Die Wehrmacht

Eine Bilanz. Das Buch basiert auf der gleichnamigen ZDF-Serie

von Guido Knopp

Buch

Taschenbuch (351 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Die Geschichte von Hitlers Streitmacht in populärer Zusammenfassung


18 Millionen Männer dienten in ihr, fast sechs Jahre lang führte sie den wohl blutigsten Krieg der Weltgeschichte und hielt zeitweise halb Europa besetzt, bis schließlich alles in der totalen Niederlage endete: Hitlers Wehrmacht. Auf die Person Hitlers persönlich vereidigt, geriet sie zum Werkzeug der Diktatur und zum Erfüllungsgehilfen des wahnhaften Rassenkrieges. Spätestens seit den heiß diskutierten Wehrmachtsausstellungen steht Hitlers Armee im Zentrum kritischer Betrachtung. Guido Knopp zeigt sie als wichtigstes Machtinstrument des "Kriegsherrn" Hitler und untersucht die Rolle der Akteure vom General bis zum gewöhnlichen Soldaten. Dabei nutzt er die Chance, letzte Zeitzeugen zu befragen, und stützt seine Dokumentation auf zum Teil unbekanntes Material.


Produktdetails

ISBN-10: 3-442-15561-4
EAN: 9783442155613
Erschienen: 08.06.2009
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 351
Länge/Breite: 185mm/123mm
Gewicht: 407 g
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Guido Knopp

Prof. Dr. Guido Knopp war nach seinem Studium zunächst Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anschließend Auslandschef der Welt am Sonntag. Seit 1984 leitet er die ZDF- Redaktion Zeitgeschichte. Guido Knopp hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Jakob-Kaiser-Preis, den Europäischen Fernsehpreis, den Telestar, den Goldenen Löwen, den Bayerischen Fernsehpreis und das Bundesverdienstkreuz.

Peter Hartl

Peter Hartl Jahrgang 1961, studierte Journalistik und Geschichte in München und Paris. Seit 1991 ist er als Filmautor und Redakteur an den großen Dokumentarreihen der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte beteiligt. Neben der Fernsehtätigkeit ist er Herausgeber und Verfasser von Büchern, Buchbeiträgen und Presseartikeln.

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Fast 18 Millionen Männer dienten in ihr, mehr als fünf Jahre führte sie den wohl blutigsten Krieg der Weltgeschichte, hielt zeitweise halb Europa besetzt und endete doch in der totalen Niederlage: Hitlers Wehrmacht war mehr als nur die größte kriegführende Armee der deutschen Geschichte; sie war ein Millionenheer, das einen größeren Machtbereich besetzte als je eine deutsche Streitmacht zuvor. Auf die Person des Tyrannen persönlich vereidigt, verkam sie zum Werkzeug der Diktatur und zum Erfüllungsgehilfen des wahnhaften Rassekriegs - gehorsam bis zum eigenen Untergang: Fast fünf Millionen Wehrmachtsoldaten kamen im Krieg oder in der Gefangenschaft ums Leben.
Zehn Jahre, nachdem die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« für einen einzigartigen und dauerhaften Streit in Deutschland gesorgt hat, ist es an der Zeit, eine Bilanz der Wehrmacht zu ziehen. Viele Zeitzeugen sind nun in einem Alter, in dem sie noch befragt werden können, in dem die Zurückhaltung früherer Tage dem Bedürfnis weicht, die oft bedrückenden, traumatischen Erlebnisse mitteilen zu können.
Die »Wehrmachtdebatte« hat eine Vielzahl von Forschungen angestoßen, die es uns heute ermöglichen, ein neues und differenziertes Bild zu zeichnen. Zumal in den Archiven Osteuropas aus neuen Quellen geschöpft werden konnte. Überdies wurde ein großer Fundus von Protokollen des britischen Geheimdienstes ausgewertet, der die Gespräche deutscher Generäle und hoher Offiziere in der Gefangenschaft belauscht und aufgezeichnet hat. Deren Aussagen vermitteln neue, ungeschminkte Erkenntnisse zu der Frage, wie namhafte Militärs den Krieg und die Verbrechen sahen und inwieweit sie selbst verstrickt waren.
Dabei geht es nicht nur um die Institution Wehrmacht, sondern auch um ihre Akteure - die Generäle, die Offiziere, die Unteroffiziere und Soldaten, um »ganz gewöhnliche Männer« in der Armee. Eine Truppe gehorsamer »Jawoll«-Sager? Oder ein Millionenheer missbrauchter junger Männer?
Wie konnte die durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags eingeschränkte Armee derart aufrüsten, dass sie in den ersten Kriegsjahren überaus schlagkräftig war? Wie gerieten die deutschen Streitkräfte in den Sog des Regimes, wie veränderte sich das Verhältnis zu Hitler? Wie wurde aus der »Wehrmacht« eine Vernichtungs-Kriegsmacht? Wie ließ sie sich in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstricken? Was wussten die Soldaten von den Verbrechen an der Front und hinter der Font? Warum gab es nur so wenig Widerstand? Und wie gelang es dem Regime, die Wehrmacht in einem aussichtslosen Kampf bis zum bitteren Ende an sich zu binden?
Im Zentrum stehen authentische Schicksale von Offizieren und Soldaten, die spiegeln, wie sich das Selbstverständnis, die Handlungsspielräume, die Erfahrungen von Sieg und Niederlage in Hitlers Heer wandelten - und es geht um Menschen anderer Nationen, die gegen deutsche Soldaten kämpfen mussten, unter ihrer Besatzung lebten oder litten. Sie berichten aus verschiedenen Perspektiven, welche Erfahrungen sie mit der Wehrmacht verbinden.
Angriff auf Europa
Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen angriff, war ganz Europa überrascht von der Schlagkraft einer Armee, die noch sechs Jahre zuvor nur aus 100 000 Mann bestanden und weder Flieger noch Panzer besessen hatte. Leistete die alte »Reichswehr« noch auf eine Verfassung den Eid, gab es seit 1934 das Treuegelöbnis auf Hitler persönlich. Es war ein Schritt zur Sicherung bedingungsloser Gefolgschaft - mit fataler Wirkung.
Viele Deutsche hatten sich nach 1935 für eine Laufbahn in der Armee entschieden oder fanden Arbeit in den Rüstungsbetrieben, denen die Nazis nun die Auftragsbücher füllten. Doch der Krieg war eine Sache der Generalität. Anders als 1914 gab es 1939 unter der Bevölkerung und unter den Soldaten wenig Kriegsbegeisterung. Einige der Generäle freilich hatten Hitler schon im Februar 1933 zumindest nicht widersprochen, als der »Lebensraum im Osten« als sein Ziel angab. Die Sehnsucht nach Revanche für die Niederlage von 1918 machte es dem Staatschef leicht, die Reichswehrführung auf sich einzuschwören. Das Verhalten hoher Militärs wie Walther von Brauchitsch zeigt, dass die scheinbar »unpolitischen« Kriegshandwerker Hitlers unbedingtem Eroberungswillen nichts entgegenzusetzen hatten. Die Zweifler in der Reichswehrführung waren längst kaltgestellt worden, und Staatsstreichpläne, wie sie von Ludwig Beck und Franz Halder erdacht wurden, erwiesen sich mangels Gelegenheit und vor allem Entschlossenheit als Makulatur.
Der Polenfeldzug war nach sechs Wochen beendet. Schon hier, nicht erst in Russland, war die Kriegführung nach Hitlers Willen äußerst brutal. Erste Kriegsverbrechen wurden verübt, Tausende von polnischen Soldaten und Zivilisten widerrechtlich exekutiert. Überdies wurden im Rücken der Wehrmacht von SS-Einheiten Dörfer zerstört und Zivilisten ermordet, die Bevölkerung fast rechtlos gemacht. Nur wenige aus der Wehrmacht erhoben, wie General Johannes Blaskowitz, Einspruch - auch mit dem Argument, die Polen würden so erst recht in den Widerstand gegen die Deutschen getrieben. Solche Kritiker ließ Hitler rasch ablösen: Blas- kowitz musste gehen.
Der Sieg über Frankreich im Juni 1940, der entgegen der Legende an einem seidenen Faden hing, wurde zu einem folgenschweren Triumph. Denn es war Hitler, der die Strategie eines talentierten Generals wie Erich von Manstein gegen den Widerstand der Heeresführung um Halder durchgesetzt hatte und recht behielt. Obschon der Diktator bei Dünkirchen einen vielleicht kriegsentscheidenden Fehler beging - die Niederlage des sogenannten »Erbfeindes« verlieh ihm wenigstens nach außen hin die Aura der Unbesiegbarkeit.
Wende des Krieges
Als Hitler befahl, Pläne für einen Angriff auf die Sowjetunion zu entwerfen, war der Widerstand der Generäle schwach. Dabei war es ein Vabanquespiel, in das Hitler die Wehrmacht schickte. Denn was der Diktator schon von Anfang an geplant hatte - Lebensraum im Osten zu erobern -, folgte keiner militärischen Logik. Die Propagandathese, mit einem Präventivkrieg einem Angriff der Sowjetunion zuvorzukommen, wurde dennoch von vielen Soldaten geglaubt.
Die meisten von ihnen waren überrascht und beunruhigt, als am 22. Juni 1941 der bis dahin geheime Plan zum Uberfall auf die Sowjetunion Wirklichkeit wurde. Fatal auch hier, dass die schnellen Siege der ersten Wochen offenbar nahtlos an den Krieg der ersten beiden Jahre anzuknüpfen schienen.
Anders als an der Westfront oder in Afrika wurden im Rücken der Ostfront die Einsatzgruppen der SS aktiv, die Jagd auf Menschen machten, vor allem auf Juden. Die Besatzung, die viele Soldaten mit ihrer Kamera dokumentiert haben, folgte der Logik des totalen Krieges: Geiseln wurden erschossen, das Land ausgeplündert, die Bevölkerung als Feind behandelt. Dies war der Krieg, in dem auch Einheiten der Wehrmacht sich in zahlreiche Verbrechen verstrickten.
Im Dezember 1941 kulminierte die Entwicklung: Der Angriff auf Moskau scheiterte, die USA traten in den Krieg ein. Die Wehrmacht kämpfte an immer mehr Fronten. Oft griff Hitler direkt ins Geschehen ein. Die meisten Generäle ließen das zu - manche aus Überzeugung, etliche aus Furcht vor den Wutausbrüchen des Diktators, der nun selbst die einstigen »Helden« entließ, wie den Panzergeneral Guderian. Tatsache ist aber auch, dass viele Generäle Dotationen und Rittergüter erhielten. So entmündigte Hitler die Militärs und stempelte sie zu Sündenböcken.
Die Wehrmacht geriet so zur Armee Hitlers, der sie in ausweglose Situationen manövrierte. Mehr und mehr hieß die Devise »Alles oder nichts«: »Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden.« Aus dem Angriffskrieg wurde ein selbst provozierter Überlebenskampf, und Hitler nahm die Wehrmacht in die selbstzerstörerische Pflicht.
In diesem Buch berichten ehemalige Soldaten, wie sich der Krieg im Osten radikalisierte, wie sie die Wende vor Moskau erlebten, wie das Vertrauen in die Führung nach und nach schwand, wie sich vor Stalingrad die Propagandabilder mehr und mehr als Lügen entlarvten und wie es dennoch keine Möglichkeit zu geben schien, dem Krieg den Rücken zu kehren - es sei denn durch Desertieren.
Verbrechen der Armee
In jüngster Zeit ist die Frage nach den Verbrechen der Wehrmacht genauer erforscht worden. Erbitterte Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit haben neue Studien angestoßen. Das Ergebnis ist facettenreich: Es gab zahlreiche Verbrechen, vor allem an der Ostfront, gegen Zivilisten und Soldaten, an denen Einheiten der Wehrmacht beteiligt waren. Und es gab immer wieder deutsche Soldaten, die der Stimme ihres Gewissens folgten. Verallgemeinerungen sind gerade hier nicht zulässig. Begriffe wie »manche«, »viele« oder »alle« haben einen schalen Beigeschmack. Viele hatten wenig und wenige hatten viel zu verantworten. Zumindest aber waren es »allzu viele«, die nicht nur von Verbrechen wussten, sondern diese auch mit begangen haben. Nach konservativen Schätzungen waren zumindest fünf Prozent der Wehrmachtsoldaten an Verbrechen beteiligt. Das wären allein an der Ostfront rund 500 000 Mann gewesen.
Der berüchtigte »Kommissarbefehl« verlangte die sofortige Erschießung der politischen Kommissare der Roten Armee, wenn sie in Gefangenschaft gerieten. Lange wurde behauptet, dieser Befehl sei nur in Ausnahmefällen befolgt worden. Tatsächlich hat die Auswertung der deutschen Akten ergeben, dass der Kommissarbefehl bei über 80 Prozent der deutschen Divisionen ausgeführt worden ist.
Gerade aus den abgehörten Gesprächen der gefangenen deutschen Offiziere in britischem Gewahrsam wird deutlich, dass die Wehrmacht sowohl an Kriegsverbrechen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung beteiligt war als auch am Massentod der Kriegsgefangenen. Und eben auch am Holocaust: Die Generäle sprachen ebenso freimütig über Euthanasie und Geiselerschießungen wie über die Ermordung von Juden. In diesen Gesprächen kommt unmissverständlich zum Ausdruck, dass Verbrechen eben nicht nur die SS betrafen, sondern auch der Wehrmacht zur Last gelegt werden müssen.
Doch es gab vereinzelt Männer, die verbrecherische Befehle umgingen. Männer wie beispielsweise der Oberstleutnant Horst Drossel. Ihr Beispiel zeigt, dass sich trotz alledem auch immer wieder Handlungsspielraum auftat für Menschlichkeit. Es sind die stillen Helden des verbrecherischen Krieges.
Widerstand in Uniform
Die Wehrmacht war nach 1933 der einzige Machtfaktor, der noch in der Lage gewesen wäre, dem NS-Regime die Stirn zu bieten. Deshalb war - trotz der Vielzahl anderer Widerstandsgruppen und -formen - die Opposition aus den Reihen der Wehrmacht als einzige Erfolg versprechend.
Was die wenigen Männer des militärischen Widerstands am Ende einte, war die Überzeugung, dass der NS-Staat ein amoralischer, verbrecherischer Anschlag auf das Weltgewissen war, dass Deutschland auf eine Katastrophe zusteuerte, wenn Hitler nicht beseitigt werden würde. Viele der Verschwörer hatten dem Diktator anfangs voller Begeisterung gedient. Und manche waren selbst in den Vernichtungskrieg verstrickt gewesen. Truppenführer wie Erich Hoepner oder Karl-Heinrich von Stülpnagel übertrafen in Armeebefehlen noch die antisemitischen Sprachregelungen aus dem Oberkommando der Wehrmacht.
Auch Stabsoffiziere wie etwa Henning von Tresckow oder Philipp von Boeselager standen in der Befehlskette des Vernichtungskriegs. Doch sie ergriffen die Initiative und zogen Konsequenzen, waren enttäuscht über das devote Verhalten der Feldmarschälle und der Generäle im Angesicht der Verbrechen. Nicht die höchsten Militärs, sondern ihre Offiziere waren die führenden Köpfe des Widerstands.
Die Männer, die den wahngetriebenen Psychopathen endlich töten und den Krieg aus eigener Kraft beenden wollten, waren einsame Verschwörer, die nicht von der Volksstimmung getragen wurden, sondern nur von ihrem eigenen Pflichtgefühl. Sie waren sich bewusst, dass ein Anschlag auf die Person des »Führers« weder in der Wehrmacht noch in der Bevölkerung auf Verständnis stoßen würde. Doch sie sahen es als ihre sittliche Pflicht, der Welt zu zeigen, dass nicht alle hinter jenem kriminellen Wahnsinn standen. Widerstand in Uniform jedoch war nicht nur auf das Offizierskorps beschränkt. Er hatte viele Facetten: Einen Gefangenen laufen lassen. Befehle nachlässig ausführen, umdeuten, missachten. Sie offen zu verweigern, das wagten nur wenige. Zehntausende jedoch desertierten, vor allem zum Ende des Krieges. Wurden sie gefasst, so wartete der Tod auf sie: Am Ende führte das Regime Krieg gegen seine eigenen Leute, die ihm die Gefolgschaft verweigerten.
Kampf bis in den Untergang
Im Herbst 1944, nach fünf Jahren Krieg und millionenfachem Sterben, wurde die Wehrmacht auf die alten Reichsgrenzen zurückgedrängt. Jetzt mussten schon die Sechzehn-, Siebzehnjährigen an die Front. Je schneller sich der alliierte Vormarsch auf das deutsche Territorium zubewegte, desto älter und jünger wurden die Soldaten.
Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee im Osten deutschen Boden. Das NS-Regime verbot die Evakuierung der Bevölkerung. Es gab das perfide Kalkül, dass schutzbedürftige Frauen und Kinder den Widerstandswillen der Soldaten stärkten. Die Wehrmacht war von Hitler zum Halten jedes Zentimeters Boden verdammt. Generäle, die sich dagegen auflehnten, wie Friedrich Hoßbach, mussten gehen.
Bis zuletzt versuchte die Propaganda die Kriegsbereitschaft aufrechtzuerhalten - mit Drohungen und Illusionen. Junge Pimpfe, aufgeputscht von den Lügen des Regimes, eilten an fassungslosen altgedienten Soldaten vorbei an die Front. Überall in den Städten des Reiches wurden Zivilisten gehängt, die durch eine Kapitulation die Vernichtung abwenden wollten. Was hielt die Disziplin der Truppe noch aufrecht? Was motivierte die Soldaten, im Massensterben durchzuhalten? Tatsächlich kämpften die meisten Verbände bis zuletzt, trotz fürchterlicher Verluste und einer immer auswegloser werdenden Lage. Aus immer noch ungebrochenem militärischem Ethos, aus Angst vor einem schlimmeren Schicksal in sowjetischer Gefangenschaft oder aus Furcht vor Rache nach all den von Deutschen verübten Verbrechen?
Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Rekruten der Wehrmacht betrug im Jahr 1945 nur noch knapp vier Wochen. Allein von Januar bis zum Mai 1945 starben noch 1,3 Millionen deutsche Soldaten. Auch die Verluste der Kriegsgegner gingen in die Millionen. Die Wehrmacht hatte sich zum Werkzeug machen lassen für den mörderischsten Krieg der Weltgeschichte - bis zum eigenen Untergang.
Tod, Zerstörung, Leid - all das, was diese Armee über die Welt gebracht hatte, schlug am Ende auf sie selbst zurück. Die Wunden schmerzen bis heute.


So wie ich selber bereit bin, jederzeit mein Leben einzusetzen - jeder kann es mir nehmen - für mein Volk und für Deutschland, so verlange ich dasselbe auch von jedem anderen. Wer aber glaubt, sich diesem nationalen Gebot, sei es direkt oder indirekt, widersetzen zu können, der fällt! Verräter haben nichts zu erwarten als den Tod! Hitler, 1. September 1939
Angriff auf Europa
Als Heinrich Husmann, Soldat im Schützenregiment 14 der 5. Panzerdivision, am 1. September 1939 in einem Schützenpanzer nachts auf die polnische Grenze zurollte, vertraute er einem älteren Kameraden an, was ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben hatte. »Mein Vater hatte mir gesagt:>Ich wünsche dir nie, dass du in einen Krieg gehst. Aber merk dir eines, wenn ein Krieg anfängt: Wer den ersten Schuss abgegeben hat, das halten die Historiker sofort fest. Wer den letzten abgibt, weiß kein Mensch.

Soldaten wie Heinrich Husmann erlebten in Polen ihre Feuertaufe - und die hatte wenig mit Heroismus, dafür aber viel mit Chaos zu tun. Das merkte auch der Soldat Justus Habermann, der als Kraftfahrer in der 10. Panzerdivision den Polenkrieg miterlebte: »Bei der Stadt Graudenz sind wir von den Polen angegriffen worden. Wir hatten die Fahrzeuge abgestellt. Und plötzlich fing da eine große Schießerei an. Das knallte an allen Ecken. Man weiß gar nicht, woher geschossen wird, man ist ja auch nicht orientiert. Aber das sortiert sich dann allmählich, man krabbelt auf der Erde rum, man verschanzt sich, man versucht den Gegner zu orten.« An Gegenwehr war für Habermann nicht zu denken - sein Gewehr stand in der Halterung im Fahrzeug. »Es gab gleich Verwundete. Da war natürlich allerhand Theater. Ein Kamerad hatte über dem Magen einen Streifschuss, und der ist dann unters Fahrzeug gekrabbelt; die Sanitäter mussten ihn wieder rausziehen, damit er verbunden werden konnte. Man versteckt sich am liebsten. Man verkriecht sich, automatisch. Aber das nutzt nicht immer was.« Der damals Einundzwanzigjährige merkte, dass der Einzelne allein ohne Chance war: »Man ist in der Gruppe und in der Gemeinschaft dabei. Da kann man nicht einzeln weglaufen.«
Warum er in einem Krieg gegen Polen kämpfte, war Justus Habermann nur vage klar: »Grob gesagt wusste ich nur, dass wir durch den Versailler Vertrag sehr eingeengt waren und dass wir den Korridor zurückhaben wollten. Weiter habe ich nicht gedacht.« Heinrich Husmann dagegen wunderte sich, dass es überhaupt zu diesem Krieg gekommen war: »Hitler hat ja immer wieder gesagt, er kenne den Krieg,
Vom völkerrechtlichen Aspektsei schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg her war der Überfall auf Polen , ,,rr rr eindeutig ein Angriffskrieg.zurückgekommen - also waren alle davon überKarl-Heinz Frieser, Historikerzeugt, dass er keinen Krieg anfangen würde. Und
ich muss sagen: Im Polenfeldzug haben wir ange-
Die Polen waren kein ernst zu, r n rr r- -n r
nommen, dass die Polen in ihrem Größenwahnnehmender Gegner, wir waren
haushoch überlegen.sinn die Kriegsschuld hätten.« Seine Generation
Heinrich Husmann, Wehrmachtsoldat kannte kaum etwas anderes als die offizielle Propaganda des Dritten Reiches - und die hatte eine Welt der Ungerechtigkeiten und Bedrohungen beschworen, unter denen Deutschland angeblich zu leiden hatte. Horst Basemann war damals 17 und noch in der Lehre: »Sieben Jahre Hitlerjugend - die haben uns geprägt,


die haben uns blind gemacht.« Er begrüßte den Kriegsausbruch. »Wir haben uns gar nicht vorstellen können, dass uns die Parteiführung belügt - im Gegenteil: Wir waren ganz heiß, wir wollten schnell auslernen, wir wollten dabei sein.« Bei ihm verfing die Propagandalüge vom polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz: »Da waren wir natürlich empört, was die Polen sich rausnehmen«, so Basemann. Und gehörte Polen nicht zu den Nationen, die von der neuen Weltordnung als Folge des Ersten Weltkriegs profitierten? Jene Polen, die von vielen Deutschen so abgrundtief verachtet wurden? »Es gab ja nur negative Meinungen über Polen. Polnische Wirtschaft und so weiter und so fort. Dreckig und unmodern und hässlich. Alles, was unmodisch war, war polnisch, und wenn was dreckig war, das war auch polnisch«, erinnert sich der damals vierund- zwanzigjährige Luftwaffenleutnant Hermann Conrad an die Vorurteile jener Zeit. Viele fürchteten angesichts der raschen Erfolge in Polen, den Krieg zu verpassen - so auch der zwanzigjährige Offiziersanwärter Walter Heinlein: »Ich war begeistert. Gott sei Dank, jetzt geht es los. Ich wollte unbedingt auch noch was erleben.« Doch die jugendliche Kriegsbegeisterung übertrug sich nicht auf das gesamte Volk - Jubel, wie bei der Verkündung der Mobilmachung 1914, wollte sich nicht einstellen. Der
damals siebzehnjährige Abiturient Horst Kühne war beim Arbeitsdienst und hatte den Militärdienst noch vor sich. Er erinnert sich an die erste Reaktion in seiner Familie: »Großes Erschrecken. Großes Erschrecken, es legte sich wie ein Alb auf die Menschen. Wir hörten am Marktplatz in Bunzlau von den Lautsprechern Verhaltensregeln für den Luftschutz - und da war auf einmal ein böses Erschrecken.« Ein Gefühl der Beklemmung stellte sich ein, so Kühne. »Die Menschen dachten: Bisher hatte Hitler es immer geschafft - in Österreich und im Sudetenland war es ihm gelungen, das Ganze ohne Krieg zu beenden. Und diesmal hat er es nicht geschafft, diesmal hat er überreizt.«
Wir waren innerlich darauf vorbereitet, dass es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen würde. Aber wir empfanden keinerlei Begeisterung dafür, weil wir auch das ungeheure Risiko sahen. Bernd Freiherr Freytag von Loringhoven, Generalstabsoffizier
Hitler hatte sein Spiel keineswegs »überreizt« - im Gegenteil: Diesen Krieg hatte er ganz systematisch herbeigeführt. Und das wichtigste Instrument seiner Politik war von Anfang an die Wehrmacht gewesen. Ge
genüber den Militärführern hatte er nie ein Hehl aus seinen Absichten gemacht. Schon vier Tage nach seiner Machübernahme, am 3. Februar 1933, hatte er die oberste Generalität der Reichswehr in die Dienstwohnung des Chefs der Heeresleitung, General Kurt von HammersteinEquord, im Berliner Bendlerblock beordert. Auf dem Programm stand ein Abendessen mit dem neuen Reichskanzler: Dass er sich schon so kurz nach Amtsantritt an sie wandte, schmeichelte den Militärs. Dennoch verhielten sich die meisten Uniformträger reserviert und kühl, als Hitler eintraf - für die standesbewusste Militärelite war er immer noch der sprichwörtliche »böhmische Gefreite«, der erst seit Kurzem den Staatsmann markierte und sich dafür in einen Frack gezwängt hatte. Das Essen wurde rasch zur Nebensache, als Hitler sich anschickte, zum eigentlich wichtigen Programmpunkt des Abends überzugehen: Der Reichskanzler war gekommen, um den Militärs darzulegen, wie er sich eine gedeihliche Zusammenarbeit vorstellte. Der neue Reichskanzler nahm kein Blatt vor den Mund: Der »Aufbau der Wehrmacht« sei eines der Ziele - mit Wohlgefallen notierte einer der Anwesenden, Generalleutnant Liebmann, in Stichwörtern, was Hitler zu sagen hatte: »Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel, Kampf gegen Versailles.« Und schließlich: »Vielleicht Erkämpfung neuer Exportmöglichkeiten, vielleicht - wohl besser - Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rück-
»Beim Sprechen tritt starkersichtslose Germanisierung.« Wille und idealer Schwung , ,^^ r ^ ^ r rr ^ u ^ r
hervor, und man hat denLiebmanns Stichwortprotokoll ist Historikern
Eindruck eines Mannes, derseit Langem bekannt - das Papier gilt als Zeugnis
weiß, was er wi||, und derfür die frühe Liaison zwischen Nationalsozialis- entschlossen ist, seine Ideale
mit äußerster Energie in die Tatmus und wehrmacht. Doch General Liebmann
umzusetzen.«war nicht der Einzige, der sich an diesem Abend
Generalleutnant Liebmann überim Speisezimmer des Generals HammersteinHitler, 3. Februar 1933r- r ^T ^r arr
Equord Notizen machte. Anwesend waren neben
Dass diese Rede sofort nachden geladenen Offizieren auch Marie-Louise und
der Machtergreifung stattfand,Helga von Hammerstein, die Töchter des Gast- bei der ersten und besten
Gelegenheit, zeigt, wie wichtiggebers. Die beiden jungen Damen sollten, ganz
es Hitler war, die Reichswehroffiziell, die Rede stenografieren. Ihr vollständi-
für sich und seine Pläne zuges Stenoprotokoll, das vor einigen Jahren in ei- gewinnen.
Reinhard Müller, Historiker undnem Moskauer Archiv entdeckt wurde, offenbart
Entdecker der Geheimrede in Moskaudie ganze Tragweite der Brandrede, die Hitler an


diesem Abend im kleinen Kreis hielt. »Wie kann Deutschland nun gerettet werden?«, fragte er. Er bot den Generälen den nationalsozialistischen Unterdrückungsstaat als Wegbereiter zur geistigen Wehrhaftmachung des deutschen Volkes an: »Erst muss der Marxismus ausgerottet werden. Dann wird das Heer durch die Erziehungsarbeit meiner Bewegung ernsthaftes Rekrutenmaterial haben. . _ Ich setze mir eine Frist von sechs bis acht Jahren, um den Marxismus vollständig zu vernichten. Dann wird das Heer fähig sein, eine aktive Außenpolitik zu führen, und das Ziel der Ausweitung des Lebensraums des deutschen Volkes wird auch mit bewaffneter Hand erreicht werden.« Mit derartigen Ausführungen entlarvte sich Hitler schon drei Tage nach Amtsantritt - doch vieles, was die Militärs zu hören bekamen, lag ganz auf ihrer Linie. Geschickt wickelte der Kanzler seine Zuhörer mit Versprechungen ein: Die Armee werde eigenständig bleiben und zu alter Größe zurückfinden: »Wir werden der Armee zur Seite stehen und mit der Armee und für die Armee arbeiten. Die ruhmreiche deutsche Armee, in der noch derselbe Geist herrscht wie während ihrer Heldenzeit im Weltkrieg, wird selbstständig ihre Aufgaben erfüllen.«
Nun richte ich an Sie, meine lieben Herren Generäle, die Bitte, mit mir für das große Ziel zu kämpfen, mich zu verstehen und mich zwar nicht mit Waffen, aber moralisch zu unterstützen. Hitler, 3. Februar 1933
»Diese Zusammenkunft ist angesichts der Wende des 30. Januar von besonderer Wichtigkeit. Sie bewies die enge Verbundenheit der Politik der neuen Regierung mit den Aufgaben der Wehrmacht.« Völkischer Beobachter, 5./6. Februar 1933
Am 5. Februar titelte der Völkische Beobachter: »Die Armee Schulter an Schulter mit dem neuen Kanzler!« Das Reichswehrministerium gab - kaum weniger euphorisch - das Kompliment zurück: »Niemals war die Wehrmacht identischer mit den Aufgaben des Staates als heute«, verkündete der neu ernannte Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium, Oberst Walter von Reichenau. Er benutzte statt des Ausdrucks »Reichswehr« bereits die Bezeichnung »Wehrmacht«, die im dienstlichen Sprachgebrauch innerhalb des Heers schon seit Langem üblich war. Nur der Gastgeber, General Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord, in der Weimarer Republik wegen seiner Kontakte zu Gewerkschaftern auch als »der rote General« bezeichnet, war besorgt - ihm war klar, dass der Gast eine höchst beunruhigende Rede gehalten hatte. Schon in den Wochen zuvor hatte General von Hammerstein bei Hindenburg interveniert, um die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zu verhindern. Doch das war nicht gelungen, und


Hitlers Auftritt bei Hammerstein schien nun die schlimmsten Vorahnungen des Generals zu bestätigen. Hammerstein-Equord reichte noch im Jahr 1933 seinen Abschied ein. Mit diesem konsequenten Schritt war er die große Ausnahme unter den deutschen Generälen.
Das Treffen des neuen Reichskanzlers mit der Militärelite am 3. Februar 1933 bei Hammerstein-Equord war von einem Mann arrangiert worden, der das Verhältnis zwischen Hitler und der Wehrmacht wesentlich prägen sollte: General Werner von Blomberg. Der Pour-le-Merite-Träger war als Reichswehrminister in das neue Kabinett Hitlers eingetreten. Berufen in
dieses Amt hatte ihn Paul von Hindenburg, der damit demonstrieren wollte, dass er - der Reichspräsident - über die Armee verfügen konnte, nicht der zukünftige Reichskanzler Hitler. Und so hatte am 30. Januar 1933 Hinden- burg seinen Kandidaten Blomberg zwei Stunden vor Hitler vereidigt. Das Militär, dem sich der Ex-Feldmarschall Hindenburg innerlich stets zugehörig fühlte, bewahrte seine Eigenständigkeit - das war die Botschaft dieser


Geste. Selten aber verpuffte eine Machtdemonstration so wirkungslos wie diese. Denn Werner von Blomberg war ein Bewunderer Hitlers und hielt dessen politische Ziele für richtig und vernünftig. Schon am frühen Morgen des 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Hitler die Macht übertragen wurde, suchte von Blomberg das Gespräch mit dem designierten Reichskanzler, und man wurde sich schnell einig: Beide wollten die Aufstellung eines »Volksheeres«, eine »weit gespannte indus-
trielle Mobilmachung« und eine dominante Rolle einer modernen Luftwaffe, die sowohl Blomberg als auch Hitler als wichtigste Waffe zukünftiger Kriege erachteten. Damit erwies sich Blomberg als »neuzeitlich denkender« Offizier, der bereit war, sich gegen das traditionelle Denken der Generalität zu stemmen. Als »neuzeitlich« musste man wohl auch das eindeutige Bekenntnis des damals Fünfundfünfzigjährigen zum Nationalsozialismus bewerten - stolz trug er später an der Uniform das goldene Parteiabzeichen. Damit machte er sich
zum Außenseiter in der konservativen Militärkaste, die sich von den »pöbelhaften Methoden« der NS-Bewegung eher abgestoßen fühlte. In Generalskreisen wurde Blomberg schon bald als »Hitlerjunge Quex« verspottet - der gleichnamige Propagandafilm von 1933 erzählt die Geschichte eines Hitlerjungen, der für die NS-Bewegung sein Leben opfert.
Viele Generäle sahen in Hitler den braunen Revolutionär, einen aus der Gosse emporgestiegenen Volkstribunen, dessen vulgäres Auftreten sie ebenso abstieß wie seine unverhüllte Brutalität. Hitler hingegen äußerste sich sehr sarkastisch über die preußische Militäraristokratie, die er als reaktionär und als romantisch verhöhnte.
Karl-Heinz Frieser, Historiker
Hitler aber ahnte bei seinem Machtantritt: Von der Armee, vermeint lich ein Hort tugendhafter preußischer Tradition, hatte er wenig zu be fürchten. Von Blomberg war als Reichswehrminister auch der Oberbe fehlshaber über die Armee - und gleichzeitig sein treuer Gefolgsmann Professor Hans-Erich Volkmann vom Militärgeschichtlichen Forschungs amt Freiburg urteilt: »Unabhängig von der immer wieder aufflackernden Debatte über das Maß der ideologischen Affinitäten zur NSDAP hat die Wehrmachtführung entscheidend zur Festigung und Etablierung des NS- Staates in dessen instabilster Phase beigetragen. Ganz anders, als die bisherige Forschung dies verstanden hat, machte Blomberg bereits 1933 deutlich, dass der 30. Januar keinen normalen Regierungswechsel bedeutete, sondern synonym für die nationalsozialistische Revolution stand.« Blomberg handelte fortan nach dem Credo, das er im Juni 1933 in einem


»Jetzt ist das Unpolitischsein vorbei«: Reichswehrminister Werner von Blomberg galt als treuer Anhänger Hitlers engeren Kreis verkündete: »Jetzt ist das Unpolitischsein vorbei, und es bleibt nur eins: der nationalen Bewegung mit aller Hingabe zu dienen.« Das war nichts anderes als die Unterwerfung der Armee - Blomberg stellte sich und die Wehrmacht in den Dienst der Hitler'schen Politik.
Doch warum fiel diese Unterwerfung ihm und vielen anderen »unpolitischen« Offizieren so leicht? Die militärische Elite des Deutschen Reiches hatte eine prägende und einigende Erfahrung gemacht: Sie stand noch ganz und gar unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs - und der Niederlage. Und diese Niederlage hatten die meisten weder verstanden noch innerlich akzeptiert. Sie wussten, dass sie tapfer und geschickt gekämpft hatten - und konnten nicht begreifen, warum die Kapitulation dennoch unvermeidlich geworden war. Statt einzusehen, dass spätestens mit dem aktiven Eintritt der USA in das Kriegsgeschehen das Kräfteverhältnis eindeutig zugunsten der Alliierten verschoben worden war, klammerte sich die deutsche Offizierskaste seit 1918 an die »Dolchstoßlegende«: Das tapfere deutsche Heer sei im Felde ungeschlagen geblieben, an der Heimatfront aber hätten Sozialisten und Pazifisten den Wehrwillen des Volkes untergraben - diese absurde Fabel hatte General Erich Ludendorff in die Welt gesetzt. Er stand 1918 mit Hindenburg gemeinsam an der Spitze der Obersten Heeresleitung und hatte selbst für Friedensverhandlungen plädiert - aus der Erkenntnis handelnd, dass das Reich militärisch und materiell ausgeblutet war. Doch Ludendorffs Lüge wurde begierig aufgegriffen. Nicht zuletzt die konservativen Eliten des Kaiserreichs glaubten, so den Untergang des wilhelminischen Deutschland erklären zu können.
Den Militärs half die Verleugnung der historischen Fakten bei der Bewältigung eines schmerzhaften Prozesses, denn die Niederlage 1918 hatte für unzählige ehemalige Offiziere einen gesellschaftlichen Abstieg mit sich gebracht. Unter den Eliten des Kaiserreichs hatte die Offizierskaste an oberster Stelle gestanden und vielerlei Privilegien genossen. Die Armee war als »Schule der Nation« betrachtet worden, ihre Führer galten als treueste Diener des Kaisers.

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