Tribale Kriege
Leseprobe

Tribale Kriege

Konflikte in Gesellschaften ohne Zentralgewalt

von Jürg Helbling

Buch

Taschenbuch (672 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Kriege in maroden Staaten

Im Unterschied zu Kriegen zwischen Staaten und zu Bürgerkriegen untersucht Jürg Helbling die Logik von tribalen Kriegen. Dies sind Kriege zwischen politisch autonomen Dörfern, die noch nicht oder nicht mehr von einer staatlichen Zentralgewalt kontrolliert werden.Anhand von Beispielen unter anderem aus Neuguinea, Amazonien und Ostafrika fragt er nach den Ursachen und typischen Verläufen. Wird Krieg durch angeborene Aggressivität des Menschen, durch kulturelle Faktoren oder durch Erziehung verursacht? Steckt die Konkurrenz um knappe Ressourcen dahinter oder werden Kriege von politisch ambitionierten Führern angezettelt? Helbling entwickelt eine alternative Theorie des tribalen Krieges, die von Theorien der internationalen Beziehungen und der Spieltheorie inspiriert ist.

Produktdetails

ISBN-10: 3-593-38225-3
EAN: 9783593382258
Erschienen: November 2006
Verlag: Campus Verlag GmbH
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 672
Gewicht: 910 g
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Obwohl wir über eine grosse Zahl historischer Daten zum tribalen Krieg verfügen und in den meisten Fällen die ethnographischen Daten zum Thema schon 30 Jahre zurückreichen, sind tribale Kriege nicht Vergangenheit, sondern wie Bürgerkriege und zwischenstaatliche Kriege weiterhin Bestandteil der heutigen Welt. Lizot (1989) und Tierney (2000) berichten, dass die Kriege bei den Yanomami in Amazonien auch während der späten 1990er-Jahre unvermindert weitergingen. Im Hochland von Neuguinea sind sie – nach einer 20- jährigen Periode des Friedens – seit den 1970er-Jahren an vielen Orten wieder aufgeflackert. In der philippinischen Cordillera wird heute – nach einer Schwächung der staatlichen Präsenz in der Region – selbst Kopfjagd wieder praktiziert, wie ein Blick in die einschlägige Tagespresse zeigt. In Ostafrika gehen im Kontext diverser Bürgerkriege und einer generellen Schwächung der Staatsgewalt auch Kriege zwischen Koalitionen von Lokalgruppen von Viehzüchternomaden weiter. Weitere Beispiele für tribale Kriege in der Gegenwart könnten angeführt werden. Tribale Kriege sind zwar keine »modernen Kriege« wie konventionelle Kriege zwischen Staaten oder Bürgerkriege; aber es sind dennoch Kriege, die in der Jetztzeit der politischen Staatenwelt und des wirtschaftlichen Weltsystems stattfinden. Die regionalen, nationalen und globalen Kontexte, in denen sie stattfinden, wirken auf indigene Kriege zurück und prägen ihren Charakter mit. Dass tribale Gesellschaften robust sind und sich weder durch das expandierende Weltsystem noch durch die Modernisierungsprozesse in Entwicklungsländern zum Verschwinden bringen liessen, hat jüngst Sahlins (1999) gezeigt. Indigene Bevölkerungsgruppen von heute sind weder sozial desintegriert noch kulturell gleichgeschaltet; vielmehr reagieren sie auf vielfältige Weise auf sich verändernde, äussere Bedingungen, passen sich selektiv an und übernehmen Güter und Ideen, die für sie von Nutzen sind, leisten gegen nachteilige Entwicklungen hingegen Widerstand und leben über weite Strecken »ihr Leben«, wie Sahlins schreibt. Tribale Kriege sind demnach zeitgenössische Kriege, Phänomene der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die genauso zum heutigen Weltsystem gehören wie »High-tech«-Kriege, Guerillakämpfe, Bürgerkriege, Volksaufstände, Militärputsche und Flüchtlingsbewegungen. Zwar sind tribale Kriege nicht mehr »traditionelle Kriege«, doch diese Kriege waren auch in früheren Zeiten nie »traditionell«; und tribale Bevölkerungsgruppen von heute leben nicht mehr im »ursprünglichen Zustand«, doch ist dieser »ursprüngliche Zustand« ohnehin eine ahistorische Konstruktion. Vielmehr haben Akteure, Gründe, Modalitäten, Konstellationen und Kontexte tribaler Kriege im Verlauf der Zeit variiert. Tribale Kriege haben sich wie die regionalen, nationalen und globalen Kontexte, in denen sie ausgetragen werden, im Verlauf ihrer Geschichte ständig verändert, wie unter anderen Ferguson/ Whitehead (1992) gezeigt haben.6 Es besteht somit eine grosse Variation von tribalen Gesellschaften und Kriegen, wie das auch in staatlichen Gesellschaften und ihren Kriegen der Fall ist. Die Berücksichtigung der historischen Veränderungen jener regionalen Kontexte, in denen tribale Kriege ausgefochten wurden, ist kein Hinweis auf die Antiquiertheit des Gegenstandes, sondern lediglich Resultat der Einsicht, dass jede sozialwissenschaftliche Erklärung immer auch historisch sein muss (Spiro 1967 in Robarchek/Robarchek 1992:196). Erst durch Analyse der historischen Veränderungen und Modifikationen von Krieg werden Muster und Logik des tribalen Krieges sichtbar. Nur durch Berücksichtigung der regionalen Kontexte und historischen Dimension tribaler Kriege lässt sich die Zeitlosigkeit des ethnographischen Präsens überwinden; nur auf diese Weise entpuppen sich allgemeine Aussagen zum Krieg als Beschreibung von Varianten. Nur auf diese Weise ist eine auf Gesellschaftsvergleich basierende Theorie des Krieges möglich.

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