Buch
gebunden (238 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Vom schillernden Leben im englischen Garten-Paradies
»Man sollte dem Schicksal mehr vertrauen. Auch wenn es sich Ende der 90er-Jahre für mich wie der Weltuntergang anfühlte, München zu verlassen, war es tatsächlich für mich der Beginn eines neuen Lebensabschnittes im Gartenparadies England. Die Großstadt gegen das Land, die renovierte Wohnung gegen ein pflegebedürftiges Cottage aus dem 17. Jahrhundert, den Balkon gegen einen verwilderten Garten und die Stöckelschuhe gegen Gummistiefel getauscht, habe ich die Landidylle nicht gesucht, aber gefunden. Meine Illusion vom Landleben, geprägt von Romanen und Fernsehfilmen, von rosenberankten Häusern und Dörfern, wo jeder sich kennt und Tee zu jedem Anlass serviert wird, stellte sich als Realität heraus. Ob durch Instinkt oder Glück, ich darf den Traum in einem kleinen Dorf in Süd-Somerset erleben. Ich durfte hinter die Kulissen schauen, an einmaligen Ereignissen teilnehmen und Gespräche führen, die das Geheimnis der englischen Gartenwelt gelüftet haben. Davon erzählt dieses Buch.« Heidi Howcroft
. Rund 30 Kurzgeschichten der bekannten Landschaftsarchitektin und Autorin Heidi Howcroft
| ISBN-10: | 3-421-03794-9 |
|---|---|
| EAN: | 9783421037947 |
| Erschienen: | 15.03.2010 |
| Verlag: | DVA |
| Einband: | gebunden |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 238 |
| Länge/Breite: | 200mm/125mm |
| Gewicht: | 355 g |
Heidi Howcroft ist Landschaftsarchitektin und Autorin. Sie hat bereits mehrere erfolgreiche Bücher zum Thema Gartengestaltung veröffentlicht. Sie wohnt in Somerset, England, und arbeitet sowohl dort als auch in Deutschland.
Der Traum vom rosenbewachsenen Cottage
Ende der 90er Jahre, als ich nach 18 Jahren Aufenthalt in Deutschland nach England zurückkehrte, war dies der reinste Kulturschock für mich. Es war, als ob ich ein fremdes Land betreten hätte. Das England meiner Jugend war verschwunden. Zwei Jahrzehnte lang war ich nur als Besucher im Land, schaute meine Lieblingsgärten an, kaufte "Englisches", hauptsächlich Teebeutel und Unterwäsche, bei Marks & Spencer ein und verbrachte viel Zeit in Buchläden. Das politische und wirtschaftliche Leben bekam ich während meiner Stippvisiten nur am Rande mit, ebenso wie die Kluft zwischen Land und Großstadt oder das soziale Gefälle von Nord nach Süd. Um alles noch interessanter zu machen, habe ich das Leben in einer Metropole hinter mir gelassen und habe das Glück auf dem Land gesucht, weit weg von meinen eigentlichen Wurzeln im industriellen Nordwestengland. Statt das Umfeld mit einer Million Einwohnern zu teilen, waren es nunmehr 289, und selbst wenn man alle Kühe, Schafe, Hühner und Hunde dazuzählen würde, wäre es schwierig gewesen, eine vierstellige Zahl zu erreichen.
Schuld an allem war Rosamunde Pilcher, "The Lamb Inn" in Burford und The Royal Navy, insbesondere aber James Bond.
Fiktive Pralinenschachtelbilder von England, wo alle Männer Gentlemen sind, Rosen an sämtlichen Häusern hochranken, Afternoon Tea gang und gäbe ist, Smoking zum Dinner angezogen wird und wo Tradition noch geschätzt und großgeschrieben wurde: ein Wunschbild, das in der Regel zwischen den Seiten eines Romans bleibt und als "absolut unrealisierbar" eingestuft wird. Jetzt sitze ich in einem alten Cottage voller Charakter, absolut unpraktisch, aber wunderbar, verheiratet mit einem Marineoffizier, der jetzt einen Schreibtisch in London "steuert". Wie es sich gehört und ganz nach englischer Tradition, haben wir neben unserem Haus auf dem Lande ein "pied a terre" in der Stadt, eine treffende Bezeichnung für eine Miniwohnung in London. Denn die Dienstwohnung ist in der Tat nicht mehr als ein Fußstapfen auf kostbarem Londoner Boden. Während mein Mann unter der Woche seine Nadelstreifen-"Uniform" samt hochpolierten Schuhen trägt, habe ich die schicken Bürokleider und eleganten Stöckelschuhe gegen dicke Wollpullis, bequeme Flanellhosen und Gummistiefel ausgetauscht und darf nunmehr das Landidyll erleben.
Seit meinem ersten Ausflug in den 60er Jahren nach Burford in den Cotswolds, eingezwängt auf dem harten Rücksitz eines VW-Käfers, war es mein heißersehnter Traum, in einem honigfarbenen Naturstein-Cottage mit Rosen um die Haustür zu wohnen. Über die Jahre zog es mich wiederholt nach Burford zum "The Lamb Inn" in der Sheep Street. Während meiner Münchener Zeit war der Ort ein wichtiger Anlaufpunkt für Gartenreisen, ein Zuhause, wenn auch nur für wenige Tage, wo ich in "Englisches" eintauchen konnte. Damals waren die Einzelzimmer zur Straße gelegen, ohne Bad, aber mit Fenstersitz und pinkfarbenen Kletterrosen vorm Fenster. Mit Chintzvorhängen - ein mit Blumen- und pflanzlichen Motiven bedruckter Baumwollstoff, überzogen mit einer leicht glänzenden Schicht, der fast nur in England zu finden ist - und spiegelglatt polierten Holzmöbeln war das Ambiente perfekt. Auch ohne vor die Haustür zu gehen, spürte man schon die Vorliebe für das Gärtnerische. Sheep Street selber war ein Genuss. Die Häuser an der Nordseite, dazu gehörte auch eine alte Brauerei, liegen eng an eng direkt an der Straße aufgereiht. Trotz des fehlenden Vorgartens wird für Grün gesorgt, Kübel mit Buchskugeln, stämmigen Glyzinen und Rosen schmücken die Fassaden. Gegenüber, an der etwas höher liegenden Südseite, stehen die prächtigen Häuser mit einer teppichartigen Rasenfläche wie eine Art öffentlicher Vorgarten. Versteckt hinter den Bauten sind lange und schmale Gärten, die einmal im Jahr, zum "Garden Open Day" ihre Pforten öffnen. Keiner der Gärten ist spektakulär, noch unbedingt erinnerungswürdig, aber sie verkörpern den Geist des "englischen Country Garden", frei von Allüren, mit Patina, eindeutig geliebt und gerade deswegen interessant. Ich habe mir damals schon Prospekte von Immobilienmaklern zukommen lassen mit der Vorstellung, vielleicht doch irgendwann da wohnen zu können. Damals stimmte entweder der Preis oder die Zeit nicht. Hätte ich zugeschlagen, wäre ich jetzt Millionärin! Was mich zurückblickend vom Kauf abgehalten hat, war die Welt von Cotswolds selber. Sie war zu lieblich, zu vornehm und beinahe zu perfekt.
North Cadbury, südlich der Cotswolds in Somerset, ist eine Verlängerung des Landschaftszugs, der sich von Oxford über Cirencester, Tetbury und Bath bis Shepton Mallet zieht, eine Gegend, die von Natursteinarchitektur und der hügeligen Landschaft geprägt ist. Die Blütezeit dieser Ecke von Südwest-England war Ende des 16. und während des 17. Jahrhunderts, als die Tudors und später die Stuarts regierten. Über Oliver Cromwell wird wenig gesprochen, seine Zeit an der Macht wird oft nur beiläufig erwähnt, eine Episode der Geschichte, die jeder, insbesondere im katholischen Südwest en, überspringen möchte. Wolle war ein wichtiger Rohstoff und wurde zu Höchstpreisen gehandelt. Wohlhabende Landbesitzer und Bauern ließen sich Häuser und Wirtschaftsbauten errichten, je nach Wohlstand und Status in schön bearbeiteten Natursteinblöcken mit Knirschfugen verlegt oder mit etwas minderwertigen, aber nicht weniger schönen Gesteinsblöcken, die nur an einer Seite bearbeitet wurden. Dazu kamen Naturstein-Fensterrahmen, vom Steinmetz bearbeitet, Bleiverglasung mit kleinen rautenförmigen oder rechteckigen Glasscheiben und stabile Eichenholzhaustüren. Das Gestein, stets aus naheliegenden Steinbrüchen, war entscheidend für das Erscheinungsbild der Dörfer und Städte, denn die Bauten passten sowohl in Farbe als auch Textur einfach zur Landschaft. In Süd-Somerset war es ein honiggoldfarbener jurassischer Kalkstein mit geringem Lehmanteil, im Volksmund einfach "Hamstone", nach dem Hauptabbaugebiet in der Nähe von Montacute House, genannt. In North Cadbury kam auch Hadspen Stone zum Einsatz, eine Nuance tiefer in der Farbgebung, etwas weicher und daher nur in kleinen Blöcken erhältlich, was eine rustikale Ausführungsart verlangte. Eines haben alle diese Gebäude gemeinsam: Statt die Fassaden hinter einem Vorhang von Kletterpflanzen zu verstecken, wurde pflanzliches Beiwerk mit Bedacht ausgewählt. Rosen, eindeutige Favoriten, prägen das Bild und sorgen für das liebliche, das englische Flair.
Ein Hauskauf sollte sachlich und ohne Emotionen erfolgen. Die Realität ist oft anders. Man verliebt sich oder sieht bereits das "fertige" Produkt, ohne mit den Zwischenphasen zu rechnen. So war es bei "The Dairy House". Hier war die Möglichkeit, den Cottage-Traum zu verwirklichen und den englischen Lebensstil zu erleben.