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von Volker Perthes
EAN: 9783641010652
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Von außen erscheint die arabische Welt einerseits bedrohlich, andererseits eigentümlich statisch. Doch die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens wie Nordafrikas befinden sich in einer historischen Umbruchphase, auch wenn der arabisch-israelische Friedensprozess zu stagnieren scheint.
Der Krieg um Kuwait, der Friedensprozess im Nahen Osten haben die Beziehungen der Länder zueinander in Bewegung gebracht, es gibt neue weltwirtschaftliche Herausforderungen und Integrationsversuche, die die Region vor völlig neue Fragen stellen. Der Tod langjähriger Herrscher wie König Hussein von Jordanien, König Hassan von Marokko und Präsident Asad von Syrien hat in der arabischen Welt einen Generationenwechsel eingeleitet, der innerhalb eines Jahrzehnts zu einem vollständigen Austausch der politischen Führungseliten - nicht nur der Könige und Präsidenten - führen wird.
Der Autor untersucht die Faktoren des Wandels in den wichtigsten Staaten dieser Region. Er fragt dabei nach den Chancen der wirtschaftlichen wie der politischen Erneuerung. Der Nahe und Mittlere Osten entwickelt sich mittelfristig sicher nicht zu einer europäischen Demokratie. Er wird aber pluralistischer, und die neuen Führungen sind daran interessiert, ihre Länder wirtschaftlich stärker zu öffnen, besonders Europa gegenüber. Fraglich bleibt, ob diese Generation in der Lage sein wird, innergesellschaftliche und zwischenstaatliche Konflikte erfolgreicher zu bewältigen als vorangegangene Generationen. Die Frage von Krieg und Frieden bleibt nicht nur nach außen hin virulent.
| ISBN-10: | 3-641-01065-9 |
|---|---|
| EAN: | 9783641010652 |
| Erschienen: | 26.01.2009 |
| Verlag: | E-Books der Verlagsgruppe Random House |
| Einband: | |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 1 |
| Seitenzahl: | 513 |
| Erschienen bei: | E-Books der Verlagsgruppe Random House |
| Spieldauer: | 6890 KB |
| Kapitel: | 0 |
| Medium: |
Volker Perthes, geboren 1958 in Homberg, Niederrhein, ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und durch zahlreiche Veröffentlichungen zum Nahen und Mittleren Osten bekannt geworden. Der promovierte und habilitierte Politologe lehrte in Duisburg, Beirut, München und Berlin und ist ein viel gefragter Kommentator der Entwicklungen im Nahen Osten und in der arabischen Welt.
Syrien (S. 235-236)
Die Tücken des Erbes
Am 10. Juni 2000 schalteten Syriens Radio- und Fernsehstationen plötzlich auf Koranrezitationen um, auch von den Minaretten wurde aus dem Koran gelesen. Ein weinender Nachrichtensprecher verkündete der Nation, dass Hafiz al-Asad, der »kämpferische Präsident«, gestorben sei. Die Nation war so geschockt wie der Sprecher im Fernsehen. Nicht dass die Krankheit des Präsidenten nicht bekannt gewesen und darüber gesprochen worden wäre. Es bestand auch kein Zweifel, dass Asads Sohn Bashar zum politischen Nachfolger seines Vaters bestimmt war und wichtige Führungsaufgaben bereits übernommen hatte.
In den Büros von Ministern und Offiziellen hingen die Bilder des jungen Mannes schon seit Wochen in gleicher Größe neben denen des Präsidenten. Der Tod Asads, der sich im November 1970 selbst an die Macht gebracht hatte, war dennoch für die meisten Syrer schwer fassbar - unabhängig davon, ob sie ihn liebten und verehrten, respektierten und fürchteten oder ablehnten. Hafiz al-Asad war der allgegenwärtige große Bruder und, in späteren Jahren, der Übervater gewesen:
Kein Schulheft und kein Klassenraum, keine Amtsstube, keine Zeitung, kein Militärfahrzeug und kein Dienstwagen ohne sein Bild, das Konterfei des Präsidenten fand sich auf Armbanduhren, die an verdiente Funktionäre verteilt wurden, auf den Krawatten der nicht so geheimen Geheimpolizisten, die Asads Residenz absicherten, Statuen des Präsidenten schmückten und schmücken größere Plätze, haushohe Asad-Poster verhüllten an Festtagen die Fassaden ausgesuchter öffentlicher Gebäude. Im Übrigen hatten 73 Prozent der Bevölkerung - das ist der Anteil der unter Dreißigjährigen - keinen anderen Präsidenten als Hafiz al-Asad gekannt.
Da auch diejenigen, die 1970 gerade mal zwölf Jahre alt oder jünger waren, keine aktive Erinnerung an andere politische Verhältnisse haben dürften, heißt dies sogar, dass 85 Prozent der Bevölkerung kein anderes Regime als das des Verstorbenen erlebt hatten. Trotz kurzzeitiger Verwirrung darüber, wer nun der amtierende Staatschef sei - war es der Ministerpräsident, der Parlamentspräsident, vielleicht der Verteidigungsminister oder doch der erste Vizepräsident? -, reagierten die von Hafiz al-Asad so lange dominierten Staats- und Parteiinstitutionen schnell und effektiv und sicherten so die quasi-monarchische Nachfolge ab:
Noch am Tag der Bekanntgabe des Todes von Hafiz al-Asad beschloss das Parlament eine Verfassungsänderung, die das Mindestalter eines syrischen Präsidenten von 40 auf 34 Jahre heruntersetzte - das exakte Alter Bashar al- Asads. Am Tag darauf beförderte Vizepräsident Khaddam den Präsidentensohn, der bisher den Rang eines Obersten, aber keinerlei offizielles Amt inne gehabt hatte, zum General und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Eine Woche nach dem Tod des Vaters begann ein seit Monaten vorbereiteter Kongress der herrschenden Baath-Partei, die laut geltender Verfassung die »führende Partei in Staat und Gesellschaft «, die Staatspartei also, ist.
Dieser Kongress, der erste seit 1985, wählte Bashar al-Asad zum Generalsekretär, die Parteiführung nominierte ihn dann zum Kandidaten für das Präsidentenamt. Drei Wochen später fand ein entsprechendes Referendum statt, bei der Asad als einziger Kandidat antrat. Das offizielle Wahlergebnis gab ihm 97,3 Prozent der Stimmen - etwas weniger, als sein Vater üblicherweise erhielt, der sich zuletzt 1999 hatte im Amt bestätigen lassen. Eine weitere Woche später wurde Bashar al-Asad als Staatspräsident vereidigt.