Buch
Taschenbuch (414. Seiten)
Sprache: Deutsch
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Bruni Prasskes neuer faszinierender Reisebericht über den Iran und seine Frauen
Sechs Jahre nach Veröffentlichung ihres Bestsellers »Mögen deine Hände niemals schmerzen« ist Bruni Prasske erneut der Stimme ihres Herzens gefolgt und hat den Iran bereist. Als Europäerin, ohne Begleitung. Das Land hat sich verändert. Trotz aller Repressionen gelingt es ihr erneut, Zugang zu den Menschen in diesem so widersprüchlichen wie faszinierenden Land zu finden. In ihrer unnachahmlich präzisen und gleichzeitig poetischen Sprache beschreibt sie ihre persönlichen Reiseerlebnisse und Begegnungen - vor allem mit Frauen, denen es gelingt, trotz der schwierigen politischen Situation ein erstaunlich freies und modernes Leben zu führen.
Erstaunliche Einblicke in ein Land, das in den Medien nur mit Unterdrückung in Verbindung gebracht wird.
Pressestimmen:
Es gelingt der Autorin auf sehr einfühlsame und fesselnde Weise, ein Bild vom Iran zu vermitteln, das in derzeitigen politischen Debatten oft zu kurz kommt: Ein Bild von den Menschen, ihrem Alltag, ihrem Denken und Fühlen. Deutsche Welle
| ISBN-10: | 3-442-37000-0 |
|---|---|
| EAN: | 9783442370009 |
| Originaltitel: | Küsse in der Moschee. Mein Wiedersehen mit Isfahan |
| Erschienen: | 11.08.2008 |
| Verlag: | Blanvalet |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 414. |
| Länge/Breite: | 183mm/116mm |
| Gewicht: | 346 g |
| Reihe: | Blanvalet Taschenbücher |
Bruni Prasske studierte Interkulturelle Pädagogik, arbeitete als Sozialarbeiterin mit Asylbewerbern (das macht sie auch heute halbtags noch), lernte exotische Sprachen und reiste. Unter anderem in den Iran. Derzeit lebt die Autorin sommers am Elbstrand.
Teheran. Uferlose Stadt
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Die Passagiere werden zügig abgefertigt, und viel zu schnell muss auch ich meinen Ausweis vorzeigen. Der Pass ist vor sechs Jahren ausgestellt worden und trägt noch keinen iranischen Stempel. Der Beamte könnte annehmen, es sei meine erste Einreise. Ich versuche mir einzureden, eine normale Touristin zu sein, die sich auf die Sehenswürdigkeiten des Landes freut. Zwar ist der Zeitpunkt für ein derartiges Vorhaben nicht der günstigste, aber immerhin weist mein Visum mich eindeutig als Reisende aus. Ein Blick über die Warteschlangen zeigt, dass keine weiteren Touristen aus Deutschland angekommen sind. Es wird schon nichts schiefgehen! Warum sollte sich die Islamische Republik für mein Buch interessieren? Es ist vor sechs Jahren erschienen, und dass es sich unter Exiliranern großer Beliebtheit erfreut, ist hier sicher nicht bekannt. Die Veröffentlichung und die Presseberichte sind Schnee von gestern, versuche ich mir einzureden.
In den letzten Wochen hatte ich mich mit einigen Irankennern beraten. Einhellig zerstreuten sie meine Bedenken und bestätigten, was ich tief im Innern fühlte: Mir wird nichts passieren! Alle anderen, ob deutsche oder iranische Freunde, Familienangehörige und Bekannte, rieten mir dringend von einer Reise ab. Selbst Farid und Farhad war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, als ich sagte, ich wolle sie und ihr Land nach so vielen Jahren endlich wieder einmal besuchen. Aber derartige Bedenken kenne ich zur Genüge. Immer wenn ich in den Iran reisen möchte, scheint es triftige Gründe zu geben, es lieber nicht zu tun. Beim letzten Mal war es das so genannte Mykonosurteil, mit dem ein deutscher Richter den iranischen Geheimdienst als Drahtzieher eines Attentats in Berlin enttarnt hatte. Damals gab es antideutsche Demonstrationen und diplomatische Verwicklungen, die sogar zur Schließung der deutschen Botschaft geführt hatten. Nun ist es der Atomstreit, der mein Vorhaben zusätzlich erschwert und mir schlaflose Nächte bereitet. Wir haben den 27. April 2006, und morgen läuft ein Ultimatum des UNO-Sicherheitsrates ab, das den Iran zur Einstellung seiner Urananreicherung auffordert. Das Land und sein neuer Präsident stehen einmal mehr im Blickpunkt des Medieninteresses. Im Flugzeug hatte ich die aktuelle Ausgabe des »stern« gelesen. Das Magazin widmete seine Titelgeschichte dem Land hinter dem Schleier und bot mir eine bildreiche Einstimmung auf mein Reiseziel. Plötzlich muss ich an den deutschen Angler denken, der vor wenigen Monaten in Dubai urlaubte und mit seinem Boot in persische Hoheitsgewässer geraten war. Nach seiner illegalen Grenzüberschreitung war er verhaftet und kürzlich zu achtzehn Monaten Haft verurteilt worden. Seitdem sitzt er in iranischer Gefangenschaft. Die mysteriöse Geschichte regt meine negative Fantasie an: Vielleicht hat das Regime auch an einer deutschen Autorin Interesse! Womöglich nehmen sie deutsche Staatsbürger unter fadenscheinigen Gründen in Haft, um sie im Atomstreit als Faustpfand einzusetzen. Das erscheint mir plötzlich derart naheliegend, dass ich bereits eine Reihe diplomatischer Verwicklungen vor Augen habe. Schließlich bin ich Staatsbürgerin eines Landes, das im Atomstreit die gleiche ablehnende Haltung gegen die iranische Urananreicherung einnimmt wie der UNO-Sicherheitsrat und viele westliche Weltmächte. Nicht zuletzt hat Ahmadineschad mit der Verleugnung des Holocaust eine Position bezogen, die von deutscher Seite unter keinen Umständen akzeptiert werden kann.
Wortlos reiche ich dem Beamten meinen Pass. Er blättert einige Male durch das Dokument, tippt meine Daten in einen Computer und schaut mich an. Ob er meine Anspannung spürt? Ich hätte mein eigenes Buch noch einmal lesen sollen, schießt es mir durch den Kopf. Einige Passagen hatte ich seit der Veröffentlichung nicht mehr zur Hand genommen. Für meine Lesungen wähle ich nur Teilabschnitte des Text es. Wie direkt hatte ich mich gegen die Mullahs geäußert? Ganz sicher sind manche Formulierungen in ihren Augen beleidigend. Wenn Exiliraner mir
applaudieren, dann doch nur, weil ich das herrschende Regime kritisiere! Und meine Liebesgeschichte? Hatte ich nicht in all er Deutlichkeit bestehende moralische Grenzen überschritten?
Welch absurde Fragen ich mir plötzlich stelle!? Zum falschen Zeitpunkt! Viel zu spät! Ich hätte zu Hause bleiben sollen. Meine Freunde hatten Recht.
»Name of your hotel?«
Verdammt! Das hätte ich mir denken können! Wie heißen die teuren Teheraner Hotels, in denen üblicherweise die Ausländer logieren? Warum bin ich nicht vorbereitet!
»I don't know«, höre ich mich in beiläufigem Tonfall sagen.
Abwarten!? Oder lieber etwas sagen? Die ahnungslose Touristin spielen? Meine Persischkenntnisse behalte ich vorerst für mich. Er schaut mich immer noch fragend an.
»Entschuldigen Sie bitte, aber ich kenne den Namen des Hotels nicht. Ein Mitarbeiter einer Touristenagentur erwartet mich hier am Flughafen«, sage ich auf Englisch.
»Name of the hotel, please.«
Ich erinnere mich an den Namen einer Agentur, die mir vorsorglich ein Bekannter genannt hatte. Der Beamte scheint ungeduldig zu werden. Er blättert erneut in meinem Pass, greift dann zu einem Stift und malt ein Zeichen auf mein Visum. Dann reicht er mir den Pass zurück.
Ich atme tief durch. Es geht eine Treppe hoch. Alles sieht so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Hier hatte Farhad damals gestanden, um mir beizustehen. Auch der angrenzende Bereich mit den Rollbändern ist unverändert. Schon tauchen die ersten Koffer auf. Jemand bietet mir auf Deutsch einen Gepäckwagen an und lächelt. Die meisten Passagiere sind mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt. Manche wechseln ihre Chipkarten und rufen kurz darauf Begrüßungen in den Hörer. Überrascht beobachte ich die reibungslose Verbindung. Man hatte mir gesagt, es sei kompliziert und kostspielig, ein deutsches Gerät im Iran empfangsbereit zu schalten. Aber auf dem iranischen Telekommunikationssektor herrschen die gleichen rasanten Entwicklungen wie in Europa, wo gestrige Fakten heute schon ihre Gültigkeit verloren haben. Ich hatte mich eigentlich auf eine Reise ohne ständige Erreichbarkeit eingestellt. Nur heute Abend muss ich den Lieben daheim ganz dringend mitteilen, dass ich unbehelligt einreisen konnte. Eine der wartenden Frauen zieht einen Tschador über ihren Mantel. Der erste Tschador dieser Reise! Ich muss schmunzeln: Iran und der Tschador! Das ist ein Bild, das in den Köpfen der meisten Nichtiraner unabwendbar miteinander verwoben ist. Mir signalisiert das schwarze Tuch den endgültigen Startschuss zu einer besonderen Reise, und ich gebe mich der Vorfreude hin. Ich bin wieder da! Überraschend, fast ungeplant, aus einer Laune heraus, aus Reiselust und Fernweh, aus Neugier und Abenteuerlust. Ich will mich treiben lassen, dem Zufall Raum geben und nicht alle Telefonnummern wählen, die in meinem Notizbuch stehen. In diesem Land konnte ich mich bisher immer auf angenehme Überraschungen verlassen. Hier kann jede Begegnung eine neue Offenbarung bereithalten und jede noch so flüchtige Bekanntschaft der Beginn einer tiefen Nähe sein.
Bis auf meine erste Station bei Farid und Farhad gibt es keinen Reiseplan und keine Verabredungen. Nur zwei junge Frauen wissen von meiner Ankunft. Sahel in Teheran und Maht ab in Maschad. Wir sind uns nie begegnet, aber das Internet hat uns zusammengeführt.
Schon entdecke ich meine Taschen und schiebe meinen Wagen an das Rollband. Als ich mich nach unten beuge, rutscht mein Kopftuch herunter. Ich hatte den schmalen Schal nur leger umgelegt, die »Freiheit« bis an ihre Grenzen ausnutzend. Nun merke ich, dass ich das lässige Tragen erst noch üben muss. Auch mein Mantel ist nach Rücksprache mit Iranreisenden mindestens einen halben Meter kürzer als bei meinem letzten Aufenthalt und wirkt trotzdem übertrieben lang. Im Flugzeug habe ich die anderen Passagiere neugierig beäugt und musste feststellen, dass sich die Kleiderordnung noch mehr liberalisiert hat, als ich für möglich hielt.