Sharpes Trafalgar
Bernard Cornwell
Erschienen bei Lübbe. Jänner 2010
Sofort lieferbar
Es befinden sich keine Artikel im Warenkorb.
![]()
![]()
![]()
![]()
"Sharpe sticht in See" (21.05.2010)
Bernard Cornwell weicht auch diesmal keinen Jota von seinem bewährten Erfolgsrezept ab und lässt den nur langsam an Tempo gewinnenden Roman mal wieder mit einer furiosen Schlacht abschließen. Bis dahin ist es für den Leser jedoch ein weiter und manchmal auch zäher Weg. Flaute herrscht nicht nur beim Wind, auch der Erzählfluss will sich nicht so recht einstellen. Sharpe, der sich sichtlich langweilt, erobert zwar das Herz einer weiteren Dame, sonst passiert jedoch wenig. Zudem kann Cornwell sehr viel, Liebesgeschichten beschreiben gehört allerdings nicht zu diesen Talenten. Je mehr sich die Handlung aber nach Trafalgar verlagert, umso besser fasst sie Fuß, denn von militärhistorischen Details lebt auch dieser Roman. Sharpe, welcher als Infanterist eigentlich auf dem Deck eines mit 74 Kanonen bestückten Schiffes so gar nichts zu suchen hat (Cornwell gesteht dies im Nachwort selbst und gibt dort eine Erklärung dafür), dient einmal mehr als Spiegel der napoleonischen Ära, in welcher der Leser bereits nach wenigen Seiten eintaucht. Mit viel Liebe zum Detail und doch ohne zu überfrachten, skizziert Cornwell das Leben an und unter Deck eines Segelschiffs der britischen Navy im frühen 19. Jahrhundert. Und wer bis dato dachte, der Autor wäre nur billiger Kopist von Forrester, OBrian und Co. sieht sich allerspätestens im letzten Drittel eines Besseren belehrt.
Um es auf den Punkt zu bringen: Cornwells Darstellung der Schlacht von Trafalgar ist einmal mehr ein Erlebnis ohnegleichen. Niemand anderes im Genre des militärhistorischen Romans schreibt so bildreich, kann derart eindringlich Worte zu Gegenständen im Geiste formen und seine Leser in einen erschreckenden Kampfestaumel versetzen. Kanonenqualm, vorbeifliegende Gewehrkugeln und Holzsplitter, Blut und Tod. All das meint man zu sehen, zu hören und zu fühlen. Ja, es ist viel Pathos dabei, viel glänzendes Heldentum. Aber es ist gleichzeitig auch die Abbildung der bitteren Realität des Krieges. Schiffe, die nebeneinander steuern, um sich dann gegenseitig zur Hölle zu schießen. Soldaten, die verbittert mit Entermesser und Säbel durch ihre Gegner hacken. Wer zart besaitet ist, klappt spätestens hier den Deckel zu. Selbst der Film Master and Commander hat das Grauen eines Seegefechts nicht derart erschütternd wiedergegeben.
Richard Sharpe bleibt, wie natürlich immer, von all dem unbehelligt. Ihn passiert jede Kugel, verfehlt jeder Säbelstreich. Er ist unnahbar und augenscheinlich unverwundbar. Eine Ein-Mann-Armee ohne große Skrupel, die sich in diesem Band zudem an einer Stelle von der allerschlimmsten Seite zeigt. Trotzdem mag man ihn, diesen Dreckskerl, der immer wieder die Wege der Großen (erst Arthur Wellington, jetzt Admiral Nelson) kreuzt und von der oberen Gesellschaft wegen seiner barbarischen Art geächtet wird. Er bleibt unangepasst und das macht ihn sympathisch, lässt uns Leser nach neuen Abenteuern gieren. Möge bald das nächste kommen!
Insgesamt ist Sharpes Trafalgar ein Buch wie ein Faustschlag. Es holt zwar ziemlich weit und lang aus, trifft aber am Ende nur umso fester. Wieder mal äußerst packender, spannender Lesestoff, in den Cornwell erstaunlich viele historische Fakten mit eingeflochten hat. Für alle Freunde militärhistorischer Romane eine echte Empfehlung. Für Sharpe-Fans ein unverzichtbares Muss!
Erschienen bei Ruetten & Loening. September 2009
Sofort lieferbar
![]()
![]()
![]()
![]()
"Schwarze Herzen auf dem schwarzen Kontinent" (21.05.2010)
Selten hat mich ein Erstlingswerk dermaßen beeindruckt wie Mala Nunns "Ein schöner Ort zu sterben". Die aus Swasiland stammende Autorin verarbeitet hierin nicht nur einen Teil der eigenen Familiengeschichte (ihre Eltern haben sich ungefähr zum Zeitpunkt der Romanhandlung kennen gelernt), sondern bringt gleichzeitig eine Geschichte zu Papier, welche den Leser auch nach Beendigung der Lektüre mit Sicherheit noch beschäftigen wird. Von Seite eins an ist man unrettbar im Südafrika der 50er Jahre versunken, taucht man in die gottverlassene Gegend nahe Mosambik ein, welche Nunn meisterhaft mit Bildern und Metaphern zum Leben erweckt. Die Hitze, der Dreck, die Armut. Man meint es zu sehen, zu fühlen, zu schmecken. Und genauso nah steht man auch bald den Figuren. Während man sonst sich mit den konstruierten Schema-F-Typen des Krimigenres nur noch wenig identifizieren kann, sind der Autorin hier unvergessliche Protagonisten gelungen. Allen voran Emmanuel Cooper. Ein moralischer Cop, der nun in einem völlig amoralischen Umfeld der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen soll. Das Gesetz und Gerechtigkeit zwei Dinge sind: Hier wird es in all seiner Grausamkeit deutlich. Cooper ist eine machtlose Figur auf dem Schachbrett der Mächtigen, welche sich Beweise und Indizien nach eigenem Gutdünken zurechtbiegen und die "Wahrheit" mit dem Schlagstock erprügeln. Von den posttraumatischen Halluzinationen aus seiner Zeit als Soldat gebeutelt, rennt er gegen unüberwindbare Hindernisse an, muss er körperlich und seelisch harte Schlage nehmen. Er ist der Spiegel in diese vergangene Zeit, in der der Rassenwahn das Fundament eines ganzes Staates darstellte und ein Nelson Mandela ein noch nicht mal gehegter Wunschtraum war.
Dennoch schimmert auch immer wieder zwischen die Zeilen die Hoffnung hindurch. In all der Düsternis deutet sich an, dass Folter und Unterdrückung auf den tönernen Füßen einer weißen Minderheit stehen und man mit der Trennung der Hautfarben den ersten Nagel in den eigenen Sarg geschlagen hat. Diese weiß Nunn übrigens sehr facettenreich zu beschreiben. Es gibt mehr als schwarz und weiß in diesem Buch. Ein jeder, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität und Religion, hat Leichen im Keller. Grautöne lassen die Grenzen verschwimmen und neue Wege eröffnen. Bestes Beispiel dafür sind die Kaffernpfade, welche, von den Schwarzen benutzt, letztendlich auch dem ein oder anderen Weißen zum Vorteil gereichen. Schnell stellt man fest, dass hinter der Fassade mehr ist, als man anfangs erahnt hat. Gerade diese Vielschichtigkeit, diese Tiefe der Figuren, ist das Beeindruckende an diesem Buch, das mich gepackt, geschüttelt und bis zum Ende nicht losgelassen hat. Wenn man im letzten Drittel laut mitliest, fast den Ausstieg an der richtigen Bahnstation verpasst und abends vor dem Einschlafen das Buch nochmal gedanklich Revue passieren lässt, dann, ja dann, muss man ein äußerst guten Roman gelesen haben.
Insgesamt ist "Ein schöner Ort zu sterben" ein spannender, informativer, tiefgründiger und auch sehr wütender Hardboiled-Kriminalroman, der mich sehr fasziniert und äußerst positiv überrascht hat. Ein wunderbares Debüt einer Frau, die noch in diesem Jahr mit "Let the Dead lie" den nächsten Band nachlegen wird. Eine Übersetzung ins Deutsche kann es gar nicht schnell genug geben!
![]()
![]()
![]()
![]()
"Wo alte Knochen liegen" (07.05.2010)
Was soll man tun, wenn man den Verdacht hat, dass ein ehemaliger Geliebter seine Ehefrau ermordet hat? Diese Frage stellt Ursula Gretton, Archäologin an einer Ausgrabungsstätte in Bramford, ihrer Freundin Meredith Mitchell. Als Meredith Chief Inspector Alan Markby zu Rate zieht, ist dieser zuerst eher skeptisch, was den Verdacht betrifft. Doch dann findet man in der Nähe der Ausgrabungsstätte eine Leiche. Verdächtige und mögliche Zeugen darunter auch Meredith gibt es viele. Als dann auch noch eine zweite Leiche auftaucht, wird die Sache immer komplizierter...
"Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht." Frei nach diesem Motto konstruiert Ann Granger auch Fall fünf des äußerst ungewöhnlichen Ermittlerpaars Meredith Mitchell und Alan Markby. Große Änderungen gegenüber den Vorgängern (und übrigens auch den Nachfolgern) gibt es nicht. Bamford ist immer noch, trotz der dort anscheinend hohen Rate an Morden, ein ruhiges Nest, das sich seit den Zeiten Königin Victorias nur wenig verändert zu haben scheint. Und wäre nicht ab und zu von Autos und Computern die Rede, könnte man glatt vergessen, dass sich die Geschichte eigentlich Mitte der 90er Jahre zutragen soll.
Alles bleibt also beim Alten, was Fans der Serie erfreuen, Leser mit etwas höheren Ansprüchen aber in den Wahnsinn treiben dürfte. Bestes Beispiel dafür ist die Beziehung, Affäre, Liebelei oder wie immer man das nennen soll, was Meredith und Alan verbindet. Die Versuche des Letzteren, seine große Liebe endlich nun für sich zu gewinnen, werden auch dieses Mal von ihr mit unnachgiebiger Härte abgeschmettert. Man will schließlich nicht die Freundschaft gefährden. Auch wenn man ab und zu in die (von Ann Granger unerwähnte) Kiste steigt. Hoffnungen, dass sich irgendwann etwas zwischen den beiden tut, gibt man hier nun endgültig auf. Und das Interesse am Ausgang dieser Rumtändelei hat man ohnehin längst verloren. Das scheint wohl auch Ann Granger zu erahnen, die langsam aufgrund der vielen genommenen Urlaube Meredith Mitchells in Erklärungsnot gerät und diese deshalb auf Wohnungssuche in Bamford schickt.
Darüber vergisst sie, und das ist der sehr positive Aspekt, allerdings nicht den eigentlichen Krimiplot, der sich durchaus kurzweilig liest und zum Miträtseln einlädt. Zumindest bis zum letzten Drittel des Buches, in dem selbst Leser, die besonders schwer von Begriff sind, die genauen Hintergründe entschlüsselt haben sollten. Bis dahin erfreut man sich an der Landhauskrimi-typischen Figurenbesetzung. Von dem alten, amüsanten Exzentriker über die graue Maus mit Schmetterlingen im Bauch bis hin zum muskelbepackten Aufreißer wird alles bedient, was die Schublade des "Cozies" so hergibt. Ironischerweise unterhält dies jedoch erstaunlich gut, ohne den Puls älterer Leser dabei in gesundheitsgefährdende Höhen zu treiben. Auch die herrlichen Landschaftsbeschreibungen, die das bieten, was schon das Cover verspricht, vermögen stimmungsvoll die Atmosphäre des ländlichen Englands wiederzugeben.
Insgesamt ist "Wer andern eine Grube gräbt" ein äußerst ruhiger, unaufgeregter Rätselkrimi für zwischendurch, der literarisch und spannungstechnisch sich zwar keine Weihen verdienen kann, aber dennoch durchaus seine Berechtigung hat. Eine Empfehlung für Freunde von Martha Grimes, Agatha Christie und Co., die nur der Unterhaltung Willen lesen und nicht alles auf die Goldwaage legen.
![]()
![]()
![]()
![]()
"Wer ist Conrad Hirst?" (07.05.2010)
Conrad Hirst ist Auftragskiller für einen deutschen Verbrecherboss. Nach seinem letzten Mord beschließt er, auszusteigen und ein neues Leben zu beginnen. Doch er kennt die Spielregeln des Gewerbes. Es gibt vier Personen, die wissen, wer er ist und was er tut. Vier Personen, die er töten muss. Ein scheinbar einfacher Plan, aber bald muss er feststellen, dass er nur eine Marionette in einem sehr viel größeren Spiel ist...
Bei wem jetzt sofort Erinnerungen an Jason Bourne hochkommen, der liegt mit diesem Vergleich gar nicht mal so falsch. Conrad Hirst hat zwar nicht sein Gedächtnis verloren, dafür aber jedes Gefühl, was ihn zu einem gefährlichen Fremdkörper innerhalb der Gesellschaft macht. Menschen sind für ihn vor langer Zeit zu einer Zielscheibe degradiert worden, die es nicht zu verstehen, sondern lediglich zu treffen gilt. Heimlichkeit, Lügen und Verrat sind unabdingbar für den Erfolg in seinem »Geschäft. Und genau diese gefühlsmäßige Kälte spiegelt sich in der Sprache Kevin Wignalls wider. Mit Die letzte Wahrheit hat er einen Thriller zu Papier gebracht, der nicht einfach den Weg eines Killers nachzeichnet, sondern auch in Rückblicken dessen Werdegang und Ursprung skizzieren will. In Briefen schreibt Conrad Hirst an die längst verstorbene Anneke, berichtet ihr von seiner Absicht auszusteigen und vom Blut, das an seinen Händen klebt. Dadurch gewinnt das Buch eine Art von Innensicht, die anderen Vertretern dieses Genres sonst eher abgeht. Dennoch bleibt der sprachliche Stil knapp, kurz, aufs äußerste Minimum reduziert. Dialoge sind rar gesät. Sprechen tut in erster Linie Conrad Hirsts Waffe. Und damit kommt man zum ersten großen Kritikpunkt des Buches.
Mit einer schon erschreckenden Teilnahmslosigkeit und Taubheit lässt Wignall seinen «Helden durch die Handlung morden, als gäbe es nichts Natürlicheres auf der Welt. In Bezug auf Conrad Hirst ist das ein geschickter Schachzug, nimmt er tatsächlich die Umwelt kaum noch richtig wahr. Wenn er allerdings mit dieser interagiert und andere Figuren ins Spiel kommen, gerät eine möglicherweise angestrebte Differenzierung ins Wanken, denn das Töten anderer Menschen scheint für nahezu jedermann und frau eine Selbstverständlichkeit zu sein.
Auch wenn später Erklärungen für diese Haltung nachgereicht werden, führt der durchgängige gefühlskalte Habitus zu Brüchen in der eigentlich stringenten Handlung. Das schlicht unpassende Verhalten mancher Beteiligter raubt dem Plot einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit und beißt sich mit dessen ernsthaftem Unterton. Denn von solchen Störungen abgesehen, liest sich Kevin Wignalls Thriller äußerst flüssig. Der Anfang kann mit stimmungsvollen Umgebungsbeschreibungen überzeugen und Hirsts Annahme, nur vier Personen seien zu eliminieren, erweist sich schon bald (damit verrate ich nicht zuviel) als äußerst falsch und leitet die Geschichte in eine sehr interessante, wenn auch ab einem gewissen Punkt ziemlich vorhersehbare, Richtung. Der Blick nach innen, den Wignall Hirst stets werfen lässt, nimmt allerdings in vielen Passagen das Tempo heraus. Zu oft grübelt der Killer, überdenkt seine Motivationen und den moralischen Standpunkt, um schlussendlich doch wieder die Waffe durchzuladen und abzufeuern.
Insgesamt ist Die letzte Wahrheit ein kurzweiliges Thriller-Werk mit hohem Body Count, das beim Versuch Tiefsinnigkeit mit moralfreien Gewaltexzessen zu verbinden, im letzten Drittel Schiffbruch erleidet.
Erschienen bei Eichborn. Februar 2010
Sofort lieferbar
![]()
![]()
![]()
![]()
"Ein Nilpferd auf Spurensuche" (07.05.2010)
Detective Kubu hat schlechte Laune: Weil an einem heiligen Wasserloch inmitten der Kalahari die Überreste eines Mannes gefunden wurden, muss er einen strapaziösen Ausflug in die Wüste unternehmen was obendrein die Wahrscheinlichkeit eines guten Abendessens dramatisch senkt. Am Tatort liegt der Geruch von Aas in der Luft, der Schädel der Leiche wurde zertrümmert, die Knochen abgenagt offensichtlich sollte die Identität des Opfers verschleiert werden. Und gerade, als die Ermittlungen in Gang kommen, tauchen die nächsten Leichen auf...
Botswana als Handlungsschauplatz eines Krimis ist nicht ganz neu. Vergleiche zu den Mma Ramotswe-Krimis von Alexander McCall Smith drängen sich auf. Das der Verlag mit seiner Werbung solch einen Vergleich nahe legt ist ziemlich unklug, da die einzige Gemeinsamkeit letztlich nur im Ort der Krimihandlung besteht. Ansonsten geht »Kubu und der Tote in der Tote« eigene Wege, zumal ein Afrika präsentiert wird, das man so bislang selten kennen gelernt hat. Im Gegensatz zu den umliegenden Ländern Namibia oder Simbabwe ist Botswana ein politisch äußerst stabiles Land. Geleitet von einer friedlichen Demokratie, verfügt das Land dabei unter anderem über engagierte und effiziente Polizeikräfte, sowie ein Rechtssystem, das auf Bestrafung und Rehabilitation setzt. Für westliche Leser ein ungewohnter Aspekt, da man, auch dank der Bilder im Fernsehen, Afrika vor allem mit Chaos, Hungersnöten und rauer Wildnis verbindet.
Hierin besteht allerdings in gewissem Sinne eine Gefahr, denn streckenweise kommt es einem so vor, als würde das Autorenduo Botswana ein wenig zu sehr über den Klee loben. Kubu selbst stammt aus ärmlichen Verhältnissen, konnte natürlich dennoch eine hervorragende Schulbildung in Anspruch nehmen und sich in der Polizeitruppe schnell nach oben arbeiten. Nach Feierabend diniert man gemeinsam mit Frau Joy auf der Terrasse, trinkt teuren Wein und betrachtet verträumt den Sternenhimmel. Harmonie, »Laissez-Faire«-Einstellung und ein schon fast kolonialistisch-englisches Oberschichten-Gehabe vermögen nicht so recht zu dem sonst so sympathischen Ermittler Kubu passen. Der Klappentext preist ihn als eine Mischung aus Columbo und Nero Wolfe an. Das Buch offenbart aber einen botsuanischen Thomas Lynley.
Dass daran der Krimi und seine Glaubwürdigkeit nicht völlig scheitert, ist den großartigen Landschaftsbeschreibungen geschuldet, welche den schwarzen Kontinent in seiner ganzen Schönheit projizieren. Zwischenzeitlich hat man das Gefühl, einen Bildband in Händen zu halten, derart bildreich und farbenfroh erweckt das Autorenteam die landschaftliche Vielfalt Botswanas zum Leben. Allein davon kann ein Kriminalroman aber nicht leben. Und so mysteriös die Umstände des Mordes erscheinen, so werden Vielleser des Genres den wahren Hintergründen der Tat ziemlich schnell auf die Spur kommen.
Besonders im ersten Drittel wird der Leser zudem mit einer Fülle von Charakteren konfrontiert und in Rückblicken auf Zeitreise geschickt, während im eigentlichen Kriminalfall nur Routine herrscht. Michael Sears und Stanley Trollip wollten augenscheinlich einen sehr genauen Blick auf die botswanische Polizeiarbeit werfen. Das ist gelungen, führt aber leider dazu, dass der roten Faden verloren geht.
Insgesamt ist »Kubu und der Tote in der Wüste« ein Debüt mit viel Licht und Schatten, das über einige gute Ansätze leider nicht herauskommt.
![]()
![]()
![]()
![]()
"Röde und die starken Männer" (07.05.2010)
Der Roman berichtet vom bewegten Leben des jungen Orm Tostessohns, welcher gegen Ende des 10ten Jahrhunderts von plündernden Wikingern entführt und gegen seinen Willen auf See verschleppt wird. An Bord des Schiffes von Krok geht er auf Heerfahrt gen Westen, wo man dank geschickter Überfälle große Beute macht und sich Orm den Beinamen "Röde" verdient. Über den Reichtum kann sich die Besatzung allerdings nur wenig freuen, da man bald durch den Angriff einer maurischen Flotte in Gefangenschaft gerät. Nach Jahren als Rudersklaven an Bord einer Galeere, kommt Orm gemeinsam mit seinem besten Freund Toke in den Dienst des andalusischen Herrschers Almanzur. An seiner Seite kämpft man gegen die Christen ... bis sich das Glück erneut wendet und die Spinnerinnen des Schicksals Orms Zukunft in eine andere Richtung lenken.
Das "Die Abenteuer des Röde Orm" mittlerweile schon fast 70 Jahre auf den Buckel hat, liest man bereits in den ersten Zeilen, denn Bengtsson verwendet für sein Buch einen besonderen Stil, der dem eines mittelalterlichen Berichts ähnelt und auf die Inneneinsichten der einzelnen Romanhelden weitgehend verzichtet. Umso bemerkenswerter ist es dann, dass der Leser trotzdem die Gedanken und Gefühle der Figuren nachvollziehen kann. Ihre Wert- und Weltvorstellungen spiegeln sich in den Handlungsweisen und Dialogen wieder, was besonders beim Thema Religion zum Tragen kommt. Dieses zieht sich durch den ganzen Roman, spielt er doch auch in einer Zeit in der sich die missionierenden Priester beim Versuch der Christianisierung Skandinaviens sprichwörtlich um Kopf und Kragen geredet haben. Mit allen Tricks und Kniffen wird deshalb gearbeitet, wenn es darum geht, teuflische Heiden in gläubige Christen zu verwandeln. Das sorgt für einige heitere Momente, von denen der Roman insgesamt sehr viele hat. Allerdings hat das Alter auch beim Witz, der aus heutiger Zeit doch etwas spröde und verstaubt wirkt, seine Spuren hinterlassen.
Wer sich auf den sperrigen Stil einlässt (mir fiel dies besonders in der ersten Hälfte des Buches sehr schwer), wird von einer Geschichte unterhalten werden, die mit bemerkenswerter historischer Genauigkeit das frühmittelalterliche Europa aus skandinavischer Sicht betracht und dieser Zeit somit einige neue und überraschende Facetten abgewinnt. Obwohl, wie vom Klappentext angekündigt, viel getrunken, gefressen und gehurt wird, hält sich das von Wikingern erwartete Gehabe erstaunlich in Grenzen. Die eigentliche Zeit auf den Schiffen ist vergleichsweise knapp bemessen und wird dann relativ kurz abgehandelt. Wenngleich die Kampfeschilderungen auch nicht Cornwellsche Genauigkeit erreichen, vermögen sie doch den unerwartet dialoglastigen Roman aufzulockern und, nicht zuletzt dank dem unbekümmerten und manchmal kindlich wirkenden Verhalten der Nordmänner, den Leser zu amüsieren. Besonders gegen Mitte des Buches ziehen jedoch ausschweifende Passagen, in denen zudem vormals schon behandelte Themen erneut erörtert werden, den Plot in die Länge und stören den Lesefluss. Ein Kritikpunkt, der zu großen Teilen vom gelungenen Ende kaschiert werden kann, an dem Röde Orm und die starken Männer noch einmal zur Höchstform auflaufen.
Insgesamt ein unterhaltsamer Histo-Klassiker, der allen Freunden von Wikinger-Geschichten ans Herz gelegt sei und als einer der ersten einen Blick in eine bis dato düstere Ecke der europäischen Geschichte geworfen hat.
Erschienen bei Brockmeyer Univ.Vlg. N.. November 2009
Sofort lieferbar
![]()
![]()
![]()
![]()
"Tief im Westen - wo gemordet wird" (07.05.2010)
Eine rätselhafte Serie von Morden macht den Bochumer Kommissaren Brenner und Rogalla zu schaffen. Nach Spielen des VfL Bochum findet man gegnerische Fans tot auf mit einem blauweißen Schal des VfL im Rachen und mit abgetrennter Zunge. Unter den Opfern ist ausgerechnet Michael, ein Neffe Rogallas. Der Polizeipräsident ist nervös. Die Presse sitzt ihm im Nacken. Für die beiden Kommissare werden die Ermittlungen zur Zerreißprobe. Wer ist der Täter? Oder wer sind die Täter?
Soweit sei die Handlung dieses Buches angerissen, von der auf dem Klappentext des Buches leider viel zu viel verraten wird. Da hat sich der Verlag selbst keinen Gefallen getan. Dafür überzeugt wiederum der Rest der äußeren Aufmachung, insbesondere das Cover, welches mit einem Bild des Bochumer rewirpower-Stadions gleich eindeutig die Marschrichtung vorgibt. Fußball ist das Stichwort und ihm sollte man auch etwas abgewinnen können, um letztendlich an diesem Buch Gefallen zu finden. Die schönste Nebensache der Welt steht hier eindeutig im Mittelpunkt und selbst die ermittelnden Kommissare bleiben diesbezüglich nicht außen vor. Da lassen sich natürlich Parallelen zu den beiden Autoren ziehen, die, selbst fußballbegeistert, die Thematik doch sehr nüchtern beleuchten. Es ist nicht alles Gold was glänzt, in diesem Sport. Und manche Auswüchse in der Fankultur, vermag die ältere Generation (in diesem Fall verkörpert durch Manfred Hüsken, ein ehemaliger Pilot der Luftwaffe und Mitarbeiter im Bochumer Stadion) schon seit langem nicht mehr nachzuvollziehen. Hüsken ist nur eins der vielen »Originale«, welche das Bochum dieses Romans bevölkern und ihm die typische Ruhrpott-Note geben. Mit viel Liebe zum Detail und verschrobenem Charme erweckt das Autoren-Duo das Revier zum Leben.
Vom Bochumer Bergbaumuseum bis hin zum Rhein-Herne-Kanal und dem Grummer Deckel. Schneider und Küster wissen mit den lokalen »Sehenswürdigkeiten« zu spielen, ohne sie zwingend dort einzubauen, wo es nicht nötig wäre. Wo manch anderer Regionalkrimiautor aus seinem Werk einen zweiten Reiseführer macht, finden sie das richtige Maß und treiben die stringente Geschichte kontinuierlich voran. Trotzdem bleibt genug »Milieu« übrig.
Auch in punkto Sprache gibt es eigentlich nichts zu bemängeln. Der Stil bleibt angenehm einfach und knapp, lässt sich flüssig lesen. Warum man allerdings zwischendurch manch einer Figur das Ruhrpott-Platt in den Mund legen musste, wird wohl ein Geheimnis bleiben. So amüsant dies ist, es mag nicht so recht zu den hochdeutsch sprechenden Hauptprotagonisten passen. Diese, also Rogalla und Brenner, sind für mich auch die größten Kritikpunkte in diesem Roman, bleiben sie doch erstaunlich blass und austauschbar. Es fehlen die markanten Charakterzüge oder Eigenheiten, um beide zu unterscheiden. Nicht selten muss man sich am Namen vergewissern, welchen Ermittler man gerade vor sich hat. Hier wäre Potenzial für mehr vorhanden gewesen. Die eigentlichen Krimihandlung gewinnt besonders auf den letzten 100 Seiten an Fahrt und mündet in einem Schluss, der logisch und nachvollziehbar, allerdings auch nicht sonderlich überraschend ist.
Insgesamt ist "Drachentod" zwar kein neues Juwel im Genre, aber gute, solide und unterhaltsame Krimikost, die sich schnell weglesen lässt und mich angenehm überrascht hat. Oder um es im Fußballjargon zu formulieren: Kein herrlich herausgespielter Kantersieg, aber wohlverdiente drei Punkte.
Erschienen bei Fischer Taschenbuch Verlag. September 2005
Sofort lieferbar
![]()
![]()
![]()
![]()
"Mord im Tal der Könige" (07.05.2010)
Die millionschwere Linnet, die noch kurze Zeit vorher behauptete, »keinen Feind auf der Welt zu haben«, wird am nächsten Morgen tot in ihrer Kabine des Nildampfers "Karnak" aufgefunden. Im Schlaf durch einen aufgesetzten Kopfschuss getötet, und damit genau so, wie Jacky, ihre ehemalige beste Freundin, es die letzten Tage angedroht hatte. Hercule Poirot und Colonel Race, der an Bord einen Geheimauftrag für die britische Regierung ausführt, nehmen die Ermittlungen auf
Der Plot mag wie der x-te Aufguss eines typischen Whodunits klingen, doch es ist die Ausführung, welche diesmal von Christie besonders hochwertig gestaltet wird. Mit der richtigen Balance zwischen psychologischer Betrachtung der Charaktere und Krimihandlung gelingt es der »Queen of Crime«, ein atmosphärisch äußerst dichtes Rätselspiel zu Papier zu bringen, das den Leser ein ums andere Mal auf die falsche Fährte führen wird. Ein jeder scheint hier ein Motiv gehabt zu haben, aber keiner die Gelegenheit zur Ausführung des Mordes. Wer ist also der Täter? Selten wurde diese Frage von Agatha Christie so spannend ins Szene gesetzt wie in diesem Buch. Nach heutiger Sicht sind dabei die einzelnen Typen der Verdächtigen natürlich etwas veraltet, aber es ist gerade diese Verschrobenheit der feinen Gesellschaft, welche der Geschichte ihren Charme verleiht. Die hochwohlgeborene, tyrannische Miss van Schuyler, die exzentrische Autorin von Skandalromanen Mrs. Otterbourne, der überzeugte junge Kommunist Mr. Ferguson, Linnet Doyles dubioser Treuhänder Mr. Pennington. Wie schon beim Mord im Orent-Express scheint das Zusammenleben auf engen Raum dem Verbrechen äußerst förderlich zu sein. Und wie dort, so müssen auch hier Poirots kleine graue Zellen Höchstarbeit leisten.
Selbiges gilt für den Leser, dessen Aufmerksamkeit bereits schon am Anfang stark gefordert ist, um im Wust der vielen vorgestellten Figuren den Überblick zu behalten. Bis der Mord dann letztendlich geschieht, dauert es knapp 140 Seiten. Eine für Christie-Verhältnisse lange Zeit, in der sich jedoch die Spannung kontinuierlich aufbaut und eine emotional aufgeladene Stimmung ein Beiseitelegen des Buches unmöglich macht. Wie dann Hercule Poirot mithilfe seiner analytischen Methoden und Gedanken die Nachforschungen abschließt, ist ebenso einfalls- wie geistreich. Und manchem Leser werden dann auch spätestens an diese Stelle, die eklatanten Unterschiede zur '78er Verfilmung auffallen, welche nämlich in vielerlei Dingen völlig andere Wege geht. Agatha Christie war Zeit ihres Lebens an Ägypten interessiert und hat das Land einige Male bereist. Die Faszination des Landes und seine unverwechselbare Atmosphäre hat sie in diesem Werk für alle Zeiten eindrucksvoll eingefangen.
Insgesamt ist Der Tod auf dem Nil ein Whodunit auf dem allerhöchsten Niveau, dessen Auflösung man getrost als genial bezeichnen kann und der wieder einmal beweist, dass Christie den Namen »Queen of Crime« ohne Zweifel verdient hatte und immer noch hat. Einer der Höhepunkte aus der Reihe um Hercule Poirot und ein Klassiker, der jedem Freund des guten, alten Rätselkrimis ans Herz gelegt sei!
![]()
![]()
![]()
![]()
"Into the Dark..." (06.05.2010)
Kongo, Ende des 19. Jahrhunderts. Als Flussdampferkapitän im Dienste einer belgischen Handelsgesellschaft fährt Charles Marlow den Fluß Kongo hinauf. Das Ufer säumen mehrere Handelsposten. Eigentlich erdacht als Vorboten der Zivilisation, entpuppen sie sich bei näherem Blick als heruntergekommene Hausansammlungen, in denen die schwarze Bevölkerung brutal ausgebeutet, misshandelt und getötet wird. Hier hört Marlow zum ersten Mal von Kurtz, dem legendären und angeblich besonders erfolgreichen Elfenbeinagenten, der viele hundert Kilometer flussaufwärts sein Lager aufgeschlagen hat. Als er nach vielen Entbehrungen und der Betrachtung unfassbarer Greueltaten den Abenteurer schließlich findet, liegt der sagenumwobene Idealist verwahrlost und geistig umnachtet auf dem Sterbebett. Sich selbst zum Gott über die Wilden erhoben, hat er weder vor Raub noch Mord zurückgeschreckt und sich in wilden Ausschweifungen den niedersten menschlichen Instinkten hingegeben...
Weiter als bis hier möchte ich dieses Buch nicht zusammenfassen. Auch wenn nicht viel mehr zu verraten ist, würde es Conrads Werk einen Teil seiner Faszination nehmen. Eine Faszination, die man unwillkürlich nach der Lektüre von "Herz der Finsternis" empfinden wird, derart wortgewaltig und diabolisch wirken die Worte des gebürtigen Ukrainers auf den Leser. Conrad, der, wie bereits oben erwähnt, selbst als Flussdampferkapitän acht Monate in den Dschungeln des Kongo verbrachte, scheinen seine Erlebnisse tief geprägt und letztendlich auch zu einer sehr kritischen Haltung gegenüber den Aktivitäten der Weißen in Afrika geführt haben. Und selbst wenn man es nicht wüsste, wird in jeder Zeile deutlich, wie viel eigene Erfahrungen in dieses Buch geflossen sind, das der Autor in gerade mal zwei Monaten im Winter 1898/99 niederschrieb. Die in drei Kapitel (ohne Absätze!) unterteilte Handlung windet sich wie der Fluss fort vom Licht in die Dunkelheit und schnell wird auch dem Leser klar, dass mit dem "Herz der Finsternis" nicht nur der undurchdringliche Regenwald in der Mitte des schwarzen Kontinents gemeint ist, sondern auch das korrupte Herz von Kurtz und der europäische Imperialismus insgesamt.
Gewagt, experimentell, unaufdringlich und doch von tiefer Humanität geprägt, zeichnet Conrad Bilder, die mich persönlich auch noch nach Beendigung der Lektüre stark beschäftigt haben. Die symbolische Tiefe und der tragikomische Witz ließen mich mehrmals schlucken, mehrmals musste ich das Buch zur Seite legen. Erbarmungslose Raubgier nach Elfenbein, die grausame Behandlung versklavter Arbeiter, französische Kriegsschiffe, welche scheinbar ohne Sinn und Verstand die Küste des Kontinents mit Breitseiten belegen. Wie Urs Widmer in seinem äußerst informativen Nachwort schreibt, hat Conrad dies alles gesehen und am eigenen Leib erlebt. Und es ist dieser schreckliche Bezug zur Realität, der "Herz der Finsternis" zu eine der düstersten Schilderungen des europäischen Kolonialismus in der Literatur macht. "Schlagt diese Bestien alle tot!" In diesem Satz allein lässt sich Kurtz' Meinung über die Afrikaner zusammenfassen. Kein Wunder, dass das Buch eine Debatte in Gang brachte, die letztendlich dazu führte, dass Beobachter mehrerer Länder die Vorgänge im Kongo näher unter die Lupe nahmen.
Insgesamt ist "Herz der Finsternis" eines der verstörendsten Bücher, die ich bisher gelesen habe. Ein antirassistisches und antikolonialistisches Werk, das Conrads pessimistische Weltsicht treffend widerspiegelt und letztendlich in den beiden Weltkriegen seine Bestätigung fand. Ganz große Literatur!
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Oktober 2008
Sofort lieferbar
![]()
![]()
![]()
![]()
"Auf der Suche nach Meer" (06.05.2010)
Das Jahr 1892, Mauritius. Gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester lebt dort der kleine Junge Alexis in der dicht bewaldeten Boucan-Senke, einem paradiesischen Streifen direkt am Meer. Die Tage seiner Kindheit sind geprägt vom Rauschen des Meeres, dem Zug der Seevögel und den Gerüchen des Waldes. In diesem Idyll weit weg von der Zivilisation wächst er auf, lernt er spielerisch die Welt um sich herum kennen. Sein Vater lehrt ihn die Sternenbilder, seine Mutter unterrichtet beide Kinder in Religion, Mathematik und Sprachen. Obwohl finanzielle Sorgen die Familie plagen, sind sie glücklich, bis sich Alexis' Vater mit der Errichtung eines Elektrizitätswerks übernimmt. Als eines Tages ein schrecklicher Orkan über die Insel hinwegfegt und das neu errichtete Werk samt dem eigenen Haus in Trümmern legt, beginnen für Alexis und seine Familie die Zeit der Sorgen. Von Geldnöten geplagt müssen sie ihre Heimat verlassen und nach Port Louis ziehen, wo der schwer gebeutelte Vater nach kurzer Zeit stirbt. Sein Sohn übernimmt dessen Stelle als Buchhalter, träumt jedoch stets von der Seefahrt und der Weite des Meeres. Vom Abenteuer gelockt und im Besitz von Geheimpapieren, die einen Goldschatz auf der Insel Rodriguez vermuten lassen, kehrt er Mauritius schließlich den Rücken. Und segelt seiner Zukunft entgegen...
Der Klappentext und auch die Vergleiche mit oben genannten Schriftstellern lassen zwar einen klassischen Abenteuerroman vermuten, doch bereits nach kurzer Zeit wird dem Leser klar: "Der Goldsucher" ist viel mehr als das. Le Clézio erweist sich hier als Meister der Prosa, beeindruckt durch sein Spiel mit den Wörtern und verführt mit einer poetischen Sprache, welche den Größten dieses Genres in nichts nachsteht. Die vordergründige Suche nach dem versteckten Gold eines Korsaren weicht schnell einer tiefer gehenden Geschichte, welche die Auswirkungen der Zivilisation und des so genannten Fortschritts auf die Natur besonders im letzten Drittel sehr eindrücklich vor Augen führt. Bestes Beispiel dafür ist Alexis' Dienst im Ersten Weltkrieg, welcher ihn in den gasverseuchten Ebenen Yperns mit dem Tod in seiner schrecklichsten Form konfrontiert.
Diese Erfahrungen stehen wiederum im Gegensatz zu der offensichtlichen Liebe des Autors zu seinen Figuren und der Welt des Meeres. Seine Landschafts- und Naturbeschreibungen sind einzigartig und derart bildreich, das sich Worte in Sekunden zu Formen und Farben wandeln. Es scheint ein Zauber von diesen Zeilen auszugehen. Anders lässt sich die stumme Faszination, die ich ob dieses Buches empfand, nicht erklären. "Der Goldsucher" ist ein Fest für alle Sinne, ein Ode an Flora und Fauna und nicht zuletzt auch an die Liebe. Die letzten Zeilen habe ich mit Tränen in den Augen gelesen, aufgewühlt und zutiefst berührt von der Geschichte dieses Jungen von Mauritius, der auszog um Gold zu suchen und die Liebe zum Meer und seiner Kindheit fand.
Insgesamt ist "Der Goldsucher" ein großartiger, wunderschöner Roman fernab von jeglichem Kitsch und dem heutigen literarischen Mainstream. Ein Meisterwerk und moderner Klassiker, der am Ende des Jahres ganz sicher zu meinen persönlichen Entdeckungen zählen wird. Kaum zu glauben, das solch ein künstlerisches Buch Mitte der 80er geschrieben worden und in Deutschland unbeachtet geblieben ist.