Archäologie einer Gewaltlandschaft
von
Dr. Ralf ROTHER, am 31.03.2012
aus der Thalia-Buchhandlung in
Wien
Marcello La Speranza ist als österreichischer Kriegshistoriker, als Militärdokumentar und Bunkerarchäologe, kein Unbekannter. Seinen Ruf erwarb er sich nicht nur mit seinen Publikationen (z.B. "Bomben auf Wien"), vielmehr trat er auch als Ausstellungskurator und als Experte und Berater bei Grabungen in Erscheinung. Dabei konzentriert sich seine Tätigkeit auf die Zeit der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus.
Das neue Buch "Wien. Die letzten Spuren des Krieges" entstand nun aus einer bemerkenswerten Zusammenarbeit zwischen dem Kriegshistoriker Marcello La Speranza und dem Fotografen, Kameramann und Höhlenforscher Robert Bouchal, der mit seinen Publikationen "Unheimliches Wien", "Geheimnisvolle Unterwelt von Wien" und "Kraftorte im Waldviertel" auffiel.
Diese Kooperation zwischen dem Historikerarchäologen und dem Höhlenforscher bildet für das hier vorliegende Buch quasi den Denkleitfaden. Die Auf- und Durcharbeitung der verblichenen Ortschaften nationalsozialistischer Gewaltverbrechen wird zu einem Hinabsteigen in die Dunkelheit der letzten Wundspuren der vergangenen Tatorte und Gewaltrelikte.
Dem Archäologen und dem Höhlenforscher fällt dabei die Aufgabe zu, nicht nur die verrottete Architektur des Krieges freizulegen (diverse Keller, Bunker, Tunnel und Stollen), sondern sie spüren auch unscheinbare wie brisante Utensilien im Sediment der Kriegsgeschichte auf, die vergessene oder auch nur beiseite geschobene Traumen in der Gegenwart bergen. Der Krieg ist nicht nur ein räumliches und zeitliches Phänomen, an dessen Architektur sich das vergangene Leiden als traumatischer Einschnitt in der Stadt wie auf dem Land erlesen lässt. Der Krieg hinterlässt immer auch seine Relikte, die als Utensilien der mörderischen Politik dienten und noch heute als Zeugnisse im Sediment der Stadtlandschaft eingelassen sind. Im Gegensatz zur Denkmal-, Mahnmal- und Erinnerungskultur, haftet den Relikten die Körperlichkeit des Tatorts und der Tatzeit an, auch wenn sie nur als stumme Überbleibsel vom Terror mahnen.
Robert Bouchal und Marcello La Speranza führen uns zu den Häuserwänden, an denen noch die LSK-Pfeile angebracht sind. Wir folgen ihnen in die Baugruben, und stöbern mit ihnen im Nazischutt. Es sind aber auch die Hinrichtungsstätten, zu denen uns die Autoren mitnehmen, wie etwa zu jenem Massaker, das in Wien, in der Förstergasse 7, am 12. April 1945 stattfand. Hier wurden Nelly Blum, Arthur Holzer, Arthur Klein, Erna Klüger-Langer, Grete Klüger-Langer, Marie Margolin, Kurt Mezei, Emil Pfeiffer und Genia Schaier von SS-Soldaten als sogenannte "U-Boote" im Keller aufgespürt und ermordet.
Das Buch macht deutlich, dass wir von den Relikten und Utensilien des Krieges und der Morde umgeben sind. Die Autoren weisen aber auch darauf hin, dass diese Gewaltrelikte uns vor Augen führen können: "Wir alle wollen nie wieder eine solch verheerende Zeit erleben müssen!"
Dem Buch ist ein breites Publikum zu wünschen. Anhand des Buches wird die Leserin die Erfahrung machen, wie umfassend und präsent die Naziverbrechen in der damaligen Gesellschaft verankert waren und wie sich noch heute diese Erblast verschüttet, aber ebenso offen zutage liegend ausgebreitet vorfinden lässt.