Buch
Taschenbuch (414 Seiten)
Sprache: Deutsch
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"Unser Schreiben handelt von unseren eigenen Ängsten, Obsessionen und Sehnsüchten. Wenn das Buch dann da ist, stellen wir fest, dass wir unsere Ängste, Obsessionen und Sehnsüchte mit vielen Leuten teilen." Nicci French
Astrid arbeitet als Fahrradkurier in London. Kein ungefährlicher Job, was auch Astrid zu spüren bekommt, als sie von der Autotür einer Nachbarin vom Rad gestoßen wird. Die Nachbarin ist am nächsten Morgen tot, ermordet. Ein paar Tage später soll Astrid dann ein Päckchen bei einer Kundin abholen, findet diese aber nur noch leblos im Flur. Auch sie wurde ermordet. Astrid gerät unter Mordverdacht, ebenso wie ihre sechs Mitbewohner, mit denen sie ein Haus teilt. Schnell entwickelt sich die Wohngemeinschaft zu einem Alptraum aus gegenseitigen Verdächtigungen.
Pressestimmen:
"Ein abgründiger moderner Thriller: Psychologisch ausgefeilt und spannend bis siehe Titel." BZ
| ISBN-10: | 3-442-47185-0 |
|---|---|
| EAN: | 9783442471850 |
| Originaltitel: | Until it's over |
| Erschienen: | 09.11.2009 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 414 |
| Länge/Breite: | 188mm/118mm |
| Gewicht: | 344 g |
| Übersetzer: | Birgit Moosmüller |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Hinter dem Namen Nicci French verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit langem sorgen sie mit ihren höchst erfolgreichen Psychothrillern für Furore. Mit "Höhenangst" und "Der Sommermörder" haben sie auch in Deutschland die Bestsellerlisten erobert. Sie leben mir ihren Kindern in London.
Woche für Woche, Monat für Monat war ich auf meinem Fahrrad durch London gebraust. Ich wusste, dass ich eines Tages einen Unfall haben würde. Die Frage war nur, unter welchen Umständen. Einen von den anderen Fahrradkurieren hatte es erwischt, als er in vollem Tempo die Regent Street entlangfuhr und vor ihm plötzlich ein Taxi ausscherte, um zu wenden. Der Fahrer hatte nicht aufgepasst, zumindest hatte er das Rad nicht gesehen. Die Leute achten einfach nicht auf Radfahrer. Don war mit voller Wucht in die Seite des Taxis gedonnert. Als er im Krankenhaus aufwachte, konnte er sich nicht mal an seinen Namen erinnern.
Ein ganzer Haufen von uns Fahrradkurieren trifft sich jeden Freitagabend in einem Pub, dem Horse and Jockey, um zusammen einen zu trinken, die neuesten Tratschgeschichten auszutauschen und über unsere Stürze zu lachen. Alle paar Monate aber gibt es schlechte Nachrichten. Erst kürzlich war es mal wieder so weit. In der Nähe des Elephant and Castle fuhr ein Kurier neben einem Lastwagen her, als dieser nach links abbog, ohne zu blinken, und dabei die Kurve schnitt. In einem solchen Moment verringert sich der Abstand zwischen dem Laster und dem Randstein von etwa einem Meter auf wenige Zentimeter. Man kann nur noch versuchen, möglichst schnell von der Straße runterzukommen. In diesem Fall war jedoch ein Eisengeländer im Weg. Als ich das nächste Mal an der Stelle vorbeiradelte, sah ich, dass das Geländer mit Blumen geschmückt war.
Wenn solche Unfälle passieren, ist der Radfahrer manchmal selbst schuld, oft aber auch nicht. Ich habe Geschichten von Busfahrern gehört, die absichtlich Fahrräder rammen. Andererseits habe ich auch schon viele Radfahrer erlebt, die glauben, dass Ampeln für sie nicht gelten. Fakt ist jedenfalls, dass die Person auf dem Rad grundsätzlich den Kürzeren zieht. Deswegen sollte man immer einen Helm tragen, sich nach Möglichkeit von Lastwagen fernhalten und prinzipiell davon ausgehen, dass es sich bei dem Fahrer um einen blinden, beschränkten Psychopathen handelt.
Trotzdem wusste ich, dass ich eines Tages einen Unfall haben würde. Es gab so viele Möglichkeiten. Wahrscheinlich würde es diejenige sein, die am schwierigsten zu vermeiden oder vorherzuberechnen war. Wie sich herausstellte, lag ich mit dieser Vermutung genau richtig. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass es keine dreißig Meter vor meiner Haustür passieren würde. Als ich in die Maitland Road einbog, war ich fast schon im Begriff, das Bein über die Stange zu schwingen. Nach sechs Stunden auf dem Sattel trennten mich nur noch fünfundvierzig Sekunden von einer heißen Dusche. Im Geiste war ich bereits vom Rad gesprungen und ins Haus geeilt, als vor mir plötzlich eine Wagentür aufschwang wie der Flügel eines metallenen Vogels. Ich donnerte mit voller Wucht dagegen.
Es blieb keine Zeit für irgendeine Reaktion. Ich konnte weder ausweichen noch mich gegen den Aufprall wappnen. Trotzdem schien alles in Zeitlupe abzulaufen. Während mein Rad gegen die Tür knallte, wurde mir klar, dass ich sie aus der falschen Richtung traf: Statt sie zuzuschieben, drückte ich sie weiter auf. Ich spürte, wie die Tür ächzend ein Stück nachgab. Dann aber übertrug sich die Wucht des Aufpralls von der Tür zurück auf das Fahrrad, insbesondere den beweglichsten Teil des Fahrrads, nämlich mich. Mir schoss durch den Kopf, dass ich die Füße in den Klickpedalen hatte und womöglich am Rad hängen bleiben und mir beide Beine brechen würde, falls ich sie nicht freibekam. Doch wie aufs Stichwort lösten sich meine Füße von den Pedalen wie zwei Erbsen aus ihrer Schote, und ich flog ohne mein Rad über die Wagentür.
Es passierte alles so schnell, dass ich weder den Sturz abfangen noch irgendwelchen Hindernissen ausweichen konnte. Gleichzeitig passierte es so langsam, dass ich dabei noch nachdenken konnte. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf, wobei allerdings nicht klar war, ob sie einer nach dem anderen kamen oder alle gleichzeitig. Ich dachte: Ich habe gerade einen Unfall - so ist es also, wenn man einen Unfall hat. Ein anderer Gedanke war: Ich werde mich verletzen, wahrscheinlich sogar ziemlich schlimm. Und: Ich werde mich um einiges kümmern müssen. Wie es aussieht, kann ich morgen nicht arbeiten. Ich muss Campbell anrufen und es ihm sagen. Oder jemand anderer tut es. Außerdem dachte ich: Wie schade. Wir wollten doch heute zusammen essen, es sollte einer jener seltenen Abende werden, an denen wir alle gemeinsam um den Tisch sitzen, aber vermutlich werde ich nicht dabei sein. Ich hatte sogar noch Zeit zu denken: Wie ich wohl aussehen werde, wenn ich auf der Straße liege und alle viere von mir strecke?
In dem Moment knallte ich auf den Boden. Ich hatte mich in der Luft überschlagen wie ein unfähiger Akrobat und landete so hart auf dem Rücken, dass es mir mit einem "Uff" die ganze Luft aus der Lunge presste. Ich rollte ein Stück und spürte dabei, wie ich mich mehrfach anschlug und über den Straßenbelag schrammte. Als ich schließlich auf dem Asphalt liegen blieb, empfand ich zunächst keinen Schmerz. Es fühlte sich an wie ein Knall und ein heller Blitz, doch ich wusste, dass der Schmerz nicht lange auf sich warten lassen würde. Sekunden später war er da, bildete schlagartig den Mittelpunkt von allem. In meinen Augen pulsierte Licht in grellen Rot-, Violett- und Gelbtönen, von denen jeder auf eine andere Art wehtat. Ich versuchte mich zu bewegen. Mir war klar, dass ich auf der Straße lag, also an einem gefährlichen Ort. Womöglich würde mich ein Lastwagen überrollen. Aber es half nichts, ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur laut vor mich hin fluchen.
"So ein Mist! Verdammte Scheiße! So ein Mist!"
Allmählich begann sich der Schmerz zu verteilen. Es war wie nach einem Platzregen: Erst wenn es zu schütten aufgehört hat, bilden sich Pfützen und Rinnsale. Mir war schwindlig, doch der Helm hatte meinen Kopf vor größerem Schaden bewahrt. Der obere Teil meines Rückens, auf dem ich gelandet war, fühlte sich taub an. Vorerst schmerzten eher andere Stellen meines Körpers, vor allem die Ellbogen und die Seite eines Knies. Außerdem hatte ich mir die eine Hand so stark nach hinten verbogen, dass sie nun heftig pochte.