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Taschenbuch (283 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher
Begabung als Störfall und Schule als "Talentvernichtungsindustrie"? In keinem anderen Bereich unseres Lebens klafft die Lücke zwischen erzieltem wissenschaftlichen Fortschritt und dessen tatsächlicher Nutzung zum Wohl der Menschen so auseinander wie in unseren Schulen. Andreas Salcher deckt die Mängel unseres Schulsystems und des Lehrpersonals auf, das die Begabungen unserer Kinder nicht fördert, sondern sich systematisch auf ihre Defizite konzentriert. Dabei wollen und können Kinder mit Freude und Motivation lernen, wie Salcher mit einem Blick auf die Schulsysteme anderer Länder zeigt.
| ISBN-10: | 3-442-15655-6 |
|---|---|
| EAN: | 9783442156559 |
| Erschienen: | 15.11.2010 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 283 |
| Länge/Breite: | 182mm/126mm |
| Gewicht: | 244 g |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Andreas Salcher ist als scharfer Kritiker der Talentvernichtung in unseren Schulen bekannt geworden. Er ist Mitbegründer der Sir Karl Popper Schule für besonders begabte Kinder. 2004 initiierte Andreas Salcher die "Waldzell Meetings" im Stift Melk, an denen sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben. Seine Bücher sind ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander und vor allem mit uns selbst. 2009 wurde Andreas Salcher zum "Autor des Jahres" gewählt. Für "Der verletzte Mensch" und "Meine letzte Stunde" wurde er 2012 jeweils mit dem "Platin Buch" ausgezeichnet.
Vorwort
1942 wurde ich in die erste Klasse einer kleinen Dorfschule in Niederschlesien eingestuft. Aber selbst wenn wir nicht mitten im 2. Weltkrieg lebten, hätten sich meine Eltern damals nicht besorgt die Frage gestellt, ob sie die richtige Schule für mich ausgesucht haben, ob die Lehrerin meine Talente erkennen und fördern würde und ob sie imstande sei, bei mir Neugierde und Interesse zu wecken. Das war auch in meiner Gymnasialzeit kein Thema. Ich hatte zwar meine Lieblingslehrer und solche, die ich weniger mochte, und ich habe mich auch mit meinen Geschwistern oft über sie unterhalten. Aber es wäre uns kaum in den Sinn gekommen, an diesem Zustand etwas ändern zu wollen geschweige denn zu können. Die Schule war damals eine vorgegebene Konstante und die Lehrer auch. Die Lehrer wiederum haben die Talente und Begabungen ihrer Schüler als von der Natur - der Begriff »Gene« hat damals noch nicht zum Wortschatz gehört - bestimmte Konstanten betrachtet. Als einzige Variable galt der Fleiß und die Disziplin des Einzelnen. Die Ergebnisverantwortung lag ausschließlich beim Schüler. Was er nicht im Hirn hatte, konnte und musste er durch Sitzfleisch wettmachen.
Bis in meine Studentenzeit waren jedenfalls die Themen Bildung und Schule kein Gegenstand öffentlicher und po- litischer Diskussion. Und wenn ausnahmsweise doch, dann haben Eltern ein neues Gymnasium in der Nähe ihres Wohnorts gefordert, um ihren Kindern einen langen Schulweg zu ersparen. Oder wahlkämpfende Politiker haben ein solches Gymnasium zugesagt oder die Ausstattung einer Schule mit einem Turnsaal versprochen. Die Qualität des Unterrichts war jedenfalls kein Thema, was auch gar nicht verwunderlich war, weil damals für viele Karrieren nicht die Frage, welche Schule oder Hochschule, sondern ob eine solche absolviert worden ist, entscheidend war. Formales Erfordernis hatte Vorrang vor inhaltlichem Erfordernis.
Erst Mitte der sechziger Jahre hat in der Bundesrepublik Deutschland eine heftige bildungspolitische Diskussion begonnen. Ausgelöst wurde sie durch das Buch »Die deutsche Bildungskatastrophe« des Religionswissenschaftlers und Philosophen Georg Picht. Kernthese des Buches ist die Feststellung Pichts gewesen, dass Deutschland ohne kräftige Erhöhung der Schlagzahl bei der Akademikerquote die Herausforderungen der Zukunft nicht wird meistern können. Picht ist es gelungen, sofort die politische Agenda zu bestimmen. Schul- und vor allem Hochschuletats wurden kräftig aufgestockt.
Als Graduate Student und dann später als Universitätslehrer in den USA habe ich das amerikanische Bildungssystem von beiden Seiten kennengelernt. Es unterscheidet sich in vielem vom europäischen: Es ist viel stärker privat finanziert und auch geführt, es fördert stärker Spitzenleistungen, und es ist stärker auf Ausbildung als auf Bildung fokussiert. Die fachliche und pädagogische Ausbildung halte ich für schwächer als in Europa. Allerdings wird dieses Defizit durch eine Qualität der amerikanischen Lehrer wettgemacht, die viel mit amerikanischer Mentalität zu tun hat. Sie trauen den
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Kindern mehr zu als europäische Lehrer und bemühen sich, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass sie alles schaffen können.
In diesem Sinn ist »Der talentierte Schüler und seine Feinde« ein amerikanisches Buch. Es räumt mit dem jahrhundertealten Vorurteil auf, dass Talent eine rein genetisch bedingte Konstante ist, und weist nach, dass viele Kinder über viel mehr Talent verfügen, als ihre Eltern, ihre Lehrer und sogar sie selbst glauben. Dieser Nachweis ist aus zwei Gründen wichtig: Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung, Klimaziele und wie all die globalen Herausforderungen unseres Jahrhunderts heißen mögen, werden nur gemeistert werden können, wenn so viele Menschen wie möglich ihre Talente maximal ausschöpfen können. Aber es geht nicht nur um eine ökonomisch-utilitaristische Nutzung der Talente. Seine Talente zu entdecken, ist auch ein zutiefst »humanistisches« Recht, sogar ein Menschenrecht. Auch dieser Aspekt wird durch das vorliegende Buch brillant belegt.
Andreas Salcher ist ein Experimentalist. Er hat Betriebswirtschaft studiert, ist schon in jungen Jahren ins Parlament gewählt worden und hat sich dort zwölf Jahre mit der Gesetzgebung befasst. Schon früh hat er die Erziehung der nächsten Generation als eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft erkannt und hat daher eine Schule für besonders begabte Kinder gegründet. Durch die »Waldzell Meetings« hat er sich in der Diskussion mit den besten Köpfen unserer Zeit profiliert.
Das Buch ist wichtig, weil es die Perspektive des zu Erziehenden den konventionellen Ansichten der (meisten) Erzieher gegenüberstellt. Ein schlechter Lehrer und eine schlechte Lehrerin können sehr viel Schaden anrichten, indem sie latentes Talent entweder nicht erkennen oder, noch schlimmer, es sogar bewusst unterdrücken.
Wenn wir bedenken, dass laut UNESCO in den nächsten 30 Jahren mehr Menschen eine Schule absolviert haben werden als in all den Jahren der bisherigen Geschichte der Menschheit, dann ist es geradezu ein Gebot der Stunde, die richtigen Schlüsse aus den Thesen von Andreas Salcher zu ziehen.
Günter BlobelNew York, im März 2008
Die zehn großen Tabus zum Thema Schule
Die Talentvernichtungsindustrie
oder
Warum wir uns die systematische Zerstörung der Talente unserer Kinder in der Schule nicht mehr länger leisten können
Es gibt zwei Arten von Kindern: kluge Kinder und dumme Kinder. Kluge Kinder sind solche, die in der Schule erfolgreich sind, und dumme jene, die in der Schule scheitern. Diese Grundannahme ist tief in die Festplatten der Eltern, der Lehrer und des Gesamtsystems Schule eingraviert. Auch viele Kinder glauben das. Es ist einfach, einleuchtend, seit Generationen weitergegeben und - so falsch wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe ist.
Wenige Kinder werden als Genies geboren. Alle Kinder haben eine Vielzahl von Talenten. Wenn wir ein Neugeborenes betrachten, sehen wir kein dummes oder kluges Baby. Wir sehen das Wunder des Lebens. Daher kann es nur die Aufgabe einer humanen Gesellschaft sein, jedem Kind die maximale Chance auf die Entfaltung seiner Talente zu geben. Das Denkmodell, auf dem unser gesamtes Schulsystem aufgebaut ist, basiert aber auf der industriellen Massenproduktion. Die Geschwindigkeit des Fließbandes erlaubt nur eine Sortierung nach der Norm oder auszusonderndem Ausschuss.
Gillian Lynne galt in der Schule als ein hoffnungsloser Fall. Ihre Eltern waren der Meinung, dass Gillian eine Lernstörung habe. Sie konnte weder ruhig sitzen noch sich auf etwas konzentrieren. Ihre Mutter brachte sie zu einem der damals verfügbaren Spezialisten für Lernstörungen und erzählte diesem von all den Problemen, die Gillian in der Schule hatte, dass sie keine Hausaufgaben machte und dauernd störte. Gillian saß dabei 30 Minuten auf einem Stuhl auf ihren Händen und sprach kein Wort. Der Doktor hörte der Mutter geduldig zu und sagte dann zu Gillian, dass er mit ihrer Mutter allein reden müsse und daher mit ihr nach draußen gehen werde. Bevor sie den Raum verließen, drehte der Doktor das Radio auf. Kaum hörte Gillian die Musik, sprang sie auf den Tisch und begann zu tanzen. Nach einer Weile zeigte der Doktor auf Gillian und sagte zu ihrer Mutter: »Frau Lynne, Ihre Tochter ist nicht krank. Sie ist eine Tänzerin.«
Die Mutter hörte auf den Rat des Experten und gab ihre Tochter an eine professionelle Tanzschule. Gillian Lynne sagte später: »Es war wunderbar für mich. Lauter Menschen wie ich, die nicht stillsitzen konnten. Menschen, die sich bewegen mussten, um denken zu können.« Gillian Lynne wurde eine umjubelte Ballerina am »Royal Ballet« und spielte in Filmen mit Errol Flynn. Sie gründete ihre eigene Tanzgruppe und lernte Andrew Lloyd Webber kennen. Für ihn schuf sie unter anderem die Choreografien für »Cats« und »Das Phantom der Oper«. Sie ist heute ein Weltstar und eine Multimillionärin.
Gillian Lynne wurde in den dreißiger Jahren in England geboren und nicht am Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland oder den USA. Heute hätte man bei ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörungssyndrom (ADHS) diagnostiziert und sie mit Ritalin bzw. Concerta behandelt, um ihre Hyperaktivität zu reduzieren. Die Menschen wussten damals nicht, dass es so etwas gab. Heute weiß niemand, wie viele
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Kinder in den USA Ritalin bekommen, um sie angepasster und braver zu machen. Die Schätzungen differieren zwischen ein bis acht Millionen Kindern! Sogar bei Kindern im Vorschulalter nimmt die Einnahme von Ritalin immer mehr zu. Damit besteht die Gefahr, dass dieses Medikament einmal zum größten Drogenproblem der USA werden könnte. In Deutschland ist dieses Medikament ebenfalls erhältlich, und immer mehr Fachleute warnen die Eltern vor dem oft viel zu sorglos diagnostizierten ADHS und der Verschreibung von Ritalin. In Österreich liegt dieses Problem noch im Bereich von Dunkelziffern. Neuere Studien zeigen, dass ADHS oft bei besonders kreativen Kindern diagnostiziert wird. Schöne neue Welt - Aldous Huxley lässt grüßen.
Die wunderbare Geschichte von Gillian Lynne erzählte der britische Kreativitätsexperte Ken Robinson auf der TEDKonferenz 2006 in Monterey in Kalifornien. TED steht für Technologie, Entertainment und Design und gilt als eine der innovativsten Konferenzen der Welt. Obwohl vor Robinson große Namen wie Al Gore oder die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page auftraten, war seine 17-minütige Präsentation mit dem Titel »Töten unsere Schulen die Kreativität?« der meistdiskutierte Beitrag.
Ken Robinson brachte bekannte Fakten sehr bildhaft auf den schmerzhaften Punkt: Jedes Schulsystem auf der Welt hat die gleiche Hierarchie von Gegenständen. An der Spitze stehen immer Mathematik und Sprachen, dann folgen die Naturwissenschaften, und ganz am Ende kommen, wenn überhaupt, die künstlerischen Gegenstände. Übrigens sind Musikerziehung und Zeichnen jene Fächer, die nach einem ungeschriebenen Gesetz bei Budgetproblemen immer als erste gestrichen werden. Das Streichen von Mathematikstunden würde einen nationalen Aufstand der Eltern, von denen die meisten diesen Gegenstand selbst in der Schule gefürchtet haben, auslösen. Das Weglassen von ein paar Musikstunden erregt vielleicht ein paar Einzelkämpfer.
Es gibt kein Land auf der Welt, das Kindern Tanzen mit der gleichen Priorität wie Mathematik lehrt. Warum eigentlich? Mathematik ist wichtig. Tanzen ist auch wichtig. Wir haben alle einen Körper. Wenn Kinder aufwachsen, starten wir mit ihrer Bildung von der Hüfte aufwärts und dann konzentrieren wir uns ausschließlich auf ihre Köpfe. Wenn man einmal darüber nachdenkt, was das ideale Endresultat unseres öffentlichen Bildungssystems ist, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass der ideale Output aller Schulen der Typus des Universitätsprofessors ist. Und viele Universitätsprofessoren leben ihr Leben lang in ihren Köpfen. Sie sind komplett von ihren Körpern getrennt, sie sehen ihre Körper als Mittel, um ihren Kopf von einem Ort zu einem anderen zu befördern, sagt Ken Robinson, der selbst Universitätsprofessor ist und über einen durchaus massiven Körper verfügt.
Viele kreative Kinder, die über ganz andere als die einseitig hoch bewerteten intellektuellen Fähigkeiten verfügen, scheitern in diesem System schon sehr früh und haben nie die Chance, an eine Universität zu kommen. Ihre Talente gehen daher unserer Gesellschaft auch für immer verloren.
WARUM SIND UNSERE SCHULEN EIGENTLICH so, WIE SIE SIND?
Der Einfluss des Industriezeitalters, in dem wir nach wie vor leben, ist uns gar nicht bewusst, ebenso wenig wie dem Fisch das Wasser, in dem er schwimmt. Wir packen die Schultaschen unserer Kinder mit 10 bis 20 Kilogramm voll, weil sie sonst nicht die vielen Prüfungen schaffen können. Die Lehrer sehen die Schule ausschließlich aus der Perspektive ihres Fachs und sprechen sich nicht ab. Sie stellen nur ihre isolierten Leistungsanforderungen, ohne über die Summe nachzudenken, die sie im wahrsten Sinne des Wortes den Kindern aufbürden. Auch die Eltern zu Hause sind oft so in ihrem eigenen Stress verhaftet, dass sie entweder gar nicht auf die Idee kommen, welcher Druck an manchen Tagen auf ihren Kindern lastet, oder - noch schlimmer - sie halten diesen sogar für eine gute Vorbereitung auf die harte Realität des Lebens.
Das ist die Kernaussage von Peter Senge, Professor für lernende Organisationen am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston in seiner überzeugenden Analyse, warum unsere Schulen heute noch immer so sehr den Fabrikhallen der industriellen Revolution gleichen.1 Senge entschlüsselt die DNA unseres Schulsystems und legt damit das Grundproblem unserer Schulen offen:
Schon Friedrich der Große war fasziniert von dem Gedanken, seine Soldaten möglichst zu perfekt funktionierenden Einzelteilen in einer großen Maschine zu machen. Dieser Zweck prägte die Ausbildung in den preußischen Kadettenanstalten, und diese Idee ist bis heute nie ganz aus unserem Bild von Schule verschwunden. Maria Theresia nahm sich dieses Modell ihres großen Rivalen Friedrich II. übrigens als Vorbild bei der Gründung des österreichischen Schulsystems, weil sie, nach einigen verlorenen Schlachten gegen die Preußen, offensichtlich erkannte, dass besser gebildete Soldaten auch effizienter kämpfen können.
Mit dem Trend zur Massenfertigung, der Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte, wurde die Idee geboren, Fabriken wie eine einzige große Maschine zu gestalten. Der wichtigste Protagonist dieser Ära, Frederick Taylor,2 sah keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Gestaltung der menschlichen Arbeit und der Gestaltung von Maschinen. Die Organisation wurde als große Maschine gesehen, in der verschiedene, möglichst schnell austauschbare Einzelteile perfekt miteinander funktionierten. Die Erfindung des Fließbands durch Henry Ford, das effizient gleiche Produkte produzierte, war die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Davon leitete sich auch der Ansatz ab, Menschen möglichst schnell als produktive Fabrikarbeiter zu qualifizieren. Das war genau die Zeit, in der die öffentlichen Schulsysteme in der uns heute bekannten Form geschaffen wurden. Und es darf daher gar nicht verwundern, dass die Massenfertigung den Schöpfern dieses Schulsystems als Vorbild diente. Ja, Schulen sind daher wahrscheinlich überhaupt jene von Menschen geschaffenen Institutionen, die am stärksten den Fließbändern ähneln.
Das ganze System baut auf getrennten Stufen auf, die man Klassen nennt, und in die man Kinder streng nach Alter getrennt einteilt. Es wird erwartet, dass jeder Schüler in der dafür vorgesehenen Zeit Stufe um Stufe aufsteigt. Jede Klasse hat einen zugeteilten Aufseher, der in der Schule Lehrer heißt. Zu bestimmten, genau festgelegten Zeiten bereitet man in den Klassen zwischen 20 und 40 Schüler auf Prüfungen vor. Die ganze Schule ist danach konstruiert, in einem ganz strikten Zeitschema zu arbeiten, das durch Glocken, exakt festgelegte Erholungspausen und strikte Arbeitszeiten zentral vorgegeben ist. Jeder Lehrer weiß genau, was von ihm erwartet wird, damit sich das Fließband in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit bewegen kann.
Das Resultat dieses vom Maschinenzeitalter geprägten Modells waren Schulen, die total vom täglichen Leben der Menschen isoliert, von autoritärem Verhalten geprägt und mit einem einzigen Ziel geschaffen wurden: ursprünglich leicht austauschbare Soldaten in »der großen Maschine« Friedrichs des Großen und später möglichst standardisierte, schnell einsetzbare Arbeitskräfte zu produzieren. Natürlich lieferte dieses Modell von Schule sehr effektiv viele Menschen, die die wichtigsten Dinge wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf einmal beherrschten, was durchaus einen Fortschritt gegenüber dem dumpfen Analphabetismus des Agrarzeitalters darstellte. Dieses industrielle Modell von Schule trug aber auch bereits den Keim aller Probleme in sich, mit denen wir heute kämpfen. Es selektierte in dumme Kinder und kluge Kinder und verkannte die Individualität jedes Menschen. Jene, die nicht genau in der vorgeschriebenen Zeit lernten, wurden entweder ausgesondert oder gezwungen, in einem für sie unnatürlichen Tempo zu lernen. Heute bezeichnet man diese Kinder als »lerngestört«.
Wir hören ständig in politischen Sonntagsreden davon, dass wir mehr Innovation und neue Ideen brauchen, um in der Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch unser gesamtes Schulsystem ist auf die Normierung ausgerichtet. Alles, was außergewöhnlich oder besonders sein könnte, isolieren, bekämpfen und begrenzen wir.
BESCHEIDENHEIT IST FÜR UNSERE SCHULEN KEINE TUGEND
Warum stellen wir eigentlich so bescheidene Ansprüche, was das Niveau unserer Schulen betrifft? Denn dort, wo uns etwas wichtig ist, unser Auto zum Beispiel, haben wir durchaus ein hohes Interesse daran, dass unsere »heilige Kuh« nach der Reparatur wieder funktioniert.
In modernen Kfz-Werkstätten erfolgt die Feststellung des Ist-Zustandes schon bei der Übergabe des Fahrzeugs am Computer, und wir wissen zumindest, wo die Schwachstellen liegen. Natürlich ist es viel aufwendiger, die Begabungen eines jungen Menschen zu analysieren als den Reparaturbedarf eines Fahrzeugs. Aber nicht einmal dieses Minimalmaß ist im Schulsystem vorgesehen. Würde die Fahrzeugindustrie etwa nach den gleichen niedrigen Qualitätsstandards wie unser Schulsystem arbeiten, wäre jede Fahrt mit dem Auto aus Sicherheitsgründen lebensgefährlich - von der Flugzeugindustrie ganz zu schweigen. Denn wie viel Zeit wird de facto in unseren Schulen für die Diagnose der Talente jedes einzelnen Kindes beim Eintritt in die Grundschule und dann beim Übergang in die jeweils nächste Schulphase aufgewendet? Berücksichtigen wir etwa auch nur die unterschiedlichen Entwicklungssprünge von Mädchen und Burschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung? Dieses Fehlen jeder ernsthaften Diagnose am Beginn der Schullaufbahn schafft Weichenstellungen mit Folgen für die nächsten 60 Jahre.
Und noch viel wichtiger: Interessiert das überhaupt ir- gendjemanden in einem System, das wie ein Fließband auf Knopfdruck anspringt, um vorgefertigte Teile zu produzieren? Hat man in Ihrer Schulzeit auch noch Linkshänder vergewaltigt, Rechtshänder zu werden? Oder waren Sie selbst sogar ein Opfer? Obwohl Linkshänder heute nicht mehr als abnorm gelten, werden aus vielen unbewussten Linkshändern bereits in Kindertagen Pseudo-Rechtshänder, was zu schweren gesundheitlichen Schäden führen kann.
Hat die Entdeckung der Begabungen jedes einzelnen Kindes nicht mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt verdient, als wir sie bei der Neuanschaffung eines Autos oder einer Stereoanlage aufwenden? Nun, im Gegensatz zu unserem täglichen Verhalten als Konsumenten, wo wir möglichst beste Qualität zu niedrigen Preisen suchen, kommen wir bei unseren Schulen offensichtlich überhaupt gar nie auf die Idee, uns als Kunden zu fühlen. Das hat einen einfachen Grund: Wir sind nichts anderes gewöhnt.
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»Schule war für uns Zwang, Öde, Langeweile, eine Stätte, in der man die>Wissenschaft des nicht WissenswertenDiese Zustandsbeschreibung der Schule aus Stefan Zweigs im Jahr 1944 erstmals erschienenen Lebenserinnerungen »Die Welt von Gestern« mag in dieser Radikalität heute vielleicht übertrieben klingen. Aber in Wirklichkeit gehen wir alle seit 100 Jahren in die gleiche Art von Schule.