Der Meister und Margarita. Sammlung Luchterhand,  Band 62093
von Michail Bulgakow

Der Meister und Margarita. Sammlung Luchterhand, Band 62093

Roman

  • Erschienen: April 2006
  • EAN: 9783630620930
  • ISBN-10: 3-630-62093-0
  • Seitenzahl: 512
  • Stilrichtung: Romane
  • Sprache(n): Deutsch
  • Erschienen bei: Luchterhand Literaturverlag

10,30 EUR*

Sofort lieferbar

in den Warenkorb legen
 

Diesen Artikel liefern wir Ihnen
auch gerne versandkostenfrei zur
Abholung in Ihre Thalia-Buchhandlung

Kostenlose Lieferung ab EUR 20,-
Informationen In-/Ausland

 

Wie denken Sie über das Produkt?

Jetzt bewerten

 

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern inaktiv  (6 Leser)

 
Auf den Merkzettel setzen Artikel weiterempfehlen

Der Teufel persönlich stürzt Moskau in ein Chaos aus Hypnose, Spuk und Zerstörung. Die Heimsuchung für Heuchelei und Korruption trifft alle - ausgenommen zwei Gerechte ... Bulgakows Hauptwerk ist, in der Tradition von Goethes "Faust", Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" und Thomas Manns "Doktor Faustus" längst ein Klassiker der literarischen Moderne.






Ralf Schröder
Ralf Schröder ist Journalist, Fotograf und Reisebuchautor. Er studierte Skandinavistik, Volkskunde und Politikwissenschaft in Kiel und spezialisierte sich auf die Themen Schifffahrt und Nordeuropa. Seit vielen Jahren ist er auf Fracht-, Fähr- und Kreuzfahrtschiffen weltweit unterwegs. Als echtes "Nordlicht" wurde er 1958 in Glückstadt an der Elbe geboren.

Michail Bulgakow
Michail Bulgakow wurde 1891 in Kiew geboren und starb 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine bedeutendsten Werke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden.§Sein berühmtestes Werk: 'Der Meister und Margarita'.

Sprechen Sie nie mit Unbekannten


An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteichboulevard zwei Männer. Der eine, etwa vierzig Jahre alt, trug einen mausgrauen Sommeranzug, war von kleinem Wuchs, dunkelhaarig, wohlgenährt und hatte eine Glatze; seinen gediegenen Hut, der wie ein Brötchen aussah, hielt er in der Hand, und das glattrasierte Gesicht war mit einer überdimensionalen schwarzen Hornbrille geschmückt. Der andere, ein breitschultriger junger Mann mit wirbligem rötlichem Haar, hatte die gewürfelte Sportmütze in den Nacken geschoben und trug ein kariertes Hemd, zerknautschte weiße Hosen und schwarze Turnschuhe.
Der erste war niemand anders als Michail Alexandrowitsch Berlioz, Chefredakteur einer dickleibigen Literaturzeitschrift und Vorsitzender einer der größten Moskauer Literatenassoziationen, abgekürzt MASSOLIT; sein junger Begleiter war der Lyriker Iwan Nikolajewitsch Ponyrew, der unter dem Pseudonym »Besdomny« schrieb.
Nachdem die beiden Schriftsteller den Schatten der grünknospenden Linden erreicht hatten, stürzten sie sich als erstes auf ein buntgestrichenes Büdchen mit der Aufschrift »Bier und div. Mineralwasser«.
Es ist nun an der Zeit, die erste Merkwürdigkeit dieses entsetzlichen Maiabends zu erwähnen. Nicht nur bei dem Büdchen, nein, in der ganzen Allee, die parallel zur Kleinen Bronnaja-Straße lief, war keine Menschenseele zu sehen. In einer Stunde, in der wohl keiner mehr die drückende Luft atmen mochte und die Sonne, nachdem sie Moskau durchgeglüht hatte, im trockenen Dunst irgendwo hinterm Sadowoje-Ring wegsackte, kam niemand unter die Linden, saß niemand auf den Bänken, und die Allee war menschenleer.
»Narsan bitte«, sagte Berlioz.
»Ham wir nicht«, antwortete die Frau im Büdchen und war komischerweise beleidigt.
»Haben Sie Bier?« fragte Besdomny heiser.
»Bier kommt erst noch«, antwortete die Frau.
»Was haben Sie denn da?« fragte Berlioz.
»Aprikosenlimonade, aber die ist warm«, sagte die Frau.
»Na los, geben Sie her, geben Sie her!«
Die Aprikosenlimonade warf reichlichen gelben Schaum, und in der Luft verbreitete sich Friseurladengeruch. Als die beiden Schriftsteller ausgetrunken hatten, bekamen sie den Schluckauf; sie zahlten und setzten sich auf eine Bank, das Gesicht dem Teich, den Rücken der Kleinen Bronnaja-Straße zugekehrt.
In diesem Moment ereignete sich die zweite Merkwürdigkeit; sie betraf jedoch nur Berlioz. Er hörte plötzlich auf zu schlucken, sein Herz hämmerte und verschwand für einen Moment, dann kehrte es zurück, doch steckte jetzt eine stumpfe Nadel darin. Überdies wurde er von einer grundlosen, aber so heftigen Angst gepackt, daß er am liebsten Hals über Kopf davongelaufen wäre.
Wehmütig schaute er hinter sich und begriff nicht, was ihn ängstigte. Er erblaßte, wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn und dachte: Was hab ich bloß? So was kenne ich doch gar nicht. Das Herz macht Dummheiten … Ich bin überarbeitet. Vielleicht sollte ich alles stehn- und liegenlassen und nach Kislowodsk abhauen …
Da plötzlich gerann vor seinen Augen die glühendheiße Luft zu einem durchsichtigen Mann von sehr merkwürdigem Aussehen. Auf dem kleinen Kopf saß eine Jockeymütze, und er trug ein fipsiges, luftiges kariertes Jäckchen. Er war über zwei Meter groß, aber schmal in den Schultern, unsäglich mager, und seine Visage, wohlbemerkt, grinste fies.
Berlioz’ Leben war bislang so verlaufen, daß er absonderliche Erscheinungen nicht gewohnt war. Er wurde noch käsiger, riß die Augen weit auf und dachte bestürzt: Das kann doch nicht wahr sein!
Doch o weh, es stimmte, und der lange Kerl, durch den man hindurchsehen konnte, wiegte sich, über der Erde schwebend, vor ihm hin und her.
Da ergriff das Entsetzen Berlioz dermaßen, daß er die Augen zukniff. Als er sie wieder öffnete, war alles vorbei – das Dunstbild war zerflattert, der Karierte verschwunden und die stumpfe Nadel aus dem Herzen gesprungen.
»Den Deibel auch!« rief der Redakteur aus. »Weißt du, Iwan, ich hätte doch eben beinah den Hitzschlag gekriegt! Sogar eine Art Halluzination hab ich gehabt …« Er versuchte ein Lachen, aber in seinen Augen flirrte noch die Unruhe, und seine Hände flatterten. Allmählich aber beruhigte er sich, wedelte sich mit dem Taschentuch Kühlung zu, sagte ziemlich munter: »Also weiter …« und setzte seine Ausführungen fort, die von der Aprikosenlimonade unterbrochen worden waren.
Die Ausführungen drehten sich, wie man später erfuhr, um Jesus Christus. Die Sache war die, daß der Redakteur bei dem Lyriker für die nächste Nummer seines Journals ein großes antireligiöses Poem bestellt hatte. Besdomny hatte das Poem verfertigt, und das in sehr kurzer Zeit, doch bedauerlicherweise stellte es den Redakteur in keiner Weise zufrieden. Der Lyriker hatte die Hauptperson, Jesus also, in sehr schwarzen Farben gemalt, doch nichtsdestoweniger mußte nach Meinung des Redakteurs das Poem völlig neu geschrieben werden. Jetzt hielt er dem Poeten eine Art Vorlesung über Jesus, um ihm seinen Grundfehler zu verdeutlichen.
Schwer zu sagen, was Besdomny in die Irre geführt hatte, die Gestaltungskraft seines Talents oder seine völlige Unkenntnis des Stoffs, über den er schrieb, jedenfalls war Jesus bei ihm sehr lebendig geraten, wenn auch alles andere als sympathisch.
Berlioz wollte nun dem Lyriker beweisen, daß es gar nicht darum ging, ob Jesus schlecht oder gut gewesen sei, sondern darum, daß er als Persönlichkeit nie existiert hatte und daß alle Erzählungen über ihn schlicht Erfindungen, gewöhnliche Mythen seien.
Es sei eingeflochten, daß der Redakteur ein belesener Mann war und in seinen Ausführungen sehr geschickt auf antike Chronisten verwies, wie zum Beispiel den berühmten Philo von Alexandrien und den glänzend gebildeten Josephus Flavius, die beide die Existenz Jesu mit keinem Wort erwähnt hätten. Solide Gelehrsamkeit bekundend, teilte er dem Lyriker unter anderm mit, daß die Stelle im fünfzehnten Buch, 44. Kapitel der berühmten »Annalen« von Tacitus, wo von der Hinrichtung Jesu die Rede ist, nichts anderes sei als eine viel später eingeschobene Fälschung.
Der Lyriker, dem all das neu war, hörte Berlioz aufmerksam zu und blickte ihn dabei mit seinen flinken grünen Augen an; nur ab und zu, wenn ihn der Schluckauf beutelte, schmähte er flüsternd die Aprikosenlimonade.
»Es gibt keine einzige östliche Religion«, sagte Berlioz, »in der nicht eine unbefleckte Jungfrau einen Gott zur Welt gebracht hätte. Die Christen haben sich gar nichts Neues ausgedacht, sondern ihren Jesus, der in Wirklichkeit nie gelebt hat, genauso geschaffen. In dieser Richtung mußt du den Hauptstoß führen.« Berlioz’ hoher Tenor schallte durch die leere Allee, und je weiter er in das Gestrüpp eindrang, in das nur ein vorzüglich gebildeter Mensch eindringen kann, ohne sich den Hals zu brechen, desto mehr Reizvolles und Nützliches erfuhr der Lyriker über den ägyptischen Osiris, gnädigen Gott und Sohn Himmels und der Erden, und über den phönizischen Gott Tammus und über Marduk und sogar über den weniger bekannten drohenden Gott Huitzilopochtli, den die alten Azteken in Mexiko einstmals sehr verehrt hätten.
Und als Berlioz dem Lyriker eben erzählte, die Azteken hätten Huitzilopochtli-Figürchen aus Teig geformt, da erschien in der Allee auf einmal ein Mann.
In der Folgezeit, als es, offen gestanden, längst zu spät war, legten verschiedene Behörden Berichte mit einer Beschreibung dieses Mannes vor. Ein Vergleich der Berichte bringt Erstaunliches zutage. So heißt es in dem einen Bericht, der Mann sei klein, habe Goldzähne und lahme auf dem rechten Fuß. Ein anderer Bericht besagt, der Mann sei riesengroß, habe Platinkronen und lahme auf dem linken Fuß. Ein dritter teilt lakonisch mit, der Mann habe keine besonderen Kennzeichen.
Es sei zugegeben, daß die Berichte samt und sonders nichts taugen.
Vor allem eines: Der Beschriebene lahmte überhaupt nicht und war weder klein noch riesig, sondern einfach groß. Was seine Zähne betrifft, so trug er links Platinkronen und rechts Goldkronen. Bekleidet war er mit einem teuren grauen Anzug und dazu passenden ausländischen Schuhen. Die graue Baskenmütze hatte er flott aufs Ohr geschoben, und unterm Arm trug er einen Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Dem Aussehen nach war er etwas über vierzig. Der Mund war leicht schief. Das Gesicht glattrasiert. Brünett. Das rechte Auge war schwarz, das linke aber grün. Die Brauen waren schwarz, doch saß die eine etwas höher als die andere.
Kurzum – ein Ausländer.
Als er an der Bank vorbeiging, auf der der Redakteur und der Lyriker saßen, warf er ihnen einen Seitenblick zu, blieb dann zwei Schritt weiter plötzlich stehen und setzte sich auf die Nachbarbank.
Ein Deutscher, dachte Berlioz.
Ein Engländer, dachte Besdomny, du lieber Gott, daß er nicht schwitzt mit den Handschuhen!
Der Ausländer ließ den Blick über die hohen Häuser gleiten, die den Teich quadratisch säumten, und es war zu erkennen, daß er diese Gegend zum erstenmal sah und daß sie ihn interessierte.
Sein Blick verweilte auf den oberen Etagen, deren Fenster blendend hell die für immer aus Berlioz’ Augen entschwindende Sonne reflektierten, dann glitt er tiefer, dahin, wo die Fenster schon abendlich dunkelten; der Mann lächelte nachsichtig, kniff die Augen ein, legte die Hände auf den Stockknauf und das Kinn auf die Hände.
»Du, Iwan, hast zum Beispiel die Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes, sehr schön und satirisch dargestellt«, sagte Berlioz, »aber das Pikante ist doch, daß vor Jesus schon eine ganze Reihe von Gottessöhnen geboren wurden, etwa der phönizische Adonis, der phrygische Attis oder der persische Mithra, doch nicht einer von ihnen wurde geboren, und nicht einer von ihnen hat gelebt, auch Jesus nicht, und du hättest statt seiner Geburt oder meinetwegen statt der Anbetung der Könige lieber die dummen Gerüchte über diese Anbetung darstellen sollen. In deinem Poem kommt ja heraus, daß er tatsächlich geboren wurde!«
Besdomny machte einen Versuch, den peinigenden Schluckauf loszuwerden – er hielt den Atem an, was jedoch noch qualvolleres und lauteres Hicken zur Folge hatte. In diesem Moment unterbrach Berlioz seine Ausführungen, denn der Ausländer hatte sich plötzlich erhoben und trat auf die beiden Schriftsteller zu.
Sie sahen ihn verwundert an.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er mit fremdländischem Akzent, doch ohne die Worte zu verstümmeln, »wenn ich, ohne Sie zu kennen, mir die Freiheit nehme … Aber der Gegenstand Ihres wissenschaftlichen Gesprächs ist so interessant, daß …«
Höflich zog er die Baskenmütze, und den Freunden blieb nichts anderes übrig, als sich zu erheben und eine Verbeugung zu machen.
Nein, er ist wohl ein Franzose, dachte Berlioz.
Ein Pole, dachte Besdomny.
Es sei hinzugefügt, daß der Ausländer von den ersten Worten an dem Lyriker unsympathisch war, während er Berlioz eher gefiel, das heißt nicht richtig gefiel, sondern, wie soll ich’s ausdrücken … fesselte, so vielleicht.
»Darf ich mich setzen?« bat der Ausländer höflich. Die Freunde rückten unwillkürlich auseinander, der Ausländer setzte sich geschickt zwischen sie und trat sofort in das Gespräch ein.
»Wenn ich mich nicht verhört habe, geruhten Sie zu sagen, daß Jesus überhaupt nicht auf der Welt war?« fragte er und wandte sein grünes linkes Auge Berlioz zu.
»Ja, ganz recht«, antwortete Berlioz höflich. »Genau das habe ich gesagt.«
»Ach, wie interessant!« rief der Ausländer.
Was zum Donnerwetter will er eigentlich? dachte Besdomny und runzelte die Stirn.
»Und Sie, waren Sie derselben Meinung wie Ihr Gesprächspartner?« erkundigte sich der Fremde und wandte sich nach rechts an Besdomny.
»Voll und völlig!« bejahte der Lyriker, der sich gerne bildhaft und verschnörkelt ausdrückte.
»Frappierend!« rief der Zudringling, blickte sich verstohlen um und sagte, die tiefe Stimme dämpfend: »Entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit, aber habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie auch nicht an Gott glauben?« Er machte erschrockene Augen und fügte hinzu: »Ich schwöre Ihnen, daß ich’s niemandem sagen werde!«
»Ganz recht, wir glauben nicht an Gott«, antwortete Berlioz und belächelte die Furcht des Touristen, »aber darüber kann man ganz frei sprechen.«
Der Ausländer lehnte sich auf der Bank zurück und fragte, wobei seine Stimme vor Neugier überkippte:
»Sie sind Atheisten?«
»Ja, wir sind Atheisten«, antwortete Berlioz lächelnd, und Besdomny dachte verdrossen: Was der uns löchert, der ausländische Fatzke!
»Oh, wie entzückend!« rief der seltsame Ausländer und wandte den Kopf bald dem einen, bald dem andern Schriftsteller zu.
»In unserem Land verblüfft Atheismus niemanden«, sagte Berlioz mit diplomatischer Höflichkeit. »Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat politisches Bewußtsein und glaubt schon lange nicht mehr an die Märchen über Gott.«
Da leistete sich der Ausländer folgendes Ding: Er stand auf, drückte dem verdutzten Redakteur die Hand und sprach dazu die Worte:
»Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem Herzen zu danken!«
»Wofür danken Sie ihm denn?« erkundigte sich Besdomny und klapperte mit den Augen.
»Für die sehr wichtige Information, die mir als Fremdem ungemein interessant ist«, erläuterte der kauzige Ausländer und hob bedeutsam den Finger.
Die wichtige Information schien ihn wirklich stark beeindruckt zu haben, denn er ließ den Blick erschrocken über die Häuser gleiten, als fürchte er, in jedem Fenster einen Atheisten zu entdecken.
Nein, er ist kein Engländer, dachte Berlioz, und Besdomny dachte: Ich möchte bloß wissen, wo er sein Russisch herhat!, dann runzelte er wieder die Stirn.
»Aber gestatten Sie mir eine Frage«, sagte der Fremde nach besorgtem Grübeln, »wie steht es denn nun mit den Beweisen für die Existenz Gottes, von denen es bekanntlich fünf gibt?«
»Ach herrje!« antwortete Berlioz bedauernd. »Diese Beweise sind allesamt nichts wert, und die Menschheit hat sie längst zu den Akten gelegt. Sie werden doch zugeben, daß es im Bereich der Vernunft einen Beweis für die Existenz Gottes gar nicht geben kann.«
»Bravo!« rief der Ausländer. »Bravo! Sie wiederholen da genau den Gedanken des rastlosen alten Immanuel zu diesem Problem. Eines jedoch ist kurios: Er hat alle fünf Gottesbeweise restlos zerschlagen, hat aber dann, als ob er sich selbst verspotten wollte, einen eigenen sechsten Gottesbeweis aufgestellt.«
»Kants Gottesbeweis«, entgegnete der gebildete Redakteur mit feinem Lächeln, »ist ebenfalls nicht zwingend. Nicht umsonst sagte Schiller, Kants Schlußfolgerungen zu dieser Frage könnten allenfalls Sklaven zufriedenstellen, und Strauß hat sich über den Beweis nur amüsiert.«
Während Berlioz sprach, überlegte er:
Wer mag er sein? Und woher kann er so gut Russisch?
»Für solche Beweise müßte man den Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!« stieß Besdomny überraschend hervor.
»Aber Iwan!« flüsterte Berlioz verlegen.
Doch der Vorschlag, Kant nach Solowki zu schicken, hatte den Ausländer keineswegs befremdet, sondern förmlich entzückt.
»Genau, genau!« schrie er, und sein auf Berlioz gerichtetes grünes linkes Auge funkelte. »Da gehört er hin! Ich hab ihm damals beim Frühstück gesagt: ›Ich kann mir nicht helfen, aber Sie haben sich da was Ungereimtes ausgedacht, Professor. Es mag ja gescheit sein, ist aber völlig unverständlich. Man wird sich über Sie lustig machen.‹«
Berlioz quollen die Augen aus dem Kopf. Beim Frühstück? Kant? Was faselt er da? dachte er.
»Aber«, fuhr der Fremdling fort, ohne sich durch Berlioz’ Verblüffung beirren zu lassen, und wandte sich dem Lyriker zu, »ihn nach Solowki zu verbannen ist ganz unmöglich, aus dem einfachen Grunde, weil er schon etwas über hundert Jahre in einer Gegend weilt, die bedeutend weiter entfernt ist als Solowki und aus der man ihn, ich versichere es Ihnen, unmöglich zurückholen kann.«
»Schade!« rüpelte der Lyriker.
»Finde ich auch«, versetzte der Unbekannte, funkelte ihn an und fuhr fort: »Aber jetzt beschäftigt mich eine Frage: Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann eigentlich das menschliche Leben und überhaupt den ganzen Ablauf auf der Erde?«
»Der Mensch selber«, beeilte sich Besdomny ärgerlich diese nicht eben sehr klare Frage zu beantworten.
»Entschuldigung«, antwortete der Unbekannte sanft, »um das alles zu lenken, bedarf es schließlich eines genauen Planes für einen halbwegs angemessenen Zeitraum. Gestatten Sie zu fragen, wie soll ein Mensch das alles lenken, wenn er nicht nur der Möglichkeit ermangelt, einen Plan selbst für eine so lächerliche Frist von, sagen wir, tausend Jahren aufzustellen, sondern auch nicht einmal sicher sein kann, was ihm selber der morgige Tag bringt? Wirklich« – der Unbekannte wandte sich Berlioz zu –, »stellen Sie sich vor, Sie zum Beispiel fangen nun an, sich und andere zu lenken und Anordnungen zu treffen, Sie kommen sozusagen auf den Geschmack, und plötzlich kriegen Sie … kch … kch … ein Lungensarkom …« Der Ausländer schmunzelte genüßlich, als bereite ihm der Gedanke an das Lungensarkom Vergnügen, »ja, ein Lungensarkom«, wiederholte er, wie ein Kater blinzelnd, das klangvolle Wort, »und schon ist es aus mit Ihrer Lenkerei! Kein fremdes Schicksal interessiert Sie mehr, nur noch Ihr eigenes. Ihre Angehörigen fangen an, Sie zu belügen. Da wittern Sie Unrat, laufen zu gelehrten Ärzten, dann zu Kurpfuschern und vielleicht auch zu Wahrsagerinnen. Wie das erste und zweite, so ist auch das dritte völlig sinnlos, das wissen Sie selber. Das Ganze endet tragisch: Der Mann, der noch vor kurzem etwas zu lenken wähnte, liegt plötzlich starr und steif in einer Holzkiste, und seine Umgebung, wohl wissend, daß nichts Vernünftiges mehr von ihm zu erwarten ist, verbrennt ihn im Ofen. Manchmal kommt es noch schlimmer: Jemand hat sich gerade erst vorgenommen, nach Kislowodsk zu fahren.« Der Ausländer starrte Berlioz mit schmalen Augen an. »Eine lächerliche Sache, sollte man denken, aber auch das bringt er nicht zuwege, denn plötzlich rutscht er aus und gerät unter die Straßenbahn! Sie werden doch nicht behaupten, er selbst habe das so gefügt! Ist es nicht richtiger, anzunehmen, daß ein anderer ihn so gelenkt hat?« Hier ließ der Unbekannte ein seltsames Kichern hören.
Berlioz hatte der häßlichen Erzählung vom Sarkom und von der Straßenbahn sehr aufmerksam gelauscht, und sorgenvolle Gedanken begannen ihn zu peinigen. Er ist kein Ausländer, er ist kein Ausländer, dachte er, er ist ein sehr sonderbares Subjekt. Aber bitte schön, wer ist er eigentlich?
»Ich sehe, Sie möchten rauchen?« sagte der Unbekannte plötzlich zu Besdomny. »Welches ist Ihre Sorte?«
»Wieso, haben Sie mehrere bei sich?« fragte mürrisch der Lyriker, dem die Zigaretten ausgegangen waren.
»Welche rauchen Sie am liebsten?« wiederholte der Unbekannte.
»Nun denn, die ›Lieblingsmarke‹«, antwortete Besdomny wütend.
Sofort holte der Unbekannte ein Zigarettenetui aus der Tasche und bot es Besdomny an.
»Bitte, ›Lieblingsmarke‹.«

Gewicht: 419 g
Einband: Taschenbuch
Übersetzt von: Thomas Reschke
Ausstattung: 19 cm
Reihe: Sammlung Luchterhand

Sprache(n): Deutsch

Buchhändler-Tipp

Böser Humor, dunkler Humor ....

Böser Humor, dunkler Humor und ein brillanter Blick auf das Menschliche und Allzumenschliche. Es treten auf: Ein übergroßer, sprechender und auf den Hinterbeinen gehender schwarzer Kater, ein am Schreiben zerrütterter Dichter, eine aufopfernde Frau, ein Teufel, der den Menschen ihr eigenes Spiegelbild vorhält und eine Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Dazwischen der Blick zurück in die Geschichte, auf keinen Geringeren als Pontius Pilatus. Schließlich laufen die Erzählstränge zusammen und zumindest einige wenige Mitwirkende können durch den Tod erlöst werden. Wer von den Mächtigen im damaligen Russland Bulgakow verstanden hatte, musste ihn verbieten. Heute ist es ein Kompliment, damals war es für den Autor existenzielle Bedrohung.

 

 

Kundenrezensionen

Kundenrezensionen

Durchschnitt (6 Leser)

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern inaktiv

 

Wie denken Sie über das Produkt?

Jetzt bewerten

 

0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktiv

"Verwirrend? Geistreich? Genial? Oder doch verrückt?",

von Jaqueline Wohlgemuth aus Augsburg (18.06.2010)


Dieses Buch vereint wirklich alles.
Eine Geschichte zu schreiben, in der der Teufel höchstpersönlich eine Stadt wie Moskau in Chaos und Wahnsinn stürzt, welche gleichzeitig Kritik an der damalig vorherrschenden Gesellschaft darstellt, scheint ein Geniestreich.
Eine wirklich anspruchsvolle Lektüre, die keine überraschende Wendung auslässt.

Hat Ihnen diese Rezension weitergeholfen?
Diese Rezension war für mich hilfreich oder nicht hilfreich

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktiv

"Der Teufel ist los in Moskau",

von Zitronenblau Top 100 Rezensent (17.02.2010)


Bulgakows populärster Roman "Der Meister und Margarita" ist eine abgedrehte, polyphone Story, die im weitesten Sinne den Faust-Stoff wieder aufgreift. Ich habe den Roman mit gemischten Gefühlen gelesen. Die phantastischen Elemente katapultieren ihn in einen (grenzwertig) magischen Realismus hinein, dem Realismus wird der Krieg erklärt. Der Teufel, Voland, kommt mit seinem Anhang nach Moskau (biblische und mythische Wesen wie Behemoth etc.) und treibt seinen Schabernack mit den Bewohnern der Stadt, welcher im "Vollmondball" (Zimmer 50) gipfelt (so eine Art Walpurgisnachtmotiv). Es gibt sehr viele allegorische und symbolische Semantiken (z.B. Pudelmotiv), die unter aberwitzigen und skurrilen Bildern eingeflochten werden, sodass in diesem ganzen surrealen Plot oftmals nicht klar ist, ob wir eine satyrische Maskerade oder einen sinnlosen Scherz vor Augen geführt bekommen. Der Meister (Faust-Äquivalent) hat einen Roman über Pontius Pilatus (judäaischer Präfekt, der Jesus ans Kreuz verurteilte) geschrieben. Der Leser bekommt auch immer wieder einige Einblicke in die Pilatus-Geschichte, wobei Bulgakow hier eine Story-in-the-Story-Technik anwendet, das ich persönlich sehr schätze (Metafiktion). Diderot hat dieses Konzept mit seinem "Jacques" bekannter Maßen auf die Spitze getrieben. Wie dem auch sei, der Meister war mal in seine Margarita verliebt, ist es immer noch, geriet aber, nachdem niemand sein Pilatus-Buch drucken wollte, in die Irrenanstalt. Margarita trauert nun um seine Liebe und bekommt das Angebot vom Teufel: sei Ballkönigin und du siehst ihn wieder. Sie tut es, beide sehen sich anschließend wieder. Am Ende werden sie - nachdem Gott höchstpersönlich den Pilatus-Roman gelesen hat - durch den Tod erlöst, wiewohl der gute Teufel selbst als Instrument der Erlösung fungiert (Bezug zu Goethe: "Nun gut, wer bist du denn? - Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.") und Moskau wieder verlässt. Freilich spielt Bulgakow auf viele Themen und Zustände in der Realität des Stalinismus an, die er parodiert. Das Phantastische ist Mittel zur Durchbringung des Romans durch die Zensur (was jedoch nicht ganz geklappt hat). Oft wird das Geldmotiv (bzw. die Habgier der Menschen) und andere Sünden abgehandelt. Stark ins Satyrische gerät auch - wie bei Kafka - die Bürokratie. Selbst der Vollmondball vollzieht sich dehnend und molochartig unter scheinbar sinnlosen "Amtshandlungen" (Kniekuss usf.). Bulgakow evoziert eine grotesk-schizoide Faustrevue, die wohl zur Standardlektüre gehört.

Hat Ihnen diese Rezension weitergeholfen?
Diese Rezension war für mich hilfreich oder nicht hilfreich

0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktiv

"Der Meister und Margarita",

von Stefanie Strachotta aus Berlin (30.09.2009)


Einen Inhalt des Romans wiederzugeben gestaltet sich allgemein als sehr schwierig. Das liegt daran, dass die Geschichte - besonders der erste
Teil- aus vielen kleinen Erzählsträngen einzelner Personen besteht.
Der Roman streift viele Arten der Literatur. Die Realität des damaligen jungen Russlands und Fiktion, Historisches und Teile aus Sagen, Satire und schwarzer Humor; sogar eine Liebesgeschichte wird erzählt. Eben die des Meisters und Margarita.
Und dieser großartige Facettenreichtum steht sich nicht im Wege, sondern ergänzt sich prima und ergibt nur im Zusammenhang so eine tolle fantastische Geschichte.
Ich war sehr begeistert und kann dieses Buch nur sehr empfehlen. Einfach großartig.

Hat Ihnen diese Rezension weitergeholfen?
Diese Rezension war für mich hilfreich oder nicht hilfreich

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktiv

"Gut und Böse",

von Polar Top 100 Rezensent aus Aachen (21.08.2008)


Unter Diktaturen greift man am besten zur Satire, wenn man die Zustände anprangern will. Selten hat man einem Teufel so gern bei der Arbeit zugesehen. Zumal wenn man von der Zensur weiß, unter der Bulgakow sein Meisterwerk geschrieben hat. Mit Hilfe der Phantasie entflieht Bulgakow der bleiernen Zeit unter Stalin. Allein dass der Teufel, der sich Vorland nennt, ein Ausländer ist, mag der Zensur gefallen haben. Ganz mochte sie den Roman trotzdem nicht veröffentlichen, und er mußte in den Sechziger Jahren erst wieder entdeckt werden. Die Handlung ist Komplex, dreht sich um einen Schriftsteller ohne Namen, den seine große Liebe, die unglücklich mit einem anderen verheiratet ist, liebevoll Meister nennt. Außerdem gibt es den Insassen einer Irrenanstalt, der ein Buch über Pontius Pilatus geschrieben hat. Ihm ist der Teufel in Gestalt Volands, einem Professor für Schwarze Magie begegnet, der vorgibt, schon beim Verhör Jesus durch Pilatus zugegen gewesen zu sein. Menschen verschwinden, tauchen plötzlich ungewollt in Jalta auf, es kommt zu Todesfällen. Hinter allem scheint jener mysteriöse Voland zu stecken. Die Handlung in Moskau wird verschränkt mit jenem Buch über Pontius Pilatus, in dem die letzten Tage Jesus beschrieben werden. Die Ereignisse überstürzen sich in Moskau wie im antiken Jerusalem und es werden satirisch verkleidete Parallelen zu tatsächlichen Ereignissen in Moskau gezogen, ohne sie direkt zu benennen. Eine Farce um politische wie religiöse Erlösung. Im Mittelpunkt der Teufel und eine geheimnisvolle Geliebte, die sich auf einen Handel mit ihm einläßt, indem sie sich auf einem Ball das Knie küssen lassen soll, um ihre Liebe zu retten. Am Ende die Katharsis: Jesus rettet alle, selbst den Teufel. Für sowjetischen Verhältnisse zu Zeiten Bulkagows sicher nicht das, was der Staat hören wollte.

Hat Ihnen diese Rezension weitergeholfen?
Diese Rezension war für mich hilfreich oder nicht hilfreich

 

 

Verwandte Themen

Verwandte Themen

Andere Kunden kauften neben diesem Artikel auch

Andere Kunden kauften neben diesem Artikel auch

Michail Bulgakow
Die weiße Garde. Sammlung...

10,30 EUR*

in den Warenkorb legen

Bewertung (0 Leser)

Bewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktiv

Krieg und Frieden in Kiew: Michail Bulgakows erster, autobiografisch gefärbter Roman.


Dezember 1918: In Russland herrscht Bürgerkrieg. Die Truppen des kaiserlichen Deutschland...

Mehr » 

Michail Bulgakow
Aufzeichnungen eines...

9,30 EUR*

in den Warenkorb legen

Bewertung (0 Leser)

Bewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktiv

Eine wunderbare Satire und scharfe Polemik gegen die Kulturpolitik des Russland der 30er Jahre.


Mit beißender Ironie und bitterem Sarkasmus beschreibt "Aufzeichnungen...

Mehr » 

Michail Bulgakow
Teufeliaden. Sammlung...

9,80 EUR*

in den Warenkorb legen

Bewertung (2 Leser)

Bewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern aktivBewertungsstern inaktiv

"Teufeliaden", der berühmte Zyklus des großen russischen Satirikers Michail Bulgakow: ein wahres Feuerwerk an literarischen Einfällen, meisterhafte, bissig-witzige Parabeln auf die...

Mehr » 

Jetzt den Thalia Newsletter bestellen und auf dem Laufenden bleiben: