Moskau ist viel schöner als Paris
Leseprobe

Moskau ist viel schöner als Paris

Leben zwischen zwei Welten

von Elisabeth Markstein

Buch

gebunden (200 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Elisabeth Markstein, die Tochter von Hilde und Johann Koplenig, gehört in den Jahren des Moskauer Exils zu den berühmten Hotel-Lux-Kindern. Als Kind politisch aktiver Eltern muss sie in verschiedensten Ecken Europas ein Zuhause finden. Ihre Eltern sieht sie in den ersten Jahren kaum. Die Exiljahre sind trotz oder gerade wegen des Kriegs von großer Solidarität und Freundschaft geprägt. Sie lernt in der Emigration Moskau lieben und muss sich nach 1945, als Tochter des ersten Vizekanzlers der provisorischen Bundesregierung Österreichs in einem fremden Wien zurechtfinden. Elisabeth Markstein erzählt auf eindringliche Weise nicht nur von den Kindertagen einer geborenen Kommunistin, sondern auch von Schicksalen jenseits familiärer Bande. Sie erinnert an die Zeiten des Prager Frühlings, an politische Hoffnungen im Osten wie im Westen. Sie erzählt von Begegnungen mit Chruschtschow und Molotow, Josif Brodski oder Constantin Costa-Gravas, von innigen Freundschaften wie jener zu Heinrich Böll und schwierigen Arbeitsverhältnissen wie mit Alexander Solschenizyn.

Produktdetails

ISBN-10: 3-85286-191-8
EAN: 9783852861913
Erschienen: Februar 2010
Verlag: Milena Verlag
Einband: gebunden
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 200
Länge/Breite: 207mm/146mm
Gewicht: 365 g
Reihe: Zeitgeschichte
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Elisabeth Markstein

Elisabeth Markstein, geboren 1929 in Wien. Mittelschule in Moskau, Studium der Slawistik an den Universitäten Wien und Moskau, Doktoratsstudium am Dolmetschinstitut Wien. Ab 1966 Lehrtätigkeit an den Dolmetschinstituten und Instituten für Slawistik Wien, Innsbruck und Graz. 1975/76 Gastlektorin an der University of Texas in Austin. Themen: neuere russische Literatur, Kulturkunde, Übersetzungspraxis und literarisches Übersetzen am Dolmetschinstitut Wien. Staatspreis für Übersetzung 1989. Auszeichnungen für Übersetzungen russischer Autoren wie Wassilij Grossman (»Leben und Schicksal«) und Alexander Solschenizyn (»Archipel Gulag«).

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Diesen Mai habe ich miterlebt. Nicht den Victory Day des Westens, den 8. Mai, als bei Kämpfen um Prag noch sowjetische Soldaten starben, sondern den 9. Mai, den Siegestag der Roten Armee, die endgültige Kapitulation Deutschlands. Beinahe wäre es ein gemeinsamer Siegestag geworden, wäre da nicht die Zeitverschiebung.
Wir waren in der Schule, als wir es erfuhren, seit Tagen wartete alles darauf. Ohne uns abzusprechen, ohne um Erlaubnis zu fragen, stürmten wir ins Freie. Wohin? Zum Roten Platz. Irgendwie sitzt in meiner Erinnerung das – unmögliche – Bild, dass auf den Straßen überhaupt keine Autos waren. Nur Menschen, die über die Fahrbahn zogen, ohne Fahnen, ohne Plakate, ohne Parolen, keine geordnete Demonstration, bloß singend; nur Menschen, viele Frauen, wenige Männer, alte, junge, die sich die Hand reichten, sich beieinander einhakten, einander umarmten, ohne einander zu kennen. Männer in Uniform wurden hochgeworfen, Invaliden wurde Spalier gemacht, auch sie waren dabei mit ihren jämmerlichen, selbstgebastelten Wägelchen und Krücken. Freude und Trauer vermischten sich zu dem einen gemeinsamen
Fühlen: Es ist vorbei! Ich habe nie wieder so etwas erlebt, eine derart offene, aufgewühlte und solidarische Menge. Jetzt kommen andere Zeiten.

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