Krankheit als Sprache der Kinderseele

Be-Deutung kindlicher Krankheitsbilder und ihre ganzheitliche Behandlung

von Vera Kaesemann, Ruediger Dahlke

Buch

Taschenbuch (635 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

"Ruediger Dahlke, Wegbereiter der spirituellen Psychosomatik, und Vera Kaesemann, Kinder-Homöopathin, beschreiben, wie kindliche Krankheitssymptome mit der organischen und der Persönlichkeits-Entwicklung zusammenhängen. Anhand der einzelnen Krankheitsbilder regen die Autoren dazu an, über die Bedeutung einer Erkrankung für Kind und Eltern nachzudenken. Kinderkrankheiten sind Erfahrungen, die Körperintelligenz in einem organisch-seelischen Lernprozess fordern und fördern. In jedem Kapitel fließen homöopathische, symbolische, entwicklungspsychologische und medizinische Aspekte sowie die Krankheit begleitende Maßnahmen und homöopathische Mittelbilder zu einem ganzheitlichen Handbuch/Nachschlagewerk zusammen. Fast immer ist nach durchstandener Kinderkrankheit ein Entwicklungsschritt zu erkennen: Das Kind wird mehr es selbst, wird zur Persönlichkeit ..." (Aus dem Vorwort)

Produktdetails

Verkaufsrang: 938
ISBN-10: 3-442-15661-0
EAN: 9783442156610
Erschienen: 18.10.2010
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 635
Länge/Breite: 183mm/125mm
Gewicht: 515 g
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Vera Kaesemann

Vera Kaesemann leitet eine Praxis für Kinder-Homöopathie in Hamburg. Ihre Erfahrungen, die homöopathischen Mittelbilder und dazu gehörenden Patientengeschichten sind in das vorliegende Buch eingeflossen.

Ruediger Dahlke

Dr. med. Rüdiger Dahlke, Jahrgang 1951, studierte Medizin in München. Weiterbildung zum Arzt für Naturheilweisen, in Psychotherapie und Homöopathie. Seit 1978 ist er als Psychotherapeut, Fasten-Arzt und Seminarleiter tätig. Als Autor und Referent ist er eine Instanz im Bereich der Psychosomatischen Medizin und Gesundheitsbewegung. Im Heil-Kunde-Zentrum Johanniskirchen/Niederbayern wird seine Arbeit seit 15 Jahren in die Praxis umgesetzt. Seine Fasten-Seminare "Körper - Tempel der Seele" (für Einsteiger) und "Fasten - Schweigen & Meditieren" (für Fortgeschrittene) erfreuen sich regen Zuspruchs.

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1 Einleitung
1.1 Zur Entstehung dieses Buches
Die Idee zu diesem Buch ergab sich aus unser beider Zusammentreffen. Mein Interesse ist schon lange darauf gerichtet, den ganzen Bereich der Medizin abzudecken und möglichst alle Beschwerden und Symptombilder auf ihre seelische Dimension hin zu untersuchen und zu deuten. Das Buch Der Weg ins Leben1 beschäftigt sich mit dem Anfang des Lebens von der Empfängnis bis zur Geburt. Da die spirituelle Philosophie davon ausgeht, dass im Anfang alles liegt und die entscheidenden Weichen zu Beginn des Lebens gestellt werden, lag es nahe, sich auch der Kinder-Heil-Kunde deutend zu widmen. Mir fehlte dazu aber die Erfahrung. Die brachte Vera Kaesemann mit, die nicht nur ihre drei eigenen Kinder auf beeindruckende Art aus der Chemieorgie der Schulmedizin heraushielt, sondern sich seit 1984 zur Homöopathin ausbilden ließ, um eine reine Kinderpraxis zu führen. Im selben Jahr stieß sie auch bereits auf das Buch Krankheit als Weg2 und machte später die Ausbildung in »Archetypischer Medizin«. Die Basis dieses Buches wurde durch unser gut zweijähriges Zusammenleben gelegt. Es entstand aber erst in der Zeit danach.
Wir diskutierten und deuteten die wichtigsten Krankheitsbilder der Kindheit miteinander, wobei Vera Kaesemann die KinderKranken-Geschichten einbrachte. Die praktischen Tipps stammen ebenfalls meist aus ihrer Praxiserfahrung wie auch alle homöopathischen Mittelbilder. Meine Aufgabe war neben dem Deuten das Formulieren. Insofern schrieb ich unser Buch. Wo ich von »wir« und »uns« spreche, ist diese Situation gemeint. Statt »man« habe ich oft das Kunstwort kind verwendet, weil es widersinnig erschien, von Kindern, die so sehr dem archetypisch weiblichen Prinzip entsprechen, in der männlich anmutenden Form »man« zu schreiben.
Anschließend baten wir befreundete Therapeuten, Mitarbeiter und entsprechende Fachleute, das Manuskript kritisch Korrektur zu lesen.
1.2 Zur Anwendung des Buches
So gern wir es sähen, wenn die theoretischen Kapitel des Buchanfangs auch wirklich zuerst gelesen würden, zeigen doch Erfahrungen mit meinen anderen Büchern, dass die Praxis oft mit einem Nachschlagen der eigenen Probleme beginnt, in diesem Fall also denen der eigenen Kinder. Unser Ideal wäre, dass das erst nach der Anfangslektüre der allgemeinen Einführungsteile geschieht, da sich so eine Fülle von Missverständnissen vermeiden ließe.
Krankheitsbilder, die nicht im Inhaltsverzeichnis stehen, werden Sie im Register am Ende des Buches finden. Dort wird bei speziellen Symptomen auch angegeben, in welchen anderen Veröffentlichungen des Autors Sie Näheres darüber erfahren können. Wenn z. B. ein so wichtiges Krankheitsbild wie AD(H)S, die Hyperaktivität, hier nicht ausführlich behandelt wird, liegt es daran, dass es in einem eigenen Kapitel des Buchs Aggression als Chance gedeutet wurde. Viele der Krankheitsbilder finden sich auch in dem Nachschlagewerk Krankheit als Symbol in Stichworten.
Bezüglich des Umgangs mit diesem Buch läge es nahe, eine Doppelstrategie einzuschlagen. Eltern, die mit ihrem kranken Kind unter Druck stehen, werden sicher sofort zu den praktischen Tipps greifen, die sie - je nach Schwere der Situation - mit ihrem behandelnden Arzt oder Heilpraktiker abstimmen und sogleich anwenden können. Danach wäre es wichtig, sich den Deutungen zu widmen, um den tieferen Sinn der jeweiligen Symptomatik zu erkennen. Beide Aspekte sind nie als Alternative zu verstehen, im Gegenteil - sie ergänzen sich. Das gilt besonders im Hinblick auf die klassische Homöopathie, da auch das Denken der Krankheitsbilder-Deutung im Wesentlichen homöopathisch ist. Auch zwischen Deutungen und na- turheilkundlichen Tipps besteht eine unterstützende Beziehung. Selbst zu notwendigen schulmedizinischen Interventionen bilden die Deutungen sinnvolle Unterstützungen und nicht selten auch die anderen Tipps.
Oft werden besonders kleine Kinder den Deutungen nicht zugänglich sein. Desto wichtiger wäre für Eltern, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Weichen für ihre Kinder oder ihre Familie in eine entsprechend entwicklungsförderliche Richtung zu stellen. Hierfür sind auch die Fragen am Ende der meisten Kapitel gedacht.
Je kleiner die Kinder, desto deutlicher sind sie auch Spiegel der Eltern und der Familiensituation. Das ist nicht immer leicht zu akzeptieren und sollte nicht im Zusammenhang mit Schuld verstanden werden, sondern ausschließlich im Sinne von Verantwortung. Es geht darum, die entsprechenden Antworten auf die jeweilige Herausforderung zu finden.
Eltern können sich den Umgang mit dem Frageteil am Ende der speziellen Kapitel erleichtern, indem sie die Schuldfrage von Anfang an nicht stellen. Andererseits sind die folgenden Fragen die Grundlage, auf denen viele der späteren fußen. Sie werden vielleicht nicht alle klar zu beantworten sein. Wo sie es aber sind, könnten sie vieles klären, und gegebenenfalls wären sie vielleicht auch Anlass, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen:
- Unter welchen inneren und äußeren Umständen und mit welchem Gefühl ist unser Kind gezeugt worden? Oder: Wie hat alles begonnen?
- Welche Konsequenzen könnten sich daraus ergeben?
- Wie beeinflussen diese Umstände unsere Beziehung und die zu unserem Kind?
- Wie war und ist unsere eigene Beziehung zu den Eltern, den beiden eigenen und denen des Partners, den Schwiegereltern?
- Wie haben wir beide Familie erlebt, und welche Konsequenzen haben wir daraus gezogen?
- Welche großen und wichtigen Familienthemen gab es in unseren Familien? Wie beeinflusst uns das bis heute? Welche Rolle spielen diese Themen in unserer Familie?
- Welche Tabus haben unsere Herkunftsfamilien bestimmt? Wie gehen wir heute mit diesen Themen um?
- Inwieweit soll uns die aktuelle Familiensituation für erlittene Defizite in unseren Herkunftsfamilien entschädigen?
- Wie war die Geburt unseres Kindes, und was könnte sie uns symbolisch zeigen?
- Wie verliefen unser beider Geburten? Gibt es Parallelen zu der unseres Kindes?
1.3 Die Anwendung der homöopathischen Arzneimittel
Die klassische Homöopathie, die dieses Buch wie keine andere Philosophie prägt, weil auch die Deutungen zuerst und vor allem homöopathisch gedacht sind, ist eine ausgesprochen individuelle Medizin, was die Schwierigkeit ausmacht, sie in einem Buch praktisch darzustellen. Gut darstellbar sind Arzneimittelbilder ähnlich wie Krankheitsbilder. Beide geben einen Rahmen, die wirkliche Therapie muss dann aber in beiden Fällen immer individuell erfolgen. Auch eine Deutung kann stets nur einen Rahmen geben, Arzneimittelbilder geben viele Rahmen. Homöopathen und Psychotherapeuten müssen diese allgemeingültigen Rahmen mit ausgesprochen individuellen und originellen Menschen zur Deckung bringen.
Die deutende Medizin animiert zu fragen: »Warum geschieht dies gerade mir, gerade so, gerade jetzt, in dieser Phase meines Lebens?« Und: »Woran hindert mich das Krankheitsbild, wozu zwingt es mich?« Die klassische Homöopathie muss so differenziert individualisieren, dass hier gar keine typischen Fragen angegeben werden können.
Insofern sind die aufgenommenen Arzneimittelbeschreibungen und bewährten Indikationen ohne jeden Anspruch auf Treffsicherheit oder gar Vollständigkeit eher dazu gedacht, die Genialität dieser von Samuel Hahnemann in die Medizin eingebrachten grundsätzlich neuen Denkrichtung aufzuzeigen, die die Allopathie oftmals ersetzen und fast immer ergänzen kann.
Die große Zahl an Spezialisten, sowohl Homöopathen wie auch schulmedizinische Kinderärzte, und nicht zuletzt die Mütter, die unser Manuskript vorab gelesen und kontrolliert haben, mögen als Beleg dienen für den Versuch eines Brückenschlages zwischen diesen Richtungen der Medizin und den Müttern zugunsten kranker Kinder.
Alle im Buch empfohlenen Mittel sind in der C30-Potenz zu nehmen, die sich als Akutpotenz bewährt hat. Diese sogenannte Hochpotenz verlangt Respekt in ihrer Anwendung. Homöopathische Arzneimittel dürfen nicht einfach wahllos eingenommen werden, treffen Sie Ihre Wahl sorgsam, und fragen Sie bei Unklarheiten lieber erfahrene Homöopathen um Rat. Die hier eingefügten Tabellen sollen helfen, die aufgeführten Mittel leichter zu differenzieren, weshalb sie sich auf die jeweils charakteristischen Symptome beschränken. Schenken Sie bitte auch den Gemütssymptomen Beachtung, diese können für die Wahl des richtigen Mittels ausschlaggebend sein.
Einnahme: Geben Sie Ihrem Kind 2 Milchzuckerkügelchen (Globuli) direkt auf die Zunge, lösen Sie 2 weitere Globuli anschließend in einem Glas stillen Wassers mit einem Holzspatel oder Plastiklöffel auf (»verkleppern«), und lassen Sie es davon alle 10 Minuten einen Schluck trinken (nach vorherigem kräftigen Umrühren). Sobald eine Besserung erkennbar ist, unterbrechen Sie die Einnahme! Falls eine Verschlechterung oder Stagnation eintritt, setzen Sie die Einnahme fort.
Ergibt sich nach zwei Stunden keine Reaktion im Sinne einer Besserung, war das Mittel vermutlich falsch gewählt. Bitte schauen Sie sich die Tabelle noch einmal an und wählen gegebenenfalls ein anderes Arzneimittel. Als Besserung im homöopathischen Sinne ist z. B. auch ein tiefer (Heil-)Schlaf zu werten oder eine Entlastung auf der Gemütsebene; d. h., Ihr Kind ist vielleicht besserer Stimmung und kann mit den Beschwerden problemloser umgehen, obwohl sich die körperlichen Symptome vielleicht gar nicht auffällig verändert haben.
1.4 Zu »Risiken und Nebenwirkungen« dieses Buches!
In modernen Zeiten liegt die Last von Erziehung und Pflege im Krankheitsfall mehr denn je bei den Müttern und immer häufiger auch noch bei alleinerziehenden. Dann wird, was ansonsten auch Freude machen könnte, rasch zur Last und Überforderung. Insofern mögen viele der Hinweise belastend und einseitig wirken, wenn die Verantwortung, die im Idealfall geteilt würde, nun häufig auf Schultern ruht, die dafür allein eigentlich zu schmal sind. Aber bei einer Scheidungsrate, die in den letzten fünfzig Jahren von etwa 10 auf rund 50 Prozent gestiegen ist, sind die Chancen, zusammen Großeltern zu werden, so wie man gemeinsam zu Eltern wurde, eher gering. Im Zusammenhang mit den sich aus dieser Tendenz ergebenden Problemkonstellationen und Patchworkfamilien kann im Hinblick auf die Entwicklung der kindlichen Seele vieles schiefgehen, wie natürlich auch in sogenannten »heilen« Familien. Dieses Buch will jedenfalls keineswegs die durch einseitige Lastenverteilung oft entstandene Schieflage noch durch die Vermittlung von Schuldgefühlen verschärfen.
Andererseits nehmen wir eine radikale, d. h. an die Wurzeln gehende Position aufseiten der kranken Kinder ein. Vor allem, um ihnen eine Stimme im Krankheitsfall zu verleihen, da sie gerade dann oft missverstanden oder ganz falsch eingeschätzt werden, und keineswegs, um Schuld zuzuweisen. Eltern werden in aller Regel das ihnen Bestmögliche für ihre Kinder tun. Das aber wird trotzdem oft nicht reichen oder manchmal sogar schaden. Insofern ist, was wie Schuldzuweisung klingen mag, eher korrigierend, helfend oder infrage stellend gemeint. Auch wenn wir manches Mal wie Anwälte der kranken Kinder klingen mögen, wollen wir die Mütter und am liebsten auch die Väter mit einbinden und über ein tieferes Verständnis der Be-Deutung von Symptomen in ihrem Streben, die beste Wahl für ihre Kinder zu treffen, unterstützen. Eine Fülle von Tipps und bewährten Indikationen soll schnelle und praktische Hilfe ermöglichen, während die Deutungen oft ein längerfristiges und dafür nachhaltigeres Umdenken anstoßen mögen.
Uns ist sehr wohl bewusst, dass es oft und besonders in wenig solidarischen Zeiten, was Kinder und insbesondere kranke Kinder angeht, sehr schwer sein wird, alles richtig zu machen. Es ist sogar unmöglich. Aber andererseits ist es auch nie zu spät, die Weichen zum Besseren zu stellen. Dazu wollen wir Mut machen.
Wer in kaum zu beherrschende Teufelskreise geraten ist, könnte sich geradezu provoziert fühlen von Hinweisen, wie man mit Meditation und Tai Chi mehr Rhythmus ins eigene und kindliche Leben bringt. Wer etwa keine angemessene Wohnung gefunden hat, weil Alleinerziehende auf dem Immobilienmarkt diskriminiert werden, mag andere Sorgen haben als morgendliches Yoga und Qi Gong. Die Logik von Vermietern, denen es vor allem um pünktliche Mietzahlung bei maximaler Schonung ihrer Wohnung geht, ist klar. Kinder sind in Deutschland zum Armutsrisiko geworden, insbesondere wenn eine Mutter allein für sie aufkommen muss. Da solche Familien dann auch noch fast unkündbar sind, wenn sie in Not geraten, halten viele Wohnungsbesitzer sie sich am liebsten vom Leib. Hier wird - wie so oft - eine als Hilfsmaßnahme gedachte Regelung wie Kündigungsschutz zum Bumerang. Wenn die Mutter dann morgens zur Arbeit müsste, auf die sie angewiesen ist, und ihr krankes Kind nicht in den Kindergarten gehen kann, könnten manche Hinweise des Buches und auch die an den Kapitelenden aufgeworfenen Fragen geradezu provozierend wirken. Das ist natürlich ungewollt, aber andererseits wollten wir auch nicht auf die Möglichkeit verzichten, gute Situationen in Richtung Ideal noch zu verbessern.
Ihrer Natur nach können Deutungen von Symptomen, die ja immer Schatten aufdecken, leicht als Schuldzuweisungen missverstanden werden, was aber nie beabsichtigt ist. Es geht vielmehr im beschriebenen Sinne um Verantwortung. Dass im deutschen Sprachgebrauch die Adjektive »verantwortlich« und »schuldig« inzwischen synonym gebraucht werden, ist symptomatisch und gleichermaßen symbolträchtig. Natürlich will niemand mehr verantwortlich sein, wenn das gleichbedeutend mit »schuldig« ist. Wir müssen aber Verantwortung übernehmen für unsere Kinder - von Gesetzes wegen und auch weit darüber hinaus -, zumindest so lange, bis sie selbst gelernt haben, eigene Antworten für ihr Leben zu finden. Dabei dürfen Fehler gemacht werden, die sich später oft als Helfer entpuppen. Wie der Volksmund so schön sagt: »Aus Fehlern wird man klug.« Es ist auch nie zu spät, die Richtung zu ändern und mit neuen Erkenntnissen in Zukunft Dinge anders zu sehen und zu machen.
Dadurch, dass wir aufseiten der kleinen Kranken primär deren Lebensrechte im Auge haben, mag ein überfordernder Anspruch an Mütter, die schwierige Situationen zu bewältigen haben, hineininterpretiert werden. Aber wir gehen lediglich vom Ideal für das erkrankte Kind aus und können weder soziale Situation noch individuelle Umstände beeinflussen.
Wären wir eine insgesamt kinderfreundlichere Gesellschaft, könnten wir uns vieles erleichtern und Schreckliches ersparen. Tatsächlich haben wir ja nicht die Wahl, ob wir im Leben »umkehren und wieder werden wie die Kinder«, um es mit den Worten der Bibel zu sagen, sondern lediglich, auf welcher Ebene wir das tun. Wo immer die Bewusstseinsebene verweigert wird, muss im Sinne von Krankheit als Symbol der Körper einspringen. Wenn das »Wieder werden wie die Kinder« aber in den Körper sinkt, nennen wir es »Morbus Alzheimer«, ein Krankheitsbild, gegen das (noch) kein Kraut gewachsen ist, bzw. noch hat es niemand gefunden. In Gesellschaften, die weniger kinderfeindlich oder sogar kinderfreundlich sind, wo sich die Menschen mehr um ihr inneres Kind kümmern, sind die Alzheimer-Zahlen deutlich geringer.
Ziel unseres Buches ist es, das Leben für Kinder und Eltern erfüllender, verständlicher und ansprechender zu machen, in seinen schönen und auch herausfordernden Seiten. Andererseits haben wir heute eine Situation, in der »Kinderkriegen« von der natürlichsten Sache der Welt zu einer eher seltenen Angelegenheit geworden ist, was den wenigen und erst recht den Einzelkindern eine Stellung einräumt, die ihnen eine ungesunde Macht gibt im Sinne des Kleinen Tyrannen von Jirina Prekop (siehe »19.2 Literatur«). Der schon fast komische Jugendkult unserer Gesellschaft, die im Gegenzug das Alter verachtet, trägt noch weiter zur Verstärkung dieses bedenklichen Trends bei. Eine Machtposition, wo kleine Kinder bei allem mitreden und ihre Eltern und besonders Mütter geradezu dominieren und etwa über den neuen Partner mitbestimmen wollen und dürfen, bekommt beiden Seiten nicht.
Insofern haben wir heute eine Polarisierung einerseits in Mütter, die enorme Opfer bringen, was ihre eigene Lebensenergie angeht, während sie ihre Kinder allein oder fast allein aufziehen, sodass sie oft regelrecht zu Opfern werden. Andererseits werden auch Kinder zu Opfern, weil zu wenig Zeit für sie existiert in der modernen Gesellschaft des Turbokapitalismus in der Globalisierungsfalle. Wenn Kinder ihre Eltern und besonders Mütter zu ihren Opfern machen, wird alles noch komplizierter.
Allerdings haben in der langen Geschichte der Menschheit Mütter fast immer Kinder allein aufgezogen.
Kranke Kinder haben natürlich ein Recht auf Verständnis ihrer Situation und Lernaufgabe, was noch lange nicht heißt, dass Kinder alle Rechte dieser Welt immer früher brauchen. Ob sie bereits mit sechzehn Auto fahren und gar mit fünfzehn wählen sollten, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Erfahrungen damit mögen zu einer Gesellschaft im Jugendkultwahn passen, insgesamt ermutigend sind sie nicht.

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