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Die packende Suche eines Mädchens nach ihrer verschwundenen Schwester
Seit Ellies heißgeliebte, temperamentvolle Schwester Nina vor zwei Jahren spurlos verschwunden ist, hat Ellie nur noch einen Gedanken: Nina wiederzufinden. Vergeblich - selbst Ellies beste Freundin ist überzeugt: Nina ist nicht mehr am Leben. Da trifft Ellie den attraktiven Sean. Sean will Ellie bei ihrer Suche helfen, hat er doch selbst einen Bruder verloren. Ellie lässt alles stehen und liegen, um mit Sean einen verrückten Roadtrip zu unternehmen, auf den Spuren Ninas. Bald verliebt sich Ellie rettungslos in Sean - doch er verbirgt ein dunkles Geheimnis ...
| ISBN-10: | 3-570-30741-7 |
|---|---|
| EAN: | 9783570307410 |
| Originaltitel: | Wherever Nina lies |
| Erschienen: | 14.03.2011 |
| Verlag: | Cbt |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 318 |
| Länge/Breite: | 185mm/125mm |
| Gewicht: | 346 g |
| Altersempfehlung: | 14 - 99 |
| Übersetzer: | Violeta Topalova |
| Reihe: | cbt Taschenbücher |
von Thalino Leseclub W3, am 04.10.2012 aus der Thalia-Buchhandlung in Wien
von Doris Oberauer, am 15.01.2012 aus der Thalia-Buchhandlung in Grieskirchen
von Brigitte Dorotik, am 26.07.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Villach ATRIO
von Inge Barigione, am 10.03.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Shopping City Seiersberg
von Katharina Wacker, am 18.06.2012
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von einer Kundin/einem Kunden, am 04.02.2012
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von einer Kundin/einem Kunden, am 08.08.2011
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von Sabine Schröter, am 09.05.2011
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von Daniela M., am 01.05.2011
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von Benedictine Weizenegger, am 20.04.2011
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von Tina Brandner, am 07.04.2011
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von Silke Tetsch, am 21.03.2011
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von Silke Schröder, am 19.03.2011
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von L. Windscheif, am 11.03.2011
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Der Typ, der auf mich zugeht, sieht auf penetrante Art gut aus, als spiele er den attraktiven Mistkerl in einem Fernsehfilm darüber, warum betrunken Auto fahren schlecht ist oder es sich nicht lohnt, beim Eignungstest fürs College zu schummeln. Er trägt eine riesige Sonnenbrille und ein glänzendes schwarzes Kurzarmhemd, das mit den unnatürlich trainierten Muskeln gefüllt ist, die man nur bekommt, wenn man einen Großteil seiner Zeit damit verbringt, vor dem Spiegel Gewichte zu stemmen und sich dabei anzugrunzen.
»Hi«, sage ich. »Was darf's sein?« Ich arbeite schon seit einem Jahr hier, aber ich finde es immer noch lustig, wenn ich mich diesen Satz sagen höre. Ich komme mir vor wie ein Kind, das spielt, es arbeite in einem Café. Nicht wie eine Sechzehnjährige, die tatsächlich dort arbeitet.
Der Typ starrt auf die Tafel hinter mir. »Kann iiiiiiiiich einen zuckerfreien eisgekühlten Chai-Latte mit entrahmter Milch haben?«
»Chai-Latte kalt, zuckerfrei und entrahmt«, wiederhole ich. Dabei versuche ich, Brads Blick auszuweichen, der uns durch die Kuchenvitrine beobachtet, die er gerade putzt.
»Hey, Ellie«, ruft Brad in seinem betont »lässigen« Tonfall, der ungefähr eine Oktave über seinem normalen liegt. »So ein Zufall, was? Gerade sprechen wir noch darüber, wie fantastisch diese zuckerfreien, eisgekühlten Chai-Lattes sind, und jetzt bestellt ein Kunde einen? Du hast gerade was Lustiges darüber gesagt, was war es noch? Über zuckerfreie, eisgekühlte Chai-Lattes?«
Ich spüre, wie mein Gesicht rot wird. Brad ist deshalb so komisch, weil er allen Leuten sagt, was er denkt; aber gerade würde ich ihm am liebsten einen Muffin ins Gesicht werfen, einen der geradezu beängstigend großen, die wir hier für fünf Dollar fünfundzwanzig verkaufen.
Ich drehe mich wieder zu dem Typen um und verziehe das Gesicht, als wollte ich sagen: »Wer ist dieser Irre und warum putzt er die Kuchenvitrine?« Aber der Typ schenkt uns ohnehin keinerlei Aufmerksamkeit, weil er viel zu sehr damit beschäftigt ist, sein Spiegelbild im Metall der Espressomaschine zu begutachten.
Ich mache sein Getränk und reiche es ihm. Er betrachtet seine Oberarmmuskeln, während er bezahlt, und dreht sich dann in Richtung Ausgang. Er ist schon fast bei der Tür, da dreht er sich in letzter Sekunde noch mal um und marschiert zurück zum Tresen. Er hält den durchsichtigen Plastikbecher vor sein Gesicht. »Schmeckt nicht wie entrahmte Milch.« Er schüttelt den Becher leicht und starrt abwechselnd ihn und mich an. »Du hast andere Milch benutzt, stimmt's?«
Er hat seine Sonnenbrille abgenommen. Die Haut um seine Augenpartie ist zu braun gebrutzelt. Und merkwürdig faltig. Er starrt mich einen Moment lang intensiv an, als hätte ich ihn bisher angelogen, müsste ihm aber nun - ohne Sonnenbrille - auf jeden Fall die Wahrheit sagen.
»Nö«, sage ich. »Das war definitiv entrahmte Milch.«
»Bist du dir da sicher?« Er hält meinen Blick eine Sekunde zu lang, hebt dann den Becher hoch und begutachtet den Boden, als habe sich dort all das böse Fett abgelagert.
»Ganz sicher«, nicke ich. »Ich kann dir aber gern noch mal eine machen, wenn du willst.«
Der Typ steht einfach nur da. »Nein«, sagt er. Und dann hebt er die Augenbrauen. »Aber ich denke, wir wissen beide, was du hier abziehen willst.« Er bleibt noch einen Moment lang stehen und starrt mich an. Dann dreht er sich endlich um und geht.
Ich warte zwei Sekunden, nachdem die Tür sich geschlossen hat, bis ich mich zu Brad umdrehe. Als sich unsere Blicke begegnen, beginnen wir beide laut zu lachen. »Gute Güte«, sagt Brad. Er steht auf und lässt die Putzmittelflasche und den Lappen sinken. »Als er zur Tür hereinkam, fand ich ihn noch ganz süß. Ich hätte wissen müssen, dass sich hinter solchen Sonnenbrillen der blanke Irrsinn verbirgt.« Brad schüttelt bedauernd den Kopf. »Solche Arme gibt es nicht umsonst.«
»Äh, wo wir schon von Irrsinn sprechen ."«
»Jaja, aber ich wollte dir einen Gefallen tun! Wenn der Typ nur ansatzweise normal gewesen wäre, wäre mein Irrsinn der perfekte Einstieg in ein Gespräch gewesen.«
Brad stellt die Flasche und den Lappen unter den Tresen und schaut auf seine grellbunte Uhr. »Okay, Süße, du hast gleich aus, also fülle ich noch kurz das Lager auf, bevor du gehst. Falls jemand reinkommt, den ich für deinen Idealpartner halten würde, sag ihm, ich hätte gesagt, er soll dir seine Nummer geben.«
»Haha«, sage ich.
»Das ist mein Ernst«, sagt Brad. »Dein persönlicher Thomas biegt vielleicht gleich um die Ecke.« Ich verdrehe die Augen. Thomas ist Brads Freund und er hat ihn bei der Arbeit hier kennengelernt. Thomas war sein Kunde, und Brad, der sonst nie nervös ist, ließ vor lauter Aufregung ein Stück Karottenkuchen auf seinen Fuß fallen. Ehrlich gesagt, es war ziemlich niedlich. Und seitdem sind die beiden glücklich ineinander verliebt.
Brad streckt die Hand aus und schnappt sich eine Strähne meines braunen lockigen Haares. Er zieht sie lang und lässt sie dann abrupt los. »Boing!«, sagt er, lächelt mir zu und verschwindet im Lager.
Ich schüttele grinsend den Kopf. Ich tue immer so, als fände ich es nervig, wenn Brad versucht, einen Freund für mich zu finden, so als wollte ich überhaupt keinen. Aber in Wahrheit will ich sehr wohl. Aber es ist viel weniger erbärmlich, so zu tun, als habe man aus freien Stücken etwas nicht, als zuzugeben, dass man sich schon lange vergeblich danach sehnt. Ich bin sechzehn Jahre alt und komme in zwei Monaten in die elfte Klasse. All meine Jungs-Erfahrungen bis zum heutigen Tag - drei kurze Knutschereien mit drei verschiedenen Typen - fanden mit Freunden der damals aktuellen Dates meiner besten Freundin Amanda statt. Es waren eher Unfälle. Ich würde gerne einmal einen Jungen küssen, weil ich es gerne möchte, und nicht, weil unsere besten Freunde uns allein gelassen haben und im Nebenzimmer übereinander herfallen, wir nicht mehr wissen, was wir sagen sollen, und unsere Münder irgendwie beschäftigen müssen.
Ich schaue ins Café. Es ist ruhig hier drin, ganz normal an einem Freitagnachmittag vor dem Abendbetrieb. Ungefähr zehn Gäste arbeiten an Laptops, lesen oder unterhalten sich leise. Ein schlaksiger Typ mit karottenroten Haaren und Ohrringen wirft seinen Becher in den Müll, winkt zur Theke und geht. Earl Grey, zwei Teebeutel, extra Milch. Das trinkt er immer, wenn er einmal im Monat hierherkommt. Warum ich das weiß? Das ist das Seltsame daran, in einem Café zu arbeiten. Man erfährt Kleinigkeiten über eine ganze Menge Leute. Ich kenne die meisten meiner Kunden nicht namentlich und weiß nicht, wo sie leben oder wie alt sie sind. Aber eins weiß ich: Was sie mit ihren koffeinhaltigen (oder koffeinfreien) Getränken anstellen.
Zwei Mädchen kommen auf den Tresen zu.
Eine ist jünger als ich, wahrscheinlich fünfzehn Jahre alt. Die andere ist älter, so um die neunzehn. Die jüngere strahlt ekstatisch übers ganze Gesicht, sie besteht praktisch nur aus Lächeln. Wenn man ein so wahrhaftiges Lächeln sieht, fällt einem erst auf, wie viele falsche Grinsen man an einem normalen Tag ertragen muss. Ich schaue sie an, und es ist beinahe unmöglich, nicht zurückzulächeln.
Das ältere Mädchen hat denselben Gesichtsausdruck, als leuchte sie von innen heraus. Und sie hat dieselben Augen wie die Jüngere und einen ähnlichen Körperbau Ich spüre ein komisches Ziehen in der Brust, als ich begreife, dass die beiden Schwestern sind. Augenblicklich weiß ich alles über sie und mir wird ein bisschen übel.
Sie haben sich eine Zeit lang nicht gesehen. Die Ältere war im College oder lange verreist und sie ist gerade erst wieder nach Hause gekommen. Als sie fort war, konnte sie sich nicht vorstellen, jemals zurückzukehren, aber nun kommt es ihr vor, als sei sie nie fort gewesen. Als Kinder haben sie viel gestritten. Die Jüngere war neidisch darauf, dass die Ältere so viel durfte, was ihr verboten war. Die Ältere hielt die Jüngere für eine Nervensäge, die sie nie in Ruhe ließ. Aber seit damals sind viele Jahre vergangen, und diese Kleinigkeiten, die sie damals so geärgert haben, sind heute nicht mehr wichtig. So ist es immer oder wenigstens sollte es so sein. Die beiden haben begriffen, dass sie jetzt richtige Freundinnen sein können. Und es bedeutet ihnen beiden so viel, weil sie eine Menge durchmachen mussten, um an diesen Punkt zu gelangen.
Ich hole tief Luft und versuche, mein Gesicht ausdruckslos zu halten. Ich weiß, dass das unfair ist, aber plötzlich verabscheue ich diese Mädchen.
»Hi!«, sagt die Jüngere und linst hinter ihrem langen Pony hervor. »Wir hätten gern hm, Zucchinibrot und Laurie?« Sie schaut auf. »Was noch?«
»Hm, sind die Brownies gut?«, fragt die Ältere. Dann lächelt sie und schlägt sich leicht die Hand an die Stirn. »Warum frage ich überhaupt es sind Brownies! Ok, also Zucchinibrot und natürlich einen Brownie und ein Croissant .«
Die Jüngere fängt an zu kichern. »Und noch ein Croissant. Eins mit Mandeln!«
»Und eine gekühlte Latte«, sagt die Ältere. »Und einen Cupcake und einen Smoothie .«
Die Mädchen bestellen immer weiter. Ihr Lächeln wird strahlender, und sie tauschen Blicke aus, als sei es ein Insider-Witz von ihnen, hier massenweise Essen zu bestellen. Wahrscheinlich haben sie schon seit Monaten davon gesprochen, was sie unternehmen wollen, wenn die Ältere wieder da ist. »Wenn ich zurück bin, dann gehen wir ins Mon Cœur und bestellen alles, was es gibt!«
Ich mache ihre Getränke und versuche, Blickkontakt zu vermeiden. Die beiden plappern, wie richtig glückliche Leute es immer tun. Sie sind richtig high vor Glück.
»Ich liebe dieses Café«, sagt die Jüngere.
»Ich auch, es hat mir gefehlt«, nickt die Ältere. »Sonst habe ich überhaupt nichts vermisst. Au!« Sie reißt die Augen unschuldig auf, als die Jüngere ihr spielerisch in den Oberarm boxt. Sie legt ihrer kleinen Schwester den Arm um die Schultern und küsst sie auf die Wange. Die Jüngere tut so, als wische sie den Kuss ab. Beide lachen.
Das ganze Essen steht jetzt vor ihnen auf dem Tresen. Ich starre die beiden nur wortlos an.
»Oh, Entschuldigung!« Die Ältere holt einen hellgrünen Geldbeutel aus der Tasche und bezahlt alles mit ganz neuen Scheinen. »Vielen, vielen Dank!«, sagt sie.
»Ja! Vielen, vielen Dank!«, sagt auch die Jüngere. Als dankten sie mir für ihr Glück, weil ich es gesehen habe.
Sie müssen dreimal laufen, um ihr Essen an ihren Tisch zu bringen. Normalerweise hätte ich ihnen Hilfe angeboten, aber ich schaue ihnen nur wortlos zu. Die Ältere wirft Geld in die Trinkgeldkasse, zwei Dollar. Die meisten Leute geben höchstens einen. Ich kann mich kaum zu einem Dankeschön aufraffen.
Kurz darauf ist Brad wieder da und stellt sich neben mich. Er sieht, wie ich die beiden beobachte, und legt mir den Arm um die Schulter. »Feierabend für dich«, sagt er und reicht mir eine weiße Papiertüte. In der Tüte sind ein Dutzend zerbrochene Cookies mit rosa und weißem Zuckerguss. »Die können wir nicht verkaufen«, sagt Brad. »Ich wollte sie eigentlich Thomas mitbringen, aber meiner Meinung nach solltest lieber du sie mitnehmen. Vergiss nur nicht, nachher zu kotzen, damit du dir deine Figur nicht ruinierst.«
Ich halte meine Nase über die Tüte und atme süßen Mandelduft ein. Das eiserne Band um meine Brust beginnt sich zu lockern. Ich habe wirklich Glück, dass ich Brad kenne, der zwar manchmal unmöglich ist, aber immer zu wissen scheint, wann ich wirklich eine große Tüte Keksstücke brauche. Und auch genau zu wissen scheint, wann ich nicht darüber reden will.
Kapitel 2
Ich bin draußen. Die Luft ist jetzt kühler und die Sonne geht unter. Meine Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht und ich laufe los.
Ich komme an einem Kosmetikstudio, einer Boutique und einem Delikatessengeschäft vorbei. Ich laufe weiter. Mon Cœur, wo ich arbeite, und der Secondhandshop Attic, in dem meine beste Freundin Amanda arbeitet, sind in der Innenstadt von Edgebridge, einem Vorort von Chicago. Einem schicken Vorort für reiche Leute, der Disneyland-Version eines Viertels, in dem normale Menschen leben sollten. Schöne neue Straßenlaternen leuchten jede Ecke aus, und in den Holzkästen, die die Straßen säumen, blühen pink- und orangefarbene Blumen. Im Herbst ist dieser Teil der Stadt mit Kürbissen und Maiskolben dekoriert und im Winter sieht man überall Lichterketten und Weihnachtsdekoration. Von hier aus dauert es mit dem Auto nur zwei Minuten bis zu Amandas Haus, deshalb haben wir beide uns hier Jobs gesucht. In meiner Nachbarschaft kann man nirgendwo arbeiten, außer in Schnapsläden oder beim Gebrauchtwagenhändler. Außerdem wohne ich quasi bei Amanda.
Sie wartet in der Tür von Attic auf mich und küsst mich zur Begrüßung auf die Wange. Dann tritt sie einen Schritt zurück und deutet auf ihr Outfit. »Ich probiere gerade was aus. Was meinst du?«
Sie trägt winzige dunkelblaue Kindershorts und ein enges Jungenunterhemd. Dazu trägt sie dunkelblaue Kniestrümpfe.
»Falls du ausprobieren wolltest, wie man sich als Junge vor der Pubertät fühlt, dann hast du was ziemlich Herausragendes übersehen.« Ich starre betont auffällig auf ihren Busen. Wir lachen.
»Ich hab so ein Outfit in einer Zeitschrift gesehen«, sagt Amanda. »Findest du nicht, dass ich das reißen kann?«
»Ich glaube, es ist sehr leicht herunterzureißen.«
»Haha.« Sie zupft ihre Strümpfe zurecht. »Meine Eltern sind heute Abend nicht da, also finde ich, wir sollten ein paar Leute zu mir einladen, vor allem süße Jungs, die wir kaum kennen. Denen gefällt mein Outfit bestimmt.« Sie streckt mir die Zunge heraus und lächelt. Amanda hat ein gutes Leben. Ihre Eltern lieben sich, sie hat zwei nette, lustige Brüder, mit denen sie sich gut versteht, und ein riesiges Haus voller Whirlpools und Flachbildfernseher, wo alles schön und bequem ist, weil sich jemand richtig Mühe bei der Einrichtung gegeben hat. Jemand, der sich den Luxus leisten kann, über solche Sachen nachzudenken.
»Was ist mit Eric?«, frage ich. Eric ist Amandas Quasi Freund, und quasi nur deshalb, weil er sich nicht davon abbringen lässt, auch mit anderen Mädchen auszugehen.
»Mit Eric bin ich fertig«, sagt Amanda.
»Gut«, nicke ich.
Wir wissen beide, dass das nicht stimmt, halten uns aber nicht länger bei dem Thema auf.
»Ich habe dir auch schon was ausgesucht«, sagt Amanda eifrig. Sie greift nach meiner Hand und führt mich zum Hinterzimmer, wo wir immer Klamotten anprobieren. »Gut, dass Morgette reich ist«, grinst sie, als wäre ihr nicht klar, dass das auch auf ihre eigene Familie zutrifft. Morgette, die Besitzerin von Attic, fährt im Sommer schon freitagmorgens übers Wochenende in ihr Landhaus und gibt Amanda immer den Ladenschlüssel, damit sie zumachen kann. Das bedeutet, dass Amanda und ich uns alle Klamotten leihen können, die wir wollen, solange das Zeug Montagmorgen wieder im Laden hängt. Die Kleider sind schon getragen, also tun wir nichts Unrechtes - wir tragen sie nur ein bisschen mehr ein.
Während ich mich umziehe, erzähle ich Amanda von den interessanteren Kunden, die heute im Café waren. Der Typ mit der entrahmten Milch, die Frau mit dem pseudo-britischen Akzent, das Mädchen, das bestellen musste, während ihr Freund an ihrem Ohr herumknabberte. Amanda lacht an den lustigen Stellen und verdreht bei den schrägen Stellen die Augen. Die zwei Schwestern erwähne ich allerdings nicht. Amanda ist meine beste Freundin, aber auch ihr kann ich nicht alles erzählen.
Ein paar Minuten später stehe ich in einem winzigen weißen Jungenhemd vor dem Spiegel (die Ärmel reichen mir gerade bis zum Ellbogen). Dazu trage ich einen breiten Goldgürtel und einen schwingenden weißen Rock mit Goldlamé- Fäden. Er reicht mir gerade bis unter den Po.
Ich starre mein Spiegelbild an.
Amanda steht hinter mir. »Schau nicht so grimmig«, sagt sie zu meinem Spiegelbild. »Du siehst superheiß aus, wie immer.«
»Haha«, murmele ich und verdrehe die Augen.
Ich habe keinen Schimmer, ob ich gut aussehe, egal, wie lange ich in den Spiegel starre. Aber das geht wahrscheinlich den meisten Menschen so.
Ich bin nicht besonders groß, aber auch nicht außergewöhnlich klein, schlank, aber definitiv nicht dürr. Ich habe lockiges Haar, das mir über den Rücken fällt. Es ist hellbraun und wird im Sommer blonder. Mein Friseur nennt es immer »üppig und wundervoll«, will mir dann aber immer Stylingprodukte verkaufen, die es »zähmen und definieren« sollen. Ich kaufe nie etwas, aber das ist in Ordnung, denn meistens trage ich einen Pferdeschwanz. Wenn ich nervös oder verlegen bin, kriegt mein Gesicht rote Flecken, aber ansonsten ist meine Haut in Ordnung, finde ich. Meine Augen sind groß und grün, meine Nase ziemlich rund. Ich habe ein Grübchen. Auf Fotos sieht mein Lächeln immer schief aus.
Amanda wirft mir ein paar goldene Riemchensandalen zu, die aussehen, als kämen sie aus dem Kostümfundus einer griechischen Tragödie.
»Zieh die mal an«, befiehlt sie.
Ich setze mich und ziehe meine Schuhe aus. Neben mir steht ein Orangenkarton mit einem grün-orangenen Schriftzug.
»Was ist da drin?« Ich klopfe auf den Karton.
»Heute ist Trödeltag«, sagt Amanda. »Am dritten Freitag im Monat kauft Morgette den Leuten ihren Schrott für fünfundzwanzig Cent das Pfund ab.«
»Nimmt sie alles?«, frage ich. »Auch alte Bananen und abgelaufene Vitamintabletten?«
»Wahrscheinlich verkaufen ihr genug Leute versehentlich Erstausgaben und Familiensilber, so dass es sich trotzdem lohnt«, sagt Amanda achselzuckend.
Ich setze mich auf den Boden und wühle in dem Karton. Eine Tüte mit drei Plastikspinnen, drei ungeöffnete Gewürzgläser mit Nelken, eingetrocknete Knetmasse und am Boden des Kartons ein Buch ohne Buchdeckel. Enzyklopädie Psychischer Krankheiten.
»He, Amanda.« Ich nehme das Buch und stehe auf. »Glaubst du, wir finden ein Bild von Eric in dem Kapitel über ."« Ich verstumme.
Ein rechteckiges Stück Karton mit abgerundeten Ecken, ein bisschen kleiner als eine Karteikarte, ist aus dem Buch gefallen und flattert zu Boden. Ich greife danach und hebe es auf. Sobald ich das Ding anfasse, fängt mein Herz an, wie wild zu klopfen, und mir wird schwindelig, als hätte ich mich zu schnell im Kreis gedreht. Das Zimmer beginnt zu schwanken. Meine gesamte Umgebung wirkt plötzlich unwirklich, und ich habe Angst, gleich in Ohnmacht zu fallen. Ich höre undeutlich, wie Amanda meinen Namen ruft, aber ich kann nicht antworten. Ihre Stimme klingt fremd und wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Alles ist fremd, bis auf eines. Das Bild auf dem Stück Karton in meiner Hand, das von blauen Weinreben umgeben ist. Ich starre so gebannt darauf, dass sie sich vor meinen Augen winden wie zarte blaue Schlangen. Und im Zentrum dieser Weinreben ist das Gesicht eines Mädchens gezeichnet. Große runde Augen, runde Nase, wilde Locken, ein Grübchen, ein schiefes Lächeln. Ich kenne diese Zeichnung.
Ich habe sie seit meiner Kindheit immer wieder gesehen, in Skizzenbüchern, auf Servietten und Papiertischdecken, in einem selbst gezeichneten Comic, den mir ein Mädchen geschenkt hat, das ich seit zwei Jahren nicht gesehen habe und an das ich nicht denken will, weil ich keine Ahnung habe, wo sie ist, was sie macht oder ob sie überhaupt noch lebt. Ich habe beinahe die Hoffnung darauf aufgegeben, jemals wieder von ihr zu hören, auch wenn ein winziger, kleiner Teil von mir immer noch glaubt, dass sie wiederkommen oder mir ein Zeichen schicken wird, wenn ich am wenigsten damit rechne.
Und diese Zeit ist gekommen, denn dies ist das Zeichen.
Dies ist mein Gesicht.
Ich blinzele und schaue zu Amanda hoch, die immer noch ihr lächerliches Outfit trägt.
»Amanda«, flüstere ich. »Schau.« Ich halte den Karton hoch, so dass das Licht ihn trifft und das Bild zum Leuchten bringt. »Meine Schwester.«
Kapitel 3
In den ersten drei Nächten nach Ninas Verschwinden konnte ich nicht schlafen. Ich lag in meinem Bett, den Kopf ganz nah am offenen Fenster. Die schwere, feuchte Juniluft strich über meine Haut wie heißer Atem.
Wenn ich hörte, wie sich aus der Ferne ein Auto näherte und auf mein Haus zufuhr, begann mein Herz so heftig zu klopfen, dass ich es in meinem gesamten Körper spürte. Ich stellte mir vor, dass meine Schwester in diesem Auto saß und ich gleich hören würde, wie sie nach Hause kam. Das leise Klicken einer sich öffnenden Autotür, die Flut von Geräuschen aus dem Inneren, Lachen, Flüstern, dumpfe, rhythmische Beats, kurz laut, aber dann schnell leiser gedreht. Eine Pause. Dann das Zuknallen der Autotür, das Geräusch von Flip-Flops in der Auffahrt, das Knirschen des Schlüssels im Schloss und das Knarren der sich öffnenden Haustür. Und dann die beinahe lautlosen Schritte meiner Schwester auf der mit Teppich ausgelegten Treppe. Ich biss mir auf die Lippen, ballte die Hände zu Fäusten und hoffte, hoffte, hoffte, dass ich dies gleich hören würde. Aber jedes Mal fuhr das Auto weiter, ohne langsamer zu werden, und ich spürte eine so schwere Enttäuschung auf mir lasten, dass ich kaum atmen konnte. Jede Nacht dreißigmal dieses adrenalinbefeuerte Hoffnungs-High und der Absturz danach. Unglaublich anstrengend, aber leider nicht genug, um mich einschlafen zu lassen.
Während dieser drei Tage lief ich herum wie in Trance. Zeit bedeutete nichts mehr, Gesichter verschwammen. Ich vergaß Worte. Längerer Schlafmangel fühlt sich an, als habe man eine Droge bekommen, deren Wirkung so schrecklich ist, dass niemand sie freiwillig nehmen würde.
In der vierten Nacht wurde der nasse Zement, der meine Augenlider bedeckte und meinen Schädel füllte, schließlich stärker als das Adrenalin. Ich legte mich hin und wurde sofort durch mein Bett ins Zentrum des Planeten gesaugt, wo mein Gehirn endlich die Gedanken freiließ, die ich tagsüber nicht zu denken wagte. Zuerst kam es mir vor, als sei ich gar nicht eingeschlafen, da mein Traum damit begann, dass ich wach in meinem Bett lag. Ich stand auf, um aufs Klo zu gehen, und sah in der Badewanne einen nassen wirren Klumpen von Ninas frisch blau gefärbtem Haar liegen. Mich durchströmte eine so intensive Erleichterung, dass ich beinahe zu Boden sank, denn dies bedeutete, dass Nina hier war, immer hier gewesen war. Ich Dummchen hatte sie nur nicht bemerkt. Ich lachte. Dann beugte ich mich vor und hob den Haarklumpen auf - er fühlte sich schwer an, wie ein nasses Seil in meiner Hand. Ich hielt ihn hoch, und erst jetzt sah ich den Hautfetzen, der wie rohes Fleisch daran hing. Und ich wusste ohne nachzudenken genau, was das bedeutete.