Der Poet
Leseprobe

Der Poet

Ausgezeichnet mit dem Marlowe, Preis der Raymond Chandler Gesellschaft, Kategorie International, 1997, und mit dem Anthony Award 1997, Kategorie Best Novel. Roman

von Michael Connelly

Buch

Taschenbuch (553 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Jack McEvoy ist als Gerichtsreporter mit dem Tod mehr als vertraut. Der Tod seines Bruders aber trifft ihn tief, zumal man ihm sagt, Sean habe Selbstmord begangen. Jack kann das nicht glauben, und seine Nachforschungen geben ihm bald recht - es war Mord! Und dann geht es gar nicht mehr nur um diesen Mord, sondern um einen Serienkiller. In ganz Amerika gibt es ähnliche Fälle - ermordete Detectives, die an ungelösten Fällen arbeiteten und höchst eigenartige Abschiedsbriefe hinterließen, Verse aus den Gedichten E. A. Poes. Wer ist der - bald als "Der Poet" bezeichnete - Täter? Verdächtige jedenfalls gibt es zu Genüge, die Geschichte nimmt immer wieder neue, unerwartete Wendungen. Im Zentrum der Macht - in der Zentrale des FBI - erfährt Jack McEvoy endlich die Wahrheit ...

Pressestimmen:

»Michael Connellys spannender Thriller spielt geschickt mit den Ängsten seiner Leser.« Der Spiegel

Produktdetails

ISBN-10: 3-453-43178-2
EAN: 9783453431782
Originaltitel: The Poet
Erschienen: 02.09.2005
Verlag: Heyne Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 553
Länge/Breite: 187mm/118mm
Gewicht: 450 g
Übersetzer: Christel Wiemken
Reihe: Heyne-Bücher Allgemeine Reihe
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Michael Connelly

Michael Connelly studierte und arbeitete zunächst in Florida, wurde für eine seiner Reportagen für den "Pulitzer-Preis" nominiert und war danach einige Jahre Polizeireporter für die "Los Angeles Times". Er wurde mit dem "Edgar Award" ausgezeichnet.

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Buchhändlertipps

  • Brillanter Thriller mit Niveau Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Sabrina Sallmayer, am 17.02.2012 aus der Thalia-Buchhandlung in Bürs, Zimbapark

    Als der Reporter Jack McEvoy vom Selbstmord seines Bruders erfährt fällt er aus allen Wolken. Er beschließt eine Reportage über Polizistenselbstmorde zu schreiben. Im Laufe seiner Recherche kommen ihm immer mehr Zweifel an der Selbsttötung seines Zwillingsbruders. Auf eigene Faust beginnt Jack zu ermitteln und entdeckt, dass viele angebliche Selbstmorde von Polizisten inszenierte Morde sind. Ein Katz und Maus Spiel mit dem psychopathischen Serienmörder beginnt,…
    Ein sehr starker und faszinierender Thriller. Unglaublich spannend geschrieben.

Kundenrezensionen

  • Mit DER POET schoß sich Connelly in den Olymp des amerikanischen Kriminalromans... Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Moritz Revermann, am 04.03.2011

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Es gibt viele langweilige Krimis, es gibt auch viele gute, spannende und handwerklich gut gestrickte, - allerdings wenige, die man nie vergessen wird. 'Der Poet' gehört definitiv in die letzte Kategorie!

    Michael Connelly war lange Jahre Polizeireporter bei der Los Angeles Times und hat sein Handwerk gelernt. Kein Wort zuviel, kein unnötiger Handlungsstrang. Jack McEvoy, Hauptfigur in diesem Kriminalfall, ist ebenfalls Gerichtsreporter und wird ohne jedes Vorgeplänkel mit dem Selbstmord seines Zwillingsbruders, Polizist, konfrontiert. Er beginnt zu recherchieren und stößt bald auf eine Reihe dubioser Selbstmorde von Polizisten, begangen in verschiedensten Staaten der USA.

    Komplex, faszinierend, verstörend, superspannend und mit einem grandiosen Finale ausgestattet, gehört dieser Roman in meine 'best 50 ever'. Lesen! Unbedingt.

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  • Gut recherchiert, hervorragend verknüpft Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Jennifer Böhm, am 11.12.2008

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Da der Inhalt des Buches bereits beschrieben wurde, zum Handwerk: Michael Connelly ist es mit diesem Buch gelungen, den Leser durch eine spannende, flüssig erzählte Handlung zu treiben. Die anfänglichen Ungereimtheiten lösen sich nach und nach auf, wobei sich der Autor einige "Geheimnisse" bis zum Schlussteil aufspart. Dies erhält die Aufmerksamkeit des Lesers ebenso wie der fundierte Schreibstil. Auch erwähnenswert ist hierbei die Erzählweise. Das Buch wurde in Ich-Form geschrieben, so dass man zusammen mit dem Protagonisten auf eine Reise geschickt wird und gemeinsam lose Fäden verknüpft. Zusätzliches "Schmankerl" ist der Einblick in den Kreis des FBI.

    Manko und letztendlicher Grund für die Vergabe von "nur" 4 Sternen: Die Wendung im Schlussteil kommt zu lasch daher und der Hintergrund des eigentlichen Poeten bzw. dessen Beweggründe werden vollkommen im Dunkeln belassen. Schade!

    Ansonsten ein rundherum gelungenes Buch.

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  • Zwischen den Versen Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Polar, am 19.04.2008

    0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Wenn jemand aus der Familie Selbstmord begeht, will man dies zuerst nicht wahrhaben. Ist dieser dann auch noch ein Cop gewesen, geht man davon aus, dass er durch seinen Beruf abgebrüht genug sein müsste, um diesen Ausweg nicht zu wählen. Der erste Satz des Thrillers lautet: Der Tod ist mein Ressort. Womit über den Journalisten Jack McEvoy, der Zwillingsbruder des Toten, alles gesagt ist. Er geht den Dingen nach und stößt auf eine Spur, die eine Serie mysteriöser Selbstmorde aufdeckt, in denen Cops dem Leben überdrüssig diesem scheinbar ein Ende gesetzt haben. Rasant flechtet Connelly die Kapitel ineinander. Da sind die Selbstmörder, da ist der Ring der Kinderschänder, in deren Umfeld die toten Cops ermittelt haben. Selbst der Poet bekommt eine Stimme in diesem Roman, so dass der Leser auf mehreren Erzählsträngen der Aufklärung entgegenfiebert und einem überraschenden Ende entgegensieht. Dass Michael Connelly den Guten Schatten aus der Vergangenheit anheftet, verleiht der Geschichte Farbe. Selbst die Liebe in Person von Rachel, einer FBI-Agentin, bringt für Jack McEvoy eher Probleme mit sich und seien sie hausgemacht. Connelly führt seine Leser immer wieder geschickt auf falsche Fährten, sei es ein Nebenbuhler bei Rachel, sei es ein Informant, der die Story zu früh lanciert, sei es beim vorzeitigen Finale des Falls. Connelly verschafft seinen Lesern Einsicht in die Arbeit eines Journalisten, wie in die Sisyphosarbeit der Ermittler, indem er selbst von Details spannend zu erzählen weiß.

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  • Spannung pur Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Dabis, am 20.07.2006

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    "Der Poet" ist ein beachtlicher Kriminalroman aus der Feder von Michael Connelly. Von Anfang bis Ende spürt man die vibrierende Spannung der Handlung. Ein angeblicher Selbstmord des Zwillingsbruders eines Gerichtsreportes namens Jack McEvoy steht im Mittelpunkt des Geschehens. McEvoy plagen ernsthafte Zweifel an der Selbstmordtheorie, weshalb er schließlich auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Wechselnde Perspektiven geben nähere Einblicke in seine journalistische Arbeit, sowie in das kranke Hirn eines psychopathischen Serienmörders, der möglicherweise in Wirklichkeit die Tat begangen hat. In sehr flüssigem Sprachstil, atmosphärisch dicht und überaus wendungsreich schrieb Connelly diese packende Geschichte, welche wohl mit zu seinen besten Werken gehört. Bis zum Schluß darf man als Leser mitfiebern, wer nun der wahre Drahtzieher ist. Ich gebe 5 Sterne als Bewertung.

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  • Noch besser als sein Ruf Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von einer Kundin/einem Kunden, am 08.03.2006

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    Conelly ist ein Meister seines Fachs, der die beteiligten Protagonisten in einem spannenden Mit - und Gegeneinander auf die tiefsten Abgründe menschlichen Seins zutreiben lässt. Erstklassige Kriminalliteratur und man fragt sich, warum gibt es derartig Gutes nicht in Deutschland auch.

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Tod ist mein Ressort. Ich lebe von ihm. Ich schmiede meinen beruflichen Ruhm mit seiner Hilfe. Ich behandle ihn mit der Leidenschaft und Präzision eines Bestattungsunternehmers - ernst und voller Mitgefühl, wenn ich mit den Hinterbliebenen spreche, wie ein erfahrener Handwerker, wenn ich allein bin. Ich war immer der Ansicht, das Geheimnis des Umgangs mit dem Tod bestünde darin, genügend Abstand zu ihm zu halten. Die Regel lautet: Man darf nicht zulassen, dass er einem ins Gesicht atmet.
Aber ich hatte keine Chance, mich an diese Regel zu halten. Als die beiden Detectives erschienen und mir von Sean erzählten, ergriff eine kalte Taubheit von mir Besitz. Es war, als befände ich mich in einem Aquarium. Ich bewegte mich wie unter Wasser - vor und zurück, vor und zurück - und betrachtete den Rest der Welt durch das Glas.
Vom Fond ihres Wagens aus konnte ich im Rückspiegel meine Augen sehen. Sie blitzten jedes Mal auf, wenn wir eine Ampel passierten. Ich erkannte den Blitz wieder. Aus den Augen der frisch verwitweten Frauen, die ich im Laufe der Jahre interviewt hatte.
Ich kannte nur einen der beiden Detectives, Harold Wexler. Ich hatte ihn ein paar Monate zuvor kennen gelernt, als ich mit Sean auf einen Drink ins Pints Of gegangen war. Sie gehörten beide derselben Abteilung der Polizei von Denver an, der CAP, die für Verbrechen an Menschen zuständig war. Ich erinnerte mich, dass Sean ihn Wex genannt hatte. Cops reden sich immer mit Spitznamen an. Der von Wexler ist Wex, und der von Sean war Mac. Das ist so eine Art Stammesbindung. Einige der Namen sind nicht gerade schmeichelhaft, aber die Cops beschweren sich nicht. Ich kenne einen in Colorado Springs, der Scoto heißt und den die meisten Scroto nennen. Ein paar gehen sogar so weit, ihn Scrotum zu nennen, aber ich nehme an, man muss schon ein sehr guter Freund sein, um sich das erlauben zu dürfen.
Wexler war gebaut wie ein kleiner Bulle, kräftig, untersetzt, mit einer von Zigaretten und Whiskey verräucherten Stimme. Ein scharfgeschnittenes, auffallend rotes Gesicht. Ich erinnere mich, dass er Jim Beam auf Eis trank. Mich interessiert immer, was Cops trinken. Es verrät eine Menge über sie. Wenn sie ihre Drinks unverdünnt zu sich nehmen, muss ich immer denken, dass sie vielleicht zu oft zu viele Dinge gesehen haben, die die meisten Menschen überhaupt nicht zu sehen bekommen. Sean trank an jenem Abend Lite Bier, aber er war auch noch jung. Obwohl er die Abteilung leitete, war er mindestens zehn Jahre jünger als Wexler. Zehn Jahre später hätte er seine Medizin vielleicht auch kalt und unverdünnt eingenommen, wie Wexler. Doch das werde ich jetzt nie erleben.
Ich verbrachte den größten Teil der Fahrt damit, an jenen Abend im Pints Of zu denken. Nicht, dass dort irgendetwas Wichtiges passiert wäre. Nur ein paar Drinks mit meinem Bruder. Und das letzte Mal, dass wir uns richtig gut verstanden. Bevor Theresa Lofton auftauchte. Diese Erinnerung versetzte mich wieder zurück in das Aquarium.
Doch sobald die Realität es schaffte, das Glas zu durchdringen und in mein Herz vorzustoßen, überwältigte mich ein Gefühl des Versagens und des Kummers. Es war die erste wirkliche Seelenqual, die ich in meinen vierunddreißig Jahren durchmachen musste. Das schloss den Tod meiner Schwester mit ein. Damals war ich noch zu jung gewesen, um richtig um Sarah trauern oder auch nur den Schmerz eines nicht erfüllten Lebens begreifen zu können. Jetzt trauerte ich, weil ich nicht einmal gewusst hatte, dass Sean so dicht am Abgrund gestanden hatte. Er war Lite Bier gewesen, während all die anderen Cops, die ich kannte, Whiskey on the rocks waren.
Natürlich war mir bewusst, wie viel Selbstmitleid in dieser Art von Trauer steckte. Wir hatten einander lange Zeit nicht richtig zugehört. Wir hatten unterschiedliche Wege eingeschlagen. Und jedes Mal, wenn ich mir diese Tatsache eingestand, begann der Kreislauf des Kummers von vorn.


Mein Bruder hatte mir einmal die Theorie des Limits erklärt. Er sagte, jeder Cop, der in der Mordkommission arbeite, habe ein Limit, aber dieses Limit sei ihm unbekannt, bis er es erreicht habe. Er redete über Tote. Sean war überzeugt, dass jeder Cop nur soundso viele Tote ertragen konnte. Die Zahl lautete bei jedem anders. Manche klappten schon früh zusammen. Andere gehörten der Mordkommission zwanzig Jahre lang an und kamen nicht einmal in die Nähe des Limits. Aber eine Zahl gab es immer. Und wenn sie erreicht war, dann war Schluss. Man ließ sich ins Archiv versetzen, man gab seine Dienstmarke ab, man tat irgendetwas. Weil man den Anblick eines weiteren Toten einfach nicht ertragen hätte. Doch wenn man trotzdem blieb, wenn man sein Limit überschritt, nun ja, dann gab es Probleme, die damit enden konnten, dass man sich eine Kugel in den Kopf schoss. Genau das hatte Sean gesagt.


Mir wurde bewusst, dass mich der andere Detective, Ray St. Louis, angesprochen hatte.
Er war viel größer als Wexler. Selbst in dem schwachen Licht im Wageninnern konnte ich die Unebenheit seines pockennarbigen Gesichts erkennen. Ich kannte ihn nicht, aber ich hatte gehört, wie andere Cops über ihn redeten, und ich wusste, dass sie ihn Big Dog nannten. Als ich ihn und Wexler zusammen sah, als sie im Foyer der Rocky auf mich warteten, hielt ich sie für das perfekte Mutt-und-Jeff-Paar. Sie sahen aus, als wären sie direkt aus einem Spätfilm gestiegen. Lange, dunkle Mäntel. Hüte. Die ganze Szene hätte in Schwarzweiß sein sollen.
»Haben Sie gehört, Jack? Wir bringen es ihr bei. Das ist unser Job, aber es wäre uns sehr lieb, wenn Sie dabei sein könnten, vielleicht sogar bei ihr bleiben würden, wenn es hart auf hart geht. Sie wissen schon - wenn sie jemanden um sich braucht. Okay?«
»Okay.«
»Gut, Jack.«
Wir waren unterwegs zu Seans Haus. Nicht zu der Wohnung, die er sich mit vier anderen Cops in Denver teilte, damit er den Vorschriften entsprechend ein Einwohner von Denver war. Sondern zu seinem Haus in Boulder, wo seine Frau Riley uns die Tür öffnen würde. Ich wusste, dass niemand ihr etwas beizubringen brauchte. Sie würde wissen, was passiert war, sobald sie uns drei ohne Sean dastehen sah. Jede Frau eines Cops würde sofort Bescheid wissen. Diese Frauen verbringen ihr Leben damit, genau den Tag zu fürchten und sich auf ihn einzustellen. Jedes Mal, wenn jemand an die Tür klopft, rechnen sie damit, dass es Todesboten sein könnten. Diesmal würde es der Fall sein.
»Sie wird es sowieso wissen«, erklärte ich ihnen.
»Vermutlich«, sagte Wexler. »Sie wissen es immer.«
Mir wurde klar, dass sie darauf sogar bauten. Das würde ihren Job leichter machen.
Ich ließ mein Kinn auf die Brust sinken, schob die Finger unter die Brille und massierte meine Nasenwurzel. Mir war bewusst, dass ich zu einer Figur aus einer meiner eigenen Storys geworden war - dass ich die Zeichen des Kummers und Verlustes zur Schau stellte, die ich sonst so mühsam formulierte, damit eine fünfundsiebzig Zentimeter lange Zeitungsstory besonders ergreifend wurde.
Ein Schamgefühl überfiel mich, als ich an all meine Anrufe bei einer Witwe oder den Eltern eines toten Kindes dachte. Oder bei dem Bruder eines Selbstmörders. Ja, sogar solche Leute hatte ich angerufen. Ich glaube nicht, dass es irgendeine Art von Tod gibt, über die ich nicht geschrieben habe, bei der ich nicht zum Eindringling in anderer Leute Schmerz geworden war.
Wie fühlen Sie sich? Worte, die einem Reporter geläufig sind. Immer die erste Frage. Vielleicht nicht so direkt gestellt, sondern sorgfältig hinter Worten getarnt, die Mitgefühl und Verständnis ausdrücken sollten - Empfindungen, die mir in Wirklichkeit abgingen. Ich habe sogar ein Andenken an diese Gefühllosigkeit. Eine schmale weiße Narbe auf meiner linken Wange, direkt oberhalb meines Bartes. Sie stammt von dem Diamanten am Verlobungsring einer Frau, deren Verlobter gerade in einer Lawine in der Nähe von Breckenridge ums Leben gekommen war. Ich stellte ihr die übliche Frage, und sie reagierte mit einer Rückhand quer über mein Gesicht. Damals war ich noch neu in diesem Job und glaubte, mir wäre Unrecht geschehen. Heute trage ich die Narbe wie eine Medaille.
»Halten Sie bitte an«, sagte ich. »Ich muss mich übergeben.«
Wexler steuerte den Wagen sofort auf die Standspur des Freeways. Wir schlitterten ein wenig auf dem schwarzen Eis, doch dann gewann Wexler die Kontrolle zurück. Noch bevor der Wagen völlig zum Stillstand gekommen war, versuchte ich verzweifelt, die Tür zu öffnen, aber der Griff funktionierte nicht. Es war ein Polizeifahrzeug, begriff ich dann, und die meisten Leute, die auf dem Rücksitz mitfuhren, waren Verdächtige oder Gefangene.
»Die Tür«, brachte ich mühsam heraus.
Der Wagen kam schließlich mit einem Ruck zum Stehen, und Wexler löste die Sicherheitsverriegelung. Ich öffnete die Tür, beugte mich hinaus und erbrach mich in den schmutzigen Schneematsch. Eine halbe Minute lang rührte ich mich nicht, wartete auf mehr, doch es kam nichts. Ich war leer. Ich dachte an den Rücksitz des Wagens. Für Verdächtige und Gefangene. Ich nahm an, dass ich jetzt beides war. Verdächtig als Bruder. Und ein Gefangener meines eigenen Stolzes. Das Urteil würde natürlich lebenslänglich lauten.
Mit der Erleichterung, die der körperliche Exorzismus mit sich brachte, glitten diese Gedanken rasch hinweg. Ich stieg vorsichtig aus dem Wagen und ging bis an den Rand des Asphalts, auf dem die Lichter vorbeifahrender Wagen im Februarschnee in schillernden Regenbogenfarben reflektiert wurden. Es sah so aus, als hätten wir am Rande einer Viehweide angehalten, aber ich wusste nicht, wo wir waren. Ich hatte nicht darauf geachtet. Ich zog meine Handschuhe aus, nahm die Brille ab und steckte sie in meine Manteltasche. Dann bückte ich mich und grub durch die schmutzige Oberfläche, bis ich an Schnee kam, der weiß und sauber war. Ich nahm zwei Hand voll von dem kalten, sauberen Pulver, drückte es an mein Gesicht und verrieb es, bis meine Haut brannte.
»Alles okay?«, fragte St. Louis.
Er war mit dieser dämlichen Frage hinter mich getreten. Sie lag auf der gleichen Ebene wie das Wie fühlen Sie sich? Ich ignorierte sie.
»Fahren wir«, sagte ich.




Wir stiegen wieder ein, und Wexler steuerte den Wagen wortlos zurück auf die Fahrbahn. Ich entdeckte das Schild für die Ausfahrt Broomfield und wusste nun, dass wir ungefähr die Hälfte der Strecke hinter uns hatten. Ich war in Boulder aufgewachsen


und hatte die knapp fünfzig Kilometer zwischen Boulder und Denver bestimmt an die tausend Mal zurückgelegt, aber jetzt kam mir die Gegend wie ein Territorium auf dem Mond vor.
Zum ersten Mal dachte ich an meine Eltern und daran, wie sie auf die Nachricht reagieren würden. Stoisch, vermutete ich. So gingen sie mit allem um. Sie sprachen nie über irgendetwas. Sie machten einfach weiter. So war es bei Sarah gewesen. So würde es nun auch bei Sean sein.
»Warum hat er es getan?«, fragte ich nach ein paar Minuten.
Wexler und St. Louis antworteten nicht.
»Ich bin sein Bruder. Wir sind Zwillinge, verdammt noch mal!«
»Außerdem sind Sie Journalist«, sagte St. Louis. »Wir haben Sie abgeholt, weil wir möchten, dass jemand von der Familie bei Riley ist. Sie sind der Einzige ...«
»Mein Bruder hat sich umgebracht!«
Ich sagte es zu laut, mit einem hysterischen Unterton, von dem ich wusste, dass er bei Cops nie wirkt. Man fängt an zu brüllen, und sie sind imstande, den Laden dichtzumachen, ganz cool zu werden. Ich fuhr mit gedämpfterer Stimme fort: »Ich meine, ich habe ein Recht darauf zu wissen, was passiert ist und warum. Ich habe nicht vor, irgendeinen gottverdammten Artikel zu schreiben. Himmel, ihr Kerle seid ...«
Ich schüttelte den Kopf und beendete den Satz nicht. Wenn ich es versuchte, würde ich vermutlich wieder die Beherrschung verlieren. Ich schaute aus dem Fenster. Die Lichter von Boulder kamen näher. Erheblich mehr Lichter als in meiner Kindheit.
»Warum, wissen wir nicht«, sagte Wexler schließlich nach einer halben Minute. »Okay? Alles, was ich sagen kann, ist, dass so etwas vorkommt. Manchmal haben Cops die Scheiße satt. Vielleicht hatte Mac einfach genug davon. Wer weiß? Aber sie versuchen, es herauszubekommen. Und wenn sie es wissen, werde ich es erfahren. Und ich werde es Ihnen sagen. Das ist ein Versprechen.«
»Wer untersucht den Fall?«
»Die Parkverwaltung hat es unserer Abteilung übergeben. SIU arbeitet daran.«
»Wie bitte? Das Dezernat für Sonderermittlungen? Die kümmern sich doch sonst nicht um Selbstmorde von Cops!«
»Normalerweise nicht. Das tun wir von der Abteilung CAP. Aber es ist so, dass sie uns nicht über einen unserer Leute ermitteln lassen wollen. Interessenkonflikt.«
CAP, dachte ich. Crimes Against Persons - Verbrechen an Menschen. Mord, Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, Selbstmord. Ich fragte mich, wer in den Berichten als derjenige Mensch benannt werden würde, an dem das Verbrechen begangen worden war. Riley? Ich? Meine Eltern? Mein Bruder?
»Es war wegen Theresa Lofton, stimmt's?«, fragte ich. Obwohl es im Grunde keine Frage war. Ich hatte nicht das Gefühl, ihre Bestätigung oder ihr Dementi zu brauchen. Ich sprach nur laut aus, was für mich auf der Hand zu liegen schien.
»Wir wissen es nicht, Jack«, sagte St. Louis. »Belassen wir's fürs Erste dabei.«


Der Tod von Theresa Lofton war die Art von Mord, die Leute aufhorchen ließ. Nicht nur in Denver, sondern überall. Er veranlasste jedermann, der davon hörte oder darüber las, zumindest eine Sekunde lang innezuhalten und über die Gewalttätigkeit nachzudenken, die diesen Tod begleitet hatte, über das flaue Gefühl im Bauch, das er verursachte.
Die meisten Tötungsdelikte sind kleine Morde. So jedenfalls nennen wir sie im Zeitungsgeschäft. Ihre Wirkung auf andere ist beschränkt, ihre Auswirkung auf die Imagination kurzlebig. Sie bekommen ein paar Absätze auf einer der Innenseiten, werden auf die gleiche Art in den Zeitungen vergraben wie die Opfer in der Erde.
Aber wenn eine hübsche College-Studentin an einem bis dahin friedlichen Ort wie dem Washington Park in zwei Teilen gefunden wird, dann ist für gewöhnlich in der Zeitung gar nicht genügend Platz für all das, was darüber geschrieben wird. Der Mord an Theresa Lofton war kein kleiner Mord. Er war ein Magnet, der Journalisten von überallher anzog. Und so fielen sie in Denver ein, aus Städten wie New York, Chicago und Los Angeles, Reporter von Fernsehsendern, von Massenblättern und von seriösen Zeitungen. Eine Woche lang wohnten sie in den besseren Hotels, durchstreiften die Stadt und den Campus der University of Denver, stellten bedeutungslose Fragen und erhielten bedeutungslose Antworten. Einige von ihnen trieben sich auch in der Umgebung der Kindertagesstätte herum, in der Lofton stundenweise gearbeitet hatte, oder fuhren hinauf nach Butte, wo sie herstammte. Wo immer sie aufkreuzten, erfuhren sie dasselbe - dass Theresa Lofton in die exklusivste aller Medienschablonen hineinpasste: die des typischen amerikanischen Mädchens.
Der Mord an Theresa Lofton wurde überall mit dem Fall der Schwarzen Dahlie fünfzig Jahre zuvor in Los Angeles verglichen. Damals war ein nicht ganz so typisches amerikanisches Mädchen in der Mitte durchgetrennt auf einem unbebauten Grundstück gefunden worden. Eine reißerisch aufgemachte Fernseh-Show erfand für Theresa Lofton den Namen Weiße Dahlie, weil sie auf einem schneebedeckten Feld in der Nähe des Lake Grasmere in Denver gefunden worden war.
Und so erhielt sich die Story aus sich selbst. Sie brannte fast zwei Wochen lang so heiß wie ein Feuer in einer Mülltonne. Aber niemand wurde verhaftet, und es gab andere Verbrechen, andere Feuer, an denen die nationalen Medien sich wärmen konnten. Meldungen über den neuesten Stand der Dinge im Fall Lofton wanderten auf die Innenseiten der Zeitungen von Colorado. Sie wurden zu Kurzberichten in der Rubrik Vermischtes. Und schließlich nahm Theresa Lofton nur noch einen Platz unter den kleinen Morden ein. Sie wurde vergraben.
Die ganze Zeit über blieben die Polizei im Allgemeinen und mein Bruder im Besonderen praktisch stumm und weigerten sich sogar, die Tatsache zu bestätigen, dass das Opfer in zwei Teilen gefunden worden war. Dieses Detail war nur zufällig durch einen Fotografen der Rocky bekannt geworden, der Iggy Gomez hieß. Er war auf der Suche nach Graffiti im Park gewesen, um jene Art von Fotos zu machen, die an einem Tag, an dem sonst nichts los ist, die Seiten füllen. Dabei war er vor allen anderen Journalisten oder Fotografen zufällig auf den Ort des Verbrechens gestoßen. Die Cops hatten den Coroner und die Kriminalbeamten telefonisch informiert, weil sie wussten, dass die Rocky und die Post ihren Funkverkehr abhörten. Gomez machte Aufnahmen von den beiden Tragbahren, die zum Abtransport der zwei Leichensäcke benutzt wurden. Er rief die Lokalredaktion an und sagte, die Cops arbeiteten an einem Doppelmord, und der Größe der Säcke nach zu urteilen handele es sich vermutlich um Kinder.
Später machte sich ein Polizeireporter der Rocky an einen Informanten im Büro des Coroners heran, und von ihm erfuhr er die grauenhafte Tatsache, dass ein Mordopfer in zwei Teilen in die Leichenhalle gebracht worden war. Die Story, die die Rocky am nächsten Morgen veröffentlichte, war der Sirenengesang für sämtliche Medien überall im Lande.
Mein Bruder und seine CAP-Mannschaft taten so, als fühlten sie sich nicht im Mindesten verpflichtet, die Öffentlichkeit zu informieren. Jeden Tag gab der Pressesprecher der Polizei von Denver ein paar magere Zeilen als Presseinformation heraus, die besagten, dass die Ermittlungen fortgesetzt würden und es bisher noch keine Verhaftung gegeben hätte. Wenn sie sich in die Enge getrieben fühlten, erklärten die hohen Tiere, der Fall würde schließlich nicht von den Medien ermittelt, obwohl das im Grunde eine lächerliche Behauptung war. Da sie von den Behörden kaum Informationen erhielten, taten die Medien, was sie in solchen Fällen immer tun. Sie stellten ihre eigenen Ermittlungen an und betäubten die lesende und fernsehende Öffentlichkeit mit unzähligen Details über das Leben des Opfers, die in Wirklichkeit völlig unerheblich waren.
Nach ein paar Wochen war der Medienrummel dann vorbei, erstickt, weil es ihm an seinem Lebenselixier mangelte: an Informationen.


Ich schrieb nicht über Theresa Lofton. Aber ich hätte es gern getan. Es war eine Art von Story, die einem hier nicht alle Tage über den Weg läuft, und jeder Reporter hätte sich gern ein Stück davon abgeschnitten. Aber anfangs arbeitete Van Jackson daran, zusammen mit Laura Fitzgibbons, der für den Campus zuständigen Reporterin. Ich musste abwarten, bis meine Zeit gekommen war. Ich wusste, wenn die Cops die Sache nicht aufklärten, würde ich eines Tages zum Zuge kommen. Als Jackson mich im Frühstadium des Falles fragte, ob ich irgendetwas aus meinem Bruder herausholen könne, und sei es auch nur inoffiziell, sagte ich deshalb, ich würde es versuchen. Aber ich versuchte es nicht.

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