Die Kinder-Uni. Drittes Semester

Forscher erklären die Rätsel der Welt

von Ulla Steuernagel, Ulrich Janssen

Buch

gebunden (223 Seiten)

2005

Sprache: Deutsch

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Das Vorlesungsverzeichnis für das dritte Semester umfasst folgende Themen:
Warum bauen Ritter Burgen?
Warum raufen Jungs und sind Mädchen zickig?
Warum gibt es Blitz und Donner?
Warum können Ärzte heilen?
Warum sehen Fledermäuse mit den Ohren?
Warum werden Sportler immer besser?
Warum erzählen wir Geschichten?
Warum können Mathematiker nicht rechnen?

Die erfahrenen Vorlesungsmitschreiber Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen haben wieder fleißig mitgeschrieben, damit die Kinder die Vorlesungen in Ruhe zuhause studieren können.

Produktdetails

ISBN-10: 3-421-05867-9
EAN: 9783421058676
Erschienen: 16.03.2005
Verlag: DVA
Einband: gebunden
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 2005
Seitenzahl: 223
Länge/Breite: 245mm/172mm
Gewicht: 641 g
Altersempfehlung: 9 - 11
Illustrator: Klaus Ensikat
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Klaus Ensikat

Der Illustrator Klaus Ensikat, geboren 1937, ist seit 1965 freier Grafiker. Heute gehört er zu den führenden Buchgestaltern und Grafikern Deutschlands. 1995 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein illustratorisches Gesamtwerk, 1996 den Hans-Christian-Andersen-Preis, 2010 den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.§ Er hat eine Professur für angewandte Grafik in Hamburg und lebt abwechselnd in Hamburg und in Berlin.

Ulla Steuernagel

Ulla Steuernagel, geboren 1954, ist Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen und dort u.a. für die Jugendseite verantwortlich.

Ulrich Janssen

Ulrich Janßen, geboren 1959, ist Redakteur beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen. Gemeinsam mit Ulla Steuernagel gründete er im Jahr 2002 die erste deutsche Kinder-Uni. Ihre drei vielfach ausgezeichneten Kinder-Uni-Bücher wurden Bestseller und in 15 Sprachen übersetzt.

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Wie kommen Fische in die Wüste? Wie wird man Kaiser von China? Warum muss das Kaninchen knabbern? Warum haben wir zwei Augen und sehen nur einmal?
Fragen gibt es, die gibt es gar nicht. Jedenfalls glaubte man bis vor kurzem, dass es sie nicht gibt. Bis die Kinder-Unis kamen, das ganze Land und auch die angrenzenden Länder mit Fragen überzogen, die sonst vielleicht niemals öffentlich gestellt worden wären - es aber wirklich verdient haben, endlich einmal aus berufenem Munde beantwortet zu werden!
An den Kinder-Unis wächst und gedeiht das Wissen, und es blüht auch die Phantasie - nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Professoren.
Uns geht es da manchmal so wie Eltern, die ihre Kinder auch nach Jahren noch wie Wunderkühe bestaunen. Mensch, am Anfang wart ihr ganz klein, und dann seid ihr so groß geworden. Nur staunen Eltern dann über Entwicklungen, die sie nicht ganz unerwartet und unvorbereitet treffen. Dass Kinder wachsen, liegt in ihrer Natur. Dass die Kinder-Uni so explosionsartig wachsen und sogar zur Bewegung werden sollte, damit hätten wir keineswegs gerechnet, als wir im Frühjahr 2002 in Tübingen die Kinder-Uni ins Leben riefen. »Warum speien Vulkane Feuer?« war die erste Frage der ersten Kinder-Vorlesungsreihe. Und wir hatten damals keinen Schimmer, wie viele Kinder, Professoren, Eltern, Universitäten, Fachhochschulen, Akademien, Bibliotheken, Zeitungen, Schulen und andere Bildungseinrichtungen Feuer fangen würden.
Umso beglückter verfolgen wir, wie auf unserer Homepage www.diekinderuni.de eine Kinder-Uni zur anderen kommt. In Deutschland gibt es heute kaum noch eine Ecke ohne Kinder-Uni. Fast überall breiten Professoren ihren Wissensschatz vor Kindern aus und lassen ihn wie Kronjuwelen funkeln. So viel Uni war noch nie, und so unterhaltsam war sie auch noch nie.
So haben wir uns mit großer Lust an unser drittes Buch gemacht, das - ganz wie die beiden ersten - die Fragen eines Kinder-Uni-Semesters aufgreift. Fragen, die an der Tübinger Eberhard Karls Universität gestellt und von Tübinger Wissenschaftlern beantwortet wurden. Wir haben diese Vorlesungen, die vom Kinder-Auditorium mit überwältigendem Interesse aufgenommen und mit riesigem Applaus bedacht wurden, für dieses Buch, ähnlich wie bei den vorherigen, umgearbeitet, haben selber zum Thema recherchiert und schließlich noch den wissenschaftlichen Rat der Professoren eingeholt. So entstand das dritte Kinder-Uni-Buch, für das wir vielen Helfern und Ratgebern eine Menge Dank schulden. Allen voran den beiden Kinder-Uni-Säulen: dem »Schwäbischen Tagblatt« und der Eberhard Karls Universität Tübingen. Namentlich danken möchten wir den Kinder-Uni-Professoren Barbara Scholkmann, Michael Diehl, Dietrich Niethammer, David Wharam, Helmut Digel, Rainer Nagel, Hans-Ulrich Schnitzler, Hans-Georg Kemper. Sie haben großartige Vorlesungen gehalten und uns auch beim Schreiben sehr unterstützt.
Unser letzter Dank geht an die beiden Menschen, die uns bei unseren zeitraubenden Vorstößen in die aufregende, aber nicht immer einfache Welt der Wissenschaft am tapfersten und geduldigsten begleitet haben: Brigitte Ströbele und Mike Hammer.
Ulla Steuernagel Ulrich Janßen


Warum bauten die Ritter Burgen?


Zum Spielen sind Burgen einfach klasse. Man kann zu ihnen raufklettern und sich in den Ruinen verstecken. Man kann im Burgkeller »Höhöhö« rufen und »Öch bön öin Göspönst«. Und man kann aus den Turmfenstern in den Burghof spucken und versuchen, nicht die schwitzenden Touristen zu treffen.
So fröhlich wie heute ging es auf den Burgen allerdings nicht immer zu. Im Mittelalter waren viele Burgen, düstere, ungemütliche Orte, die von einer rauflustigen, wilden und gierigen Kriegerschar bewohnt wurden, den Rittern. Warum die Burgen für die Ritter so wichtig waren, haben Wissenschaftler erforscht.


Schon als Kind begeisterte sich Prof. Barbara Scholkmann für Burgen und das Ritterleben. Entsprechend leicht fiel es ihr, in der Tübinger Kinder-Uni die vielen Zuhörer für das Thema zu begeistern. Prof. Scholkmann gab auch für dieses Kapitel wichtige Anregungen.
Für kurze Sonntagnachmittagsausflüge sind Burgen gut geeignet, zum Wohnen dagegen nicht besonders. Man muss weite, steile Wege gehen und viele Treppen steigen, um hinaufzukommen. Man kann nicht mal eben zur Eisdiele oder zum Basketball. Die Zimmer sind dunkel und schlecht geheizt. Im Bad gibt es kein warmes Wasser, keine Badewanne und nicht einmal eine Dusche. Im Hof wächst kein Rasen, und über die Toilette wollen wir an dieser Stelle lieber nichts sagen.
Trotzdem wurden im Mittelalter allein in Europa sage und schreibe 15 000 Burgen gebaut. Jeder, der etwas auf sich hielt, wollte eine Burg. Es gab Herrscher wie den Herzog Friedrich von Schwaben, die geradezu besessen waren vom Burgenbauen. »Am Schweif seines Pferdes«, sagte man über ihn, »zog er stets eine Burg hinter sich her.« Der französische Graf Fulk Nerra von Anjou ließ in seiner Grafschaft ein ganzes Netz von Burgen bauen. Alle dreißig Kilometer sollte eine stehen, ordnete er an. Auch die Normannen, Nachfahren der Wikinger, waren begeisterte Burgenbauer. Nachdem sie im Jahr 1066 England erobert hatten, errichteten sie dort in nur vierzig Jahren über fünfhundert Burgen.
Fünfhundert Burgen! Wer so viele Burgen bauen ließ, der musste ziemlich gute Gründe dafür haben. Schließlich konnte man die Burgen im Mittelalter nicht einfach bei einer Bauunternehmung bestellen oder nach Feierabend zusammenbauen wie ein Schrebergartenhaus. Eine Burg zu bauen war schwierig und teuer. Man musste einen guten Platz finden mit Fernsicht, einer natürlichen Wasserversorgung und möglichst einem Steinbruch in der Nähe, brauchte Handwerker mit viel Erfahrung und Zeit und eine Menge Untertanen für die Schlepperei. Trotzdem dauerte es viele Jahre, ehe eine Burg bezogen werden konnte. Aber das hat die Burgenbauer nicht gestört.
Irgendetwas muss dran gewesen sein am Burgenbauen, irgendetwas muss der Grund gewesen sein, warum die Burgenbauer freiwillig auf großzügige Villen und ein bequemes Leben im Dorf oder der Stadt verzichteten und sich in dunkle, abgelegene Orte verzogen. Es muss auch einen Grund gegeben haben, warum Burgen fast nur im Mittelalter gebaut wurden. Warum baut heute niemand mehr eine Burg?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns mit der Zeit beschäftigen, in der die Burgen entstanden, mit dem Mittelalter.


NEUSCHWANSTEIN
Die große Zeit der Burgen war das Mittelalter. Trotzdem wurden auch später noch Burgen gebaut. Das war aber ungefähr so wie mit der Mode aus den siebziger Jahren, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts plötzlich wieder beliebt wurde. Ein berühmtes Beispiel dafür ist Neuschwanstein, das Ludwig II. vor gut 120 Jahren erbauen ließ. Der romantische König von Bayern sehnte sich so sehr nach den alten Ritterzeiten, dass er viel Geld für seinen Traum ausgab. Auch die Burg Hohenzollern in Württemberg, die man heute besichtigen kann, entstand erst im 19. Jahrhundert.


Wie man im Mittelalter ein Held wurde
Das Mittelalter erhielt seinen Namen, als es schon lange vorbei war. Die Gelehrten des 16. Jahrhunderts nannten das Jahrtausend, das sich zwischen der Antike und ihrer eigenen Zeit ausbreitete, voller Verachtung das »Mittelalter«. Für sie war es eine finstere Zeit, eine Zeit voller Aberglauben, voller Kriege, Dummheit und Barbarei, eine Zeit ohne Fortschritt und Wissenschaft, in der die Menschen mit den Händen aßen und in aller Öffentlichkeit laut pupsten und rülpsten.
Heute wissen wir, dass auch im Mittelalter Wissenschaft und Kunst betrieben wurden, dass die Mönche in den Klöstern fleißig Bücher studierten, dass Minnesänger lange Gedichte schrieben und es Baumeister gab, die großartige Kirchen errichteten. Trotzdem hatten die Gelehrten des 16. Jahrhunderts nicht ganz Unrecht mit ihrer Meinung. Das Mittelalter war eine barbarische, eine rohe und gefährliche Zeit. Aber auch eine ziemlich spannende.
Für die meisten Forscher endet das Mittelalter im 15. Jahrhundert mit der Entdeckung Amerikas, und es beginnt mit der Völkerwanderung im 5. Jahrhundert. Von überall her griffen damals fremde Völker das einst mächtige Römische Reich an. Hunnen, Vandalen, Langobarden, Burgunder, Goten, Germanen: Unzählige Stämme und Völker begaben sich auf Wanderschaft, zogen kreuz und quer durch Europa und verbreiteten Angst und Schrecken. Millionen Menschen waren unterwegs, bekämpften sich, verjagten sich, töteten einander.
Das römische Imperium, das jahrhundertelang Europa beherrscht hatte (ausgenommen natürlich ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf in Nordfrankreich), brach unter dem Ansturm der vielen Eindringlinge zusammen. Die römischen Legionäre konnten die Grenzen ihres Reichs nicht mehr verteidigen, ihre Hauptstadt fiel und wurde 455 von den Vandalen sogar geplündert. Die Eroberer gingen dabei mit solcher Begeisterung vor, dass man noch heute von Vandalismus spricht, wenn etwas sinnlos verwüstet wird.
Ein Held war in dieser Zeit, wer sich aufs Kämpfen verstand, wer mit dem Schwert und der Lanze umgehen konnte und wenig Bedenken hatte, sie gegen einen Feind einzusetzen. Selbst Könige konnten sich im Mittelalter nur behaupten, wenn sie kämpfen konnten und Kriege führen. Die Könige, die damals regierten, trugen Namen wie Friedrich, Heinrich, Otto oder Karl, und es ist nicht leicht, sie auseinander zu halten. Den Namen eines Königs aber muss man sich unbedingt merken. Er ist der wichtigste von allen, weil er nicht nur viel Land eroberte, sondern weil er auch wusste, wie man es gut verwalten konnte. Er hieß Karl der Große.
Wie lebt es sich ohne Bankkonto?
Land zu haben war damals viel wichtiger als heute, denn Geld spielte im frühen Mittelalter keine besonders große Rolle. Wer etwas brauchte, tauschte es ein: Ein Brot gegen zwölf Eier, zwei Hühner gegen ein Schaf, eine Ohrfeige gegen einen Tritt in den Po. Nur wer Land besaß, wer Korn anbauen und sein Vieh auf die Weide treiben konnte, hatte eine Chance, zu überleben und seine Familie zu ernähren.
Neun von zehn Menschen lebten im mittelalterlichen Europa auf dem Land, der Rest verteilte sich auf ein paar Städte und Klöster. Wir stellen uns das Landleben heute sehr idyllisch vor, mit murmelnden Bächen und schmucken Höfen, mit Ziegen, Schafen und glücklichen lila Kühen, doch im Mittelalter war es alles andere als idyllisch. Jeden Tag kämpften die Bauern und ihre Familien ums Überleben.
Kaum vierzig Jahre wurden die Menschen damals durchschnittlich alt. Auch das schafften sie nur, wenn sie Geburt und Kindheit überlebten: Drei von vier Kindern starben, ehe sie erwachsen wurden. Alle paar Jahre kam es zu einer Hungersnot. Zwischendurch breiteten sich üble Krankheiten wie Cholera, Ruhr und sogar Lepra aus, und unzählige Männer, Frauen und Kinder wurden bei brutalen Überfällen verkrüppelt oder getötet. Der Tod war im Mittelalter fast überall sichtbar.
Die Bauern auf dem Land lebten in einfachen Häusern aus Holz, Zweigen und Lehm, ohne Wasseranschluss oder Toilette. Furchtbar eng war es, weil die Häuser oft nur einen einzigen Raum hatten. Schafe, Ziegen, Hühner und Kühe lebten mit den Menschen unter einem Dach, und dementsprechend hat es in diesem Durcheinander auch gerochen. Natürlich fehlte es auch an Mäusen und Kakerlaken nicht, an Flöhen, Wanzen und Läusen, so dass sich die Kinder damals wohl ständig gekratzt haben. Kinder und Erwachsene schliefen auf Stroh und teilten sich das Bett, Schlafanzüge gab es nicht, man legte sich nackt zur Ruhe.
Die Menschen wohnten in kleinen Siedlungen, oft in der Nähe eines Fluss- oder Bachlaufs und umgeben von ihren Feldern und den Weiden für ihre Tiere. Jenseits der Felder begann die Wildnis, eine Welt voller Geheimnisse und Gefahren, eine bedrohliche, unbekannte Welt für die ahnungslosen Bauern. Was eine Wildnis ist, können wir uns heute kaum vorstellen. Autobahnen, Bundes- und Landstraßen verbinden alle Dörfer und Städte miteinander, selbst durch den tiefsten Wald führen befestigte Wege, und mit dem Handy können wir von fast jedem Ort aus Freunde anrufen.
Im frühen Mittelalter war das Land längst nicht so dicht besiedelt wie heute. Im Norden breiteten sich Sümpfe, Moore und Heideland aus, und große Teile Süddeutschlands und Frankreichs waren von Wald bedeckt. Mit dem freundlichen, offenen Wald von heute hatte der Wald des Mittelalters nichts zu tun. Der mittelalterliche Wald war wie ein dunkler Riese. Tief und dicht und mächtig breitete er sich über das ganze Land aus und ließ den Menschen nur Inseln zum Wohnen übrig. Wenige schmale Wege schlängelten sich durch diesen Wald hindurch, sie waren in schlechtem Zustand und machten das Reisen zu einer mühseligen und gefährlichen Unternehmung. Im Wald lebten nicht nur seltsame und wilde Tiere, Bären, Schlangen, Wölfe, im Wald lebten auch seltsame und wilde Menschen, Vogelfreie, die aus den Dörfern vertrieben worden waren, und skrupellose Räuber. Im Märchen von Rotkäppchen kann man lesen, wie gefährlich es war, im Wald vom Weg abzukommen.
Das Leben im Mittelalter war ein unsicheres Leben. Es gab wenig, auf dass sich die Bauern verlassen konnten. Sie hatten keine Reserven, kein Bankkonto, keine Lebensversicherung. Sie konnten nicht voraus planen, sondern lebten von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr. Wir wissen nicht, wie sie das aushielten, denn sie haben keine Briefe und keine Tagebücher hinterlassen, in denen sie über ihre Freuden und Ängste berichteten. Lesen und schreiben konnten im Mittelalter nur Mönche, Priester und ein Teil der Adligen. Die Bauern waren ungebildet und wussten nichts von der Welt. Was die Kinder lernen mussten, pflügen, säen, ernten, das lernten sie von den Eltern. Die Schule war noch nicht erfunden, auch Zeitungen und Fernsehen existierten nicht. Um Neues zu hören, mussten die Bauern darauf warten, dass mal ein Händler ins Dorf kam und erzählte. Vielleicht kam er aus einer Stadt, wusste etwas über die neueste Liebesaffäre des Grafen oder konnte sogar etwas über die unheimliche Frau mit den roten Haaren berichten, die hinter dem Fluss wohnte und vom Teufel besessen war.
Ein schlechtes Jahr für die Bauern war ein Jahr, in dem Krieg geführt wurde. Bei den germanischen Stämmen gab es keine Armee, die in Kasernen wohnte und das Land verteidigte, wenn es von Feinden bedroht wurde. Üblich war, dass sich die Männer um einen Anführer sammelten, wenn ein Krieg bevorstand, und dass sie für Waffen und Proviant selbst sorgten. War der Krieg kurz und der Feind nicht weit, konnten die Frauen, Kinder und Alten in dieser Zeit den Hof bewirtschaften. Doch wenn es ein langer Kriegszug wurde und die Entfernung zur Grenze groß war, fehlten die Männer auf dem Acker. Die Frauen konnten die Ernte allein nicht
einbringen, und so drohte nach einem Krieg eine Hungersnot.
Wer tauscht Kühe gegen Panzerreiter?
Karl dem Großen war klar, dass dies nicht gut gehen konnte. Ein Volk, das hungerte, konnte nicht kämpfen. Karl erkannte auch, dass mit einfachen Fußsoldaten auf Dauer kein Krieg mehr zu gewinnen war. Sie waren zu unbeweglich und zu verletzlich. Er setzte deshalb auf eine andere Waffe, auf Soldaten, die ein eisernes Kettenhemd trugen und auf einem Pferd ritten. Diese Soldaten, die zu den Vorläufern der Ritter wurden, waren beweglicher als die Fußtruppen der Gegner. Sie konnten im riesigen Frankenreich schnell von einem Ort zum anderen gelangen. Und sie waren sehr gefährlich.
Eine lange Reihe von Panzerreitern, die dicht an dicht in die Menge der Fußsoldaten hineingaloppierte, konnte eine Schlacht entscheiden. Die Fußsoldaten kamen mit ihren Schwertern an die gut geschützten Feinde auf ihren Pferden nicht heran und waren den Schwerthieben von oben wehrlos ausgesetzt. Die berittenen Soldaten in ihren Kettenpanzern entwickelten sich zu einer schrecklichen und wirkungsvollen Waffe. Sie hatten bloß einen Nachteil: Sie waren zu teuer.
Die Forscher haben ausgerechnet, dass die Ausrüstung eines einzigen Panzerreiters dem Gegenwert von 45 Kühen entsprach. 45 Kühe, so viel Vieh brachte kaum ein ganzes Dorf zusammen. Der Grund für die hohen Kosten war, dass die Rüstung eines Kämpfers im frühen Mittelalter aus unzähligen kleinen Eisenringen hergestellt werden musste, die ein Handwerker miteinander verband. In einer Zeit, in der das Eisenerz noch auf kleinen Feuern in Gruben und Öfen geschmolzen und in Formen gegossen wurde, war dies eine sehr mühsame, langwierige und teure Arbeit. Teuer war es auch, ein Pferd oder gar mehrere zu beschaffen. Arme Bauern konnten das nicht mehr aufbringen. Wie also sollte der König an eine gute Armee kommen? Wie fand er genügend Panzerreiter?
Karl fand für das Problem eine Lösung, die das ganze Mittelalter prägen sollte. Wir wissen schon, wie wichtig es war, Land zu besitzen. Weil dem König aus Tradition alles freie Land zustand, konnte er seinen Panzerreitern etwas davon abgeben.

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