eBook
Medium: EPUB
Sofort per Download lieferbar.
€ 11,99
€ 22,99
Herbe Landschaften und liebliche Gegenden, karge, weite Landstriche ohne Brunnen, ohne Dorf, dann wieder pittoreske Orte, hin zu den tückischen Pyrenäen ? 1500 Kilometer lang ist der Fußweg von Mittelfrankreich nach Santiago de Compostela, der mythische Jakobsweg oder »Camino de Santiago«. Es sind zwei Monate Fußmarsch, an dessen Ende der Wanderer oder Pilger noch einmal auf eine harte Probe gestellt wird in der ungastlichen Meseta. Diese Wanderung, die René Freund in einem sehr persönlichen Tagebuch nachzeichnet, bedeutet emotionale Wechselbäder von euphorischem Glücksgefühl über die Faszination der Landschaft und das Hinauswachsen über die eigenen Kräfte bis hin zur Wut über den eigenen »Masochismus« und zu physischen wie psychischen Krisen. René Freunds Perspektive vereint wohldosiert die Objektivität des aufmerksamen Beobachters mit der Begeisterung des jeden Tag neu Aufbrechenden, das Feingefühl des Naturliebhabers mit teils ironisch gebrochener sachlicher Darstellung. So macht er Leserinnen und Leser zu Begleitern und lässt sie die Ängste, Nöte und Freuden der modernen Pilger miterleben.René Freund, geboren 1967 in Wien, lebt seit fast zwanzig Jahren in Oberösterreich. Autor zahlreicher Theaterstücke, die zwischen Wien und Berlin aufgeführt wurden. Im Picus Verlag erschienen die Sachbücher »Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus«, »Land der Träumer. Verkannte Österreicher und ihre Utopien«, Lesereisen zum Salzkammergut und zu Linz (2008), die Romane »Wiener Theaterblut« und »Wechselwirkungen« sowie die Satirensammlung »Stadt, Land und danke für das Boot«.
| ISBN-10: | 3-7117-5009-5 |
|---|---|
| EAN: | 9783711750099 |
| Erschienen: | 01.07.2011 |
| Verlag: | Picus Verlag |
| Einband: | EPUB |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 7 |
| Seitenzahl: | 132 |
| Erschienen bei: | Picus Verlag |
| Spieldauer: | 718 KB |
| Kapitel: | 0 |
| Medium: | EPUB |
René Freund, geboren 1967 in Wien, lebt seit fast zwanzig Jahren in Oberösterreich. Autor zahlreicher Theaterstücke, die zwischen Wien und Berlin aufgeführt wurden. Außerdem erschienen von ihm Sachbücher, Lesereisen zum Salzkammergut und dem Jakobsweg und Romane.
Saint-Alban-sur-Limagnole, 26. September (S. 17-18)
Gestern habe ich noch geschrieben, dass Madame Jalbert nett ist. Stimmt auch, aber warum hat sie uns um acht Uhr früh in diesen Regen hinausgeschickt? Heute sind wir unsere Rekordetappe gegangen: ganze acht Kilometer. Allerdings haben wir nur knapp eineinhalb Stunden gebraucht, wir waren also wirklich schnell. Tatsächlich sind wir – auch auf dem gesamten weiteren Weg – nie wieder so wenig, aber auch nie wieder so schnell gegangen.
Es hat auch später noch oft geregnet, aber zum Glück nie wieder so wie in diesen eineinhalb Stunden. Was da vom Himmel fiel, das waren keine Tropfen, sondern Wasserbomben, die auf unserer garantiert wasserdichten Regenausrüstung regelrecht explodierten. Unsere nur durch die Pelerine geschützten Hosen leisteten den Wassermassen etwa zehn Minuten lang erbitterten Widerstand, bevor sie sich mit kalter Feuchtigkeit vollsogen. Durch die Wirbelwinde, die uns von allen Seiten anfielen, wurden sie dafür besonders gründlich nass. Meine wasserdichten und spezialimprägnierten Lederschuhe hielten dem Wetter etwa dreißig Minuten lang stand, bevor sie sich, wie einst die Titanic, langsam mit Wasser füllten und baden gingen.
Barbaras garantiert wasserdichte Goretex-Schuhe (»damit können Sie durch Bäche waten, und die Füße bleiben trocken«, hatte der Verkäufer gelogen) erlitten dasselbe Schicksal, allerdings erst zweieinhalb Minuten später, und auch unsere »klimaorganisierten« Spezialsocken erlebten ihren totalen Klimazusammenbruch. Die Goretex-Jacken [24]ließen dafür das Wasser nur dort hineinrinnen, wo es eben hineinrinnt, also in die Ärmel sowie in den Kragen und, bei besonders widerlichen Windstößen, auch von unten. Es war ein Fiasko. Gestern, bei sechs Grad und sturmartigen Windböen, hatte ich gesagt, das Wetter könne nicht mehr schlimmer werden.
Als ich mich heute zu Barbara umgedreht habe, genauer gesagt zu dem, was von ihr übriggeblieben war, nämlich einer tropfenden, blauen, etwas gebeugt und verzagt wirkenden Pelerine, um ihr zu sagen, dass das Wetter jetzt wirklich nicht mehr schlimmer werden könne, ist diese Pelerine zusammengezuckt. Sie erwartet jetzt für morgen ein Hagelgewitter. Schon so früh auf unserem Weg nach Santiago durften wir also die nächste Lektion lernen: Bei sintflutartigen Regenfällen geht man besser gar nicht erst los, weil man sich in den nassen Schuhen die Füße ruiniert und weil überhaupt die Moral sinkt, zumal man später im Rucksack nur noch nasses Gewand vorfindet, weil der garantiert wasserdichte Rucksackschutz erstens nicht wasserdicht ist und es zweitens auch nur sein könnte, wenn er über den vollgepackten Rucksack drüberpasste.
Die Landschaft? Bestand heute links und rechts aus blauem, tropfendem Goretex; sehr schön der Ausblick auf die Wanderschuhe, den Asphalt und gelegentliche Wiesenstreifen, vor allem in Verbindung mit der Geräuschkulisse (quitsch-quatsch-quitsch-quatsch, sehr rhythmisch!). Natürlich haben wir versucht, mittels herausgehaltenem Daumen die vier Autos zu stoppen, die an uns vorbeigebraust sind. Aber natürlich nehmen die Autofahrer einen gerade dann nicht mit, wenn man es am dringendsten brauchen würde. Die prinzipielle Freundlichkeit gegen Pilger endet da, wo sie einem die prächtigen Velourssitze des wunderbaren Renault nass machen könnten. Jetzt sitzen wir im Café, das nebst Hotel und Restaurant zum gîte d'étape in Saint-Alban-sur-Limagnole gehört.