BuchhändlerInnen im Portrait

aus Jena, Goethe-Galerie

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Meine Rezensionen

  • Die Tänzerin im Schnee
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    Künstlerleben unter Stalin
    Rezension vom 15.05.2012
    Was bringt eine gefeierte Primaballarina im Moskau der 50er Jahre dazu, Hals über Kopf Theater, Mann und Freunde zu verlassen. Kolotay erzählt vom Leben der inzwischen 80-jährigen Nina. In jungen Jahren wurde sie gefeiert, nun ist sie alt, krank und einsam und sperrt sich gegen die schmerzhaften Erinnerungen.
    In Rückblenden fängt der Roman sehr anschaulich und interessant vor allem die Stalinzeit in Moskau ein, die Enge der Wohnungen, die sich viele Menschen teilen, die Schlangen vor den Geschäften und Ämtern und die Angst der Leute, das Falsche zu sagen. Wem kann man noch trauen? Zugleich gibt der Roman Einblicke in die Welt des Bolschoi-Theaters, in die harte tägliche Arbeit und die Entbehrungen der Tänzer für Anerkennung und Ruhm.
    Die „Tänzerin im Schnee“ ist durch die dichte Handlung spannend bis zuletzt und gibt gute Eiblicke in ein Künsterleben der Stalinzeit.
  • Als ich meine Eltern verließ
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    „Man kann damit leben“
    Rezension vom 16.04.2012
    Unvorstellbar ist es, wie man den Schmerz, den man beim Verlust eines Kindes empfinden muss, in Worten Ausdruck verleihen kann. Michael Rostain hat es versucht und mit dem Buch ein Stück seiner eigenen Biografie erzählt, und er hat damit zugleich ein großartiges literarisches Debüt geschaffen.
    In den Mittelpunkt des schmalen Bandes stellt er seinen mit 21 Jahren plötzlich verstorbenen Sohn Lion. Der begleitet fiktiv die Trauerarbeit seiner Eltern, quasi aus einer „anderen Dimension“. Nahezu akribisch werden die Stunden vor dem Tod des Jungen und die Rituale um die Beisetzung seziert, vom Anlegen der Kleidung des Toten und dem Aussuchen des Sarges bis hin zur Trauerfeier. Überfordert, verzweifelt und geschüttelt von Weinkrämpfen organisiert der Vater die Beerdigung, die zu einer würdigen Feier für Lion wird. Liebevoll und detailversessen spürt er in der Zeit danach den letzten Tagen eines allzu kurzen Lebens nach.
    Trotz der vielen Tränen, die dabei fließen, ist das kleine Buch keineswegs weinerlich. Die Geschichte selbst ist ergreifend, wird aber ohne Pathos zart und nahezu leicht erzählt. Die begleitenden Worte von Lion sind oft ironisch und humorvoll und immer getragen von der Zuneigung und dem Verständnis für die Eltern. Das Buch ist eine halb wahre, halb erfundene Erzählung mit einer klaren Botschaft: „Der Tod ist ein Teil des Lebens. Man kann damit leben.“
  • Madalyn
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    Wunderbar leichte Liebesgeschichte
    Rezension vom 16.04.2012
    Eigentlich wollte sich der Schriftsteller Sebastian Lukasser aus dem Leben der Anderen raushalten. Da zieht ihn die 14 jährige Nachbarstochter Madalyn ins Vertrauen. Schon in der Vergangenheit war er einmal ihr „Schutzengel“. Madalyn erlebt jetzt ihre erste große Liebe, zu Moritz, einem notorischen Lügner. Im Strudel der Gefühle ist sie zwischen Freude, Hoffnung, Zweifeln und Angst hin und her gerissen. Köhlmeier schildert klar und einfühlsam ein Mädchen in der Pubertät (und am Rande auch deren Abhängigkeit vom Handy). Die Liebesgeschichte ist wunderbar zart und leicht erzählt und sowohl stilistisch als inhaltlich ein Lesevergnügen.
  • Hannes
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    Ambitioniert, aber rührselig und vorhersehbar
    Rezension vom 16.04.2012
    Romane über Jugendliche scheinen in diesem Frühjahr Konjunktur zu haben und auch Rita Falk, sonst eher bekannt als Autorin humoristischer Kriminalpossen aus der Provinz, reiht sich in die Reihe der Autoren ein, die sich dem Thema „Erwachsenwerden“ annehmen. Dabei wendet sie sich mit „Hannes“ einem thematisch ernsten Thema zu, einem Jugendlichen, der mit Verantwortung, Krankheit und Tod konfrontiert wird. Die Nachrichten, die Uli dem schwerkranken Hannes schreibt, sind mal hoffnungsvoll und unbeschwert, ein anderes Mal wütend oder traurig. Uli blickt dabei in die gemeinsame Vergangenheit zurück, erzählt aber auch von seiner Arbeit als Zivildienstleistender in einem Heim. Die Briefe, in denen er von den psychisch labilen Bewohnern im „Vogelnest“ erzählt, gehören zu denen am nachhaltigsten geschilderten Passagen des Buches. Die Krankengeschichte von Hannes, das Ringen und Bitten um seine Gesundung und schließlich das Loslassen seines Freundes, rührt den Leser zwar, wirkt aber emotional kalkuliert. Sprachlich verknappt und zuweilen fehlerhaft soll die Sprache von Rita Falk sicher jugendlich wirken, hinterlässt aber neben der weinerlichen und absehbaren Handlung zusätzlich ein ungutes Gefühl.
  • Mamas Vermächtnis
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    Launiger Roman zum Thema Altern
    Rezension vom 16.04.2012
    Harrad Schenk hat einen kleinen, launigen Roman zum Thema Altern geschrieben. Amüsant und locker beschreibt die Autorin einen Mutter-Tochter-Konflikt und die Aussöhnung der Tochter mit der über 90jährigen Mutter nach deren Tod. Obwohl das Buch in der heutigen Zeit spielt, fühlt man sich beim Lesen eher ins Zeitalter des Biedermeier mit Spitzendeckchen und Sammeltassen versetzt. Kurzweilig aber ohne Spannung beschreibt Harrad Schenk, wie die 70jährige Tochter die Hinterlassenschaft der alten Dame sichtet und dabei überraschende Facetten ihrer Mutter entdeckt.
  • Die Liebe der Väter
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    Streitbarer Roman
    Rezension vom 16.04.2012
    Zum Jahreswechsel verbringen Peter und seine von ihm getrennt lebende Tochter Annika ein paar Tage gemeinsam. Doch die Annäherung der beiden Protagonisten ist schwierig. Denn trotz zahlreicher, aber hilflos wirkenden Bemühungen bleiben sich Vater und Tochter fremd.
    Wie so viele gute Bücher ist „Die Liebe der Väter“ keine glatt erzählte Geschichte. Hier geht es durchaus kontrovers um die Stärkung der Vaterrechte, die sich in den aktuellen politischen Kontext einfügen. Schade aber ist, dass die Betrachtungsweise des Vaters wehleidig und einseitig bleibt. Peter ist Verlagsvertreter, und so muss die Frage gestattet sein, wie sich bei seinen vielen Reisen Arbeit und die Betreuung der Minderjährigen hätte gestalten können. Zu gern hätte man auch gewusst, wie die Mutter der 13-Jährigen die Situation betrachtet.
    Die Stärke von Thomas Hetteche liegt vor allem in seiner genauen Beobachtungsgabe. So zeichnet er in sprachlich geschliffenen Sätzen sehr eindrucksvoll ein Bild der heute heranwachsenden Generation.
  • Massimo Marini
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    Ein Lesevergnügen
    Rezension vom 16.04.2012
    Das Buch war für mich von der ersten bis zur letzten Seite ein Lesevergnügen, denn Dobelli erzählt nicht nur interessant und spannend, sondern auch sprachlich überzeugend. Im Einzelnen geht es um Aufstieg und Fall des italienischen Fremdarbeiterkindes Massimo, der in den 50ger Jahren als Säugling mit seinen Eltern auf abenteuerlichem Weg in die Schweiz gelangt ist. Dobelli erzählt mit Hilfe seines Ich Erzählers (Whyn ) zwar weitgehend distanziert und nimmt den Leser dennoch unmittelbar mitten hinein in die Handlung und in die Dramatik des Lebens von Massimo. Ein unbedingt lesenswerter Roman, der nicht nur gut unterhält, sondern zugleich ein Stück Zeitgeschichte erlebbar macht.
  • Chronik der Nähe
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    Chronik der Nähe
    Rezension vom 14.03.2012
    Romane über das Verhältnis von Müttern und ihren Töchter sind in nicht nur in der deutschen Gegenwartsliteratur seit Jahren ein Thema. Nun hat auch Annette Prehnt einen bemerkenswerten kleinen Roman vorgelegt, der uns von drei Frauen einer Familie und ihrem Verhältnis zueinander erzählt. Dabei spannt die Autorin den Bogen vom 2. Weltkrieg bis in die heutige Zeit.
    Beiden Töchtern in diesem Buch ist das Fehlen an Wärme und Zuwendung durch die Mutter gemeinsam, und es geling Ihnen nur mühsam, das Recht auf ein eigenes Leben einzufordern. Besonders in der Darstellung der zentralen Figur, der kleinen Anni, und deren Werben um Liebe und Anerkennung versteht es die Autorin sehr gut, mit wenigen Sätzen einen Charakter darzustellen. Darüber hinaus wird in Rückblenden auch die Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland greifbar.
    Verschiedene Teile des Romans den konkreten Personen der Familie zuzuordnen fällt dem Leser zu Beginn nicht leicht. Erst gegen Ende des Buches ergeben sich, Puzzleteilen ähnlich, klarere Bilder. Trotz der zurückhaltenden, zuweilen lakonischen Art und Weise, in der die Autorin ihre Protagonisten beschreibt, wird deren Liebe, Verletzbarkeit und Sprachlosigkeit deutlich.
    Annette Prehn versteht es sehr gut, in wenigen Sätzen Atmosphäre herzustellen und Menschen abzubilden. Am Ende des Buches bleibt die Hoffnung, dass sich Innigkeit und Nähe in der gegenwärtigen Familie einstellen werden.
  • Du und Ich
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    Engagiertes Buch für junge Leser
    Rezension vom 14.03.2012
    In eine Rahmenhandlung eingebettet erzählt Niccolo Ammaniti leicht lesbar von einigen Tagen aus dem Leben des 14-jährigen Lorenzo. Ammaniti beschreibt den Schüler Lorenzo und seine Halbschwester Olivia in einer Innigkeit, die den Leser permanent zwischen Lachen, Kopfschütteln , Rührung und Tragik schwanken lässt. Dabei ist der Schreibstil einfach, ohne kitschig zu sein. Thematisch vergleichbar ist der schmale Band gut mit „No und Ich“ von Delphine de Vigan, einer Geschichte, in der es ebenfalls um einen Reifeprozess, Erwachsenwerden und Verantwortung geht. „Du und Ich“ ist ein gutes Buch, das besonders jugendlichen Lesern zu empfehlen ist.
  • Ich nannte ihn Krawatte
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    Das Schicksal von Einzelgängern ausdrucksstark und heilend erzählt
    Rezension vom 09.03.2012
    Menschen, die aus der Gesellschaft „herausgefallen“ sind, sich dem Leben verweigern oder dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten, gibt es nicht nur in Japan. Von zwei Außenseitern in diesem Land aber handelt dieses Buch der Halbjapanerin Flasar. In 114 Kapiteln erzählt uns die junge Autorin von zwei Menschen der japanischen Gesellschaft, die sich eher zufällig in einem Park begegnen. Mit großem Respekt und Feingefühl nähert sie sich insbesondere dem Icherzähler, dem zwanzigjährigen Mann, der seit zwei Jahren sein Zimmer kaum verlässt und den Kontakt zur Außenwelt vehement vermeidet. Zunächst zögernd und unbeholfen erzählt er Wochen nach dem ersten Treffen dem sehr viel älteren Mann „Krawatte“ bruchstückhaft aus seinem Leben, und „Krawatte“ wiederum berichtet von sich.
    In sehr bildhafter und poetischer Sprache wird dem Leser in wenigen Worten das Schicksal von Einzelgängern in der Gesellschaft, von Menschen, die der Norm nicht entsprechen, sich unsichtbar machen und sich jeglicher Verantwortung entziehen, nahegebracht. Die Autorin erzählt von der Scham der Betroffenen, und am Rande auch von der Ohnmacht der Eltern im Umgang mit problematischen Jugendlichen.
    Wir dürfen den Icherzähler auf seinen ersten Schritten zurück ins Leben begleiten. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist ein berührendes, ausdrucksstarkes, heilendes und optimistisches Buch, dem ein großer Leserkreis zu wünschen ist.