Buch
Taschenbuch (477 Seiten)
5. Auflage
Sprache: Deutsch
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€ 9,20
von Marian Keyes
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von Marian Keyes
von Anne Hertz
Neun Jahre lang hat Maggie in geordneten Verhältnissen gelebt. Sie war verheiratet mit Garv, den sie seit ihrer Jugend kennt, und auf dem besten Weg, im Versicherungswesen Karriere zu machen. Anders als ihre Schwestern Claire (die Heldin von Wassermelone) und Rachel (Rachel im Wunderland) galt sie in der Familie Walsh bisher als die brave, unauffällige Tochter. Da macht Garv eine unbedachte Bemerkung, aus der Maggie schließt, dass es in seinem Leben eine andere Frau gibt. Und als sie auch noch ihren Job verliert, beschließt sie, eine Auszeit zu nehmen und neue Perspektiven zu suchen: in Los Angeles, wo ihre beste Freundin Emily als Drehbuchautorin um den Erfolg kämpft. Zufällig lebt dort auch der Mann, mit dem Maggie vor vielen Jahren eine tragische Affäre hatte. Beflügelt durch zahlreiche Martini- Cocktails, stürzt Maggie sich in völlig neue Erfahrungen . . .
| ISBN-10: | 3-453-87761-6 |
|---|---|
| EAN: | 9783453877610 |
| Originaltitel: | Angels |
| Erschienen: | 01.06.2004 |
| Verlag: | Heyne Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 5. Auflage |
| Seitenzahl: | 477 |
| Gewicht: | 390 g |
| Übersetzer: | Susanne Höbel |
| Reihe: | Heyne-Bücher Allgemeine Reihe |
Marian Keyes wurde 1963 als ältestes von fünf Kindern in Cork (Irland) geboren. Sie studierte Jura und siedelte 1986 nach London über, wo sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug und nebenbei einen Abschluss in Buchprüfung machte. Mit ihrem Romandebüt "Wassermelone" erzielte sie ihren ersten großen Erfolg. Heute lebt Marian Keyes in der Nähe von Dublin.
von DieKlane, am 19.12.2007
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von sanny309, am 03.06.2007
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von einer Kundin/einem Kunden, am 27.05.2007
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von saskia janßen, am 24.08.2006
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von NML, am 15.06.2006
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von Riesel, am 13.03.2006
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Ich hatte immer ein ziemlich untadeliges Leben geführt. Bis zu dem Tag, als ich meinen Mann verließ und nach Hollywood abhaute, hatte ich kaum je einen Fehltritt begangen. Keinen jedenfalls, von dem viele gewusst hätten. Und als sich eines Tages aus heiterem Himmel alles auflöste wie nasses Papier, konnte ich mich des schleichenden Verdachts, dass dies längst überfällig war, nicht erwehren. Ein derart mustergültiges Leben ist einfach nicht normal.
Ich bin natürlich nicht einfach eines Morgens aufgewacht und habe mich aus dem Staub gemacht, während mein Ehemann, der arme, verschlafene Dummkopf, zurückblieb und sich wunderte, was der Briefumschlag auf seinem Kopfkissen zu bedeuten habe. Ich mache alles viel dramatischer, als es war - seltsam, denn ich hatte noch nie ein Faible für Dramatisierungen. Oder ein Faible für Wörter wie »Faible«, um ehrlich zu sein.
Doch seit der Geschichte mit den Kaninchen - möglicherweise fing es auch schon vorher an - war irgendetwas an meinem Leben mit Garv unbehaglich und befremdlich. Dazu kam dann das, was wir Rückschläge nannten, doch statt unsere Ehe zu stärken - wie es den glücklicheren, von Rückschlägen Betroffenen beschieden ist, wenn man den Frauenzeitschriften meiner Mutter glauben kann -, bewirkten unsere Rückschläge genau das, was auf der Dose stand: Es waren Schläge, die uns zurückwarfen. Sie drängten sich zwischen mich und Garv und entzweiten uns. Obwohl Garv nie etwas sagte, wusste ich, dass er mir die Schuld gab.
Dagegen war nichts einzuwenden, denn das tat ich auch.
Garv heißt eigentlich Paul Garvan, aber als ich ihn kennen lernte, waren wir beide Teenager, und niemand wurde bei seinem richtigen Namen genannt. »Micko« und »Macker« und »Toolser« und »du Trottel« waren die Namen, unter denen unsere Freunde bekannt waren. Er war Garv, unter einem anderen Namen kannte ich ihn nicht, und ich nenne ihn nur Paul, wenn er mir schrecklich auf die Nerven geht. Was mich betrifft, so heiße ich Margaret, aber er nennt mich Maggie, außer wenn ich mir sein Auto leihe und damit an einem Pfosten im Parkhaus entlangschramme. (Und das kommt häufiger vor, als man gemeinhin annehmen würde.)
Ich war vierundzwanzig und er fünfundzwanzig, als wir heirateten. Er war mein erster Freund, und meine arme Mutter wird nie müde, das zu erzählen. Ihrer Meinung nach ist das ein Beweis dafür, dass ich ein anständiges Mädchen war und keine von denen, die mit jedem ins Bett hüpfte. (Die Einzige ihrer fünf Töchter, die nicht missraten war; wer konnte es ihr da verdenken, dass sie mit meiner vermeintlichen Tugendhaftigkeit hausieren ging?) Aber was sie geschickterweise unter den Tisch fallen lässt, wenn sie mit mir angibt, ist die Tatsache, dass Garv zwar mein erster Freund war, doch keineswegs mein einziger.
So viel dazu.
Wir waren seit neun Jahren verheiratet, und es wäre schwierig, den genauen Zeitpunkt festzustellen, als ich anfing, mir das Ende unserer Ehe auszumalen. Nicht, um das gleich zu sagen, weil ich das Ende wollte, sondern weil ich dachte, wenn ich mir das Allerschlimmste vorstellte, war es in gewisser Weise eine Versicherung dagegen, dass es eintrat. Statt jedoch eine Versicherung zu sein, bewirkte es nur, dass es sich bewahrheitete. Da kann man mal wieder sehen.
Das Ende kam plötzlich und überraschend. In einem Moment war meine Ehe eine intakte Angelegenheit - auch wenn ich komische Sachen machte und zum Beispiel meine Kontaktlinsen trank - und im nächsten war sie komplett finito. Das erwischte mich völlig unvorbereitet, weil ich immer davon ausging, es gäbe eine vorschriftsmäßige Phase, in der die Beteiligten das Geschirr zerteppern und sich mit Beschimpfungen überhäufen, worauf dann das Hissen der weißen Fahne folgt. Doch stattdessen kam es zum vollständigen Zusammenbruch, ohne dass ein einziges böses Wort gewechselt worden wäre, worauf ich schlicht und einfach nicht vorbereitet war.
Dabei hätte ich weiß Gott darauf vorbereitet sein können. Kurz zuvor war ich nachts aufgewacht, um mir ein paar Sorgen zu machen. Das tat ich oft, und meistens hatte es mit Arbeit oder mit Geld zu tun. Das Übliche also. Von dem einen zu viel und nicht genug von dem anderen. Aber seit kurzem - wahrscheinlich schon länger als seit kurzem - machte ich mir stattdessen Sorgen um mich und Garv. Würde es zwischen uns je besser werden? War es schon besser, und ich hatte es nicht gemerkt?
Meistens kam ich zu keinem Schluss und schlief, keineswegs beruhigt, wieder ein. Doch in diesem Fall war es mir plötzlich und unfreiwillig möglich, die Dinge wie mit Röntgenaugen zu durchschauen. Ich konnte durch die Polsterung der alltäglichen Routine, der Privatsprache und der gemeinsamen Vergangenheit sehen, bis hinein in das Herz von dem, was Garv und mich verband, hinein in alles, was in letzter Zeit passiert war. Der ganze Rest war wie weggefegt, und ich hatte nur den einen schrecklichen, allzu klaren Gedanken: Wir haben enorme Probleme.
Das jagte mir einen kalten Schauer durch den Leib. Alle Härchen auf meiner Haut richteten sich auf, und zwischen meinen Rippen spürte ich ein Frösteln. Entsetzt versuchte ich, mich mit ein paar Sorgen über den Berg Arbeit, der vor mir lag, aufzuheitern, aber es gelang mir nicht. Also dachte ich an meine Eltern und daran, dass sie älter wurden und ich eines Tages diejenige sein würde, die sich um sie kümmern müsste, und bemühte mich, mir damit Angst zu machen.
Nach einer Weile schlief ich wieder ein, kratzte mir den rechten Arm wund, knirschte ausgiebig mit den Zähnen und wachte mit dem vertrauten Gefühl von Zahnstaub im Mund auf - und machte so weiter wie immer.
Meine Erkenntnis - Wir haben enorme Probleme - sollte mir genau in dem Moment wieder in den Sinn kommen, als sich herausstellte, wie Recht ich damit hatte.
An dem fraglichen Abend wollten wir mit Elaine und Liam, Freunden von Garv, essen gehen. Und wer weiß, wenn Liams neues Flachbildschirm-Fernsehgerät nicht von der Wand auf seinen Fuß gefallen wäre, was zur Folge hatte, dass er sich den großen Zeh brach, und wenn wir tatsächlich ausgegangen wären, statt zu Hause zu bleiben, vielleicht wären Garv und ich dann heute noch zusammen.
Die Ironie des Schicksals wollte es, dass ich regelrecht darum betete, Elaine und Liam möchten absagen. Die Chancen standen gut - die letzten drei Male, als wir verabredet waren, war das Treffen geplatzt. Das erste Mal hatten Garv und ich abgesagt, weil unser neuer Küchentisch geliefert werden sollte. (Nein, er kam natürlich nicht.) Das nächste Mal musste Elaine, die eine wichtige Stellung bei der Rentenversicherung bekleidet, nach Sligo fahren und eine Menge Leute arbeitslos machen. (»Gut, dass der neue Jaguar gerade angekommen ist!«) Beim letzten Mal war mir eine fadenscheinige Entschuldigung eingefallen, mit der Garv sofort einverstanden war. Diesmal waren die beiden wieder an der Reihe.
Ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht mochte. Oder doch - ich mochte sie nicht. Wie schon erwähnt, sie hat eine wichtige Stellung bei der Rentenversicherung, und er ist Börsenmakler. Sie sehen gut aus, verdienen haufenweise Geld und sind zu Kellnern unfreundlich. Sie gehören zu den Leuten, die dauernd neue Autos kriegen und in Urlaub fahren.
Die meisten von Garvs Freunden waren richtig nett, aber Liam war eine krasse Ausnahme. Das Problem lag darin, dass Garv einer von denen ist, die in allen Menschen das Gute sehen - also, in den meisten. Theoretisch ist das eine tolle Eigenschaft, und ich habe nichts dagegen, wenn er das Gute in den Menschen sieht, die ich auch mag, aber es war ein bisschen irritierend, dass er auch bei denen darauf bestand, die ich nicht mochte. Er und Liam waren seit der Hauptschule befreundet, damals war Liam viel netter als heute, und obwohl Garv sich meinetwegen riesige Mühe gab, konnte er doch den Rest Zuneigung, die er für Liam empfand, nicht abschütteln.
Doch selbst Garv stimmte mir zu, dass Elaine furchterregend war. Sieredetesoschnell. FeuerteFragenwiemitdemMaschinengewehr. Wiegeht'sdennso? Wirstdubaldbefördert? WanngehtihrandieBörse? Ihr dynamischer Glanz machte aus mir ein stammelndes Häufchen der Unfähigkeit, und wenn ich endlich eine Antwort zusammengestoppelt hatte, war ihr Interesse erloschen und ihre Aufmerksamkeit woanders.
Doch selbst wenn ich Liam und Elaine gemocht hätte, wäre ich an dem Abend nicht gern mit ihnen ausgegangen - Glück und Zufriedenheit auszustrahlen ist viel schwieriger, wenn Leute um einen herum sind. Und zu Hause lagen noch etliche braune Umschläge, die bedrohlich wirkten und um die ich mich kümmern musste. (Außerdem gab es im Fernsehen zwei Seifenopern, die um meine Gunst buhlten, und eine Couch, die mir zu Diensten sein wollte.) Die Zeit war zu kostbar, als dass ich sie damit verschwenden konnte, einen ganzen Abend auszugehen.
Dazu kam, dass ich unglaublich müde war. Meine Arbeit war sehr anstrengend - so wie die anderer Menschen auch. Eigentlich deutet schon die Bezeichnung »Arbeit« darauf hin. Schließlich sagt man nicht: »Entspannung auf einem Liegestuhl« oder »Anwendung von Tiefenmassage«. Ich »arbeitete« in einem Anwaltsbüro, das geschäftlich viel mit den Staaten zu tun hatte, insbesondere mit der Unterhaltungsindustrie. (Nachdem wir geheiratet hatten, wurde Garv aufgrund seiner enormen Talente von seiner Firma für fünf Jahre in die Dependance nach Chicago geschickt. Ich habe in der Zeit in einer der großen Anwaltskanzleien gearbeitet. Als wir vor drei Jahren wieder nach Irland kamen, gab ich an, mich mit den Gesetzen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie auszukennen. Das Problem war nur, dass ich zwar Abendkurse besucht und mich weiter qualifiziert hatte, aber trotzdem keine voll ausgebildete Juristin war. Das hatte zur Folge, dass auf meinem Schreibtisch tonnenweise Arbeit und jede Menge Beschwerden landeten, ich aber nur einen Bruchteil der Kohle kriegte. Eigentlich war ich eher so etwas wie eine Dolmetscherin; eine Klausel konnte in Irland etwas anderes als in den Staaten bedeuten, und ich übertrug US-Verträge auf die irische Gesetzeslage und setzte Verträge auf, die - so hoffte ich - in beiden Rechtsprechungssystemen Bestand hatten.)
Ich lebte in unbestimmter, aber ständiger Angst. Manchmal träumte ich, dass ich eine wesentliche Klausel ausgelassen hatte und meine Firma Schadensersatz in Höhe von vier Trillionen Dollar bezahlen musste, die mir in Raten von sieben Pfund fünfzig pro Woche vom Gehalt abgezogen wurden, und ich musste bis in alle Ewigkeit dort arbeiten, um die Summe zurückzuzahlen. Manchmal kam es in solchen Träumen auch vor, dass mir sämtliche Zähne ausfielen. Und manchmal saß ich im Traum im Büro, stellte fest, dass ich nackt war, und musste aufstehen, weil ich etwas zu kopieren hatte.
Jedenfalls hatte ich an dem Tag, als alles den Bach runterging, sehr viel zu tun. So viel, dass ich sogar auf meinen Fitness-Plan verzichtet hatte. Mir war nämlich vor einiger Zeit aufgefallen, dass das Fingernägelknabbern die einzige sportliche Betätigung war, die ich ausübte, und deswegen hatte ich einen schlauen Plan ausgeheckt: Statt Sandra, meine Assistentin, zu rufen, damit sie sich meine Diktafonbänder bei mir abholte, ging ich die zwanzig Meter zu ihrem Büro und händigte sie ihr persönlich aus. Doch an jenem Tag hatte ich keine Zeit für solche Spielereien. Ein Abschluss mit einer Filmproduktionsfirma war im Begriff zu platzen, weil der Schauspieler, der sich zu dem Projekt verpflichtet hatte, auszusteigen drohte, wenn der Vertrag nicht binnen einer Woche unterzeichnet würde.
(Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass meine Arbeit glanzumwoben war, aber ich kann aufrichtig sagen: Sie war so glanzumwoben wie eine Frostbeule. Selbst die gelegentlichen Geschäftsessen in teuren Restaurants waren nicht besonders aufregend. Man konnte sich nie richtig entspannen, immer stellte jemand gerade dann eine Frage, die eine lange, detaillierte Antwort erforderte, wenn ich einen Bissen in den Mund gesteckt hatte.)
Der Drehbuchschreiber - mein Mandant - wollte den Vertrag unbedingt unter Dach und Fach bringen, damit er sein Honorar kassieren und seiner Familie zu essen geben konnte. (Und damit sein Vater endlich Grund hatte, stolz auf ihn zu sein. Aber ich schweife ab.) Die amerikanischen Anwälte waren um drei Uhr morgens ihrer Zeit zur Stelle, um den Vertrag abzuschließen, und den ganzen Tag gingen E-Mails und Telefongespräche hin und her. Am späten Nachmittag kriegte das letzte »i« seinen Punkt und das letzte »t« seinen Querbalken, und obwohl ich am Rande des Zusammenbruchs stand, war ich doch erleichtert und glücklich.
Dann fiel mir wieder ein, dass wir geplant hatten, mit Liam und Elaine auszugehen, und eine Wolke schob sich vor die Sonne. So schlimm war es auch wieder nicht, tröstete ich mich, wenigstens würde es ein gutes Essen geben, denn die beiden gingen gern in schicke Restaurants. Aber andererseits konnte ich einfach nicht mehr! Wenn doch bloß wir damit dran wären abzusagen!
Und gerade als ich die Hoffnung schon ganz aufgegeben hatte, kam der Anruf.
»Liam hat sich den Zeh gebrochen«, sagte Garv. »Ihm ist sein neuer Flachbildschirm-Fernsehapparat draufgefallen.« (Liam und Elaine besaßen jedes in der Männerwelt existierende elektronische Gerät - und ich meine Männerwelt, nicht Frauenwelt. Ich war schon glücklich, wenn ich eine Lockenschere und ein Mobiltelefon hatte. Aber Garv brauchte, weil er ein Mann ist, jedes Digital-Ding und jedes Bang & Olufsen-Gerät, das auf den Markt kam.) »Sie haben also abgesagt.«
»Fantastisch!«, rief ich. Dann besann ich mich; es waren seine Freunde. »Ich meine, nicht fantastisch für ihn und seinen Zeh, aber mein Tag im Büro war höllisch und ...«
»Lass mal«, sagte Garv. »Ich hatte auch keine Lust. Ich war schon drauf und dran anzurufen und zu erzählen, unser Haus sei abgebrannt oder irgend so was.«
»Raffiniert. Na, wir sehen uns später.«
»Was ist mit Essen? Soll ich uns was besorgen?«
»Nein, du hast gestern was geholt. Heute mach ich das.«
Ich fing mit meiner abendlichen Ausschalt-Orgie an, als jemand sagte: »Gehen Sie nach Hause, Maggie?« Es war Frances, meine Chefin, und das »schon« war zwar stumm, aber ich hatte es trotzdem gehört.
»Richtig.« Bloß keine Missverständnisse aufkommen lassen. »Ich gehe nach Hause.« Höflich, aber bestimmt. Bemüht, mir trotz meiner Stimme, die sofort zu zittern anfängt, wenn ich nervös bin, keine Angst anmerken zu lassen.
»Der Vertrag für die Sitzung morgen früh ist fertig?«
»Ja«, sagte ich. Er war es mitnichten. Sie meinte einen anderen Vertrag, einen, mit dem ich nicht einmal angefangen hatte. Es hatte keinen Zweck, Frances vorzujammern, wie schwer ich den ganzen Tag geschuftet hatte, um eine große Sache unterschriftsreif zu bekommen. Sie war von exzessivem Ehrgeiz getrieben und auf dem besten Wege, als Partnerin in die Firma einzusteigen; für sie war harte Arbeit eine Performance-Kunst. Sie verließ nur selten das Büro, und wir Kollegen nahmen an, dass sie unter ihrem Schreibtisch schlief und sich wie eine Frau von der Straße auf der Bürotoilette wusch.
»Kann ich mal schnell gucken?«
»Er ist noch nicht in einer präsentablen Form«, sagte ich verlegen. »Ich würde ihn gern ganz fertig haben, bevor ich ihn Ihnen zeige.«
Sie sah mich eindringlich und viel zu lange an. »Sorgen Sie dafür, dass er morgen um halb zehn auf meinem Schreibtisch liegt.«
»In Ordnung!« Aber das gute Gefühl, das in mir aufgekommen war, weil unsere Abendverabredung geplatzt war, hatte sich verflüchtigt. Als Frances mit klappernden Absätzen zurück in ihr Büro ging, sah ich auf den Computer, den ich gerade abgeschaltet hatte. Sollte ich bleiben und noch zwei Stunden an dem Vertrag arbeiten? Aber ich konnte nicht mehr. Ich war am Ende meiner Kräfte. All meine Begeisterung, all mein Arbeitseifer - sie waren aufgebraucht. Nein, ich würde stattdessen ganz früh ins Büro kommen und es dann machen.
Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas gegessen. Mittags hatte ich, statt die Arbeit zu unterbrechen, meine Schreibtischschublade nach einem Mars durchwühlt, das ich ein paar Tage zuvor, wie ich mich erinnerte, nur zur Hälfte gegessen hatte. Ich war erfreut, als ich es fand, und reinigte es grob von Staubflusen und Büroklammern, und es schmeckte wirklich köstlich.
Als ich nach Hause fuhr, hatte ich also Hunger, aber ich wusste, dass im Haus nichts Essbares sein würde. Essen war für Garv und mich ein riesiges Problem. Wie die meisten anderen Menschen, die wir kannten, ernährten wir uns von Mikrowellen-Mahlzeiten oder Take-aways, und ab und zu gingen wir zum Essen aus. Zwischendurch, wenn wir mit den sich anstauenden normalen Sorgen aufgeräumt hatten, wandten wir uns einen Moment dem Problem zu, dass wir nicht genügend Vitamine zu uns nahmen - wenigstens war das so, bevor es zwischen uns so komisch wurde. Wir nahmen uns dann fest vor, besser und gesünder zu leben, und kauften ein Glas mit Multivitamin-Tabletten, die wir ein, zwei Tage lang nahmen und dann prompt vergaßen. Oder aber wir machten einen Rieseneinkauf im Supermarkt, und wenn wir Massen von Brokkoli und verdächtig orange leuchtenden Mohrrüben nach Hause trugen, und dazu so viele Apfel, dass man eine achtköpfige Familie eine Woche lang mühelos davon ernähren konnte, kugelten wir uns beinah die von Skorbut verkümmerten Arme aus. »Reich ist, wer gesund ist«, stellten wir voller Selbstzufriedenheit fest, denn uns schien es, dass der Einkauf von frischem Obst und Gemüse schon die gewünschte Wirkung haben würde. Erst als uns klar wurde, dass die Sachen auch verzehrt werden müssten, wurde es schwierig.
[Leseprobe, S. 9-17]
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