Der kleine Bruder. Goldmanns Taschenbücher, Band 47031

Roman

von Sven Regener

Buch

Taschenbuch (313 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Der lang erwartete Mittelteil der Lehmann-Trilogie von Sven Regener"Neues Leben hin, neues Leben her, dachte Frank, es sollte nicht mit der Fahrt durch einen langen, dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte wie ein frisch gelandetes Raumschiff. Oder vielleicht gerade doch."Berlin-Kreuzberg, November 1980: Im Schatten der Mauer gedeiht ein Paralleluniversum voller Künstler, Hausbesetzer, Kneipenbesitzer, Kneipenbesucher, Hunde und Punks. Bier, Standpunkte, Reden, Verräterschweine - alles ist da. Nur eins fehlt: jemand, der alles mal richtig durchdenkt - Frank Lehmann aus Bremen. Nachdem seine WG dort vom Gesundheitsamt geschlossen wurde, das Zimmer bei seinen Eltern zum Fernseherreparieren benötigt wird und er nach kühnem Ausbruch aus dem Wehrdienst noch keinen Plan hat, fährt er erst mal nach Berlin - zu seinem großen Bruder Manni, der dort als Künstler lebt und eine große Nummer ist. Dachte er. Doch Manni ist weg. Weder sein Vermieter Erwin Kächele noch dessen Nichte Chrissie oder sein Mitbewohner Karl haben eine Ahnung, wo Manni steckt. Außerdem nennen sie ihn nicht Manni, sondern Freddie. Und haben sofort eine konkrete Idee davon, was Frank zu tun hat: Anstelle seines Bruders an einem kurzfristig anberaumten Krisenplenum teilnehmen.
Damit beginnt eine lange Nacht, in der Frank Lehmann lernt, dass in einer Welt, in der alle Künstler sein wollen, nichts notwendigerweise das ist, als das es erscheint, und in der er mehr über seinen Bruder erfährt, als er wissen will, aber nie das, wonach er fragt.

Produktdetails

ISBN-10: 3-442-47031-5
EAN: 9783442470310
Erschienen: 06.04.2010
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 313
Gewicht: 264 g
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Sven Regener

Sven Regener, 1961 in Bremen geboren, lebt in Berlin und ist Sänger, Texter und Trompeter der Band Element of Crime, die mit Alben wie "Damals hinterm Mond" und "Weißes Papier" große Popularität erlangte. Sein Debütroman "Herr Lehmann" stürmte auf Anhieb die Bestsellerliste. Mehr als 700.000 Kinobesucher sahen sich die Verfilmung dieses Bestsellers an. Für das Drehbuch erhielt Sven Regener 2004 den Deutschen Filmpreis in Gold. Mit "Neue Vahr Süd" konnte der Autor seinen sensationellen literarischen Erfolg fortführen.

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Buchhändlertipps

  • Es gibt ihn wirklich, den deutschen Humor

    von Marie-Therese Reisenauer, am 17.11.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Wien

    Lachen Sie gern? Mögen Sie Berlin? Speziell Berlin-Kreuzberg? Die charmante Schnoddrigkeit seiner Bewohner schon einmal genossen? Das Buch für Sie. Es kann auch als therapeutische Hilfe bei Tränenkanalverstopfung verwendet werden. Durch die vermehrt auftretenden Heiterkeitsanfälle bei Lektüre des Werkes, werden diese ordentlich geflutet, und schon ist das Auge nicht mehr trocken. Ein höchst amüsantes Stück Berliner Geschichte aus den beginnenden achtziger Jahren.

Kundenrezensionen

  • Zwei Nächte im Berlin der 80er Jahre Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Marcus Lehmann, am 02.10.2010

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    Lachanfälle von der ersten bis zur letzten Seite!
    Sven Regener beschreibt zwei Nächte im Berlin der 80er Jahre voller fliegender Bierdosen, Punks und Hausbesetzern.
    In diesem Buch steckt so viel Anarchie und Spaß, für mich war es ein Vergnügen, es zu lesen.
    Wer Heinz Strunk mag oder auch Jan Weiler, der wird hier bestens unterhalten: eine tolle Sprache verbunden mit Situationskomik und viel Augenzwinkern.
    Als weitere Leseempfehlungen: Der Vorgänger zu diesem Buch "Neue Vahr Süd" und der Nachfolger "Herr Lehmann", der auch verfilmt wurde mit Christian Ulmen als Frank.

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  • Die 80er Jahre leben Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Leni Pawelczynski, am 08.06.2010

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    Herr Lehmann kommt nach Berlin und damit direkt ins Herz der deutschen achtziger Jahre.
    Punk lebt, Gott ist tot und alles muß erst mal in Ruhe durchdacht und ausdiskutiert werden. Der chronologische Mittelteil der Lehman-Trilogie hält alles, was mit den zuerst erschienen Teilen versprochen wurde. Der Tonfall ist lakonisch und die Typen schräg, klasse!

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  • Würdiger Abschluß der Trilogie Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Henry Gerlach, am 24.04.2010

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    Wobei Abschluß nicht das richtige Wort ist, beschreibt das Buch doch den Mittelteil zwischen "Neue Vahr Süd" und "Herr Lehmann",die Handlung spielt innerhalb von kaum 2 Tagen (genau 46 Stunden) und füllt dennoch mit Leichtigkeit und Eleganz und dem Stil,den man bei "Herr Lehmann" so schätzte, die Lücke zwischen beiden Büchern.Das Berliner 80er Milieu um verhinderte Künstler, Punker, Hausbesetzer und Kneipengänger wird wieder wunderbar geschildert, da kommen nostalgische Gefühle hoch. Auch die Sätze, die Regener wieder baut - herrliche Konstrukte und Situationen sowie Dialoge, wie sie das Leben schreibt.Habe mich wunderbar amüsiert und mit einem tränenden Auge an diese Zeit zurückgedacht. Würdiger Abschluß, der dazu anregt "Herr Lehmann" noch einmal zu lesen. Danke für diese Trilogie.

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Irgendwann war es so dunkel, daß Wolli schwieg. Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert, vor allem darauf, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h nicht zu überschreiten, denn das war ja schon Wollis Hauptthema zwischen Bremen und Hannover gewesen, daß die einen fertigmachen würden, wenn sie einen dabei erwischten, wie man ihre Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h ignorierte, das hatte, allein schon durch die Sturheit, mit der Wolli dieses Thema zwischen Achim und Allertal in einem unaufhörlichen Redefluß wieder und wieder zu Tode geritten hatte, irgendwann dann doch Eindruck auf Frank gemacht, nicht so sehr, daß er Wollis Erzählungen, die immer Erzählungen von Leuten wiedergaben, die Leute kannten, denen das Erzählte einst widerfahren war, und die zusammengefaßt darauf hinausliefen, daß ein allzu sorgloser rechter Fuß sie direkt in den Gulag bringen würde, für wirklich bare Münze genommen hätte, aber er war immerhin so weit davon eingeschüchtert, daß er um seine Ersparnisse zu fürchten begann, jene paar hundert Mark, die er von seinem Postsparbuch ab
gehoben hatte, um nach Berlin zu seinem Bruder zu fahren und ein neues Leben anzufangen, denn das war sein Plan.


Kein besonders ausgefeilter Plan, dachte er gerade, als Wolli aufhörte zu reden und sie gemeinsam schweigend in das sehr dunkle Dunkel der Transitstrecke durch die DDR starrten, hat ein paar Schönheitsfehler, der Plan, dachte er, aber dann fiel ihm auf, daß Wolli nicht mehr redete, und die Stille hatte, zusammen mit der sie umgebenden Finsternis, eine beruhigende, einlullende Wirkung, der er sich gerne hingab. Scheiß drauf, ob der Plan Schönheitsfehler hat, dachte er, Hauptsache, es ist mal Ruhe im Schiff, und dann sah er nur noch der Straße dabei zu, wie sie sich in das funzlige Licht seiner Scheinwerfer schob wie ein alter, harter Teppich. Leider hatte er keinen Vordermann mehr, dem er folgen konnte, der letzte war vor einer Viertelstunde abgebogen in das Land um sie herum, von dem man nichts sah oder hörte, und Wolli hatte sich danach noch eine Weile darüber ausgelassen, daß das ein Trabant gewesen sei und was das zu bedeuten habe und so weiter und so fort, aber wenigstens war dieser Trabant, wenn es denn einer gewesen war, nicht so schnell gewesen, daß Frank ihn hatte ziehen lassen müssen wie all die anderen Autos, die sie in der Zwischenzeit überholt hatten, der Trabant hatte genau die richtige, risikoarme, von Wolli dringend empfohlene Geschwindigkeit gehabt, und er hatte sie sicher durch die Finsternis geführt. Nun war er fort, aber dafür hielt Wolli mal die Klappe, und das war doch auch schon was, fand Frank.
Das ging etwa fünf Minuten so, draußen war alles dunkel und drinnen war es still, wenn man vom gleichmäßigen Röhren von Franks altem Kadett einmal absah. Das waren fünf spannende Minuten, denn Frank konnte direkt spüren, wie sich in Wolli der Druck aufbaute, etwas zu sagen, und wie er zugleich davor zurückschreckte, das Schweigen zu durchbrechen, wie dieses Schweigen also unter Wollis innerem Druck immer mehr anschwoll wie ein Ballon, den ein maßloses Kind manisch aufpustete und der jeden Moment platzen mußte, so daß man die Augen zusammenkniff, das Gesicht verzog und in den Schultern verkrampfte in Erwartung des Knalls, so kam ihm, Frank, das jedenfalls vor während dieser fünf Minuten schweigender Fahrt durch die von keinerlei Licht in der Landschaft gemilderte Dunkelheit, die sie mit knapp hundert Sachen durchröhrten, das sind ganz schön neurotische Gedanken, dachte er, Kinder, Luftballons, schlimm, dachte er, aber was Wunder, wenn man seit Stunden durch Wollis Gelaber zermürbt wird, dachte er, so sehr zermürbt, daß man es sich zurückwünscht, wenn es aufhört, das kennt man sonst nur von Geiseln, die sich irgendwann mit ihren Geiselnehmern identifizieren, dachte er, Patty Hearst, Patty Hearst war so ein Fall gewesen, dachte Frank, er hatte viel darüber gelesen damals, vor Jahren, als das ein großes Ding gewesen war, ihn hatte das sehr fasziniert, dieser ganze Kidnapping-, Geisel- und Gehirnwäschekram, das hatte ihm gefallen, er war noch in der Schule gewesen damals, als Schüler steht man auf sowas, dachte er, er hatte sich sogar ein bißchen in Patty Hearst verliebt damals, weil sie auf dem Bild von dem
Banküberfall so sexy ausgesehen hatte, und deshalb sagte er nun, um Wolli nicht weiterhin diesen Qualen ausgesetzt zu wissen, von denen er, als Wollis Geisel, ihn im Patty Hearstschen Sinne natürlich erlöst wissen wollte, einfach das Nächstbeste, was ihm einfiel: »Patty Hearst!«
»Genau«, sagte Wolli. »Symbionese Liberation Army. Keine Ahnung, was die eigentlich wirklich wollten, da hat ja nun echt keiner durchgeblickt.«
»Ja, ich auch nicht«, sagte Frank. Man darf Wolli nicht unterschätzen, dachte er.
»Lehnin!« rief Wolli und zeigte in die Dunkelheit, in der ein schmutziges, nichtreflektierendes Hinweisschild auftauchte, »Lehnin! Mit h! Die spinnen doch!«
Plötzlich waren sie nicht mehr allein auf der Straße. Von hinten kamen Autos, die sie nicht überholten, sondern sich damit begnügten, bis zu ihnen aufzuschließen und Frank im Rückspiegel zu blenden. Und auch vor ihnen tauchte bald eine größere Ansammlung von Autos auf, die wie auf eine Schnur gefädelt auf der rechten Spur dahinkrochen.
»Warum sind die jetzt plötzlich alle so langsam?« fragte Frank.
»Da kommt jetzt gleich die Abfahrt«, sagte Wolli und rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her, »da kommt gleich die Abfahrt, bloß nicht überholen, da mußt du aufpassen, so ein Schild mit »Transit WestberlinWie um ihn zu bestätigen, fing die Schlange vor ihnen geschlossen an zu blinken, und dann tauchte auch schon das von Wolli angekündigte Schild auf, und sie bogen alle zusammen ab auf eine andere Autobahn.
»Jetzt sind wir gleich da, jetzt sind wir gleich da«, sagte
Wolli.
»Aber es ist doch überhaupt nichts zu sehen«, sagte Frank.
»Das ist immer so«, sagte Wolli, »das hat nichts zu sagen. Aber das merkst du ja schon dadurch, wie voll das hier ist, daß wir gleich da sind!«

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