Anna lachte und wandte sich nach links, um dem schroffen Wind den Rücken zu kehren. Der Mann vor ihr faltete sein Handtuch, legte es auf die Schuhe und trat an den Rand. Statt sich mit Wasser nass zu machen, griff er in den Schnee und rieb die Brust damit ein. Begleitet von den mitleidigen Glückwünschen der Umstehenden, spannte er das Kreuz, zog die Arme an, schnellte im Sprung nach vorne und verschwand im schwarzen Wasser. Eisstückchen schwankten gegeneinander, Anna sah zu, wie der Mann bis ans Ende seines selbst geschaffenen Beckens tauchte und hochkam. Sein Bart, eben noch weiß und struppig, schmiegte sich grau an die Backen. Seelenruhig begann er im Kreis zu schwimmen.
"Er sollte Bademeister werden", rief die Frau neben Anna und klappte den Pelzbesatz ihrer Mütze über die Ohren. "Dann könnte er Eintritt verlangen."
"Die Moskwa gehört allen", antwortete einer mit Brille, sein Regenschirm wurde vom Schneewind zur Seite geknickt. Anna wich den Drahtspießen aus und beobachtete, wie der Bärtige mit immer schnelleren Stößen gegen die Kälte anschwamm. Sie drängte aus der Gruppe und lief auf das Ufer zu. Unter dem Krasnopresnenskaia-Kai stieg sie die vereiste Treppe hoch und erreichte kurz darauf die Haltestelle des Busses, der sie nach Hause brachte. Während der Fahrt unterhielten sich die Leute darüber, dass es wärmer würde, morgen sollte das Thermometer auf unter minus dreißig Grad steigen. Das bedeutete, auch für die Kleinen waren die Kälteferien zu Ende. Anna nickte zufrieden; dass Petja nicht zur Schule musste, hatte manches in Unordnung gebracht.
Mit einem Ruck verließ der Omnibus die mittlere Fahrbahn. Anna bemerkte den Milizionär, der das schwere Fahrzeug beiseite winkte; am Ende des Prospekts tauchte ein dunkler Wagen auf, der rasch näher kam. Der Bus trudelte auf die rechte Seite, schon war der Tschaika hinter ihnen, nun auf gleicher Höhe, Anna sah eine ondulierte Dame auf dem Rücksitz mit einer Zeitschrift auf dem Schoß; das Fahrzeug schoss vorüber. Obwohl auch der Milizionär erkannt haben musste, dass lediglich ein weiblicher Fahrgast darin saß, salutierte er hinter dem Tschaika her.
Am Filjowski-Park stieg Anna aus. Die Reihe der Wartenden an der Ecke zeigte ihr, dass die Pfirsichkonserven eingetroffen sein mussten. Ob sie sich anstellen sollte? Es wäre die vierte Schlange dieses Tages. Anna verscheuchte den Gedanken ans Pfirsichkompott, bog in ihre Straße ein und betrat das Haus Nummer sieben. Im dritten Stock schloss sie die Wohnungstür auf.
"Hast du Toilettenpapier bekommen?", fragte ihr Vater.
"Nein, Genosse, ich habe kein Toilettenpapier bekommen", antwortete Anna im Ton einer Pionierin.
"Wenn du denkst, wir können weiterhin Zeitungspapier verwenden, irrst du." Mit ausgebreiteten Armen wies Viktor Ipaljewitsch von einem Ende der Wohnung zum andern. "Das Papier in den Fenstern ist undicht geworden, ich musste es ausbessern."
"Auch im Zimmer?" Anna stellte ihre Tasche auf den Tisch.
"Im Zimmer, in der Küche, wo du willst." Da seine Tochter die Geste nicht wahrnahm, ließ er die Arme sinken, holte das dunkelbraune Brett vom Regal und stellte die Figuren auf. Seine Schirmmütze, die er auch in der Wohnung aufbehielt, ließ ihn jünger wirken; lediglich der Kinnbart verriet, dass der Lyriker Viktor Ipaljewitsch Zasuchin grau geworden war.
Anna hob die Nase. "Hast du wieder gebrannt?" Ihre Augen wurden schmal, die blauen Pupillen verdunkelten sich.
"Das ist kein Grund, den eigenen Vater anzusehen wie einen Renegaten."
Er wollte ihr den Zugang zur Küche verwehren, Anna war schneller. Auf dem Herd fand sie das verräterische System aus Blechröhren; eine ausgebeulte Teekanne diente als Kondensator, im Topf darüber kühlte der einfach Gebrannte, der im nächsten Arbeitsgang erneut durch das Labyrinth geschickt werden würde.
"Auch wenn du das Fenster schließt, die Nachbarn riechen es doch." Anna betrachtete das Knie, mit dem das letzte Rohr in eine umgebaute Malerdose mündete.
"Und werden die Nachbarn wegen eines Gläschens Viersterne-Zasuchin zur Miliz rennen und Viktor Ipaljewitsch als unkreativen Sowjetbürger diffamieren? Oder werden sie hoffen, beim nächsten Sonnenschein in den Hinterhof eingeladen und von Viktor Ipaljewitsch bewirtet zu werden?"
Auf ein rhetorisches Gefecht mit ihrem Vater ließ Anna sich nicht ein, sie löschte die Gasflamme, die den Mechanismus in Gang hielt.
"Damit degradierst du den Viersterne-Zasuchin zum Fusel." Kopfschüttelnd ging er ins Zimmer. Der Samtvorhang, hinter dem sich die Schlafnische verbarg, bewegte sich, eine kleine Hand tauchte auf, das Gesicht eines Kindes - Ebenbild der jungen Anna. Das schwarze Haar bedeckte die Ohren und war über den Brauen gerade geschnitten. Die hellen Augen wurden von langen Wimpern beschirmt, die Nase war kräftig, der Mund ein wenig zu groß.
"Bist du so weit, Großvater?", fragte der Junge.
Anna trat ins Zimmer. Während der Lyriker verkündete, die
Partie könne beginnen, erwiderte er ihren besorgten Blick mit einem Nicken. Sie formte die Lippen zum Wort Temperatur, der Großvater zeigte mit dem Finger nach oben und antwortete unhörbar siebenunddreißig sechs.
"Gespielt wird nur bis zum Essen", begrüßte Anna ihren Sohn.
Petja kletterte aus dem Bett, in dem sie beide schliefen, und umarmte die Mutter. In dem dunkelblauen Schlafanzug hatte er etwas von einem Matrosen. Er sprang auf den Stuhl, ging in die Hocke und bewegte den weißen Bauern zwei Felder nach vorne. Anna trug die Tasche in die Küche, nahm zwei Büchsen heraus, stellte eine zwischen die Fenster und öffnete die andere. Um die Suppe zuzubereiten, musste sie Viktor Ipaljewitschs Privatbrennerei zur Seite schieben.
"Ich muss heute noch mal raus", rief sie ins Zimmer. "Bringst du Petja zu Bett?"
"Schon wieder das Kombinat?", hörte sie die abwesende Stimme des Vaters. "Begreife einer, warum du zu jeder Sitzung musst."
"Um Kategorie eins zu bekommen." Sie kippte die Roten Beete in den Topf.
"Und was unterscheidet eine Anstreicherin der Kategorie eins von den Übrigen?"
Anna betrachtete ihre Hände, die Haut war grau und hatte Risse an den Gelenken. "Sie muss nicht mehr selbst in den Kalk fassen."
Die Suppe zischte an den Topfrand, sie rührte um und erinnerte sich, dass die Versammlung des Baukombinats erst kommende Woche stattfinden würde. Beim Gedanken an ihr wirkliches Ziel wurde ihr fahl zumute. Nebenan hörte sie ihren Jungen schnaufen, das Spiel regte ihn auf.