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BuchhändlerInnen im Portrait

Petra Brandl
aus der Thalia-Buchhandlung in Wien

Gesamte Empfehlungen 5 (ansehen)


Meine Empfehlungen



Irrwitzig

Petra Brandl aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 29.10.2010

Ein Jungbanker in Chicago, eine literarische Übersetzerin und ein alternder Starautor mit Kreativkrise sind die Ingredienzien, aus denen Magnusson eine äußerst turbulente Burleske zusammenbraut. Der Schicksal des jungen Bankers, selbstbewusst und risikofreudig, belehrt uns über die Funktionsweise des modernen Finanzkapitalismus und all seiner Unwägbarkeiten, jedoch niemals dozierend, sondern amüsant und spannungsgeladen gleichermaßen. Das Leben des Autors und seiner Übersetzerin, die in ihrem bisherigen Leben keine Erfüllung mehr finden kann, verweben sich (zum Teil nicht ganz plausibel, aber das stört kaum) sehr bald mit jenem des Bankers, eine irrwitzige Dynamik entfaltet ihre unheilvollen Kräfte. Am Ende finden sich die drei gemeinsam in einem Haus in Deutschland wieder und versuchen zu retten, was zu retten ist, hier kann der Leser erstmals ein wenig Luft schöpfen. Ein böser Mensch könnte zu diesem Buch sagen „Löwingerbühne mit Niveau“, das wäre nicht so unpassend und ist in Wirklichkeit auch schon die Wortwahl für eine Empfehlung.

Das war ich nicht
von Kristof Magnusson
(30)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,50

stormy weather

Petra Brandl aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 29.10.2010

Wer die ersten Seiten dieses Buch liest und mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen muss, welche unverzeihlichen Fehler der Protagonist Adam Kindred in einer sehr prekären Situation in seinem Leben begeht, weiß mit Sicherheit, dass er auch zur letzten Seite des Buches gelangen wird.
Ian McEwan Fans aufgepasst: Das Motto des Starautors „Ein Tag, der ihr Leben verändern wird“ hat William Boyd auf meisterhafte Art und Weise umgesetzt und in einen brillant und mitreißend geschriebenen Thriller verpackt.
Der Wissenschafter Kindred wird Zeuge eines Mordes und macht sich durch seine ungeschickte Art auch selbst verdächtig. Von der Polizei und dem tatsächlichen Mörder gejagt, muss Kindred in die „soziale Unterwelt“ von London abtauchen.
Er erlebt einen Neubeginn ganz unten, eine Neu-Orientierung in der Welt der Zu-Kurz-Gekommenen, der sozialen Randfiguren in der reichen Finanzmetropole.
Kindred kann und wird sich auch in dieser Welt behaupten; wie ihm dies gelingt und welche Menschen seinen Weg in ein neues Leben kreuzen, all dies bedeutet reines und ungetrübtes Lesevergnügen!

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Einfache Gewitter
von William Boyd
(16)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Grüß Gott Herr Glawischnigg!

Petra Brandl aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 29.10.2010

Seinem Erfolgsroman „Die Arbeit der Nacht“ hat Thomas Glavinic ein Büchlein hinterhergeschickt, das auf ein „großes Thema“ verzichtet und stattdessen das Leben des Autors während des Wartens auf den Erfolg oder Misserfolg seines Werkes aufs Korn nimmt.
Wer sich philosophische Weisheiten über das Leben eines Kreativen erwartet: Finger weg!
Wer eine stringente Analyse über den Literaturbetrieb und seine Licht- und Schattenseiten gerne gelesen hätte: Finger weg!
Wer eine absolut amüsante und schonungslos autobiographische Satire über die Neurosen und Unzulänglichkeiten eines getriebenen Jungautors (der uns seltsamerweise irgendwie bekannt vorkommt;) mögen kann: Finger her!
Den SMS-Verkehr mit Daniel Kehlmann, die Teilnahme an einem Flugangstseminar, die langen Abende in Szene-Locations mit Größen der Branche, die Steirische Landesregierung Abteilung Kultur (Grüß Gott Herr Glawischnigg!): all das bereitet Glavinic dermaßen witzig und flüssig auf, dass es eine rechte Freude ist.

2 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Das bin doch ich
von Thomas Glavinic
(19)
Buch (Taschenbuch)
10,20

Und dann diese Stille

Petra Brandl aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 09.07.2010

Harriet Köhler widmet sich in unaufgeregter Art und Weise einer Phase im Leben jedes Menschen, die Abschied nehmen bedeutet. Grethe stirbt in höherem Alter und hinterlässt ihren Mann Walther, ihren Sohn Jürgen und ihren Enkel Nicki; der Fokus der Autorin richtet sich auf die Hinterbliebenen. Wie gehen Sie mit dieser Zäsur um, was bedeutet diese neue Situation für ihr weiteres Leben, ihre Zukunft und ihr Handeln?
Walther spürt rasch, dass er mit dem Verlust nicht umgehen kann; der Tod seiner Frau rüttelt nicht so sehr an seinen emotionalen Grundfesten, als ihn der Verlust des Gewohnten anficht, auch fühlt er sich der Möglichkeit beraubt, Dinge gerade zu rücken, die nach seiner Rückkehr aus dem Krieg über die Jahre hinweg unausgesprochen geblieben sind. Als ihn Ruth, die Verlobte seines Enkels, zum Pflegefall machen will (der er genauso genommen mittlerweile ist) entwickelt er ein gerüttelt Maß an Renitenz, unter dem auch sein Sohn Jürgen zu leiden hat.
Jürgen, nach einer Scheidung alleinstehend, widmet nun sein ebenfalls bereits fortgeschrittenes Alter der Pflege seines Vaters, die dieser nur widerwillig anzunehmen bereit ist. Der Sohn hütet ein Wissen aus seiner Kindheit, dass der Vater nicht mehr erfahren wird, nicht mehr erfahren darf.
Die im Unterschied zur pragmatischen Haltung seines Vaters Jürgen an den Tag gelegte Hilf- und Ratlosigkeit von Nicki stellt nicht nur eine Belastung für dessen Verlobte Ruth dar, auch sein Vater weiß mit ihm nichts Rechtes anzufangen. Zwischen Nicki und dem Großvater Walther liegen bereits zu viele Jahre, um Verständnis und damit Sprache zu ermöglichen.
Die unterschiedlichen Charaktere dieses Triumvirats zeichnet Köhler liebevoll, subtil und niemals denunzierend. Sie entwickelt das Geschehen zu einer stillen Eskalation, die Katharsis erfahren darf.
Nach „Ostersonntag“ ist der Autorin abermals ein unprätentiöser, leiser Roman gelungen, ein Kleinod für das Buchregal von Menschen über 40.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Und dann diese Stille
von Harriet Köhler
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Das alte Kind

Petra Brandl aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 09.07.2010

Zoe Beck versucht sich an einer trendigen Thematik; die neuen Möglichkeiten der Genforschung bergen letztlich die Lösung für einen geschickt aufgebauten Spannungsbogen, der bereits in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts seinen Anfang nimmt; einer Zeit, in der diese Technologie noch in den Kinderschuhen gesteckt hat.
Carla Arnim erhält nach einem Spitalsaufenthalt in Berlin ihr Baby zurück, das sie jedoch nicht als das ihre erkennen kann. Ihr aussichtslos erscheinender Kampf um ihr eigenes Kind und gegen eine soziale Umwelt, die sie nach kurzer Zeit als verrückt abstempelt und in eine Klinik abschiebt, hält die Konstruktion des Thrillers aufrecht.
Parallel dazu lernen wir Fiona kennen, eine junge Frau aus dem heutigen London, deren Lebensführung seltsam verloren anmutet. Als Fiona nach einer der zahllosen Szeneparties, die ihr ein oberflächliches Biotop bedeuten, mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne erwacht, beginn sie Fragen zu stellen, die sehr bald auch mit der Geschichte ihrer Familie zu tun haben.
Zoe Beck ist ein streckenweise fesselnder Thriller gelungen, dessen Dynamik über gewisse Defizite in den Charakterzeichnungen und einige Unplausibilitäten im Handlungsverlauf hinwegtröstet.

Das alte Kind
von Zoë Beck
(19)
Buch (Taschenbuch)
8,30