Knochensplitter

Ein Alex-Delaware-Roman

von Jonathan Kellerman

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Weitere Artikelinformationen

»Mit Alex Delaware hat Jonathan Kellerman einen Meister der Vernehmung geschaffen.« Tobias Gohlis, Die Zeit
Der Fund einer Frauenleiche in den Sümpfen des Naturschutzgebiets von Angeles sorgt für helle Aufregung. Denn der anonyme Anrufer, der die Polizei informiert hat, kündigt noch mehr Leichenfunde an. Und tatsächlich entdecken Detective Milo Sturgis und sein Team weitere tote Frauen im Moor - allesamt aus dem Prostituiertenmilieu. Nur eine will so gar nicht ins Schema passen: Selena Bass war eine hoch talentierte Musikerin, die als Musikpädagogin für eine der reichsten Familien der Stadt arbeitete. Als Milo Sturgis und Alex Delaware Selenas Arbeitgeber befragen wollen, stellt sich jedoch heraus, dass die gesamte Familie wie vom Erdboden verschluckt ist ...
Der Psychologe Dr. Alex Delaware und sein Kollege Detective Milo Sturgis auf der Spur eines psychopathischen Mörders.

Produktdetails

Verkaufsrang: 293
ISBN-10: 3-641-04309-3
EAN: 9783641043094
Originaltitel: Bones
Erschienen: 23.06.2010
Verlag: Goldmann
Einband: EPUB
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 1
Seitenzahl: 448
Übersetzer: Georg Schmidt
Erschienen bei: Goldmann
Übersetzt von: Georg Schmidt
Spieldauer: 810 KB
Kapitel: 0
Medium: EPUB
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Jonathan Kellerman

Jonathan Kellerman ist ein bekannter und erfolgreicher amerikanischen Kriminalautor. Nach dem Studium tätig zunächst als Kinderpsychologe mit zahlreichen Fachveröffentlichungen, ebenso von Kinderbüchern. Ausgezeichnet u. a. mit dem »Edgar-Alan-Poe-Award«, Amerikas bedeutendstem Krimi-Preis. Der Autor lebt mit seiner Familie in L.A.

Georg Schmidt

Georg Schmidt ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Jena. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen vor allem zur Sozial- und Verfassungsgeschichte der Frühen Neuzeit vorgelegt.

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Da haben wir's, er war eine große Stütze der Gesellschaft!
Als er sich bei seinen Erziehungsberechtigten darüber lustig machen wollte, lachten sie jedoch nicht.
Auch nicht, als er ihnen erklärte, dass das Bürgerrechte wären und dass sie ihn nie und nimmer zu gemeinnütziger Arbeit außerhalb der Schule zwingen könnten. Weil das gegen die Verfassung verstoße. Höchste Zeit, die ACLU anzurufen, die Vereinigung zum Schutz der Bürgerrechte.
Daraufhin kniff Dad die Augen zusammen. Chance wandte sich an Mom, aber die hütete sich, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen.
»Die ACLU?« Dad räusperte sich rasselnd, als hätte er zu viele Zigarren geraucht. »Weil wir der ACLU eine beträchtliche Spende zukommen lassen?« Er atmete schwer. »Jedes Jahr, gottverdammt noch mal. Willst du das damit sagen?«
Chance antwortete nicht.
»Klasse, große Klasse. Willst du wirklich darauf hinaus? Tja, dann will ich dir mal was sagen: Du hast geschummelt. Basta. Um so was schert sich die ACLU einen Scheiß.«
»Deine Ausdrucksweise, Steve mischte sich Mom ein.
»Fang nicht damit an, Susan. Wir haben hier ein verdammt großes Problem, und anscheinend bin ich der Einzige, der es kapiert, verflucht noch mal.«
Mom kniff den Mund zusammen und zupfte an ihren Nägeln. Kehrte ihnen den Rücken zu und machte irgendwas mit dem Geschirr auf der Anrichte.
»Es ist sein Problem, Susan, nicht unsres, und solange er nicht dazu steht, können wir uns das Occidental - oder jedes andere halbwegs anständige College - abschminken, verflucht noch mal.«
»Ich steh doch dazu, Dad«, sagte Chance und bemühte sich, dabei wie eine ehrliche Haut zu wirken, wie Sarabeth das nannte. Lachend, während sie ihren BH aufhakte. Jeder kauft dir die ehrliche Haut ab, bis auf mich, Chancy. Ich weiß, dass du ein falscher Fuffziger bist.
Dad starrte ihn an.
»Hey«, sagte Chance, »erkenn wenigstens meine SichtKörper-Koordination an.«
Dad stieß einen Schwall Flüche aus und stapfte aus der Küche.
»Er wird drüber wegkommen«, sagte Mom, aber auch sie ging.
Chance wartete, um sicherzugehen, dass keiner von beiden zurückkam, bevor er lächelte.
Er fand sich toll, weil seine Sicht-Körper-Koordination klasse gewesen war.
Er hatte sein Razor auf Vibrieren eingestellt und in eine Seitentasche seiner weitesten Cargohose gesteckt, so dass das Handy auf einem Haufen Mist lag, den er vorher reingestopft hatte, um eine Art kleinen Tisch zu basteln.
Sarabeth, die drei Reihen weiter saß, simste ihm die Antworten für die Prüfung. Chance war ganz cool dabei, weil er wusste, dass Shapiro ein kurzsichtiger Penner war, der immer an seinem Pult sitzen blieb und nie irgendwas mitkriegte.
Wer konnte schon ahnen, dass Barclay reinkommen würde, um Shapiro irgendwas mitzuteilen, nach hinten schaute und sah, wie Chance in seine Tasche linste?
Die ganze Klasse machte es; sämtliche Taschen vibrierten. Jeder legte los, sobald die Prüfung anfing, weil Shapiro so ein ahnungsloser Penner war, das ganze Semester schon so gewesen war, und das Arschloch es nicht mal mitgekriegt hätte, wenn Paris Hilton nackt reinspaziert wäre und die Beine breit gemacht hätte.
Das macht doch jeder, ist keine Entschuldigung.
Rumley blickte auf seine große Nase runter und sprach mit belegter Stimme, wie bei einer Beerdigung. Dann sollte das hier auch eine sein, du Idiot, Mann, hätte Chance am liebsten gesagt.
Stattdessen saß er, zwischen seinen Eltern eingequetscht und mit gesenktem Kopf, in Rumleys Büro, versuchte zerknirscht zu wirken und dachte daran, wie Sarabeths Arsch im String aussah, während Rumley sich endlos über Ehre, Ethos und die Geschichte der Windward Academy ausließ, die, wenn sie denn wollte, die Zulassungsstelle am Occidental verständigen könnte. Was selbstverständlich schwerwiegende Folgen für seinen weiteren Bildungsweg haben könnte.
Daraufhin brach Mom in Tränen aus.
Dad saß bloß da, schaute wütend aus der Wäsche und machte keinerlei Anstalten, ihr ein Papiertaschentuch aus der Schachtel auf Rumleys Schreibtisch zu geben, so dass Rum- ley das übernehmen musste. Er stand auf, reichte Mom eines und warf Dad einen sauren Blick zu, weil er sich seinetwegen recken musste.
Rumley setzte sich wieder hin und laberte noch ein bisschen weiter.
Chance tat so, als hörte er zu, Mom schniefte, und Dad sah aus, als wollte er jemandem eine knallen. Als Rumley endlich fertig war, brachte Dad die »Spenden der Familie für Windward« zur Sprache, erwähnte Chances Leistungen in der Basketballmannschaft und verwies auf seine Zeit im Footballteam.
Zu guter Letzt einigten sich die Erwachsenen und setzten ein schmales, zufriedenes Lächeln auf. Chance kam sich vor wie eine Marionette, achtete aber darauf, dass er ernst dreinschaute (denn allzu froh zu wirken wäre gaanz schlecht gewesen).
Strafe Nummer eins: Er musste die Prüfung noch mal machen - Shapiro würde die Aufgaben extra für ihn zusammenstellen.
Strafe Nummer zwei: Kein Handy mehr in der Schule.
»Vielleicht hat dieses unselige Vorkommnis positive Auswirkungen, junger Mann«, sagte Rumley. »Wir haben über ein für die ganze Schule geltendes Verbot nachgedacht.«
Da habt ihr's, dachte Chance. Ich habe wieder mal nur euch einen Gefallen getan. Da wäre es doch bloß fair, wenn ihr mich nicht nur nicht bestraft, sondern dafür bezahlt - wie bei einer Art Beratervertrag.
So weit, so gut, einen Moment lang dachte Chance, er käme so leicht davon. Was jedoch folgte war:
Strafe Nummer drei: der Aufsatz. Chance konnte die Schreiberei nicht ausstehen, normalerweise kümmerte sich Sara- beth um seine Aufsätze, aber bei dem hier ging das nicht, weil er ihn in der Schule schreiben musste, in Rumleys Büro.
Trotzdem noch keine große Sache.
Dann kam Strafe Nummer vier. »Weil persönliche Verantwortung ein Teil des Ganzen sein muss, Master Brandt.«
Mom und Dad pflichteten bei. Die drei kamen ihm voll Al-Qaida-mäßig.
Chance tat so, als wäre er einverstanden.
Ja, Sir, ich muss für meine Verfehlung büßen und werde das auch bereitwillig und voller Eifer tun.
Ein paar hochschulreife Vokabeln einstreuen. Dad starrte ihn an, als wollte er sagen, wen willst du veräppeln, Mann, aber Mom und Rumley wirkten schwer beeindruckt.
Rumley bewegte den Mund.
Gemeinnützige Arbeit. Ach du Scheiße.
Und hier saß er jetzt, verflixt noch mal.
Saß bereits den elften von insgesamt dreißig Abenden, die sie ihm aufgebrummt hatten, im Büro von Rettet die Marsch. In einem beschissenen, kotzefarbenen kleinen Raum mit Bildern von Enten, Käfern und was auch immer an den Wänden. Schaute durch ein schmutziges Fenster mit Blick auf den Parkplatz, auf dem niemand außer ihm und Duboff parkte. In der Ecke stapelweise Autoaufkleber, die er jedem in die Hand drücken sollte, der reinkam.
Niemand kam rein, und Duboff überließ ihn sich selber, damit er loslaufen und untersuchen konnte, inwieweit es durch die globale Erwärmung den Enten an den Arsch ging, was Vögel ins Schleudern brachte, warum Käfer große Schwänze hatten oder was auch immer.
Dreißig verfluchte Abende wie dieser, die ihm die Sommerferien versauten.
Von fünf bis zehn Uhr abends, statt nach der Schule mit Sarabeth und seinen Freunden rumzuhängen. Und das alles bloß wegen einer gesellschaftlichen Norm, an die sich vier von fünf Leuten hielten.
Wenn das Telefon klingelte, achtete er meistens gar nicht darauf. Wenn er ranging, war immer irgendein Penner dran, der sich nach dem Weg zur Marsch erkundigte.
Geh auf die verfluchte Website, oder schau auf die Karte, du Pisser!
Er durfte keine Anrufe nach draußen führen, aber seit gestern klingelte er sich mit Sarabeth zum Handysex zusammen. Sie liebte ihn noch mehr, seit er sie bei Rumley nicht verpetzt hatte.
Er saß da. Trank einen Schluck aus seiner Dose Jolt, die inzwischen warm war. Betastete das Tütchen in seiner Hosentasche und dachte später.
Noch neunzehn Abende Hochsicherheitshaft, und allmählich kam er sich vor wie einer der Jungs von der Arischen Bruderschaft.
Noch zwei verflixte Wochen, bis er endlich frei war und seine Luther-King-Kiste machen konnte. Er warf einen Blick auf seine TAG Heuer. Neun Uhr vierundzwanzig. Noch sechsunddreißig Minuten, dann durfte er gehen.
Das Telefon klingelte.
Er achtete nicht darauf.
Es klingelte weiter, zehnmal.
Er ließ das Geklingel eines natürlichen Todes sterben.
Eine Minute später ging es wieder los, und er dachte, vielleicht sollte ich rangehen, falls es Rumley war, der ihn auf die Probe stellen wollte.
Er räusperte sich, machte einen auf ehrliche Haut und nahm ab. »Rettet die Marsch.«
Das Schweigen am anderen Ende brachte ihn zum Lächeln.
Einer seiner Freunde wollte ihn verulken, vermutlich Ethan. Oder Ben oder Jared.
»Mann«, sagte er. »Was ist los?«
Eine komische, irgendwie zischelnde Stimme sagte: »Los?« Komische Lache. »Mit was ganz Bestimmten ist jetzt nichts mehr los. Es ist in eurer Marsch verbuddelt.«
»Okay, Mann .«
»Halt's Maul, und hör zu.«
Bei der Ansprache wurde Chances Gesicht knallheiß, als ob er irgendeinen Penner von der gegnerischen Mannschaft klammheimlich faulte und dann voll auf unschuldig machte, wenn der Typ jaulte, dass man ihm die Eier gequetscht hätte.
»Leck mich, Mann«, sagte er.
Der Typ mit der zischelnden Stimme sagte: »Auf der Ostseite der Marsch. Schau nach, dann findest du's.«
»Als ob ich 'nen .«
»Tot«, sagte der Zischelnde. »Etwas Mucksmausetotes.« Lachen. »Mann.«
Der Typ legte auf, bevor Chance ihm sagen konnte, dass er sich die Sache sonst wohin .
»Hey, Mann, wie geht's, wie steht's?«, sagte jemand an der Tür.
Chances Gesicht glühte immer noch, aber er machte einen auf ehrliche Haut und wandte den Kopf.
Dort, unter der Tür, stand Duboff mit einem Rettet-die- Marsch-T-Shirt, Freakshorts, die zu viel dürre weiße Schenkel sehen ließen, Plastiksandalen und seinem dämlichen grauen Bart.
»Hey, Mr. Duboff«, sagte Chance.
»Hey, Mann.« Duboff reckte die Faust zum Gruß. »Hast du dir schon mal die Reiher angeschaut, seit du hier bist?«
»Noch nicht, Sir.«
»Das sind unglaubliche Tiere, Mann. Großartig. So eine Spannweite.« Er streckte die mageren Arme bis zum Anschlag aus.
Du hast mich offenbar mit jemand verwechselt, der so 'nen Scheiß geil findet.
Duboff kam näher, roch krass nach dem Öko-Deodorant, zu dem er auch Chance hatte überreden wollen. »Wie Flugsaurier, Mann. Meisterhafte Fischer.«
Chance hatte gedacht, ein Reiher wäre ein Fisch, bis Duboff ihn aufklärte.
Duboff schob sich näher zum Schreibtisch und zeigte seine krassen Zähne. »Die reichen Leute in Beverly Hills mögen es nicht, wenn die Reiher zur Atzzeit einschweben und ihre kostbaren Koi fressen. Koi sind was Unnatürliches. Mutationen, weil Menschen mit braunen Karpfen rumpfuschen und die DNA verhunzen, damit diese Farben rauskommen. Reiher sind die reine Natur, ausgezeichnete Räuber. Sie füttern ihre Jungen und sorgen wieder für ein natürliches Gleichgewicht. Scheiß auf diese Beverly Hillbillies, was?«
Chance lächelte.
Vielleicht war das Lächeln nicht breit genug, denn Duboff wirkte mit einem Mal nervös. »Du wohnst nicht hier, wenn ich mich recht entsinne, oder?«
»Nein, Sir.«
»Du wohnst in .«
»Brentwood.«
»In Brentwood«, sagte Duboff, als versuchte er dahinterzukommen, was das bedeutete. »Deine Eltern halten keine Koi, oder?«
»Nee. Wir haben nicht mal 'nen Hund.«
»Sehr gut«, sagte Duboff und tätschelte Chance die Schulter. »Bei dem ganzen Hundemist geht's bloß um Unterwürfigkeit. Die ganze Sache hat was von gesellschaftlich akzeptierter Sklaverei.«
Er ließ die Hand auf seiner Schulter. War der Typ schwul?
»Yeah«, sagte Chance und rückte ein Stück ab.
Duboff kratzte sich am Knie. Runzelte die Stirn und rub- belte eine rosige Beule. »Ich hab grade bei der Marsch vorbeigeschaut und nach Müll geguckt. Irgendwas muss mich gebissen haben.«
»Den kleinen Kerlen Futter spenden«, sagte Chance. »Das ist gut so, Sir.«
Duboff starrte ihn an und versuchte dahinterzukommen, ob Chance ihn verarschen wollte.
Aber Chance machte immer noch einen auf ehrliche Haut, worauf Duboff zu dem Schluss kam, dass Chance in Ordnung war, und lächelte. »Vermutlich hast du recht Jedenfalls hab ich gedacht, ich schau mal vorbei und seh nach, wie's dir so geht, bevor dein Dienst vorbei ist.«
»Mir geht's gut, Sir.«
»Okay, ich schau später noch mal vorbei, Mann.«
»Äh, Sir, es ist sozusagen kurz vor Schluss.«
Duboff lächelte. »So ist es. Um zehn kannst du abschließen. Ich komm später noch mal vorbei.« Auf dem Weg zur Tür blieb er stehen und blickte zurück. »Was du da machst, ist eine ehrenwerte Sache, Chance. Egal unter welchen Umständen.«
»Absolut, Sir.«
»Nenn mich Sil.«
»Wird gemacht, Sil.«
»Irgendwas, über das ich Bescheid wissen sollte?«, sagte Duboff.
»Was denn zum Beispiel, Sir?«
»Anrufe, Nachrichten?«
Chance grinste und zeigte seine ebenmäßigen weißen Beißer, die er den fünf Jahren bei Dr. Wasserman zu verdanken hatte.
»Nein, Sil«, sagte er im Brustton der Überzeugung.
Bob Hernandez brauchte das Geld.
Nichts als Geld zog ihn so früh hierher. Um fünf Uhr morgens war das Pacific Public Storage eine dunstverhangene Klitsche - wie einer dieser Orte, an denen Filme über Serienmörder und Drogenschießereien gedreht werden. Rund um die Uhr offen, aber der Großteil der Birnen, die die Gänge zwischen den Einheiten ausleuchten sollten, war aus, und der Auktionator musste mit Taschenlampe arbeiten.
Um diese Zeit war bis auf den Asiaten niemand richtig wach. Eine lausige Beteiligung, verglichen mit den anderen Auktionen, bei denen Bob gewesen war. Nur er, vier andere Leute und der Auktionator, ein weißhaariger Typ namens Pete in Anzug und Schlips. Der Anzug war billig, und der Schlips brauchte Viagra. Der Typ erinnerte Bob an einen dieser schäbigen Anwälte, die beim Gerichtsgebäude in Downtown rumhingen und darauf warteten, dass ihnen ein Fall zugeteilt wurde.
Juristen in L. A., aber mit L^.A^. Law hatte das nicht das Geringste zu tun. Mit Boston Legal ebenso wenig.
Bob wäre gern mal an so eine gut aussehende Anwältin wie in diesen Sendungen geraten, die ganz scharf darauf war, ihn zu verteidigen. Und auch noch auf andere Sachen, nachdem sie ihm den Arsch gerettet hatte und sie beide .
Stattdessen bekam er Mason Soto vom Amt für Pflichtverteidiger, einen Typen, der in Berkeley gewesen war und das gleich dreimal in ihr erstes Gespräch hatte einfließen lassen. Versuchte sich bei ihm einzuschmeicheln, als ob sie Nachbarjungs wären, redete über Einwanderung. La Raza.
Mason Soto war in San Francisco aufgewachsen und fand, dass das Land seine Grenzen für alle öffnen sollte. Bob war in West Covina als Sohn eines ehemaligen Marineinfanteristen und Feuerwehrmannes aufgezogen worden, eines mexikanischen Amerikaners in der dritten Generation, und einer Polizeifunkerin (ihres Zeichens schwedische Amerikanerin in der vierten Generation). Seine beiden Brüder waren Polizisten, und die ganze Familie, Bob eingeschlossen, war der Meinung, dass sich die Leute an die Regeln halten sollten und jeder, der das nicht machte, mit einem Arschtritt rausfliegen sollte.
»Ich verstehe Sie«, erklärte Bob und hoffte, dass Soto sich deswegen besondere Mühe geben und ihm sämtliche Strafbefehle wegen Verkehrsdelikten und Nichterscheinens vor Gericht vom Hals schaffen würde.
Soto gähnte während der ganzen Verhandlung, und Bob bekam eine schwere Geldbuße und zehn Tage im Bezirksgefängnis aufgebrummt, die auf fünf verkürzt und dann wegen Überbelegung auf einen Aufenthalt über Nacht reduziert wurden, aber Mann, ein Tag in dem Höllenloch reichte.
Die Geldbuße war das längerfristigere Problem. Dreitausendfünfhundert Kröten musste er innerhalb von sechzig Tagen beibringen, aber er hatte keinen der Jobs als Landschaftsgärtner bekommen. Und mit der Miete war er auch schon im Rückstand. Von dem Unterhalt für die Kinder gar nicht zu sprechen. Wenn Kathy ihm Ärger machen wollte, war er angeschissen.
Er vermisste die Kinder, die bei Kathys Leuten in Houston lebten.
Ehrlich gesagt vermisste er auch Kathy.
Aber er war selbst schuld. Diese Rumvögelei mit Frauen, an denen ihm nicht mal was lag - er begriff immer noch nicht, warum er es weiter machte.
Er hatte sich fünfhundert Dollar von seiner Mutter geborgt und ihr weisgemacht, dass die für die Geldbuße wären.
Aber die Stadt wollte sich nicht auf Ratenzahlung einlassen. Er brauchte also dringend irgendein Einkommen, damit er seine Miete und das Bußgeld begleichen konnte.
Gestern hatte die Baumumsetzungsfirma in Saugus zurückgerufen, ihm gesagt, dass er vorbeikommen und Formulare ausfüllen sollte. Vielleicht klappte ja das.
Unterdessen tat er, was er konnte: Um vier Uhr aufstehen und zusehen, dass er rechtzeitig von Alhambra nach Playa Del Rey fuhr und bei dem Lagerhaus war, wenn es aufmachte.
Er hatte vor ein paar Monaten im Internet über die Versteigerungen von zurückgelassenen Habseligkeiten gelesen, die Sache aber wieder vergessen, bis man ihm die Geldbuße aufbrummte. Da er nicht so blöde war zu glauben, dass er an einen der Schätze kommen würde, über die in der Zeitung stand - eine Baseballkarte von Honus Wagner oder ein seltenes Gemälde -, setzte er seine ganze Hoffnung auf eBay.
Weil die Leute bei eBay alles kauften. Bei eBay konnte man sogar eine Stuhlprobe verkaufen.
Bislang hatte er an vier Auktionen teilgenommen und war bis nach Goleta gefahren - was sich als totale Pleite erwiesen hatte. Aber ganz in der Nähe seines Wohnsitzes war er dann auf Gold gestoßen - Silber genau genommen:
In einem Lagerhaus in Pasadena, einem zwei mal zwei Meter großen Raum voller hoch aufgetürmter, ordentlich zugeklebter Kartons. Der Großteil enthielt, wie sich herausstellte, alte, vergammelte Klamotten, die in einer Kleider- spendenbox landeten, aber auch ein paar löchrige Jeans und ein Bündel Rockkonzert-T-Shirts aus den achtziger Jahren waren dabei, die bei eBay ziemlich gut weggingen.
Dazu der Beutel. Ein kleiner blauer Crown Royal mit Zugband, der voller Münzen war, darunter Fünfcentstücke mit Bisonkopf und ein paar Silberdollar. Bob brachte alle zu einem Münzhändler in Santa Monica und ging mit zweihundertzwanzig Kröten weg, was ein fantastischer Profit war, wenn man bedachte, dass er für den gesamten Inhalt nur fünfundsechzig geboten hatte.
Er überlegte, ob er seiner Mutter etwas von ihrem Geld zurückgeben sollte, beschloss aber zu warten, bis alle Schulden beglichen waren.
Er musste gähnen, und einen Moment lang verschwamm ihm alles vor den Augen. Pete, der Auktionator, hustete, dann sagte er: »Okay, nächste Einheit: vierzehn fünfundfünfzig«, worauf sich alle durch den schummrigen, tunnelartigen Gang zu einer der mit Vorhängeschlössern versehenen Türen schleppten, die die Betonblockwände säumten.
Schundige Türen, schundige Schlösser. Bob hätte jede davon eintreten können. Das Lagerhaus kassierte für jeden Raum zweihundert Dollar im Monat - so was nannte man Abzocke.
»Vierzehn fünfundfünfzig«, wiederholte Pete unnötigerweise. Er rieb sich die Schnapsnase und fummelte mit einem Schlüsselbund herum.
Die anderen Bieter bemühten sich nach Kräften darum, desinteressiert zu wirken. Zwei davon waren stämmige alte Frauen mit geflochtenem Haar, die wie Schwestern aussahen, möglicherweise waren sie sogar Zwillinge. Sie hatten für achtundvierzig Dollar einen verschlossenen Überseekoffer bekommen. Hinter ihnen stand ein großer, dürrer Heavy-Metal-Typ mit einem T-Shirt von AC/DC, Kunstlederhose, Motorradstiefeln und von dicken Adern durchzogenen Armen, an denen mehr blaue Tattoos als weiße Haut zu sehen waren. Er hatte gerade die letzten beiden Lose gewonnen: einen Raum voller schmutziger, größtenteils eselsohriger Taschenbücher für hundertfünfzig und etwas, das wie rostiger Schrott aussah, für dreißig.
Der letzte Teilnehmer war der Asiate, Mitte dreißig, sportlich wirkend, in einem makellosen königsblauen Polohemd, gebügelter schwarzer Hose und schwarzen Slippern, die er ohne Socken trug. Bislang hatte er noch kein einziges Gebot abgegeben. Der Typ war frisch rasiert, trug Aftershave und sah schick aus in dem BMW-Kabrio, mit dem er vorgefahren war. Bob fragte sich, ob er eine Art Kunsthändler war, der ein Näschen hatte.
Man sollte ihn im Auge behalten.
Pete fand den Schlüssel zu 1455, löste das Schloss und öffnete die Tür.
»Zurückbleiben, Leute, Privatbesitz«, sagte er. Sagte jedes Mal das Gleiche.
Aufgrund eines merkwürdigen Staatsgesetzes gehörte herrenloses Gut so lange dem Besitzer, bis es verkauft war. Das hieß, dass man weder hingehen noch etwas anfassen durfte, bis man es gekauft hatte. Dann verpufften die Rechte des Eigentümers wie ein leichter Furz.
Bob hatte die Justiz nie verstanden. Wenn Anwälte mit ihm redeten, hätten sie genauso gut Marsianisch sprechen können.
Pete ließ den Strahl seiner Taschenlampe über den Inhalt des zellenartigen Raumes wandern. Bob hatte gehört, dass Leute provisorische Stromkabel zogen und in Lagerräumen unterkrochen, aber er glaubte das nicht so recht. Dabei würde man ja irre werden.
»Okay«, sagte Pete. »Fangen wir mit den Geboten an.«
Der Asiate sagte: »Könnten Sie bitte noch einmal reinleuchten.«
Pete runzelte die Stirn, gehorchte aber. Der Raum war größtenteils leer, bis auf einen halben Fahrradrahmen und zwei schwarze Müllsäcke.
Pete hustete erneut. »Haben Sie alles gesehen?«
Der Asiate nickte und kehrte dem Raum den Rücken zu. Vielleicht bluffte er und wollte im letzten Moment in die Auktion einsteigen. Oder er wollte das Zeug wirklich nicht.
Bob sah keinen Sinn darin, für das Zeug hier zu bieten. Bislang hatte er festgestellt, dass Müllsäcke meistens Müll enthielten. Aber er brauchte irgendwas für eBay, wenn also niemand bot und es halbwegs billig wegging .
»Lassen Sie ein Gebot hören«, sagte Pete und fügte, ohne zu warten, hinzu: »Fünfzig, höre ich fünfzig, fünfzig Dollar, fünfzig, fünfzig Dollar.«
Schweigen.
»Vierzig, vierzig Dollar, ein Schnäppchen für vierzig Dollar, das Metall vom Fahrrad ist vierzig Dollar wert.« Er zog seine Leier durch, aber ohne große Begeisterung. Bislang belief sich seine Provision noch nicht mal auf ein anständiges Taschengeld.
»Vierzig? Nichts auf vierzig? Höre ich fünfunddreißig
Ohne sich umzudrehen sagte der Asiate: »Zwanzig«, und Bob meinte an seinem Tonfall irgendwas wahrzunehmen. Nicht durchtrieben, eher - berechnend.
Da er sich dachte, dass das Metall vom Fahrrad etwas wert war - allein die Pedale könnten für jemanden, der Pedale brauchte, wertvoll sein -, sagte Bob: »Fünfundzwanzig.«
Schweigen.
Pete sagte: »Fünfundzwanzig, höre ich dreißig, lassen Sie dreißig hören, dreißig Dollar .«
»Klar«, sagte der Asiate. Achselzuckend, als wäre es ihm völlig egal.
Bob wartete, bis Pete seine Leier noch ein bisschen runterbetete, dann stieg er mit fünfunddreißig ein.
Der Asiate drehte sich halb um. »Vierzig.«
»Fünfundvierzig«, sagte Bob.
Die alten Frauen wirkten allmählich interessiert. Oha.
Aber sie standen bloß da.
Der Schwermetaller schob sich näher an den offenen Raum. »Fünfzig«, flüsterte er.
»Sechzig«, sagte der Asiate.
Die Leute in dem Gang wurden wachsamer, angespannter, als hätten sie starken Kaffee getrunken, der allmählich wirkte.
Der Asiate holte einen Blackberry heraus, warf einen Blick auf den Bildschirm, schaltete ihn ab.
Vielleicht war das Fahrrad superselten, und selbst der halbe Rahmen brachte schwer Kohle. Bob hatte von alten Schwinns gehört - wie das, das er abgestoßen hatte, als er sechzehn wurde und seinen Führerschein bekam -, die für wahnsinnig viel Geld weggingen.
»Fünfundsechzig«, sagte der Schwermetaller.
Der Asiate zögerte.
»Siebzig«, sagte Bob.
»Fünfundsiebzig«, sagte der Asiate.
»Achtzig«, rief jemand, der unheimlich nach Bob klang.
Alle starrten ihn an.
Der Asiate zuckte die Achseln.
Pete schaute zum Schwermetaller, der bereits weggegangen war und ein Tattoo knetete.
»Achtzig Dollar für diesen Hort«, sagte Pete. »Höre ich fünfundachtzig? Fünfundachtzig Dollar, für fünfundachtzig immer noch ein Schnäppchen.«
Der Form halber machte er weiter, drängte nicht. »Zum Ersten, zum Zweiten Achtzig sind es.«
Er schlug mit dem kleinen Plastikhammer auf sein Klemmbrett. Kritzelte etwas auf seinen Zettel und sagte zu Bob: »Sie sind der glückliche Gewinner des Horts. Achtzig Dollar, bar auf den Tisch.«
Er streckte eine fleckige Hand aus.
Alle lächelten. Als hätte jemand einen Insiderwitz erzählt, der auf Bob gemünzt war. Er hatte ein kaltes, suppiges Gefühl im Bauch.
»Bar, Sir«, sagte Pete.
Bob griff in seine Hosentasche.
Später, als er draußen auf dem Parkplatz seine Säcke und das halbe Fahrrad auf seinen Pickup lud, fing er den Asiaten ab, bevor dieser in seinen BMW stieg.
»Machen Sie das oft?«
»Ich?« Der Typ lächelte freundlich. »War das erste Mal. Ich bin Anästhesiologe, muss um sechs im Marina Mercy sein und dachte, es hilft mir beim Aufwachen. Und irgendwie hat es das auch.«
»Weshalb haben Sie für vierzehn fünfundfünfzig geboten?«
Der Typ wirkte überrascht. »Das wollte ich Sie auch fragen.«
Fliegen summten um die Yuccapflanzen vor seinem Apartmentgebäude, und eine grausame Sonne knallte durch die staubigen Fenster, als Bob um sieben nach Hause kam und die Müllsäcke auf dem Boden seines schmuddligen kleinen Wohnzimmers ablud.
Er wollte vor der ersten Bloody Mary des Tages ein bisschen schlafen, dann seine Beute durchgehen und anschließend die Baumschule in Saugus anrufen.
Er warf sich aufs Bett, immer noch in den staubigen Auktionsklamotten. Schloss die Augen.
Dachte an Kathy. Seine Geldbuße. An das, was seine Brüder hinter seinem Rücken gesagt hatten.
Stand auf, holte ein Küchenmesser und schlitzte den ersten Müllsack auf.
Spielekartons waren drin - Monopoly, Scrabble, Risiko.

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