Vergesst die Krise!
Leseprobe

Vergesst die Krise!

Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen

von Paul Krugman

Buch

gebunden (270 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Deutschland hat die Krise nicht verstanden, sagt Nobelpreisträger Paul Krugman. Sein neues Buch ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die europäische und insbesondere die deutsche Sparpolitik. Er erklärt, dass Staaten, die reich sind an Ressourcen, Talent und Wissen - den wesentlichen Zutaten für Wohlstand und einen anständigen allgemeinen Lebensstandard -, in der jetzigen Lage nur durch Investitionen, also weitere Schulden auf Zukunftskurs steuern können. Eine schnelle und deutliche Erholung ist in greifbarer Nähe - einzig es fehlt die politische Weichenstellung. Krugmans Weckruf lautet: Wir sparen uns zu Tode!

»Merkels Gegner und wie sie die Welt sehen«
Die Zeit

Produktdetails

ISBN-10: 3-593-39729-3
EAN: 9783593397290
Originaltitel: End this Depression now
Erschienen: Mai 2012
Verlag: Campus Verlag GmbH
Einband: gebunden
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 270
Länge/Breite: 222mm/140mm
Gewicht: 493 g
Übersetzer: Jürgen Neubauer
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Paul Krugman

Paul Krugman, geboren 1953 in New York, ist ein brillanter amerikanischer Ökonom der jungen Generation. Seine Arbeit wurde u.a. 1991 durch die Verleihung der John-Bates-Clark-Medaille für den besten Nachwuchswissenschaftler gewürdigt. 1998 erhielt Krugman die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin, und im Jahr 2000 wurde ihm in Nürnberg der Horst-Recktenwald-Preis für Nationalökonomie verliehen. Bereits mit 24 Jahren schloss er seine Promotion am renommierten Massachusetts Institute of Technologie (MIT) mit einer Arbeit über flexible Wechselkurse ab. Im selben Jahr trat er seine erste Professur an der Yale University an. Neben seinen Lehr- und Forschungstätigkeiten arbeitet Krugman als Berater, u.a. 1992 in der Wahlkampapagne für Bill Clinton. Derzeit lehrt er am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit schreibt Krugman für zahlreiche Zeitungen und hat schon einige erfolgreiche Bücher publiziert.

Jürgen Neubauer

Jürgen Neubauer, Jahrgang 1967, war Buchhändler in London, Dozent in Pennsylvania und Sachbuchlektor in Frankfurt, ehe er 2004 nach Mexiko auswanderte. Nach einigen Jahren in der Hauptstadt und in einem Bergdorf lebt er heute in der Universitätsstadt Xalapa und übersetzt für deutsche Buchverlage.

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Kundenrezensionen

  • Mehr Belehrung als Analyse Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Thomas Fritzenwallner, am 17.07.2012

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Europa ächzt weiter unter der Schuldenkrise. Immer lauter wird deshalb der bisherige Sparkurs in Frage gestellt. Die klammen Eurostaaten brauchen auch eine Wachstumsperspektive, so die Stimmen nicht nur aus Paris, Athen, Madrid und Rom. Selbst der früher so strenge Internationale Währungsfonds fordert inzwischen zusätzliche Wachstumsimpulse. Gleichzeitig kommt die US-Wirtschaft nicht in Schwung, bleibt die Arbeitslosigkeit mit zuletzt 8,3 Prozent aus amerikanischer Sicht viel zu hoch. Obwohl die Finanzkrise dort schon wieder mehrere Jahre zurückliegt. Das aber könne die Politik nicht länger akzeptieren, betont Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der sein neues Buch "Vergesst die Krise!" ausdrücklich als konkrete Handlungsanweisung verstanden wissen will.In seinem Buch stellt der streitbare Wirtschaftsnobelpreisträger den bisherigen Bemühungen der US-Politik ein miserables Zeugnis aus, von den rüden Attacken auf die forschenden Kollegen ganz zu schweigen. Und wer sich gegen den von Krugman verehrten britischen Ökonomen John Maynard Keynes und dessen Theorien von der starken Rolle des Staates in wirtschaftlichen Krisenzeiten stellt, der muss sich auf beißende Kritik und hämische Polemik einstellen. Von "akademischen Sturmtruppen der Republikaner" ist da beispielsweise die Rede und als Leser fragt man sich wiederholt, welche alten Rechnungen da noch beglichen werden müssen. Oder ob Krugman, der zuweilen ziemlich oberlehrerhaft daherkommt, am Ende schlicht nicht bereit ist, andere akademische Empfehlungen als die eigenen zu akzeptieren.
    Aber auch US-Notenbank-Chef Ben Bernanke muss sich harsche Kritik gefallen lassen. Obwohl er das gemacht hat, was Krugman fordert: die Märkte mit Liquidität zu überschwemmen. Kaum besser ergeht es US-Präsident Barack Obama. Zwar hatten die Demokraten mit dem sogenannten American Recovery and Reinvestment ACT 2010 ein 787 Milliarden Dollar schweres Konjunkturpaket auf den Weg gebracht, doch müssten es schon Billionen von Dollar sein, die der Staat zur Bewältigung der schweren Krise in die Hand nimmt, fordert Krugman. Die Sprache des Buches ist dabei eingängig, die Argumentation auch für Laien gut verständlich, selbst wenn Krugman bisweilen auch mal etwas tiefer in die wirtschaftstheoretische Welt eintaucht. Der grundlegende Ansatz: Nachfrage ist letztlich alles. Wenn diese nicht mehr funktioniert und alle sparen, obwohl die Zinsen niedrig sind und ausreichend Liquidität vorhanden ist, dann muss der Staat einspringen - unterstützt von der Notenbank, die sich bei der Inflationsbekämpfung zurückhält. Fazit: Nur durch staatliche Konjunkturprogramme könnten die notwendigen Jobs geschaffen werden. Sparprogramme dagegen verringerten die Wirtschaftsleistung. Eine Folge: weniger Steuereinnahmen und Mehrausgaben für soziale Hilfsprogramme. Der Defizitabbau in Notzeiten, so der Vordenker der amerikanischen Linken, würde sich also kaum lohnen, dafür aber viel kosten.
    Empfehlungen, die man gerade in Deutschland nicht gerne hören wird, auch wenn der Druck für eine Kurskorrektur - weg vom harten Spardiktat - gerade auch in Europa zuletzt merklich gewachsen ist.
    Der Rat von Krugman, eine höhere Inflation zuzulassen, um damit indirekt die öffentliche Hand zu entschulden - letztlich auf Kosten der Sparer - dürfte nicht überall auf Beifall stoßen.
    Unter dem Strich bietet also das neue Buch nur bedingt Orientierungshilfe. Wirtschaftliche Zusammenhänge, Ursachen und Wirkung werden zwar verständlich und anschaulich erklärt. Ob sein Ansatz das Allheilmittel dein kann bleibt jedoch abzuwarten ...

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EINLEITUNG: WAS KÖNNEN WIR TUN?

Dieses Buch handelt von der wirtschaftlichen Flaute, in der sich der Westen heute befindet - eine Flaute, die inzwischen ins fünfte Jahr geht und nicht den Eindruck macht, als würde sie in naher Zukunft enden. Natürlich gibt es inzwischen zahlreiche Bücher zur Finanzkrise des Jahres 2008, die den Beginn der gegenwärtigen Flaute markierte, und vermutlich werden weitere folgen. Doch in diesem Buch geht es um etwas anderes. Die meisten Autoren beschäftigen sich mit der Frage: "Wie konnte das passieren?" Meine Frage lautet dagegen: "Was können wir jetzt tun?"
Die beiden Fragen hängen zwar zusammen, aber sie sind keineswegs identisch. Wenn wir wissen, wie es zu einem Herzinfarkt kommt, wissen wir noch lange nicht, wie wir ihn behandeln müssen. Das gilt auch für Wirtschaftskrisen. Und heute sollte die Frage der Behandlung im Mittelpunkt stehen. Jedes Mal, wenn ich einen Fachartikel oder Kommentar dazu lese, wie sich künftige Finanzkrisen vermeiden lassen - und ich lese viele solcher Artikel -, werde ich ein bisschen ungeduldig. Natürlich ist das eine wichtige Frage, aber da wir uns noch immer nicht von der letzten Krise erholt haben, sollte der Aufschwung unsere oberste Priorität sein.
Wir leben noch immer im Schatten der wirtschaftlichen Katastrophe, die Europa und die Vereinigten Staaten vor vier Jahren heimgesucht hat. Das Bruttoinlandsprodukt, das normalerweise um 1 oder 2 Prozent pro Jahr wuchs, hat selbst in Ländern mit relativ guter wirtschaftlicher Entwicklung kaum das Vorkrisenniveau erreicht, und in einigen europäischen Ländern liegen die Verluste nach wie vor im zweistelligen Prozentbereich. Die Arbeitslosigkeit bleibt auf beiden Seiten des Atlantiks auf einem Niveau, das vor der Krise unvorstellbar war.
Diese missliche wirtschaftliche Lage lässt sich am ehesten verstehen, wenn wir akzeptieren, dass wir uns in einer schweren Krise befinden. Diese Krise reicht zwar nicht an die Weltwirtschaftskrise heran - oder tut das zumindest nur für wenige Menschen (etwa in Griechenland, Irland oder Spanien mit seinen 23 Prozent Arbeitslosigkeit und fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit). Trotzdem ist die Situation im Grunde dieselbe, die John Maynard Keynes in den 1930er Jahren beschrieb: "Ein chronischer Zustand subnormaler Aktivität, der eine beträchtliche Zeit andauert, ohne eindeutig in Richtung Erholung oder vollständigen Zusammenbruch zu tendieren."
Diese Situation ist nicht hinnehmbar. Einige Experten und Politiker scheinen sich schon damit zufrieden zu geben, den "vollständigen Zusammenbruch" abzuwenden. Doch der "chro­nische Zustand subnormaler Aktivität", der sich vor allem in hoher Arbeitslosigkeit niederschlägt, richtet bei den Menschen einen gewaltigen Schaden an.
Deshalb müssen Maßnahmen zu einer echten und vollständigen Erholung der Wirtschaft unsere oberste Priorität sein. Das Interessante ist, dass wir genau wissen, was wir zu tun haben. Wir sollten es zumindest wissen. Trotz der Unterschiede im Detail, die ein Dreivierteljahrhundert wirtschaftlicher, technischer und gesellschaftlicher Veränderungen bewirkt haben, befinden wir uns heute in einer ähnlichen Situation wie den 1930er Jahren. Dank der Analysen zeitgenössischer Wirtschaftswissenschaftler wie Keynes und der Erkenntnisse ihrer Nachfolger wissen wir heute, welche Maßnahmen die Politik damals hätte ergreifen müssen. Und diese Analysen sagen uns auch, was wir in der heutigen Krise tun müssten.
Leider nutzen wir dieses Wissen heute nicht, da zu viele Menschen in einflussreichen Positionen - Politiker, Beamte und eine Vielzahl von Meinungsmachern - beschlossen haben, die Lektionen der Geschichte und mehrere Generationen der Wirtschaftsanalyse kurzerhand über Bord zu werfen und dieses hart erarbeitete Wissen durch ideologisch und politisch genehme Vorurteile zu ersetzen. Die "hochseriösen Experten", wie manche sie sarkastisch nennen, haben eine entscheidende Erkenntnis von Keynes auf den Müll geworfen: "Der Aufschwung, nicht der Abschwung, ist der richtige Zeitpunkt für Sparmaßnahmen." Heute müssten Regierungen mehr Geld ausgeben, nicht weniger, und zwar so lange, bis der private Sektor wieder in der Lage ist, den Aufschwung zu tragen. Doch stattdessen gelten neuerdings arbeitsplatzvernichtende Sparprogramme als der Weisheit letzter Schluss.
Dieses Buch ist ein Versuch, diesen folgenschweren Irrglauben zu durchbrechen und für eine expansive Politik einzutreten, die Arbeitsplätze schafft und die wir von Anfang an hätten verfolgen sollen. Dazu muss ich Beweise vorlegen - ja, in diesem Buch kommen Grafiken vor. Es ist trotzdem kein theorielastiges Fachbuch und richtet sich nicht an Experten, sondern an informierte Laien, die sich sonst eher am Rande mit der Wirtschaft beschäftigen. Es geht mir darum, die Meinungsführerschaft der "hochseriösen Experten" zu beenden, die uns aus unerfindlichen Gründen auf den Holzweg geführt und unseren Volkswirtschaften und Gesellschaften immensen Schaden zugefügt haben. Und es geht mir darum, uns stattdessen auf den richtigen Weg zu führen.
Vielleicht, aber nur vielleicht, befindet sich unsere Wirtschaft ja schon auf dem Weg einer nachhaltigen Erholung, wenn Sie dieses Buch in Händen halten, und vielleicht ist dieser Aufruf gar nicht mehr nötig. So sehr ich mir das wünschen würde - ich halte es für unwahrscheinlich. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass unsere Wirtschaft eine lange Krise durchlaufen wird, wenn die Politik nicht das Steuer herumreißt. Mein Ziel ist es, mithilfe einer informierten Öffentlichkeit Druck auszuüben, um den erforderlichen Kurswechsel zu erreichen und diese Krise zu beenden.

KAPITEL 1: WIE SCHLIMM ES WIRKLICH STEHT
"Wenn die frischen Triebe ausschlagen und die Märkte wieder Vertrauen fassen, setzt eine positive Dynamik ein, die unsere Wirtschaft wiederbeleben wird."
"Sehen Sie diese frischen Triebe?"
"Ja, ich sehe die frischen Triebe."
Ben Bernanke, Vorsitzender der amerikanischen Notenbank, in einem Interview der Nachtrichtensendung 60 MINUTES, 15. März 2009

Im März 2009 beurteilte Ben Bernanke - ansonsten weder ein besonders fröhlicher noch ein sehr poetischer Mensch - die wirtschaftliche Perspektive optimistisch. Die Pleite von Lehman Brothers lag sechs Monate zurück, und die Wirtschaft der Vereinigten Staaten befand sich in einer Winterstarre. Doch im Nachrichtenmagazin 60 Minutes erklärte der Vorsitzende der Federal Reserve, der Notenbank der Vereinigten Staaten, der Frühling sei nah.
Seine Aussage war schnell in aller Munde, nicht zuletzt weil sie in unheimlicher Weise an die Worte von Chance alias Chaun­cey Gardiner aus dem Film Being There erinnerte. Chance, ein einfältiger Gärtner, der als Weiser gilt, wird in einer Szene vom Präsidenten nach seiner Meinung zur Wirtschaftspolitik gefragt und versichert: "Solange die Wurzeln nicht angetastet werden, steht im Garten alles zum Besten. Im Frühjahr beginnt das Wachstum." Bei allem Spott teilten die meisten Bernankes Optimismus. Ende 2009 kürte das Nachrichtenmagazin Time den Notenbankchef sogar zum Mann des Jahres.
Leider stand im Garten nicht alles zum Besten, und das versprochene Wachstum blieb aus.
Zugegeben, Bernanke hatte Recht und die Krise schwächte sich tatsächlich ab. Die Panik auf den Finanzmärkten ließ nach, und der Absturz der Wirtschaft verlangsamte sich. Nach Angaben der Zahlenhüter des National Bureau of Economic Research dauerte die so genannte "Große Rezession" von Dezember 2007 bis Juni 2009. Danach setzte eine leichte Erholung ein. Doch diese Erholung kam bei den wenigsten Menschen an. Die Arbeitslosigkeit blieb unverändert hoch, immer mehr Familien zehrten ihre Ersparnisse auf, verloren ihre Häuser und, schlimmer noch, gaben die Hoffnung auf. Die Arbeitslosenzahlen sind zwar seit ihrem Höhepunkt im Oktober 2009 wieder leicht zurückgegangen. Doch der Aufschwung kommt im Schneckentempo, und wir warten bis heute vergeblich auf Bernankes "positive Dynamik".
Und das gilt nur für die Vereinigten Staaten, die zumindest statistisch eine wirtschaftliche Erholung erleben. Andere Länder sind selbst davon weit entfernt. In Irland, Griechenland oder Italien haben die Schuldenprobleme und die "Sparpakete", mit denen das Vertrauen wiederhergestellt werden sollte, nicht nur jeden Aufschwung abgewürgt, sondern neue Abstürze und einen rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit bewirkt.
Die Liste der Leiden ließe sich endlos fortsetzen. Inzwischen sind vier Jahre seit dem Beginn der Großen Rezession vergangen, dreieinhalb Jahre seit der Lehman-Pleite und drei Jahre, seit Bernanke den wirtschaftlichen Frühling beschwor. Doch für die Bürger der reichsten Länder der Welt - Länder, die eigentlich über die Ressourcen, die Talente und das Wissen verfügen, um Wohlstand und einen angemessenen Lebensstandard für alle zu ermöglichen - geht das Leiden bis heute weiter.
In diesem Kapitel zeige ich dieses Leiden in seinen verschiedenen Dimensionen auf. Ich blicke zunächst vor allem auf die Vereinigten Staaten, das Land, in dem ich lebe und das ich besser kenne als jedes andere, um mich in späteren Kapiteln auch anderen Ländern zuzuwenden. Beginnen will ich mit dem Thema, das wichtiger ist als jedes andere, und bei dem wir bislang die wenigsten Fortschritte erzielt haben: die Arbeitslosigkeit.

Die Flaute auf dem Arbeitsmarkt
Einem alten Witz zufolge sind Wirtschaftswissenschaftler Menschen, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen. Das ist gar nicht so falsch. Da sich Wirtschaftswissenschaftler mit der Zirkulation des Geldes und der Produktion beziehungsweise dem Konsum von Gütern beschäftigen, neigen sie zu der Annahme, dass sich alles nur um Geld und Güter dreht. Inzwischen gibt es jedoch einen Zweig der Wirtschaftswissenschaften, der sich mit der subjektiven Wahrnehmung der Lebensqualität, zum Beispiel mit Glück oder Lebenszufriedenheit, und ihrem Zusammenspiel mit anderen Aspekten des Lebens beschäftigt. Die Rede ist von der "Glücksforschung", und im Jahr 2010 hielt Ben Bernanke sogar eine Rede zum Thema "Ökonomie des Glücks". Diese neue Forschungsrichtung verrät uns einiges über den Schlamassel, in dem wir uns heute befinden.
Sie verrät uns beispielsweise, dass Geld für unsere Lebenszufriedenheit kaum noch ins Gewicht fällt, sobald wir das Lebensnotwendige abgedeckt haben. Mehr Geld zu haben, hat buchstäblich keinen Vorteil: Die Einwohner reicher Länder sind im Durchschnitt nur geringfügig zufriedener als die Einwohner weniger wohlhabender Länder. Dafür ist es umso wichtiger, ob wir mehr oder weniger Geld haben als die Menschen, mit denen wir uns vergleichen - deshalb wirkt sich extreme Ungleichheit so destruktiv auf eine Gesellschaft aus. Aber unterm Strich ist Geld weit weniger wichtig als uns stumpfe Materialisten, aber auch viele Wirtschaftswissenschaftler weismachen wollen.
Was nicht heißen soll, dass die Wirtschaft keinen Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit hätte. Es gibt nämlich einen Faktor, der von der Wirtschaft abhängt und der ganz erheblichen Einfluss auf unser Glück hat: die Arbeit. Wer Arbeit sucht und keine findet, leidet - und das hat nicht nur etwas mit Einkommenseinbußen, sondern auch mit dem Verlust an Selbstwertgefühl zu tun. Genau aus diesem Grund ist die Massenarbeitslosigkeit, wie sie die Vereinigten Staaten seit vier Jahren erleben, so außerordentlich tragisch.
Aber wie gravierend ist das Problem der Arbeitslosigkeit tatsächlich? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen kleinen Ausflug unternehmen.
Was uns hier interessiert, ist die unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Menschen, die aus freien Stücken nicht auf den Arbeitsmarkt aktiv sind - zum Beispiel Rentner, Hausfrauen oder Hausmänner -, zählen nicht dazu, genauso wenig wie Behinderte, deren Arbeitsunfähigkeit zwar bedauerlich ist, aber keine wirtschaftlichen Ursachen hat.
Es gab natürlich immer Menschen, die behaupten, dass es so etwas wie unfreiwillige Arbeitslosigkeit gar nicht gibt, und dass jeder eine Arbeit findet, wenn er oder sie wirklich arbeiten will und keine unrealistischen Ansprüche an Lohn und Arbeitsbedingungen stellt. Ein Beispiel ist die republikanische Senats­kandidatin Sharron Angle, die behauptete, Arbeitslose seien "verwöhnt" und lebten lieber von der Stütze, als sich eine Beschäftigung zu suchen. Oder die Angehörigen der Handelskammer von Chicago, die sich im Oktober 2011 über Demonstranten der Occupy-Bewegung lustig machten, indem sie Bewerbungsformulare von McDonald's über ihnen abwarfen. Oder Wirtschaftswissenschaftler wie Casey Mulligan von der University of Chicago, der in zahllosen Artikeln der Online-Ausgabe der New York Times behauptet hat, der starke Anstieg der Arbeitslosenzahlen nach der Finanzkrise des Jahres 2008 habe nicht etwa mit dem Abbau von Arbeitsplätzen zu tun, sondern mit der zunehmenden Arbeitsmüdigkeit.
Die klassische Antwort auf solche Behauptungen stammt aus dem Roman Der Schatz der Sierra Madre von B. Traven (der durch die Verfilmung mit Humphrey Bogart und Walter Huston aus dem Jahr 1948 bekannt wurde):
Aber wer arbeiten will, der findet Arbeit. Nur darf man nicht gerade zu dem kommen, der diesen Satz spricht; denn der hat keine Arbeit zu vergeben, und der weiß auch niemand zu nennen, der einen Arbeiter sucht. Darum gebraucht er ja gerade diesen Satz, um zu beweisen, wie wenig er von der Welt kennt.
Genau so ist es. Und was die Bewerbung bei McDonald's angeht: Im April 2011 hatte die Burger-Kette tatsächlich 50.000 neue Stellen ausgeschrieben. Es bewarben sich rund eine Million Menschen.
Wer auch nur ein bisschen Ahnung von der Welt hat, der weiß, dass die wenigsten Menschen aus freien Stücken arbeitslos sind. Aber wie gravierend ist das Problem der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit, und wie viel schlimmer ist es geworden?
Die Arbeitslosenzahlen, die wir regelmäßig in den Nachrichten hören, basieren auf Umfragen, in denen Erwachsene gefragt werden, ob sie Arbeit haben oder aktiv Beschäftigung suchen.

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