Die Glocken von Vineta. Blanvalet Taschenbücher, Band 37421

Historischer Roman

von Charlotte Lyne

Buch

Taschenbuch (670 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Eine untergegangene Stadt - die Perle der Ostsee ...


Vineta, im 12. Jahrhundert: Die Perle der Ostsee - eine stolze, reiche Stadt voller Gegensätze. Hier wachsen die Zwillinge Warti und Bole als Söhne eines vermögenden Bernsteinhändlers heran. Als ihr Vater bei einem Schiffsunglück ertrinkt, tritt Warti als der Ältere das Erbe an, während Bole sich als Fischhändler verdingt. Nach einer verheerenden Sturmflut, die Bole um Hab und Gut bringt, heuert er als Spitzel für den verfeindeten dänischen Hof an. Die Rivalität der Brüder droht zu eskalieren, als Bole sich zu Wartis schöner Frau Natalia hingezogen fühlt. Und ihr Kampf um Liebe und Einfluss soll zu einem Ringen um Leben und Tod für die ganze Stadt werden ...


Ein packender historischer Roman über das sagenumwobene, stolze Vineta - das »Atlantis der Ostsee«, um das sich noch heute viele Spekulationen ranken!


Produktdetails

ISBN-10: 3-442-37421-9
EAN: 9783442374212
Erschienen: 08.02.2010
Verlag: Blanvalet
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 670
Gewicht: 515 g
Reihe: Blanvalet Taschenbücher
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Charlotte Lyne

Charlotte Lyne, geboren 1965 in Berlin, studierte Germanistik, Latein, Anglistik und Italienische Literatur in Berlin, Neapel und London. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in London, und wenn sie nicht gerade schreibt, ist sie Übersetzerin und Lektorin.

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November 1125


Mit der Dämmerung war es kalt geworden. Die Regenpfützen in den Mulden des blank geschorenen Feldes erstarrten rasch zu Eis. Natalia rannte. Ihre Sohlen trommelten wie Dreschflegel auf die froststarre Erde. Die Arme hielt sie, statt sie im Lauftakt zu schwingen, um den Leib geschlungen. »Umarmst du dich selbst?«, hätte die Mutter sie mit einem Lachen gefragt. Vor Anstrengung brauste Natalia das Blut in den Ohren, übertönte den pfeifenden Wind.
Aus dem Wald herausgerodet lag das Fleckchen Land, das ihr Vater seinen kargen Acker nannte. »Von den paar Scheffeln Roggen krieg ich weder Mensch noch Viehzeug satt«, pflegte er zu wettern, ehe er mit den Brüdern aufbrach, um seine Fallen zu leeren oder im Sumpfland Torf zu stechen. Den Schwestern trug er auf, in den Astlöchern der Zeideler nach Resten von Bienenwachs zu stochern, und an diesem Tag hatte er auch sie, Natalia, mit fünf Jahren seine Jüngste, zu einer Aufgabe ausgeschickt.
Im Dickicht des Waldes sollte sie nach Bucheckern suchen, um das Schwein im Verschlag damit zu füttern. Natalia hatte gehofft, dabei ein paar Hände voll süßer Beeren aufzuspüren, doch es war zu spät im Jahr, die Sträucher im Unterholz längst kahl. Als das letzte Licht verblich, waren ihre Finger von der Kälte so steif, als müssten sie beim Krümmen splittern wie die morschen Zweige.
Natalia lief schneller, wenn auch die Eisluft ihr schmerzhaft in die Lungen schnitt. Schon kam die Hütte in Sicht. Kein Rauch stieg auf, denn das Feuerholz war knapp. Drinnen aber würde der Atem vieler Menschen Wärme verbreiten, auf dem Tisch stünde die noch kaum erkaltete Suppe, und der Oheim Luka, den der Vater einen Nichtsnutz schimpfte, würde mit seinem kehligen Lachen Not und Sorgen zur Tür hinausscheuchen.
Natalia hörte ihre Eltern oft von Sorgen reden. Solche Gespräche gehörten zu ihrem Leben wie die Hühner, die in der Morgenkälte gefüttert werden mussten, wie die Wanzenbisse in den Nächten, die Knüffe der Brüder und der Spott der Schwestern, aber in diesem Herbst hatte sich etwas verändert, war bedrohlicher, schwerer geworden ... Die Stimme des Vaters schien bei jedem Wort hinterherzuschleifen, als sei er schon ein Greis und könne seine Last nicht länger tragen. Der Oheim Luka, Mutters Bruder, versuchte, das Dunkle mit einer Handbewegung wegzustreifen. »Wir haben's immer geschafft, warum soll's diesmal anders sein?«
»Weil uns die Ernte ersoffen ist, Nichtsnutz. Aus leeren Händen gibt sich schlecht noch was ab.«
»Ach, das wird schon. Mokosch, die goldrote Mutter Erde, hilft dem Tüchtigen.«
Der Oheim lachte, und der Vater schlug mit einem Strick nach ihm. »Dann hilft sie dir gewiss als Letztem, und meine schuldlosen Kinder müssen für deine Faulheit mit dran glauben.«
Ein andermal hörte Natalia den Oheim davon munkeln, dass der Fürst in Kiew, der große Wladimir Monomach, gestorben sei. »In der Stadt wird's Aufhebens geben.«
»In der Stadt gibt's immer Aufhebens«, knurrte der Vater zurück. »Aber für uns Bauern ist das einerlei. Dieser oder jener auf dem Thron in Kiew, über unseren Köpfen tanzt die Knute des Bojaren.«
Der Bojar, das wusste Natalia, wohnte hinter dem Wald, hinter dem Ende ihrer Welt, in der großen Stadt Nowgorod. Ihre Familie war ihm leibeigen. Was das bedeutete, begriff sie nicht, nur, dass der Name des Bojaren Unheil beschwor, Erschrecken, tief bedrücktes Schweigen. Zweimal schon waren Männer in dunkelbraunen Röcken erschienen, die den Vater beschimpft, ihn an den Schultern gerüttelt und schließlich die Ziege am Strick gepackt und mit sich fortgezerrt hatten. Die Mutter hatte sich in den Winkel auf den Boden gehockt und heiser geweint. »Wer sind die?«, hatte Natalia ihre älteste Schwester Nona gefragt.
»Die Eintreiber. Die holen sich, was dem Bojaren gehört.«
Warum dem Bojaren die Ziege gehörte, die in ihrer Hütte hauste und deren Milch die Mutter allmorgendlich in den Kessel überm Feuer schöpfte, sodass der köstliche Duft den Raum erfüllte, verstand Natalia nicht. »Im Frühjahr findet sich eine neue Gehörnte«, tröstete der Oheim, trank einen Becher Schlehenwein und klatschte in die Hände. »Sing ein Lied, Schwesterlein, ein bisschen Frohsinn kostet nichts.«
Auf einmal konnte sie es nicht mehr erwarten, das Haus zu erreichen, die vertrauten Stimmen zu hören und ihre Familie um den Tisch versammelt zu sehen. Der Oheim würde ihr Fratzen schneiden und die Mutter, die den jüngsten Bruder in einem Tuch vor der Brust trug, würde Suppe aufdecken und Brot austeilen. Aus dem Krug mit der abgeplatzten Tülle würde der Vater erst sich und dann dem Oheim einschenken, seinen Becher leeren und die letzten Tropfen auf den Boden schütten. »Mokosch, Göttin der fruchtbaren Erde, nimm unser Opfer an, und hilf uns aus der Not.« Natalia schlang die Arme fester um den Leib. Die letzten Schritte. Um ein Haar stolperte sie. Im schwachen Lichtschein sah sie die Tür in den Angeln baumeln. Polternd stürzte etwas um. Dann ertönte ein Schrei: »Natalia. Geh!«
Doch Natalia konnte sich nicht rühren. Hinter dem Türstock verborgen sah sie die Mutter, die mit dem Rücken zur Wand stand und den Säugling, den sie Stani Sternenauge nannte, an sich presste. Sie waren wieder da. Die Männer in den dunklen Röcken. Bestimmt ein Dutzend von ihnen. Zwei stießen den Vater zu Boden, ein anderer packte den Oheim beim Arm und schleuderte ihn gegen den Tisch. Die Kerze stürzte um. Gleich darauf stand der Tisch in Flammen. Im flackernden Licht sah Natalia Blut leuchten, das die schief getretenen Dielen rot färbte. In der Blutlache lag ihr Bruder Mitja, der Streithammel, der ihr beim Essen immer das Brot wegschnappte und sie rotes Rättchen rief. Jetzt war sein Kopf nach hinten verdreht, sein Haar blutverschmiert. Einer der Männer kippte den Kübel mit der Notdurft in die Flammen. Mit drohendem Zischen bäumte das Feuer sich ein letztes Mal auf und erstarb. Im Nu war es dunkel in der Stube. Nur eine bläulich erstickende Lohe züngelte noch über den Tisch.
»Los jetzt. Von dannen mit dem Pack.«

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