In einem Krisengebiet am Horn von Afrika werden sechs junge amerikanische Soldaten in einer belagerten Wüstenstadt zurückgelassen. Nach der versehentlichen Tötung eines einheimischen Kindes gerät die Mission zu einem Kampf ums Überleben, der folgende Rückzug durch die labyrinthische Stadt und entlang der Küste führt die Soldaten in ein logistisches und moralisches Chaos. Schon bald ist nicht mehr klar, wer Freund und wer Feind ist. "Das entfernte Ufer" ist ein spannendes und authentisches Buch. Matthew Eck erzählt mit lakonischer Einfühlung von einem Krieg ohne Helden, in dem selbst die besten Absichten schlimme Folgen haben. Und entlarvt dabei die Chimäre moderner - und vermeintlich sauberer - Kriegsführung. "Das entfernte Ufer" ist der Debütroman von Matthew Eck und wurde u. a. mit dem "Milkweed National Fiction Prize 2007" ausgezeichnet.
Bettina Abarbanell
Bettina Abarbanell wurde 1961 geboren. Sie hat Jonathan Franzen, Scott F. Fitzgerald udn für den marebuchverlag Denis Johnsons Train Dreams und Kirsty Gunns Der Junge und das Meer ins Deutsche übertragen. Sie lebt in Potsdam.
"... So bezeugt der Roman das Absurde der Vorstellung von einem sauberen Krieg und zeigt die Aporie einer Hilfsaktion, die mit Waffengewalt durchgesetzt wird."Daniel Graf (Literaturen, 9/2008)
"EINS
Es war völlig dunkel, Mitternacht, die Hitze hätte längst nachgelassen haben müssen. Dann fielen die ersten Bomben. Die armen Seelen da unten, diese armen Schweine hatten keine Ahnung, dass wir sie vom Dach des höchsten Gebäudes der Stadt aus beobachteten, sechs Paar Augen in der Nacht, und den am Himmel kreisenden AC -130-Phantomen Schützenhilfe leisteten. Wenn sie zu dicht am Stadtrand feuerten, wiesen wir sie an, sich ein wenig zurückzuziehen. Drehten sie ihre Runden dagegen zu weit draußen über der Wüste, so dass die Stadt die Erschütterungen nicht mehr spürte, lotsten wir sie wieder näher heran. Es war eine Gratwanderung, ein Drahtseilakt, eine Herausforderung, die wir liebten. Wir waren Späher auf dem Dach, Aufklärer in einer Stadt, die von Kriegsherren und ihren Klans beherrscht wurde.
Mir war wieder übel von der Hitze. Wir hockten seit vor dem Morgengrauen hier oben auf dem Dach, und jetzt war es Mitternacht, und ich konnte die Augen kaum noch offen halten.
Fizer und Heath passten im Treppenhaus auf, ob irgendjemand das Gebäude betrat, der uns gefährlich werden konnte. Ständig landeten Fliegen auf meinen Händen und meinem Gesicht, liefen hin und her und versuchten, mir in Mund, Nase, Augen und Ohren zu krabbeln.
Die vom Meer abgewandte Seite des Gebäudes war mit einem riesigen Bündel Bananen bemalt, die Meerseite mit einer Bananenstaude, an der büschelweise reife, gelbe Früchte hingen. Die Bilder waren durch den ganzen Sand und die Sonne verblasst. Das Gebäude, ausgeplündert und dem Krieg überlassen, stand vollkommen leer.
Jeder von uns hatte einen"Kampfkumpel": Fizer und Heath bildeten ein Paar, Cooper und ich, Santiago und Zeller. Ich lag auf dem Bauch, den Osten der Stadt im Visier, und spürte, wie die vom Tag übriggebliebene Hitze aufstieg und meinen Körper durchdrang. Irgendwo da draußen jenseits der Stadt, vielleicht acht Kilometer entfernt, war das Meer, doch ich konnte es in der Dunkelheit nicht sehen. Die Stadt selbst war nur als ein Schatten erkennbar, ein wenig dunkler als der nächtliche Himmel. Es war eine ziemliche Distanz vom siebzehnten Stock bis zum Boden, und abgesehen vom Leuchten der Sterne gab es nichts, was die Welt dort unten erhellte. Ich steckte die Nachtsichtbrille wieder ins Etui. Ich bekam Kopfschmerzen, wenn ich sie trug.(...)"
Gewicht: 384 g
Einband: gebunden
Übersetzt von: Bettina Abarbanell
Ausstattung: 21,5 cm
Auflage: 1. Auflage
Reihe: Tropen bei Klett-Cotta