Wahrheit

Roman. Ausgezeichnet mit dem Miles Franklin Literary Award 2010, dem Victorian Premier's Literary Award 2010 und dem Deutschen Krimi-Preis, Kategorie International 2012

von Peter Temple

Buch

gebunden (476 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Ein großer Spannungsroman über die trostlose Moral einer Gesellschaft, in der Mord zum Tagesgeschäft gehört


Es ist die Zeit der großen Waldbrände, die alles zu vernichten scheinen und auch die Stadt Melbourne bedrohen. In einem neu erbauten Luxuskomplex wird eine junge Frau ermordet aufgefunden. Stephen Villani, der die Ermittlungen leitet, wird von der Politik an der Aufklärung gehindert. Aber es beschäftigt ihn nicht nur die Frage, warum der Mord vertuscht werden soll. Die Ermordete sieht aus wie seine jüngste Tochter, die spurlos verschwunden ist. Und diese familiäre Situation zermürbt ihn mehr als der frustrierende Polizeialltag. »Wahrheit« ist ein überaus eindringlicher Roman über einen Mann, eine Familie, eine Stadt und einen fernen Kontinent. Es geht um Gewalt, Mord, Liebe, Korruption, Ehre und Betrug. Und es geht um Wahrheit. Peter Temples neuer Roman wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Victorian Premier's Award und dem Miles Franklin Award - als bester australischer Roman.


Pressestimmen:

Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de, 30.05.11
Peter Temple gehört in Australien zu den besten Autoren von Kriminalromanen. Mit Wahrheit stellt er das eindrucksvoll unter Beweis. In Australien wurde er dafür mit dem wichtigsten Literaturpreis ausgezeichnet. ?Wahrheit? ist ein Kriminalroman, der höchsten Ansprüchen gerecht wird. Man erfährt, wie Polizeiarbeit in Down Under abläuft. Romantik gibt es da nicht, die Realität ist hart und unerbittlich. Wahrheit ist aber nicht nur ein Kriminalroman, sondern Temple wirft auch einen eindringlichen Blick auf die Gesellschaft und ihre weitreichenden Verfehlungen. Peter Tempel gelingt der Spagat zwischen Ermittlungsarbeit und Villianis Privatleben bravourös. Jeder der beiden Seiten bietet Spannung und Überraschungen. Diese Darbietung ist dann auch noch in einer hypnotisierenden Sprache verfasst. Wahrheit ist der beste Krimi vom Australier Peter Temple.

Produktdetails

ISBN-10: 3-570-01099-6
EAN: 9783570010990
Originaltitel: Truth
Erschienen: 21.03.2011
Verlag: Bertelsmann Verlag
Einband: gebunden
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 476
Länge/Breite: 220mm/147mm
Gewicht: 668 g
Übersetzer: Hans M. Herzog
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Peter Temple

Peter Temple, geboren 1946 in Südafrika, war Journalist, bevor er anfing Bücher zu schreiben. Er veröffentlichte bislang acht Bücher. Seit 1995 schreibt er Romane, die bislang mit fünf Ned Kelly Awards ausgezeichnet worden sind, dem wichtigsten australischen Krimi-Preis. Er lebt mit seiner Familie in Ballarat.

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Buchhändlertipps

  • Ein Buch für Männer Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Doris Oberauer, am 02.06.2012 aus der Thalia-Buchhandlung in Grieskirchen

    Spannendes Buch! Finde aber eher, dass es ein Buch für Männer ist! ! Diese werden eine große Freude damit haben!



  • Ein Männerbuch Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Ingrid Führer, am 13.07.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Gmunden

    Ein großartiges Männerbuch (und das aus dem Munde einer Frau)- nicht nur ein Krimi, ein Psychogramm eines Mannes in mittleren Jahren und ein Psychogramm unserer HEILEN korrupten Welt.

    umbedingt Lesen!!!
  • spannend Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Edith Berger, am 08.06.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Graz

    Hauptschauplatz ist Melbourne. Ein junges Mädchen wird tot in der Badewanne eines Luxusappartments gefunden.
    Inspector Stephen Villanis,Leiter des Morddezernats wird mit seinen Kollegen zum Tatort gerufen.Von Anfang an gestalten sich die Ermittlungsarbeiten schwierig.Der zuständige Securitychef des Appartementgebäudes ist nicht in der Lage die Bänder aus den Überwachungskameras zu beschaffen. Hochrangige Wirtschaftsbosse, Politiker und ehemalige Polizeichefs scheinen involviert und versuchen massiv Einfluss auf Stephen Villanis zu nehmen.
    Auch sein Privatleben verläuft für Inspector Villanis anders als erhofft....
    "Wahrheit" von Peter Temple wurde mit dem wichtigsten, australischen Literaturpreis, dem Miles Franklin Award ausgezeichnet.
    Ein spannender, intelligenter Thriller.
  • Es lebt sich flott in Melbourne Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Marie-Therese Reisenauer, am 13.04.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Wien

    Wenn diesem Buch Attribute zugeordnet werden sollen, dann ist die Auswahl zwischen flott, rasant, steil und spannend gegeben. Flott geht es auch bei der hiesigen Polizei zu, deren Leiter der Mordkommission, Stephen Vilanis, heißt der Held, mit so ziemlich allem was das Polizistenleben schwer macht konfrontiert wird. Da ist zunächst einmal die Lokalpolitik, samt Lokalmedien welche ungeduldig Resultate fordern, aber im Hintergrund diese zu verhindern versuchen. Da sind Kollegen, welche das Wort "korrupt" nicht einmal als Fremdwort kennen. (Man sieht schon, dass auch ferne Kontinente vor solch Übel auch nicht sicher sind), und zwischendurch gibt es ein paar Morde, die es aufzuklären gilt - natürlich flott. Dazu kommen noch familiäre Konflikte, und ein tobender Waldbrand. Wie gesagt, ein rasanter Krimi.

Kundenrezensionen

  • Eine unbequeme "Wahrheit" Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Stefan Heidsiek, am 07.10.2012

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Im Gegensatz zu „Spur ins Nichts“ oder „Vergessene Schuld“, zwei Vertretern aus der Reihe um Jack Irish (der übrigens im vorliegenden Buch einen kleinen Cameo-Auftritt hat), fällt es mir wesentlich schwerer, Gründe aufzuführen, warum mir auch diesmal Temples Werk keinerlei positiven Überschwang entlocken kann. „Irgendetwas fehlt“ ist eine knappe, aber auch wenig erhellende Erklärung, die aber gut deutlich macht, wie kompliziert sich eine Kritik hier gestaltet, denn Fakt ist: Die Geschichte um den abgestumpften und heruntergearbeiteten Mordkommissionsleiter Steve Villani hat alle Zutaten für ein hervorragendes Rezept nach meinem Geschmack. Und der Ansatz, die in Kriminalität versinkende Millionenstadt Melbourne aus der Sicht eines Mannes (und nur dieses Mannes) zu zeigen, ist mehr als lobenswert. Durch Villanis intensiven, von der schmutzigen Arbeit geschärften Blick wirft der Leser einen Blick direkt ins das Herz der Probleme, welche die Stadt plagen: Ignorante, dekadente Staatsbeamte. Ein marodes, funktionsuntüchtiges Verkehrssystem. Eine unterbesetzte und bis in höhere Etagen hin korrupte Polizeitruppe. Temple legt den Finger genau in die Wunde, will bewusst schockieren, den Leser mit knappen, aber drastischen Schilderungen emotional berühren. Aber gerade an diesem letzten Punkt scheitert er. Oder ist es sogar doch eher der Übersetzer?

    Egal wie wohlwollend ich es betrachtet, wie fest entschlossenen ich das Buch an den Seiten gepackt habe – der Funke ist einfach nicht übergesprungen, was in erster Linie daran lag, dass Temples Stil es einem unmöglich macht, näheren Kontakt herzustellen, und nicht nur durchs Villanis Augen zu sehen, sondern letztlich auch von dem berührt werden, was man sieht. Oft machen ganze Abschnitte in Wortwahl und Satzbau keinerlei Sinn, wirken Dialoge gestelzt, holprig oder gänzlich auf Effekt gebürstet. Und das wohlgemerkt für einen Leser, der mit David Peace, James Ellroy oder einem James Joyce (um nur ein paar zu nennen) weit „Schlimmeres“ gewohnt ist.

    Wenn das Rezept also stimmt und es dennoch nicht schmeckt, muss der Koch versagt haben. Ob das jetzt hier der Autor oder der Übersetzer war, kann ich mangels Kenntnis des australischen Originals nicht sagen. Schade ist es in jedem Fall, da immer wieder zwischendurch die Klasse Temples durchblitzt, der es mit teils harten Kehren innerhalb der Story zumindest manchmal schafft, mich in den Bann zu ziehen und mein Interesse zu wecken. Das erlahmt allerdings oft dann genauso schnell wieder, wie es gekommen ist, was „Wahrheit“ zu einer wahrhaft zähen Lektüre macht. Bei dem Potenzial der Geschichte umso ärgerlicher. Hier hat mir eigentlich thematisch und inhaltlich zu Vieles zu gut gefallen, um es letztlich dann doch derart hart kritisieren zu müssen.

    Insgesamt ist „Wahrheit“ eine düstere Milieustudie über verrottete Moral, falsche Versprechungen und einen fehlerbehafteten Mann, die in einem stilistisch etwas anderen Gewand weit oben in meiner Bestenliste hätte landen können. So reicht es, bei allem ohne Zweifel vorhandenen literarischen Anspruch, nur für das Mittelmaß. Freunde von Pete Dexter, David Peace, Derek Raymond und Co. sollten aber vielleicht trotzdem einen kurzen Blick riskieren – es ist nur meine bescheidene Meinung und „Wahrheit“ könnte unter Umständen etwas für sie sein.

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  • Ein fürchterliches Buch Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von einer Kundin/einem Kunden, am 29.06.2011

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    Ständig neue Namen, Handlungen und innerhalb von Absätzen wechselnde Zeiten, nach 150 Seiten hatte ich genug und habe erstmals ein Buch direkt entsorgt.

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  • Meilenstein im Krimi Genre... Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Moritz Revermann, am 14.05.2011

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    "Villani wachte auf, voll bekleidet, nicht erholt, als wäre er kurz ohnmächtig geworden, der neue Tag graute hinter dem Fenster im Osten, die Stadt stieß ihre disharmonischen Geburtsschreie aus." Neben der bildreichen Sprache, grandios-bösartigen Dialogen und dem komplexen Handlungsgerüst dieses Romans besticht Temples neuestes Werk mit desillusionierenden Einblicken in die australische Politik und Gesellschaft.

    Stephen Villani, Chef der Kripo in Melbourne, hat genug Gründe, schlecht zu schlafen. Seine Ehe in Scherben, eine Tochter, die ins Drogenmilieu abrutscht, korrupte Kollegen und intrigante Vorgesetzte und dazu zwei Fälle, die ihn an seine Grenzen bringen werden. Das ist eine Melange, die Tiefgang verspricht. Das sind die Ingredienzen vieler guter Kriminalromane. Peter Temple schmiedet daraus ein Meisterwerk. Spannend, intensiv und literarisch. Vergleichbar mit John Hart, Ian Rankin und auch Gary Disher.

    'Wahrheit' ist viel mehr als guter Krimi, - dieses Buch ist große Literatur!

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  • Eine Mischung aus Drama und Krimi Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Anna Stiefel, am 28.04.2011

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    Inspector Villani ist Leiter des Morddezernats in Melbourne. Hauptsächlich. Nebensächlich ist er Sohn eines Vietnamveterans, Bruder zweier Jungs, die er fast allein aufgezogen hat, Vater dreier Kinder, wovon eines drogenabhängig ist und Mann einer Frau, die er nur noch selten sieht. Nebensächlich. Hauptsächlich ist er Polizist. Sucht Mörder. Und sich selbst.
    Peter Temple hat eine Mischung aus Krimi und Roman geschrieben, der durch seine sprachliche Verkürztheit eine ganz eigene Atmosphäre schafft. Eine eigentümliche Atmosphäre, die viel mehr über die Hauptfigur aussagt, als alles andere. In der man die Zerissenheit Inspecor Villanis spürt. Ist er ein Produkt der Männer in seinem Leben oder ist er er selbst? Was hätte er anders machen müssen? Ist er auch korrupt? Und wer hat die drei Männer im Schuppen und das Mädchen im angeblich sichersten Haus Australiens umgebracht?
    Peter Temple schreibt einen Krimi-Roman weit weg von den üblichen Morden und Ermittlern an einem Schauplatz der alles andere als gängig ist.

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  • Wieviel Wahres enthält Wahrheit und wer bestimmt, was wahr ist? Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Thomas Fritzenwallner, am 27.04.2011

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    Wahrheit“ hat, bei aller manchmal schwindelerregenden Komplexität, eine deutliche Hauptfigur, den Ermittler Stephen Villani, Chef des Melbourner Morddezernats. Dass er ein desolates Familienleben hat, macht ihn zwar zum Kommissars-Durchschnitt, nicht aber, mit welcher Härte und Drastik man seine Fehlentscheidungen – oft aus seinem Blickwinkel – miterlebt: Die aus Feigheit zu lange verschobenen Telefonate, die Blindheit für die Befindlichkeiten der ihm Nächststehenden. Dass er als Kind schon auf jüngere Geschwister aufpassen musste, hat ihn „herrisch“ gemacht, wie besonders auch seine Untergebenen finden. Die meisten haben ein wenig Angst vor ihm; Peter Temple lässt durchaus offen, ob Stephen Villani das nicht genießt.
    Wahrheit“ ist ein vermutlich ziemlich präzises Abbild von Polizeiarbeit, was ihre Zynismen und ihre Gebundenheit an interne und externe politische Hierarchien betrifft. Man gibt Villani zu verstehen, dass er, je nach Ausgang der nächsten Wahl, durchaus noch aufsteigen könnte. Man gibt ihm auch zu verstehen, dass er seine Ermittlernase aber in gewisse Dinge besser nicht steckt. Man versucht, ihn zu manipulieren, man droht ihm auch mal ganz offen. Er wiederum zieht an Strippen und trickst, um sich in seiner Arbeit nicht allzu sehr kompromittieren zu müssen. Am Ende trägt er ein neues Rangabzeichen und fühlt sich „schwammartig“: „Nichts als Wasser und Löcher.“
    Die Wörter fallen in einem Gespräch mit seinem Vorgänger.
    „Wahrheit“ enthält durchaus genug Kriminalfälle, blutige dazu, und auch die sie betreffende Polizeiarbeit in vielen Verästelungen – aber es wird durch die Ermittlungen nicht, wie im traditionellen Kriminalroman, eine verlässliche gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt. Dieses Buch desillusioniert, es tut weh, es vermag aber auch zu rühren. Villanis Vater kämpft irgendwann mit seinen entfremdeten Söhnen um ein Stück Wald. Sie können es vor dem Feuer retten, immerhin.

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  • Downunder einmal anders! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Ulrich Gismann, am 29.03.2011

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    Australien war auf der Krimi - Landkarte bisher eher ein weißer Fleck. Das dürfte sich mit Peter Temples jüngstem Wurf grundlegend ändern:
    "Wahrheit" erzählt die Geschichte eines Mannes, der privat und beruflich am Ende scheint. Doch Detective Villani ist ein alter Jagdhund und weder politische Intrigen noch Behördenfilz und Postenschacher können ihn von seiner Fährte abbringen, nachdem er einmal Blut geleckt hat.
    Für mich ist Richard Temples "Wahrheit" schlichtweg die aufregendste Neuerscheinung dieses Frühjahres! Nicht versäumen!

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Sie fuhren über die West Gate Bridge, hinter ihnen lag eine Wohnung in Altona, eine tote Frau, eigentlich noch ein Teenager, schmutzige, rot gefärbte Haare, ausgebleichte Tätowierungen, Stichverletzungen in Bauch, Brustkorb, Rücken, Gesicht, zu viele, um sie zu zählen. Dem Kind, männlich, zwei oder drei Jahre alt, hatte man den Kopf eingetreten. Überall war Blut. Auf dem Nylonteppich in Pfützen, eine Kette klebriger schwarzer Pfützen.
Villani betrachtete die Hochhäuser der City, zitternd, unbeständig in dem schwefligen Dunst. Er hätte nicht kommen sollen. Es war überflüssig. »Diese Klimaanlage ist im Arsch«, sagte er. »Die zweite diese Woche.«
»Immer wenn ich hier rüberfahre, muss ich dran denken«, sagte Birkerts.
»An was?«
»Mein Opa. War auf der Brücke.«
An einem Frühlingsmorgen im Jahr 1970 ragte es in den Himmel, das halb fertige Stahlgerippe der Brücke, auf dem es von Männern wimmelte, ledigen Männern, Männern mit Frauen, Männern mit Frauen und Kindern, Männern mit Kindern, die sie nicht kannten, Männern, die nichts hatten außer der Arbeit und einem schlimmen, schlimmen Kater, und dann stürzte das Brückenteil zwischen den Trägern 10 und 11 ein.
Einhundertundzwölf Meter, neu errichtet aus Stahl und Beton, zweitausend Tonnen schwer.
Männer und Maschinen, Werkzeuge, Lunchboxen, Toiletten, ganze Schuppen - sogar, wie jemand behauptete, ein schwarzes bellendes Hündchen -, alle fielen durch die Luft. In wenigen Momenten waren fünfunddreißig Männer tot oder lagen im Sterben, die Körper zerschmettert, eingesunken in den übel riechenden, grauen, verkrusteten Schlamm am Ufer des Yarra-Flusses. Überall war Diesel. Ein Feuer brach aus, und langsam stieg eine schmutzige Rauchfahne auf und markierte den Ort der Katastrophe.
»Tot?«, fragte Villani.
»Nein, er war gerade scheißen, ist mit dem Plumpsklo bis ganz nach unten gerutscht.«
»Sein Talent, durch die Scheiße zu rutschen, hat er jedenfalls weitervererbt«, stellte Villani fest und dachte an Singleton, der auch nicht die Hände von der Arbeit lassen, nicht im Büro bleiben konnte. Was man beim Leiter des Morddezernats nicht bewunderte.
Sie fuhren gerade von der Brücke ab, als Birkerts' Handy klingelte; er hatte es auf Lautsprecher gestellt.
Finucanes tiefe Stimme:
»Chef. Chef, wegen Altona, wir sind jetzt im Haus von dem Bruder des Ehemanns in Maidstone. Er ist hier, der Göttergatte, in der Garage. Schlauch. Na ja, kein Gartenschlauch, so 'n schwarzes Plastikdings, 'ne Art Schwimmbeckenschlauch, verstehen Sie?«
»Ausgezeichnete Arbeit«, sagte Birkerts. »Er hätte inzwischen in Alice Springs sein können. Oder in Tennant Creek.«
Finucane hustete. »Tja, also, vielleicht kann die Spurensicherung herkommen, Chef. Und der Wagen.«
»Regeln Sie das, Fin. Könnte auf Pizza hinauslaufen.«
»Ich sag meiner Frau, sie soll mit den Steaks warten.«
Birkerts beendete das Telefonat.
»Die Altona-Sache in einer Stunde abgeschlossen«, sagte er. »Das ist ziemlich gut für die Aufklärungsrate.«
Villani hatte Singo im Ohr:
Scheiß auf die Aufklärungsrate. Wichtig ist, dass man anständige Arbeit leistet.
Joe Cashin hatte geglaubt, anständige Arbeit zu leisten, und man brauchte den Spreizer, um das unter dem eingestürzten Haus begrabene Auto zu öffnen. Diab war tot, Cashin atmete zwar, aber es war hoffnungslos, zu großer Blutverlust, zu viel gebrochen und gerissen.
Singleton verließ das Krankenhaus nur, um in seinem Wagen zu sitzen, dem alten Falcon. Er alterte selbst, graue Stoppeln sprossen, seine seidigen Haare wurden fettig. Als man ihm nach der Operation sagte, Joe habe eine kleine Chance, und ihn in das Zimmer ließ, nahm er Joes schlaffe Hand und küsste die Fingerknöchel. Dann stand er auf, strich Joes Haare glatt, bückte sich und küsste ihn auf die Stirn.
Finucane war dabei, er war Zeuge, und er erzählte Villani davon. Sie hatten nicht gewusst, dass Singleton zu solchen Gefühlen fähig war.
Als Cashin das nächste Mal aus dem Krankenhaus kam, das zweite Mal in drei Jahren, war er bleich wie ein entrindeter Baum. Singo war inzwischen tot, sein zweiter Schlaganfall, und Villani war kommissarischer Leiter des Morddezernats.
»Die Aufklärungsrate«, sagte Villani. »Dass du diesen Begriff verwendest, ist für mich eine herbe Enttäuschung.«
Sein Handy.
Gavan Kiely, seit zwei Monaten stellvertretender Leiter des Morddezernats.
»Wir haben eine Tote im Prosilio-Tower, das ist in den Docklands«, sagte er. »Paul Dove hat um Unterstützung gebeten.«
»Wieso?«
»Ist überfordert. Ich fliege später nach Auckland, könnte aber vorher hinfahren.«
»Nein«, sagte Villani. »Dieses Kreuz nehme ich auf mich.«
E
r ging durch den Flur in das Schlafzimmer, ein Bett groß genug für vier Schläfer, Matratze und Kissen nackt, nicht bezogen. Die Forensik war hier fertig. Er hob ein Kissen mit den Fingerspitzen hoch, roch daran.
Kaum merklicher Parfümduft. Er sog den Duft tiefer ein. Das zweite Kissen. Ein anderes Parfüm, etwas intensiver.
Er ging durch das leere Ankleidezimmer ins Bad, sah die gläserne Badewanne, neben der ein Bronzearm aus dem Boden aufragte, dessen Hand ein Stück Seife hielt.
Sie lag auf dem Plastiksack in einer Art Yoga-Ruhestellung - Beine leicht gespreizt, Handflächen nach oben, hellrote Zehennägel, lange Beine, schütteres Schamhaar. Die Schulter einer knienden Kriminaltechnikerin aus der Forensik verdeckte Villani die Sicht. Er trat einen Schritt beiseite, sah das Gesicht der Toten und wich zurück. Einen schrecklichen Augenblick lang, in dem ihm das Herz bis zum Hals schlug, dachte er, es sei Lizzie, so groß war die Ähnlichkeit.
Er drehte sich zu der Glaswand um, atmete aus, sein Herzschlag beruhigte sich. Vor ihm lag die triste graue Bucht, und zwischen den Köpfen tauchte ein Stecknadelkopf auf, ein Containerschiff. Nach und nach zeigte es seinen massigen Rumpf, eine riesige, schlingernde, flache, stählerne Nacktschnecke, die Rost, Öl und stinkende Abwasser ausblutete.
»Alarmknopf«, sagte Dove. Er trug einen marineblauen Anzug, ein weißes Hemd und einen dunklen Schlips, ein Neurochirurg auf Visite.
Villani sah hin: Gummi, mit Grübchen wie ein Golfball, zwischen Dusche und Kopfende der Wanne in die Wand eingelassen.
»Schicke Dusche«, sagte Dove.
Über einem perforierten metallenen Rechteck hing eine Scheibe aus rostfreiem Edelstahl. Auf einem gläsernen Regalbrett lagen ein Dutzend oder mehr Seifenstücke wie zum Verkauf.
Die Technikerin sagte: »Genickbruch. Die Wanne ist leer, aber die Frau ist feucht.«
Sie war neu, Kanadierin, eine burschikose junge Frau, ungeschminkt, sonnengebräunt, Bürstenhaarschnitt.
»Wie bricht man sich im Bad das Genick?«, fragte Villani.
»Das schafft man allein kaum. Ein Genick zu brechen ist nicht leicht.«
»Echt?«
Sie hörte seinen Unterton nicht. »Aber ja. Da muss man Kraft aufwenden.«
»Was noch?«, fragte Villani.
»Nichts, was mir spontan auffällt.«
»Todeszeitpunkt? Begründete Schätzung.«
»Keine vierundzwanzig Stunden, oder ich muss zurück auf die Uni.«
»Die freuen sich bestimmt, Sie wiederzusehen. Haben Sie die Wassertemperatur berücksichtigt?«
»Was?«
Villani streckte den Zeigefinger aus. Der kleine digitale Touchscreen an der Tür stand auf achtundvierzig Grad.
»Hab ich nicht gesehen«, gab sie zu. »Hätte ich aber noch. Zu gegebener Zeit.«
»Zweifellos.«
Ein leichtes Lächeln. »In Ordnung, Lance«, sagte sie. »Mach den Reißverschluss zu.«
Lance war ein hagerer Mann mit Kinnbart. Er versuchte, den Reißverschluss des Leichensacks zu schließen, der unterhalb der Brüste klemmte. Lance ruckte den Schieber hin und her, bekam ihn frei, hüllte die Tote in Plastik.
Nicht unsanft hoben sie den Sack auf die Fahrtrage.
Als sie weg waren, traten Dove und Weber zu ihm.
»Wem gehört das hier?«, fragte Villani.
»Sie finden es gerade heraus«, sagte Dove. »Anscheinend ist es kompliziert.«
»Sie?«
»Die Verwaltung. Die Leute warten unten auf uns.«
»Soll ich das übernehmen?«, sagte Villani.
Dove fasste sich an den Wangenknochen, bekümmert. »Das wäre hilfreich, Chef.«
»Möchten Sie es machen, Web?«, fragte Villani, um Dove zu ärgern.
Weber war Mitte dreißig, sah aus wie zwanzig, ein lediger, bibeltreuer Christ. Er hatte auf dem Land jede Menge Erfahrungen gesammelt: Mütter, die Kleinkinder ertränkten, Söhne, die ihre Mütter mit der Axt erschlugen, ledige Väter mit Umgangsrecht, die ihre Kinder verschwinden ließen. Doch alttestamentarische Morde im ländlichen Wohlfahrtssumpf waren keine Vorbereitung auf tote Frauen, die in Wohnungen mit privaten Aufzügen, gläsernen Badewannen, französischen Seifen und drei Flaschen Moet herumlagen.
»Nein, Chef«, sagte Weber.
Sie gingen auf dem Plastikstreifen entlang, durch die kleine, matt marmorne Diele der Wohnung, durch die Vordertür in einen Flur. Sie warteten auf den Fahrstuhl.
»Wie heißt sie?«, fragte Villani.
»Sie wissen es nicht«, sagte Dove. »Die wissen nichts über sie. Es wurde kein Ausweis gefunden.«
»Nachbarn?«
»Gibt keine. Sechs Wohnungen auf dieser Etage, alle leer.«
Der Aufzug kam, sie fielen dreißig Stockwerke tief. Im
sechsten warteten an einem Schreibtisch drei Anzugträger, zwei Männer und eine Frau. Der dickliche Mittfünfziger trat vor, strich welke Haare zurück.
»Alex Manton, Gebäudemanager.«
Dove sagte: »Das ist Inspector Villani, Leiter des Morddezernats.«
Manton streckte die Hand aus. Sie fühlte sich trocken an, kreidig.
»Wir sollten im Besprechungsraum reden, Inspector«, sagte Manton.
In dem Raum hing ein diffus meermäßig anmutendes, mindestens fünf mal drei Meter großes Gemälde an der Wand, blaugraue, möglicherweise mit einem Mopp aufgetragene Schlieren. Sie nahmen an einem langen Tisch mit Beinen aus verchromtem Rohr Platz.
»Wem gehört das Apartment?«, fragte Villani.
»Einer Firma namens Shollonel Pty. Ltd., Firmensitz im Libanon«, sagte Menton. »Unseres Wissens ist es nicht bewohnt.«
»Sie sind sich nicht sicher?«
»Nun, so etwas zu wissen, ist keine Selbstverständlichkeit. Leute kaufen Wohnungen, um darin zu wohnen, als Geldanlage, für spätere Nutzung. Manche wohnen da überhaupt nicht, andere für kurze oder lange Zeiträume. Wir bitten die Leute, sich anzumelden, wenn sie hier wohnhaft sind. Aber man kann sie nicht zwingen.«
»Wie wurde sie gefunden?«, fragte Villani. »Sylvia«, sagte Manton. »Unsere Chefconcierge, Sylvia Allegro.«
Die Frau, ein Puppengesicht. »Die Wohnungstür war nicht ganz geschlossen«, sagte sie. »Das Schloss schnappte nicht ein. Dadurch wird in der Wohnung ein Alarmton ausgelöst. Wenn man die Tür nicht innerhalb von zwei Minuten schließt, wird die Security alarmiert, die in der Wohnung anruft. Falls das zu nichts führt, fahren Sicherheitsleute nach oben.«
»Die binnen vier, fünf Minuten eintreffen?«, sagte Villani.
Sylvia sah Manton an, der den anderen Mann ansah, Mittvierziger, ein Kopf wie die Eichel eines Penis.
»Wohl nicht ganz«, sagte der Mann.
»Und Sie sind?«, fragte Villani.
»David Condy, Securitychef für Apartments und Hotel.« Er war Engländer.
»Was heißt>nicht ganz»Wie man mir sagte, hat die gesamte Elektronik gestern Abend bei ihrer ersten großen Generalprobe versagt. Bei der Eröffnung des Kasinos. Orion. Vierhundert Gäste.«
»Zur offenen Tür. Gibt Ihnen das elektronische System den Zeitpunkt an?«
»Im Prinzip ja. Aber da das
»Also nein?«
»Ja. Nein.«
»Da oben gibt es Alarmknöpfe.«
»In allen Wohnungen.«
»Die nicht betätigt wurden?«
Condy schob sich einen Finger unter den Hemdkragen. »Dafür gibt es kein Indiz.«
»Sie wissen es nicht?«
»Es ist schwer zu sagen. Wegen des Systemversagens haben wir keine Aufzeichnungen.«
»Dann ist es nicht schwer«, sagte Villani, »sondern unmöglich.«
Manton hob eine Patschehand. »Ein Wort zu den Gründen, Inspector, es war eine umfassende IT-Fehlfunktion. Da sie mit dieser Angelegenheit zeitlich zusammenfällt, stehen wir ein wenig blöd da.«
Villani sah die Frau an. »Das Bett wurde abgezogen. Wie könnte man sich der Laken und so weiter entledigen?«
»Entledigen?«
»Sie loswerden.«
Die Frau warf einen kurzen Blick auf Manton. »Nun, der Müllschlucker, nehme ich an«, sagte sie.
»Lässt sich feststellen, woher der Müll gekommen ist?«
»Nein.«
»Erklären Sie mir dieses Gebäude, Mr. Manton. Ein Überblick genügt.«
Mantons rechte Hand konsultierte seine Haare. »Wenn man oben beginnt, vier Etagen mit Penthouses. Dann kommen sechs Etagen mit vier Wohnungen pro Stockwerk. Darunter liegen vierzehn Etagen mit Apartments, sechs pro Stock. Es folgen die drei Freizeitetagen, Swimmingpools, Fitnessräume, Wellnesseinrichtungen und dergleichen. Anschließend noch zwölf Etagen mit Apartments, acht pro Stockwerk. Dann die vier Kasinoetagen, das zehnstöckige Hotel sowie zwei Stockwerke für Catering und Housekeeping. Und diese drei Etagen hier mit Empfangsbereichen, sprich Concierge, Verwaltung und Security. Das Kasino hat seine eigene Security, doch deren Systeme sind mit denen des Gebäudes verzahnt.«
»Oder auch nicht.« Villani zeigte nach unten.
»Unter uns liegen die Geschäftsetagen, Einzelhandel, Bewirtung, das Einkaufszentrum im Erdgeschoss. Fünf unterirdische Ebenen mit Parkmöglichkeiten und Haustechnik.«
Die Tür, die in Villanis Blickfeld lag, ging auf. Ein Mann trat ein, gefolgt von einer Frau, gleiche Größe, Anzüge, weiße Hemden.
»Wir platzen hier einfach mal rein«, sagte der Mann laut. »Machen Sie uns bitte miteinander bekannt, Alex.«
Manton stand auf. »Inspector Villani, das ist Guy Ulyatt von der Marscay Corporation.«
Ulyatt war dick und rosa, gelbseidige Haare, Knollennase. »Ist mir ein Vergnügen, Inspector«, sagte er. Er bot ihm nicht die Hand, setzte sich. Die Frau nahm neben ihm Platz.
Villani sagte zu Manton: »Hat diese Person uns etwas mitzuteilen?«
»Verzeihung, Verzeihung«, sagte Ulyatt. »Ich bin Leiter der Abteilung Firmenangelegenheiten von Marscay.«
»Haben Sie uns etwas mitzuteilen?«, fragte Villani.
»Ich sorge dafür, dass Sie die größtmögliche Unterstützung erhalten. Was natürlich keine Kritik an Alex beinhaltet.«
»Mr. Manton hilft uns«, sagte Villani. »Falls Sie nichts beizutragen haben - danke sehr und adieu.«
»Wie bitte?«, sagte Ulyatt. »Ich vertrete die Eigentümer dieses Gebäudes.«
In dem großen Raum wurde es still. Villani sah Dove an. Er wollte, dass der etwas daraus lernte. Dove hielt dem Blick stand, doch was er lernte, blieb unklar.
»Uns. Gehört. Das. Gebäude«, sagte Ulyatt, jedes Wort einzeln betont.
»Was hab ich damit zu tun?«, fragte Villani.
»Wir möchten mit Ihnen zusammenarbeiten. Die Auswirkungen auf Prosilio und seine Bewohner minimieren.«
»Morddezernat, Mr. Elliot«, sagte Villani. »Wir sind vom Morddezernat.«
»Ich heiße Ulyatt.« Er buchstabierte.
»Ja«, sagte Villani. »Vielleicht unterhalten Sie sich mit einer anderen Sektion meiner Behörde. Der Abteilung zur Minimierung von Auswirkungen. Wenn es eine gäbe, würde ich es bestimmt als Letzter erfahren.«
Ulyatt lächelte, ein leutseliger Fisch, ein Zackenbarsch. »Warum beruhigen wir uns nicht und klären das? Julie?«
Die Frau lächelte. Sie hatte rabenschwarze Haare, hatte unter dem Messer gelegen, kannte die Nadel, die Hautabschleifung durch Dermabrasion, war gründlich poliert bis runter zu den Reifen wie ein Mercedes aus zweiter Hand.
»Julie Sorenson, die Leiterin unserer Medienabteilung«, sagte Ulyatt.
»Hi«, sagte sie, zeigte vanilleweiße Zähne, Augen wie die eines toten Hirschs. »Stephen, nicht wahr?«
»Hi und bye-bye«, sagte Villani. »Das gilt auch für Sie, Mr. Elliot. War mir ein Vergnügen, aber wir sind hier sehr beschäftigt. Es geht um eine Tote.«
Ulyatt schaute nicht mehr wie ein Fisch. »Es heißt Ulyatt. Ich versuche hier zu helfen, Inspector, und stoße auf Feindseligkeit. Wie kommt das?«
»Wir brauchen Folgendes, Mr. Manton«, sagte Villani. »Fertig?«
»Sylvia?«, sagte Manton.
Sie hielt ihren Stift bereit.
»Alle Bänder der Videoüberwachung seit gestern fünfzehn Uhr, sämtliche Aufzüge, Parkdecks«, sagte Villani. »Dazu die Dienstpläne, außerdem Informationen über das gesamte Kommen und Gehen, Autos, Menschen, Lieferanten, Händler, einfach alles.«
Ulyatt pfiff. »Ziemlich starker Tobak«, sagte er. »Da brauchen wir viel mehr Zeit.«
»Haben Sie das notiert?«, sagte Villani zu Sylvia Allegro.
»Ja.«
»Außerdem die Lebensläufe und Dienstpläne sämtlicher Mitarbeiter, die Zugang zum sechsunddreißigsten Stock haben oder anderen Personen Zugang gewähren können. Und eine Liste der Eigentümer auf dieser Etage sowie der anderen Etagen mit Zugang zu dieser Etage. Dazu die Gästeliste der Kasinoeröffnung.«
»Die haben wir nicht«, sagte Ulyatt. »Das ist Orions Angelegenheit.«
»Die Kasinoeröffnung fand in Ihrem Gebäude statt«, sagte Villani. »Ich schlage vor, Sie besorgen sich die Liste. Wenn Orion nicht kooperieren will, lassen Sie es Inspector Dove wissen.«
Ulyatt schüttelte den Kopf.
»Wir zeigen das Opfer heute Abend im Fernsehen und bitten um Informationen«, sagte Villani.
»Ich verstehe nicht, warum das zu diesem Zeitpunkt nötig sein sollte«, sagte Ulyatt.
Villani sah ihn zunächst nicht an, sondern schaute Dove, Weber, Manton und Allegro in die Augen, ließ nur Condy aus, der wegsah. Dann fixierte er Ulyatt. »All diese Reichen zahlen für das Sicherheits-Komplettpaket, den Alarmknopf, die Kameras«, sagte er. »In Ihrem Gebäude wird eine Frau ermordet, und Sie legen mir Steine in den Weg?«
»Die Frau wurde tot aufgefunden«, sagte Ulyatt. »Für mich steht nicht fest, dass sie ermordet wurde. Und ich sehe keinen Grund, warum Sie das Fernsehen involvieren sollten, ehe Sie die Informationen überprüft haben, die Sie anfordern. Und die wir schnellstmöglich beschaffen werden, das kann ich Ihnen versichern.«
»Ich brauche mir nicht sagen zu lassen, wie ich Ermittlungen durchführe«, sagte Villani. »Und ich will es mir auch nicht sagen lassen.«
»Ich bemühe mich zu helfen. Ich kann es auch weiter oben in der Nahrungskette versuchen«, sagte Ulyatt.
»Was?«
»Mit Regierungspolitikern sprechen.«
Villani war seit halb fünf wach und spürte den langen Tag in den Knochen, war wie erloschen. »Sie wollen mit Regierungspolitikern sprechen«, sagte er.
Ulyatt bleckte die Zähne. »Natürlich nur als letztes Mittel.«
»Dann greifen Sie zu Ihrem Mittel, Mann«, sagte Villani, dessen Brenner dank der Zündflamme seines Zorns wieder auf Touren kam. »Sie haben es hier mit dem untersten Ende der Nahrungskette zu tun, jetzt geht's nur noch aufwärts.«
»Ich werde auf jeden Fall unsere Ansicht vorbringen«, sagte Ulyatt, sah ihn lange und missmutig an, stand auf, die
Frau stand auch auf. Er machte auf seinen schwarzen Schuhen kehrt, die Frau auch, beide trugen schmale schwarze Schuhe, beide hatten schlaffe Hintern, einer breit, der andere schmal, die Schönheitsoperationen hatten sich nicht auf ihren Arsch erstreckt. Im Gehen zog Ulyatt sein Handy hervor.
»Kein Müll verlässt das Grundstück, Mr. Manton«, sagte Villani. »Diese Anweisung wollte ich schon immer mal erteilen.«
»Er ist schon weg«, sagte Manton. »Wird jeden Morgen vor sieben Uhr abgeholt, täglich außer sonntags.«
»Verstehe. Tja. Wie kommt man da hoch?«
»Private Aufzüge«, sagte Manton. »Aus den Kellergeschossen und dem Erdgeschoss. Werden durch Chipkarte aktiviert, Zugang nur zu der eigenen Etage.«
»Und wer hat solche Karten?«
Manton wandte sich an Condy. »David?«
»Müsste ich überprüfen«, sagte Condy.
Villani sagte: »Sie wissen es nicht?«
»Für die Chipkartenausgabe gibt es ein Verfahren. Ich kriege das raus.«
Villani bewegte die Schultern. »Und wie kommt man in das Apartment hinein?«
»Mit derselben Karte, außerdem gibt es einen PINCode, optional Fingerabdruck und Irisscan«, sagte Condy. »Abdruck und Scan befinden sich momentan noch in der Schwebe.«
»In der was?«
»Äh, sie werden noch kalibriert.«
»Funktionieren nicht?«
»Momentan nicht.«
»Also genügt die Karte?«
»Ja.«
»Dieselbe Karte, von der Sie nicht wissen, wie viele Leute sie besitzen.«
Villani wandte sich an Dove. »Ich verschwinde«, sagte er. »Wenn man hier nicht voll und ganz kooperiert, gebe ich im Fernsehen bekannt, dass dieses Gebäude katastrophal verwaltet wird, es gefährlich ist, hier zu wohnen, und die Bewohner Grund zur Besorgnis haben.«
»Inspector, wir bemühen uns
»Bitte, tun Sie's einfach«, sagte Villani und erhob sich.
Im Eingangsbereich des Erdgeschosses sagte er zu Dove und Weber: »Erstens, Tracy soll Nachforschungen über die Firma anstellen, der das Apartment gehört. Zweitens, Identifizierung hat hier Priorität. Schicken Sie ihre Fingerabdrücke durch den Computer. Finden Sie raus, was die Überwachungskameras zeigen, schicken Sie jemanden in die Tiefgarage, der jedes Kennzeichen notiert. Und besorgen Sie die Gästeliste des Kasinos.«
Dove nickte.
Weber kratzte sich auf der Kopfhaut und sagte: »Is 'n schicker Laden hier. Wie 'n Palast.«
»Na und?«, sagte Villani.
Weber zuckte mit den Schultern, linkisch.
»Nur eine Tote mehr«, sagte Villani. »Heruntergekommene Sozialwohnung, dieser Palast hier - alles eins. Man verfährt einfach nach Vorschrift. Spielt den Ball zu Snake.«
»Wie bitte, Chef?«
»Kennen Sie den Begriff nicht, Mr. Dove? Noch nie von Snake gehört? Der Footballlegende? Hilft Ihnen Ihr Studienabschluss da nicht weiter?«
»Ich schätze, es handelt sich um einen Fachbegriff aus der Arbeit des Morddezernats«, sagte Dove. Er putzte seine randlose Brille, das braune Gesicht verletzlich.
Villani betrachtete ihn eine Weile. »Sich strikt an die Ausbildung halten. An die Vorschriften. Das machen, was man gelernt hat. Die Checkliste Punkt für Punkt abhaken. Dann muss man auch nicht um Hilfe bitten.« »Ich habe nicht um Hilfe gebeten«, sagte Dove. »Ich habe Inspector Kiely ein paar Fragen gestellt.«
»Das hat er anders gesehen«, sagte Villani. Sein Handy pochte an seinen Brustkorb.
»Mr. Colby für Sie«, sagte Angela Lowell, die Sekretärin.
Der Assistant Commissioner sagte: »Steve, zu dieser Frau im Prosilio-Gebäude, ich hatte eben Mr. Barry am Telefon. Genickbruch, stimmt's?«
»So heißt es.«
»Woraus er den Schluss zieht, es könnte auch ein Unfall gewesen sein. Ein Sturz.«
»Blödsinn, Chef«, sagte Villani.
»Tja, jedenfalls will er, dass der Begriff>Mord»Was soll das?«
»So lautet Mr. Barrys entschiedene Bitte an Sie. Ich spiele nur den Scheißboten. Können Sie mir folgen, Inspector?«
»Ja, Chef.«
»Bis später, okay?«
»Ja, Chef.«
Ulyatt hatte nicht gelogen. Er hatte es weiter oben in der Nahrungskette versucht. Vielleicht war er sogar ganz nach oben gegangen, zum Polizeichef, Chief Commissioner Gillam, vielleicht hatte er sogar Zugang zum Premier.
Dove und Weber sahen ihn an.
»Sind die Medien da draußen?«, fragte Villani.
»Nein«, sagte Dove.
»Nein? Was ist bloß aus undichten Stellen geworden? Egal, falls noch Journalisten auftauchen, sagen Sie ihnen, eine Frau wurde tot aufgefunden, Todesursache bislang unbekannt, man könne nichts ausschließen. Sagen Sie nicht Mord, sagen Sie nicht verdächtige Umstände, sagen Sie nicht, wo in diesem Gebäude. Nur, dass eine Frau tot ist und wir auf die Ergebnisse der Obduktion warten.«
Dove blinzelte, ruckte ganz leicht mit dem Kopf, Villani sah, wie unruhig er war. Instinktiv hätte er ihn gern leiden lassen, doch er besann sich eines Besseren.
»Ich hab's mir anders überlegt, übernehmen Sie das, Web«, sagte er. »Mal sehen, wie Sie sich im Scheinwerferlicht machen.«
Weber sah ihn mit großen Augen an und sagte: »Klar, Chef, klar. Hab schon ein wenig Medienerfahrung.«
Villani trat durch die Schiebetür, der heiße Spätnachmittag nahm ihm die Luft, er hatte nicht weit zu gehen, keine Presseleute, die Treppe runter, über den Vorplatz, ein klimatisierter Wagen wartete.
Alan Machin, der Topschnellschwätzer des Senders 3AR, sagte im Radio:
^ morgen über fünfunddreißig Grad, noch zwei Tage, und wir haben einen neuen Rekord aufgestellt. Warum habe ich das gesagt? Die Leute reden, als wollten wir solche Rekorde brechen. Niedrigste Regenmenge seit einem Jahrhundert. Heißester Tag. Können wir dieses Rekordgerede beenden? Gerry aus Greenvale am Telefon, was beschäftigt Sie, Gerry?
»Soll das Radio anbleiben, Chef?«
»Klar.«
wenn man vor Jahren die Cops gerufen hat, den Krankenwagen, dann kamen die auch. Nach fünf Minuten. Samstag war hier gegenüber die Kacke am Dampfen, ich ruf die Cops an, warte zwanzig Minuten, ich ruf wieder an, da draußen ist die Hölle los, Mann, kreischende Frauen, diese Tiere schlagen Autos kurz und klein, schmeißen mir 'n Briefkasten durchs Wohnzimmerfenster, werden immer mehr, aber keine Cops. Ich ruf wieder an, dann werden zwei Kids abgestochen, einer kriegt den Schädel eingeschlagen, jemand ruft den Krankenwagen.
Wie weit ist denn die nächste Polizeiwache entfernt, Gerry?
Craigieburn Road, oder? Jedenfalls zu weit, das steht fest.
Vierundzwanzig Minuten haben die Krankenwagen bis hierher gebraucht, der eine Bursche is schon tot, heißt es dann. Und die Sanitäter haben sie schon eingeladen und sind wieder weg, ehe die Scheißcops endlich kommen.
Es vergeht also, wie viel, über eine Stunde, ehe die Polizei reagiert, ist das nicht...
Absolut. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass sie hunderte Cops losschicken, wenn sich irgendein Dödel im Busch verirrt? Bei solchen Sachen?
Danke für den Beitrag, Gerry. Alice wartet bereits, Sie sind dran, Alice.
Ich heiße Alysha, mit y. Eigentlich wollte ich über die Züge reden, aber der Anrufer eben hat die Sache auf den Punkt gebracht. Wir haben hier in der Gegend Krawalle, kein Witz, Krawall ist das Einzige .
Wo ist das, Alisha, wo ist »hier in der Gegend.«
Braybrook. Genau. Die Polizei juckt das überhaupt nicht, sollen die sich doch gegenseitig umbringen, die Gangs, hier sieht man praktisch keine Australier, lauter Ausländer, Schwarze, Asiaten. Genau .
»Die mögen Cops nicht besonders, oder, Chef?«, sagte der Fahrer.
»Sie können Cops gar nicht mögen«, sagte Villani. »Cops sind ihr besseres Alter Ego.«
I
n seinem Büro - Gavan Kiely war nach Auckland geflogen - schaltete Villani den großen Bildschirm an, drückte die Stummtaste, wartete auf die Nachrichten um i8 Uhr 30, machte den Ton an.
Eine brennende Welt - leuchtend rote Hügel, grauweiße Trauerfahnen aus Rauch, explodierende Bäume, geschwärzte Fahrzeughüllen, Pferdekoppeln aus Holzkohle, einen sanften, mit braunem Gras bewachsenen Hang hinunterwandernde Flammen, die in der Luft hängenden Wassertanks der Hubschrauber.
. übermüdete Feuerwehrleute stellen sich auf den Ansturm einer Flammenwand ein, die das hoch gelegene Dorf Morpath bedroht. Die meisten Bewohner haben sich entschieden, zu bleiben und ihre Häuser zu verteidigen, trotz der Warnungen, die schrecklichen Lehren aus dem Jahr 2009 zu beachten .
Wenn es stockdunkel war, würden sein Vater und Gordie das ockergelbe Leuchten im Himmel sehen; Morpeth lag zwar dreißig Straßenkilometer von Selborne entfernt, war aber nur vier Täler weiter.
Ein Flugzeugabsturz in Indonesien, eine Fabrikexplosion in Geelong, ein Autobahnauffahrunfall von sechs Wagen, die Schließung einer Elektronikfirma.
Die Nachrichtensprecherin mit ihren großen Augen sagte:
. vierhundert Promis, viele von ihnen reiche Glücksspieler aus Asien, den Vereinigten Staaten und Europa, durften gestern Abend vorab das Orion besuchen, Australiens neuestes und exklusivstes Kasino...
Männer im Abendanzug und Frauen im kleinen Schwarzen entstiegen Limousinen, gingen über einen roten Teppich. Villani erkannte einen millionenschweren Bauunternehmer, einen Schauspieler, dessen Karriere beendet war, einen berühmten Fußballspieler, den man stundenweise mieten konnte, zwei kokainsüchtige Fernsehgrößen, einen teigigen Mann, dem Rennpferde und zahlreiche Jockeys gehörten.
Eine Aufnahme des Prosilio-Gebäudes aus dem Hubschrauber, dann sagte ein junger Mann mit hochgegelten Haaren auf dem Platz vor dem Hochhaus:
Das Luxus-Glücksspielkasino ist in diesem Gebäude untergebracht, dem neu errichteten Prosilio Tower, einem der teuersten Wohnkomplexe Australiens. Es ist eine Welt des totalen Luxus für Millionäre, die hier hoch über der Stadt wohnen, geschützt durch modernste elektronische und andere Sicherheitsmaßnahmen.
Sein Handy.
»Papst Barry ist zufrieden«, sagte Colby.
Villani sagte: »Weswegen?«
»Prosilio. Die junge Frau.«
»Hat nichts mit mir zu tun. Die Abwesenheit der Medien, wer hat das veranlasst?«
»Da müsste ich raten.«
»Ja, klar. Dieses Prosilio-Arschloch, Elliot, Ulyatt - seiner Firma gehört das Gebäude. Der hat sich aufgeführt, als kämen wir vom Ordnungsamt, weil Äste über den Zaun wachsen.«
»Und was haben Sie gesagt?«
»Na, du kannst mich mal, hab ich gesagt.«
»Jedenfalls steht fest, dass er sich an irgendwen gewandt hat. Das steht fest.«

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