Jahres zu 683000 Vergewaltigungen summiert.« Sie holte tief Atem und wendete die Sätze in ihrem Kopf wie Salatblätter in einer großen Schüssel. Sie wendete sie immer noch hin und her, als zwanzig Minuten später Barbara Cohen kam.
»Wie läuft's?« Barbara Cohen, mit knallrotem Haar, das ihr in krausen Locken fast bis zur Rückenmitte herabfiel, war beinahe einen Kopf größer als Jess und sah mit ihren langen, dünnen Beinen aus, als ginge sie auf Stelzen. Jess mochte noch so schlecht gelaunt sein, sie brauchte Barbara, ihre zweite Mitarbeiterin, nur anzusehen, und schon mußte sie lächeln, ob sie wollte oder nicht.
»Ich bemühe mich, die Ohren steifzuhalten.« Jess sah auf ihre Uhr, eine schlichte Timex mit einem schwarzen Lederband. »Hör mal, Barbara, ich möchte gern, daß du und Neil diese Drogensache, den Fall Alvarez, übernehmt, wenn es zum Prozeß kommt.«
Barbara Cohens Gesicht zeigte eine Mischung aus freudiger Erregung und Unsicherheit. »Ich dachte, das wolltest du selbst machen.«
»Ich kann nicht. Mir schlägt die Arbeit über dem Kopf zusammen. Außerdem schafft ihr beide das bestimmt. Ich bin ja hier, wenn ihr Hilfe brauchen solltet.«
Barbara Cohen bemühte sich ohne Erfolg, das Lächeln zurückzuhalten, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete und alle professionelle Nüchternheit verdrängte.
»Soll ich dir einen Kaffee holen?« fragte sie.
»Wenn ich noch mehr Kaffee trinke, muß ich nachher im Gerichtssaal alle fünf Minuten raus. Glaubst du, daß mir das bei den Geschworenen viel Sympathie einbringen würde?«
»Wohl kaum.« Barbara lachte.
Neil Strayhorn traf ein paar Minuten später mit der frohen Botschaft ein, daß er das Gefühl habe, er brüte eine Erkältung aus. Er setzte sich unverzüglich an seinen Schreibtisch. Jess konnte sehen, wie sich seine Lippen bewegten, während er lautlos den Text seiner Schlußbemerkung hersagte.
In den sie umgebenden Büros der Staatsanwaltschaft von Cook County wurde es langsam lebendig. Jess registrierte automatisch jede neue Ankunft, während in den Nachbarräumen Stühle gerückt, Schubladen geöffnet und geschlossen, Computer eingeschaltet wurden, während Faxgeräte zu summen begannen und Telefone läuteten. Ohne sich dessen bewußt zu sein, vermerkte sie das Eintreffen jeder der vier Sekretärinnen, die den achtzehn Anwälten dieser Abteilung zur Verfügung standen, erkannte, ohne sich zu bemühen, den schweren Schritt Tom Olinskys, ihres Abteilungsleiters, als er zu seinem Büro am Ende des langen Korridors ging.
»Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt«, begann sie von neuem, in dem Bemühen, ihre Konzentration wiederzufinden.
Eine der Sekretärinnen, eine Schwarze, die ebensogut zwanzig wie vierzig hätte sein können, schaute zur Tür herein. Ihre langen tropfenförmigen roten Ohrringe fielen ihr fast bis auf die Schultern.
»Connie DeVuono ist hier«, sagte sie und trat einen Schritt zurück, als befürchte sie, Jess würde den nächstbesten Gegenstand nach ihr werfen.
»Was soll das heißen, sie ist hier?«
»Das heißt, sie steht draußen vor der Tür. Sie ist anscheinend einfach am Empfang vorbeimarschiert. Sie behauptet, sie müßte unbedingt mit Ihnen reden.«
Jess warf einen Blick auf ihren Terminkalender. »Wir sind erst für vier Uhr verabredet. Haben Sie ihr gesagt, daß ich in ein paar Minuten bei Gericht sein muß?«
»Ja. Sie läßt sich nicht abwimmeln. Sie ist sehr erregt.«
»Das ist nicht weiter verwunderlich«, sagte Jess bei dem Gedanken an die junge Witwe, die auf brutalste Weise von einem Mann geschlagen und vergewaltigt worden war, der ihr danach gedroht hatte, sie zu töten, falls sie gegen ihn aussagen sollte. Der Termin für die Verhandlung des Falls war noch zehn Tage entfernt. »Führen Sie sie doch bitte ins Besprechungszimmer, Sally. Ich komme sofort.«
»Soll ich mit ihr reden?« erbot sich Barbara.
»Nein, nein, ich mach das schon.«
»Was meinst du, kann das Ärger bedeuten?« fragte Neil Strayhorn. »Was sonst?«
Das Besprechungszimmer war ein kleiner, fensterloser Raum, in dem der lange braune Walnußtisch und die acht Stühle um ihn herum gerade Platz hatten. Die Wände hatten den gleichen mattweißen Anstrich wie die in den übrigen Räumen, der beigefarbene Teppich war alt und abgetreten.
Connie DeVuono stand gleich an der Tür. Sie schien geschrumpft zu sein, seit Jess sie das letzte Mal gesehen hatte, ihr schwarzer Mantel fiel weit und formlos um ihren Körper. Ihr Gesicht war so weiß, daß es einen grünlichen Schimmer zu haben schien, und die Haut unter ihren Augen war schlaff und runzlig, trauriges Indiz dafür, daß sie vermutlich seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Allein die dunklen Augen sprühten in einem Feuer zorniger Energie und ließen von der früheren Schönheit dieser Frau ahnen.
»Bitte entschuldigen Sie die Störung«, begann sie.
»Es ist einfach so, daß wir im Moment nicht viel Zeit haben«, sagte Jess gedämpft, aus Sorge, der Frau, die unter starker Spannung zu stehen schien, könnten beim ersten lauteren Wort die Nerven durchgehen. »Ich muß in einer halben Stunde bei Gericht sein.« Jess schob ihr einen der Stühle hin. Die Frau brauchte keine weitere Aufforderung. Als versagten ihr ihre Beine plötzHch den Dienst, ließ sie sich auf den Stuhl hinunterfallen. »Geht es Ihnen nicht gut? Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee? Oder ein Glas Wasser? Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Mantel.«
Connie DeVuono winkte bei jedem der Vorschläge mit zitternden Händen ab. Jess bemerkte, daß ihre Fingernägel bis zum Fleisch hinunter abgeknabbert waren, die Nagelhaut an allen Fingern blutig gerissen war. »Ich kann nicht aussagen«, sagte sie. Ihre Stimme war so leise, daß sie kaum zu hören war, und sie wandte sich ab, als sie sprach.
Dennoch wirkten die Worte wie ein Schlag. »Was?« fragte Jess, obwohl sie genau verstanden hatte.
»Ich habe gesagt, ich kann nicht aussagen.«
Jess setzte sich auf einen der anderen Stühle und rückte so nahe an Connie DeVuono heran, daß ihre Knie sich berührten. Sie nahm die Hände der Frau, die eiskalt waren, und umschloß sie mit den ihren.
»Connie«, begann sie langsam, während sie versuchte, die kalten Hände zu wärmen, »unsere ganze Beweisführung steht und fällt mit Ihnen. Wenn Sie nicht aussagen, kommt der Mann, der Sie überfallen hat, ungeschoren davon.«
»Ich weiß. Es tut mir wirklich leid.«
»Es tut Ihnen leid?«
»Ich kann nicht aussagen. Ich kann nicht. Ich kann nicht.« Sie begann zu weinen.
Jess zog hastig ein Papiertuch aus der Tasche ihrer grauen Jacke und hielt es Connie hin, doch die ignorierte es. Ihr Weinen wurde lauter. Jess dachte an ihre Schwester, wie mühelos es ihr zu gelingen schien, ihre weinenden Säuglinge zu beruhigen und zu trösten. Jess besaß keine solchen Talente. Sie konnte nur hilflos dabeisitzen, ohne etwas zu tun.
»Ich weiß, daß ich Sie im Stich lasse«, sagte Connie DeVuono schluchzend. »Ich weiß, daß das für alle eine kalte Dusche ist...«
»Machen Sie sich unseretwegen keine Sorgen«, sagte Jess. »Sorgen Sie sich um sich selbst. Denken Sie daran, was dieses Ungeheuer Ihnen angetan hat.«
Connie DeVuono hob den Kopf und sah Jess mit zornigem Blick an. »Glauben Sie, das könnte ich je vergessen?«
»Dann müssen Sie dafür sorgen, daß er so etwas nie wieder tun kann.«
»Aber ich kann nicht aussagen! Ich kann es einfach nicht. Ich kann nicht.«
»Okay, okay, beruhigen Sie sich. Es ist ja gut. Weinen Sie sich erst mal aus.«
Tess lehnte sich an die harte Stuhllehne und versuchte sich in Con- nie hineinzuversetzen. Seit dem letzten Mal, als sie miteinander gesprochen hatten, war offensichtlich etwas geschehen. Bei jeder ihrer früheren Zusammenkünfte hatte sich Connie trotz aller Angst fest entschlossen gezeigt auszusagen. Sie war die Tochter italienischer Einwanderer und im unerschütterlichen Glauben ihrer Eltern an das amerikanische Rechtssystem aufgewachsen. Jess war von diesem festen Glauben sehr beeindruckt gewesen. Sie hielt es durchaus für möglich, daß er stärker war als ihr eigener, der nach vier Jahren bei der Staatsanwaltschaft doch etwas gelitten hatte.
»Ist etwas passiert?« fragte sie und beobachtete Connie scharf.
Connie hob den Kopf und straffte die Schultern. »Ich muß an meinen Sohn denken«, sagte sie mit Nachdruck. »Er ist erst acht. Sein Vater ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Wenn mir jetzt auch noch etwas passiert, hat er keinen Menschen mehr.«
»Aber Ihnen wird nichts passieren.«
»Meine Mutter ist zu alt, um sich um ihn zu kümmern. Außerdem spricht sie sehr schlecht Englisch. Was soll denn aus Steffan werden, wenn ich sterbe? Wer soll sich um ihn kümmern? Sie vielleicht?«
Jess verstand, daß die Frage rhetorisch gemeint war, antwortete aber dennoch. »Mit Männern hab ich's leider nicht besonders«, sagte sie leise, in der Hoffnung, Connie zum Lächeln zu bringen. Die bemühte sich, wie sie sah, aber ohne Erfolg. »Aber, Connie, wenn wir Rick Ferguson erst hinter Schloß und Riegel haben, kann Ihnen gar nichts mehr passieren.«
Connie DeVuono zitterte. »Es war schlimm genug für Steffan, daß er seinen Vater so früh verlieren mußte. Gibt es etwas Schlimmeres, als dann auch noch die Mutter zu verlieren?«
Jess spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schössen. Sie schüttelte den Kopf. Nein, es gab nichts Schlimmeres.
»Connie«, begann sie und war selbst überrascht, als sie das Zittern in ihrer Stimme wahrnahm. »Glauben Sie mir, ich verstehe Sie. Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist. Aber wie kommen Sie auf den Gedanken, Sie seien sicher, wenn Sie nicht aussagen? Rick Ferguson ist schon einmal in Ihre Wohnung eingebrochen. Er hat Sie so brutal zusammengeschlagen, daß Sie einen ganzen Monat lang kaum die Augen öffnen konnten. Er wußte nicht, daß Ihr Sohn nicht zu Hause war. Das war ihm völlig gleichgültig. Wieso glauben Sie, daß er es nicht wieder versuchen wird? Besonders wenn er weiß, daß er nichts zu fürchten hat, weil Sie zu große Angst haben, um ihm das Handwerk zu legen. Wieso glauben Sie, daß er nicht das nächste Mal auch Ihren Sohn mißhandeln wird?«
»Das wird er nicht tun, wenn ich nicht aussage.«
»Aber das wissen Sie doch gar nicht.«
»Ich weiß nur, daß er gesagt hat, er würde mich umbringen, ehe ich aussagen könnte.«
»Aber damit hat er Ihnen doch schon vor Monaten gedroht, und das hat Sie nicht von Ihrem Entschluß abbringen können.« Einen Moment war es still. »Was ist passiert, Connie? Wovor haben Sie Angst? Hat er irgendwie mit Ihnen Kontakt aufgenommen? Wenn das der Fall ist, können wir seine Freilassung auf Kaution aufheben lassen -«
»Sie können gar nichts tun.«
»Wir können eine ganze Menge tun.«
Connie DeVuono griff in ihre große schwarze Ledertasche und entnahm ihr eine kleine weiße Schachtel.
»Was ist das?«
Ohne ein Wort zu sagen reichte Connie Jess die Schachtel. Jess öffnete sie und zog vorsichtig die Schichten von Seidenpapier weg, unter denen sie etwas Kleines, Hartes spürte.
»Das Kästchen stand vor meiner Tür, als ich sie heute morgen aufmachte«, sagte Connie, während sie zusah, wie Jess das letzte Papier wegzog.
Jess drehte sich der Magen um. Der Schildkröte, die leblos und nackt in ihren Händen lag, fehlten der Kopf und zwei Beine.
»Sie hat Steffan gehört«, sagte Connie tonlos. »Als wir vor ein paar Tagen abends nach Hause kamen, war sie nicht in ihrem Glas. Wir konnten nicht begreifen, wie sie da herausgekommen sein sollte. Wir haben sie überall gesucht.«
Jess begriff augenblicklich Connies Entsetzen. Vor drei Monaten war Rick Ferguson in ihre Wohnung eingebrochen, hatte sie geschlagen und vergewaltigt und ihr dann mit dem Tod gedroht. Jetzt wollte er ihr offenbar zeigen, daß es ihm ein leichtes sein würde, seine Drohungen wahrzumachen. Wiederum hatte er sich Zugang zu ihrer Wohnung verschafft, so mühelos, als hätte man ihm den Schlüssel gegeben. Er hatte das Haustier ihres Kindes getötet und verstümmelt. Niemand hatte ihn beobachtet. Niemand hatte ihn daran gehindert.
Jess hüllte die tote Schildkröte wieder in ihren Kokon aus Seidenpapier und legte sie zurück in ihren kleinen Sarg.
»Ich hab zwar wenig Hoffnung, daß uns das etwas bringen wird, aber ich möchte das doch mal im Labor untersuchen lassen.« Sie ging zur Tür und winkte Sally. »Würden Sie mir das bitte ins Labor bringen lassen.«
Sally nahm das Kästchen so vorsichtig entgegen, als hätte sie es mit einer Giftschlange zu tun.
Plötzlich sprang Connie auf. »Sie wissen doch so gut wie ich, daß Sie es nicht schaffen werden, da eine Verbindung zu Rick Ferguson herzustellen. Man kann ihm nichts nachweisen. Man kann ihm nie etwas nachweisen. Er kann sich alles erlauben.«
»Nur wenn Sie es zulassen.« Jess kehrte zu Connie zurück.
»Was hab ich denn für eine Wahl?«
»Sie haben eine Wahl«, entgegnete Jess, die wußte, daß ihr nur wenige Minuten blieben, um Connie umzustimmen. »Sie können sich weigern auszusagen und auf diese Weise dafür sorgen, daß Rick Ferguson ungestraft davonkommt und für das, was er Ihnen angetan hat, was er Ihnen noch immer antut, niemals zur Rechenschaft gezogen werden wird.« Sie machte eine Pause, um ihre Worte wirken zu lassen. »Oder Sie können vor Gericht gehen und dafür sorgen, daß dieser Mensch bekommt, was er verdient, und für lange Zeit ins Zuchthaus wandert, wo er niemandem mehr etwas antun kann.« Sie sah den Schimmer der Unschlüssigkeit in Connies Augen und wartete einen Augenblick. »Machen Sie sich nichts vor, Connie. Wenn Sie nicht gegen Rick Ferguson aussagen, helfen Sie niemandem, am wenigsten sich selbst. Sie geben ihm nur die Erlaubnis, es wieder zu tun.«
Die Worte hingen zwischen ihnen im Raum wie Wäsche, die jemand vergessen hatte von der Leine zu nehmen. Jess wartete mit angehaltenem Atem. Sie sah, daß sie Connie schwankend gemacht hatte, und wollte jetzt auf keinen Fall etwas sagen oder tun, was sie womöglich veranlassen würde, einen Rückzieher zu machen. Doch sie hatte schon die nächste Ansprache auf der Zunge. Es gibt die bequeme Tour, begann sie, oder es gibt die harte Tour. Die bequeme Tour ist, wenn Sie sich bereit erklären auszusagen wie vereinbart. Die harte Tour ist, wenn ich Sie zur Aussage zwingen muß. Ich erwirke einen Haftbefehl gegen Sie, zwinge Sie, vor Gericht zu erscheinen und als Zeugin auszusagen. Wenn Sie sich dann immer noch weigern, eine Aussage zu machen, wird der Richter Ihnen Mißachtung des Gerichts vorwerfen und Sie in Beugehaft nehmen. Wäre das nicht wirklich bitter - statt des Mannes, der Sie überfallen hat, Sie selbst hinter Gittern?
Jess wartete. Sie war entschlossen, diese Worte zu gebrauchen, wenn es sein mußte, aber im stillen betete sie darum, sie könnten ungesagt bleiben.
»Kommen Sie, Connie«, sagte sie schließlich, einen letzten Versuch machend. »Sie sind doch eine Kämpfernatur. Nach dem Tod Ihres Mannes haben Sie nicht klein beigegeben; im Gegenteil, Sie sind auf die Abendschule gegangen und haben sich eine Stellung gesucht, um für Ihren Sohn sorgen zu können. Sie sind eine Kämpfernatur, Connie. Lassen Sie sich das nicht von Rick Ferguson rauben. Schlagen Sie zurück!«
Connie sagte nichts, doch ihre Haltung wurde ein wenig aufrechter, ihre Schultern strafften sich. Schließlich nickte sie.
Jess drückte ihr die Hände. »Sie sagen aus?«
Connies Stimme war nur ein Flüstern. »Ja. Mit Gottes Hilfe.«
»Uns ist jede Hilfe willkommen.« Jess warf einen raschen Blick auf ihre Uhr und stand auf. »Kommen Sie, ich bringe Sie hinaus.«
Neil und Barbara waren bereits gegangen, um pünktlich zur Verhandlung zu kommen. Jess führte Connie durch den Korridor, an der Wand mit der langen Reihe voll abgeschnittener Krawatten vorbei, von denen jede den ersten Sieg eines Staatsanwalts vor einem Geschworenengericht symbolisierte. Die Gänge waren mit Blick auf Halloween schon mit großen orangefarbenen Papierkürbissen und Papphexen, die auf ihren Besen die Wände entlangritten, dekoriert. Wie in einem Kindergarten, dachte Jess, nahm nickend Greg Olivers gute Wünsche entgegen und ging weiter durch die Empfangshalle zu den Aufzügen draußen vor der Glastür. Durch das große Fenster am hinteren Ende der Vorhalle konnte man die ganze West- und Nordwestseite der Stadt sehen. An einem schönen Tag konnte man sogar ganz leicht den O'Hare-Flughafen ausmachen.
Die Frauen sprachen nichts, während der Aufzug sie nach unten trug. Alles Wichtige war bereits gesagt. Im Erdgeschoß verließen sie den Aufzug und bogen um die Ecke, auf dem Weg zu der verglasten Passage, die das Administration Building mit dem anschließenden Gerichtsgebäude verband.
»Wo haben Sie geparkt?« fragte Jess, die Connie noch hinausbringen wollte.
»Ich bin mit dem Bus gekommen«, begann Connie DeVuono. Sie brach plötzlich ab und drückte die Hand auf den Mund. »O Gott!«

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