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Taschenbuch (476 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Als Richard Jury die schne, schweigsame Frau zum ersten Mal sieht, erscheint sie ihm wie eine tragische Kniginnen-Gestalt aus einem Shakespeare-Drama. Am selben Abend erschiet die Unbekannte in der Lounge eines vornehmen Country Hotels vor Jurys Augen ihren Mann. Der Fall scheint klar, jedenfalls fr die rtliche Polizei. Doch Superintendent Jury macht sich auf die Suche nach dem Motiv und findet bald heraus, dass der Tote nicht der Ehrenmann war, den alle Welt in ihm sah Auch dies ist wieder ein perfekter Roman New York Sunday Daily News Kiloweise Action! Welt am Sonntag
Pressestimmen:
Auch dies ist wieder ein perfekter Roman! New York Sunday Daily News
| Verkaufsrang: | 11.958 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-46703-9 |
| EAN: | 9783442467037 |
| Originaltitel: | The Old Silent |
| Erschienen: | 07.04.2008 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 476 |
| Länge/Breite: | 191mm/121mm |
| Gewicht: | 389 g |
| Übersetzer: | Dorothee Asendorf |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Martha Grimes wurde in Pittsburgh geboren und studierte an der University of Maryland. Sie unterrichtete lange Zeit kreatives Schreiben an der Johns-Hopkins-University und lebt heute abwechselnd in Washington, D.C., und in Santa Fe, New Mexico.
von Sabine Schultze, am 29.07.2010
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von Kerstin Hirth, am 06.07.2010
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Erster Teil
Leb wohl und bleib kalt
Er hatte sie heute schon einmal gesehen, im Museum hinter dem Pfarrhaus. Mittlerweile war es zehn Uhr abends, und da fr ihn festgestanden hatte, dass sich ihre Wege nie wieder kreuzen wrden, konnte Jury nicht anders, er musste immer wieder ber den Rand der Lokalzeitung schielen und sich vergewissern, ob sie nicht wenigstens jetzt merkte, dass sie beobachtet wurde.
Aber nein. Sie sa in die Kissen des Stuhls am Kamin gelehnt, neben sich auf dem Tisch ein kaum angerhrtes Glas Brandy, das sie mitsamt ihrer Umgebung vergessen zu haben schien. Eine ganze Weile hatte ihre Aufmerksamkeit einer schwarzen Katze gegolten (die ihr an diesem Tag den ersten Anflug eines Lchelns entlockt hatte, jedenfalls so weit Jury das beurteilen konnte). Die Katze hatte den besten Sitzplatz im ganzen Gasthaus mit Beschlag belegt, nmlich einen hohen ledernen Lehnstuhl. Die blinzelnden gelben Augen der Katze und ihr besitzergreifendes Gebaren schienen zu besagen: Gste kommen und gehen, ich aber bleibe. Sie hatte Rechte.
Die Frau jedoch erweckte den Eindruck, als htte sie keine. Trotz der erlesenen, mageschneiderten Kleidung, des Saphirrings mit Karreeschliff und der perfekt geschnittenen Kurzhaarfrisur hatte sie schon vorhin diesen Eindruck auf ihn gemacht - als habe sie ihrer Position entsagt, sich aller Rechte und Privilegien begeben.
Eine Einbildung, und eine abwegige obendrein, zusammengestoppelt aus ein paar flchtigen Eindrcken. Fehlte nicht viel, und er dichtete ihr die tragische Geschichte einer zur Abdankung gezwungenen Knigin an.
Jury versuchte, sich wieder auf sein Yorkshire-Bitter und die fesselnde Reportage ber die Schafversteigerung und die Wohlttigkeitsveranstaltung zugunsten des Bronte-Museums zu konzentrieren.
Ausgerechnet in diesem Museum hatte er sie vorhin zum ersten Mal gesehen, als sie sich ber einen der Schauksten beugte, in denen die Manuskripte verwahrt wurden. Touristisch gesehen war Nebensaison, ein frostiger Tag nach Neujahr.
Auer ihnen waren noch eine schlampig gekleidete Frau, der dazugehrige Mann mit gelichtetem Haar und zwei kleine Kinder im Raum, allesamt dick eingemummt. Das Mdchen und der Junge glichen mit ihren dicken Mnteln und Schals den Teddybren, die sie im Arm hatten. Die Mutter mit ihren Jeans und dem ausgeleierten Pullover wirkte abgespannt, so als htte sie gerade die Wsche einer ganzen Woche gewaschen; der Vater, dem der Fotoapparat von der Schulter baumelte, versuchte, Emily Brontes Gedicht vom gefangenen Vogel laut vorzulesen, aber vergebliche Liebesmh, die Kleinen quengelten. Sie hatten wohl genug von verstaubten Manuskripten, dsteren Portrts, dem Geruch von altem Leder und Bienenwachs und strebten sonnigeren und kstlicher duftenden Gefilden zu, einer der Teestuben am Ort nmlich. Offenbar gehrte es zu den Familienritualen, dass sie nach Museumsbesuchen >Schoko und Kekse< spendiert bekamen, denn das intonierten die beiden einstimmig und in einem fort. Schokoundkekseschokoundkekseschokoundkekse. Ihr beschwrender Singsang wurde immer lauter, und demnchst wrde es Gebrll und Trnen geben. Die Mutter blickte sich peinlich berhrt um, und der Vater unternahm erfolglose Beschwichtigungsversuche.
Anscheinend bewirkte das Quengeln und Betteln der Kleinen, dass die Frau im Kaschmirmantel ihre Umgebung pltzlich wahrnahm; wie jemand, der in einem fremden Zimmer aufwacht, in das er nur aus Versehen geraten ist und das eine vage Gefahr zu bergen scheint. Ja, ihre Miene glich irgendwie der von Branwell Bronte auf dem anrhrenden Selbstbildnis, wo er sich seine eigene Sterbeszene ausmalt. Sie wirkte schmerzerfllt.
Dann schob sie den Riemen ihrer Schultertasche hher und ging langsam ins Nebenzimmer. Jury sprte, dass ihr die Bronte-Relikte genauso gleichgltig waren wie den Teddybr-Kindern. Sie beugte sich ber eine Vitrine, schob das goldbraune Haar zurck, das ihr ins Gesicht gefallen war, so als versperrte es ihr den Blick auf Charlottes schmale Stiefeletten, die winzigen Handschuhe und die Nachtmtze. Aber ihr Blick huschte nur flchtig darber hin, whrend ihre Hand geistesabwesend ber die Holzkante des Kastens fuhr.
Jury musterte die Tr einer alten Kirchenbank, die bei der Zerstrung der Kirche vom Gesthl brig geblieben war. Die Aufschrift darauf besagte, dass eine gewisse Lady vom Crook-Haus als erste in der Bank hatte sitzen drfen. Sieh an, damals hatte man offenbar abwechselnd gesessen.
Wie sie so langsam den Schautisch in Charlottes Zimmer umrundete, mochte das auf ein weniger geschultes Auge als das seine wirken, als sei sie gnzlich in die Schaustcke vertieft. Doch weit gefehlt. Ihre ausdrucksvollen klugen Augen schweiften zwar hierhin und dorthin, zeugten jedoch von Teilnahmslosigkeit und schienen nach etwas anderem Ausschau zu halten. Oder nach jemand anderem. Es schien, als habe sie nichts Besseres zu tun, als schlage sie die Zeit tot.
Ja, genau das war es: Die geistesabwesende Miene und die Art, wie sie immer wieder rasch ein wenig den Kopf drehte, machten deutlich, dass sie lauschte und wartete, als habe sie eigentlich eine Verabredung gehabt.
Ihn hatte sie mit Sicherheit nicht wahrgenommen; ihr Blick hatte sein Gesicht gestreift, als gehrte er zum Bronte-Inventar, zu den Portrts oder Bronzebsten. Selbst wenn er ihr fnf Minuten frher vorgestellt worden wre, sie htte ihn vermutlich kaum wieder erkannt. Nur vor einem Schaukasten blieb sie lnger stehen und schien wirklich hinzusehen, nmlich vor einigen Darstellungen von Angria und Gondal, den von den Geschwistern erfundenen Fantasiereichen.
Dann drehte sie sich um und ging zur Treppe.
Na schn, er hatte sowieso gerade gehen wollen (redete Jury sich ein), also folgte er ihr. An der Treppe blieb er stehen und betrachtete das berhmte Portrt der Schwestern, das der Bruder von ihnen gemalt hatte. Immer noch war die einst ausgemalte Stelle, wo sich Branwell aus dem Bild herausgenommen hatte, als verschwommener Umriss zu sehen.
Auch Familie Teddybr war gegangen und strebte ber die schmale Strae der Teestube zu, und die Kinder schafften es irgendwie auszuschwrmen, als wren sie zehn statt zwei.
Anfangs dachte er, die Frau wolle vielleicht auch eine Tasse Tee trinken, doch sie stand einfach am Bordstein und zgerte, als wollte sie in London ber einen Zebrastreifen gehen. Auf der Kuppe dieses Hgels, den die Bronte-Wallfahrer erklimmen mussten, gab es so gut wie keinen Verkehr, abgesehen von einem Taxi, das beim Fremdenverkehrsamt wartete, und einem Jungen, der ein stures Brauereipferd mit Scheuklappen zum Weitergehen antrieb.
Ein kalter Wind mit einem Vorgeschmack von Regen fegte ber das Kopfsteinpflaster, und die Frau schlug den Mantelkragen hoch, sodass ihr Haar darin verschwand. Dann vergrub sie die Hnde in den Taschen und ging die Strae entlang. Womglich strebte sie der verlockenden Heimeligkeit des wei getnchten Hotels an der Ecke zu, vielleicht (so hoffte Jury, denn er konnte einen Schluck gebrauchen) zum Salon dort, nicht zum ffentlichen Ausschank. Doch sie ging an dem Hotel vorbei und blieb stattdessen vor einem schmalen Haus stehen. Spielzeugmuseum stand daran. Sie trat ein.
Jury betrachtete die Fassade und dann das dmmrige Innere, wo sie eine Eintrittskarte lste. Allmhlich kam er sich nicht nur albern, sondern wie ein Voyeur vor. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr war er keinem gutaussehenden weiblichen Wesen mehr nachgelaufen, auer wenn ein Fall, den er bearbeitete, es erforderlich machte, und auch das war schon einige Jahre her, denn diese Art Laufarbeit machten jetzt andere fr ihn.
Die kleine Diele, eher ein Vorraum, quoll ber von winzigem Spielzeug - Kreisel, Holzfiguren, Sigkeiten und Souvenirs drngten sich auf den Regalen. Hinter dem Verkaufstisch hockten ein freundlicher junger Mann in einem Dallas-Cowboys-Sweatshirt und eine junge Frau, die anscheinend alle Hoffnung hatte fahren lassen; sie hnelten - er mit seiner frhlichen und sie mit ihrer traurigen Miene - der Doppelmaske von Komdie und Tragdie. Das Mdchen konnte es einfach nicht fassen, dass schon wieder jemand, der lter war als zehn, fnfzig Pence fr den Eintritt springen lie und sich das ausgestellte Spielzeug ansehen wollte. Der Mann lchelte beifllig, weil ein Erwachsener noch seinen Spa daran hatte. Jury erwiderte das Lcheln und reichte ihm das Geld fr den Eintritt.
In diesem Augenblick kam ein bleichgesichtiger Junge mit strohiger Igelfrisur aus einem der inneren Rume in den Vorraum; er runzelte die Stirn, als htte er sein Geld fr nichts und wieder nichts ausgegeben. Die junge Frau erbarmte sich; sie merkte, dass etwas nicht stimmte, und erklrte dem Jungen, er solle zurckgehen und den Knopf drcken. Jury wurde von ihr in hnlicher Weise unterwiesen, fr den Fall, dass auch er zu beschrnkt war, um die elektrische Eisenbahn in Gang zu bekommen. Und die funktionierte nun einmal nicht, wenn man nicht den Knopf drckte.
Er bedankte sich und folgte dem Jungen ins Museum.
Sie stand am Ende des schmalen Ganges zwischen den von der Decke bis zum Boden verglasten Schrnken, die vollgestopft waren mit berbleibseln aus der Kindheit: Stoffpuppen und Porzellanpuppen; aufwendigen Puppenhusern; mechanischem Spielzeug und Holzspielzeug.
Er fragte sich, ob der Junge, der ganz hinten neben ihr vor der aufgebauten Eisenbahn stand, das alles wirklich zu wrdigen wusste. In gewisser Weise war es ein Museum fr Erwachsene. Jury betrachtete die Nachbildung eines Wolkenkratzers aus Stabilbausteinen, und da fiel ihm wieder ein, wie sehr er sich einmal einen solchen Baukasten gewnscht hatte. An der Wand gegenber stand ein Puppenhaus, so ausgeklgelt, wie er es noch nie gesehen hatte. Nach vier Seiten hatte es mblierte Zimmerchen; vermutlich war es so konstruiert, dass es sich auf einem mechanischen Rad drehte. Es gab sogar ein Billardzimmer, einen grnen Billardtisch mit zwei Spielern. Einer davon hielt sein Queue, whrend der andere sich ber den Tisch beugte.
Und whrend er diesen Katalog einer Kindheit betrachtete, drang von ferne das leise Summen der Zge in sein Bewusstsein. Der flachshaarige Junge hatte den Mechanismus in Gang gesetzt.
Sie kehrten ihm den Rcken zu, der Junge und die Frau im Kaschmirmantel, standen dort nebeneinander. Htte der Bengel nicht dringend ein heies Bad bentigt, wohingegen sie teuer aufgemacht war, man htte sie fr Mutter und Sohn halten knnen, blass und blond wie sie waren. Die Zge fuhren rundherum, und die beiden standen da in einer Art kameradschaftlichem Schweigen und sahen ihnen zu. Anscheinend bekam es der Junge als erster satt; er kam durch den Gang zurck, drngelte sich an Jury vorbei und trollte sich, noch immer mit gekruselter Stirn, als stammten die Zge, die winzigen Zubehrteile und Miniaturgebude und vielleicht auch die Spielzeugmenschen und -tiere fr ihn aus der Mottenkiste.
Sie jedoch blieb stehen und drckte noch einmal den Knopf, der die Eisenbahn wieder in Gang setzte. Er konnte nur ihren Rcken und im Glas einen ganz schwachen Abglanz ihres Gesichtes sehen.
Dann machte sie eine eigenartige Geste. Sie hob die behandschuhte Hand, legte sie mit gespreizten Fingern aufs Glas und lehnte die Stirn dagegen.
Es war, als betrachte sie etwas, das sie einst so hei begehrt hatte wie er den Stabilbaukasten.
Auf einmal schmte sich Jury zutiefst, kam sich vor wie ein Strenfried, wie ein Eindringling in ihre Privatsphre. Er verlie das Spielzeugmuseum, sprte, dass er sie freigeben musste.
Sie freigeben: Lieber Himmel, wie eigentmlich besitzergreifend, wenn man bedachte, dass er sie gar nicht weiter kannte und kein einziges Wort mit ihr gewechselt hatte. In Wirklichkeit nicht einmal einen Blick, abgesehen von dem, der ihn flchtig gestreift, ihn wahrscheinlich aber nicht registriert hatte.
Und er zerpflckte das Ganze in seiner Fantasie wie ein pubertierender Jngling, kam immer wieder darauf zurck, dass sie sich zusammen an zwei verschiedenen Orten aufgehalten hatten, so als knnte er darin etwas entdecken, das wenigstens fr ein flchtiges Interesse ihrerseits sprach ...
Ein weiteres Anzeichen - sein Arzt wrde es Symptom nennen - dafr, wie unendlich mde er war.
Gegen dieses pubertre Verlangen, sich noch eine Weile hier herumzutreiben, half nur eins: Er musste zum Parkplatz zurckgehen, seinen Mietwagen abholen und sich auf die Weiterfahrt nach London machen.
Er schaffte es bis hinters Lenkrad des Austin Rover, und whrend der Motor im Leerlauf summte, starrte er durch die
Windschutzscheibe auf den beinahe menschenleeren Parkplatz und die Gartenanlage dahinter, wo sich Kinderschaukeln sacht im Wind wiegten und drehten.
Es war eher ein Witz, eine Schnapsidee gewesen, nach einer im Polizeiprsidium von Leeds verplemperten Woche das kurze Stck nach Haworth zu fahren und dort zu bernachten.
Er lie sich tiefer auf den Sitz rutschen und fand seinen pltzlichen Entschluss, nach Haus zu fahren, gleichermaen albern (und symptomatisch, Mr. Jury), denn schlielich hatte er fr eine Nacht hierbleiben wollen. Er war einfach zu mde, um die vier, fnf Stunden Fahrt nach London noch zu schaffen. Zum Teil war die Woche in Leeds an seiner Mdigkeit schuld, denn dort hatte er kaum mehr zuwege gebracht, als sich gehssige Blicke einzufangen.
Dieser Drang, sich selbst herunterzumachen, gehrte auch zu seiner Unpsslichkeit. Psychovegetative Dekompensation, Mr. Jury, hatte jedenfalls sein Arzt es in seiner pedantischen Art genannt und die Worte auf der Zunge zergehen lassen wie feines Konfekt. Zum greren Teil aber leitete sich seine Depression aus der Erkenntnis her, dass er sich diesen Auftrag hatte andrehen lassen, nur um von Victoria Street und New Scotland Yard wegzukommen, wo er in letzter Zeit anscheinend nur noch Pfusch machte, Fehlentscheidungen traf und zu ganz untypischen Wutausbrchen neigte.
Da sa er nun, sah vor sich den sanft geneigten Hang des schneegesprenkelten Parks, aus dem das Licht wich und die Schaukeln dem Dunkel berlie, und berlegte, was an seinem Verhalten in den letzten Wochen berechtigt und was berreaktion gewesen war. Nicht, dass sich Dramatisches ereignet htte, aber Jury hatte die Nase so voll von Chief Superintendent Racers Litanei seiner jeweils neuesten Fehltritte (wie nichtig auch immer), dass er sich erboten hatte, selbst um seine Versetzung einzukommen. Was Jury daran strte, war nicht das Melodramatische dieser Entscheidung, sondern dessen Fehlen; er hatte den Vorschlag ganz emotionslos, nchtern gemacht und nicht einmal das Dilemma, in das er Racer strzte, so richtig genieen knnen.
Psychovegetative Dekompensation. Urlaub, das ist es, was Sie brauchen. Sie sind berarbeitet. Und der Arzt hatte Jury Rezepte hingeschoben, die dieser beim Verlassen der Praxis in die nchste Mlltonne warf.
Psychovegetative Dekompensation. Das Wort ist nicht besser und nicht schlechter als andere auch (dachte Jury, wenn er um drei Uhr morgens wach lag, was neuerdings die Regel war); vielleicht beschrieb es mit seinem fremdartigen Klang diesen Zustand ja besser als seine Muttersprache, die dazu offenbar zu armselig war. Unpsslichkeit eignete sich nicht so gut, obwohl er das Wort vorzog, da es sich nach etwas Vorbergehendem anhrte, nach etwas, das man sich beim Sonnenbaden am Strand von Amalfi zuziehen und dort wie einen Sonnenbrand zurcklassen konnte.
Bei sich nannte er es schlicht und einfach Depression. Irgendwie hatte der Begriff etwas Trstliches, da alle Welt darunter litt oder meinte, ab und zu darunter zu leiden. Nur dass Jury sprte, sie wrde nicht einfach vorbergehen wie ein Sonnenbrand. Eigentlich verwunderte es ihn, dass jedermann Depressionen fr einen Zustand zu halten schien, bei dem man sich lediglich dumpf und stumpf vorkam und kein Interesse fr das Tagesgeschehen aufbrachte, wo es in Wahrheit eher das genaue Gegenteil war. Es war ein aktiver Zustand, denn die widerstrebenden Empfindungen und die fieberhafte Grbelei ber die eigene Arbeit, ber das Leben und die Erwartungen, die man erfllen sollte und die an sich schon widersprchlich und undurchsichtig waren, kamen einer Folter gleich. Er wusste natrlich, dass er von Natur aus kein zufriedener Mensch war. Aber er war ein Meister darin, uerliche Gelassenheit vorzutuschen. Eine derartige Fassade mochte durchaus hilfreich und vielleicht auch ntig sein, um als Polizist einwandfrei zu funktionieren. Doch wenn er nachts wach lag und zur Decke starrte, dann merkte er, dass der Lack Risse bekam.
Jetzt, in dem muffigen Auto, ging ihm auf, dass er diesen kleinen Abstecher wohl nur gemacht hatte, um ein, zwei Tage Anonymitt zu genieen. Dieses Gefhl von Ziellosigkeit, von vagen Aussichten und ungeformten Stunden, war das der Grund, weshalb er in der Frau im Museum eine Art Geistesverwandte sah? Sie schien sich genauso treiben zu lassen wie er.
Er schloss das Auto wieder ab und machte sich mit seinen Siebensachen zum Fremdenverkehrsamt auf. Dabei rgerte er sich ber sich selbst, weil er wieder einmal einer Laune nachgegeben hatte, was sich fr einen Mann, dessen Leben nur dem Sichten von Tatsachen und, ja, gelegentlichen Ratespielen gewidmet war, ganz und gar nicht gehrte.
Leeds vermutete ihn in London, London vermutete ihn in Leeds. Irgendwie konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er und diese Frau auf Stippvisite im Niemandsland waren.