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Meine Rezensionen

  • National Geographic - Bob Ballards Reich der Tiefsee
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    Kurzweilig, spannend erzählt und informativ
    Rezension vom 23.05.2013
    Weltberühmt wurde Bob Ballard durch die (Mit)Entdeckung der Titanic in den Tiefen des Atlantiks. Die wissenschaftlich weitaus bedeutendere Entdeckung waren aber die Schwarzen Raucher, mineralstoffreiche Tiefseequellen, die eine völlig autarke und fremdartige Lebenswelt beherbergen. Ballard war Teilnehmer der ersten Expedition zu den Black Smokers, deren Erkenntnisse der Kryptobiologie einen ungeahnten Schub gab. Plötzlich findet man Leben überall auf der Welt an Orten, die als vollkommen lebensfeindlich gelten.

    Die fünf Teile begleiten Bob Ballard auf seinen Entdeckungsreisen in die Tiefsee, d. h. strenggenommen handeln nur drei von seinen eigenen Erfolgen, der vierte Teil handelt von Monsterwellen, ihrer Entstehung und die Folgen des Klimawandels auf die Schiffbarkeit der Ozeane. Ballard gehört nämlich auch zu den wenigen Menschen, die eine Kollision mit einer Monsterwelle überlebt haben. Jede Woche sinkt irgendwo auf der Welt ein Schiff in den Fluten dieser wahrhaft gigantischen Wasserwände und Ballard prophezeit, dass die Zahl steigen wird. Bilder von diesen Naturereignissen gibt es bisher nicht und so behilft sich die BluRay mit ordentlichen Simulationen. Zwar kein Hollywood-Niveau, aber trotzdem eindrucksvoll.
    In Teil fünf geht es um die Zukunft der Menschheit und die Frage, ob sie im Weltraum oder auf den Ozeanen liegt. Mein Sympathie gilt dabei uneingeschränkt Ballards überzeugendem Ansatz, der die Lösung unserer Probleme lieber auf der Erde sieht. Was sollten wir auf dem Mars besser hinbekommen, als auf der Erde?
    Die Aufnahmen von den Schwarzen Rauchern sind dagegen original und in HD einfach atemberaubend realistisch. So scharf und groß habe ich diese Fauna noch nie gesehen. Wunderschön und fremd wirkt diese bleiche Welt in der Tiefsee, von der wir immer noch ziemlich wenig wissen. Wie schnell werden Schwarze Raucher besiedelt? Wie lange sind diese Biotope stabil? Ballard besucht eine seiner ersten Fundstellen, aber die ist mittlerweile unter Lavamassen verschwunden. Heiße Quellen sind naturgemäß immer in Zonen starker vulkanischer Aktivität und da muss man mit Zwischenfällen rechnen. Auch die U-Boote, mit denen Ballard bis auf 2000 Meter taucht, sind in ständiger Gefahr. Neben dem immensen Druck auf der Kapsel sind Kollisionen mit den Vulkanwänden in engen Felsschluchten potentiell lebensgefährlich. Selbst ein winziges Leck würde einen Wasserstrahl erzeugen, mit dem man Stahl schneiden kann.
    Ein eigener Teil widmet sich dem Thema Wracks in der Tiefsee. Etwa 3000 unbekannte, gesunkene Schiffe vermutet man in den Weltmeeren, viele natürlich aus den Weltkriegen. Mir persönlich haben die Beiträge mit einem wissenschaftlichen Hintergrund besser gefallen, denn beim Thema neuzeitliche Wracks (Titanic, U-Boote, Flugzeuge) steht aus meiner Sicht der Aspekt Marketing im Vordergrund.

    Besonders interessant sind neben den Bildern aus der Tiefsee auch die Aufnahmen von Bord der Forschungsschiffe, die den ungeheuren technischen Aufwand dokumentieren, mit denen diese Expeditionen durchgeführt werden. Sie zeigen auch, dass solche Unternehmen niemals die Leistung eines Einzelnen sind, sondern Teamarbeit. Störend wirkt vereinzelt die häufige Verwendung gleicher Sequenzen im selben Beitrag, was allerdings bewirkt, dass sie sich tief im Gedächtnis verankern. Insgesamt sind die Filme kurzweilig, spannend erzählt und sehr informativ. Und die Aufnahmen von den Wellenreitern in den Riesenwellen vor Hawaii, die kann man getrost als spektakulär bezeichnen.
  • USA Südwesten
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    Naturwunder zwischen Colorado und Kalifornien
    Rezension vom 22.05.2013
    Die Landschaften sind extrem vielgestaltig: bizarre Zeugenberge im Monument Valley, Mondlandschaften, wie die zerrissenen Salzkrusten des Bristol Lake oder die außergewöhnlichen Felsstrukturen im Antelope Canyon, die an moderne Gemälde erinnern. Geformt von Wind und Wasser, aber zumindest im Osten Colorados finden sich auch wunderschöne Naturräume, mit Almwiesen und Pappelwäldern, die im Herbst atemberaubende Färbungen annehmen.

    Holger Lorenz' Aufnahmen fangen hervorragend die Lichtstimmungen ein, die den meist monumentalen Landschaften erst den besonderen Reiz geben. Sparsam setzt er auch leichte Verfremdungseffekte ein, indem er die Kontraste und Farbsättigung partiell erhöht und die Strukturen damit noch betont. Das wunderbare Kakteenbild auf Seite 89 ist so ein Beispiel. Oder die Schleife des Colorado auf Seite 108. Die Fotografie wird manchmal auch als "Malen mit Licht" bezeichnet. Ich habe oft an diesen Ausspruch gedacht, wenn ich den perfekt austarierten Bildaufbau der Aufnahmen bewunderte. Manche Orte erscheinen fast unwirklich, wie aus einer anderen Welt. Und nicht jedes Bild zeigt das, was man zu sehen glaubt. Die weißen Dünen von White Sands erinnern z. B. eher an schneebedeckte Wüsten und sind doch aus Gipssand geformt.
    Oft modelliert erst die Sonne die fantastischen Felsformationen heraus. Der Fotograf muss Stunden damit verbracht haben, auf den richtigen Moment zu warten, um auf den Auslöser zu drücken. Drucktechnisch wie ästhetisch sind diese Fotos einfach makellos. Dass der Verlag dem Buch auch noch gutes Fotopapier gegönnt hat, macht die Sache wirklich rund.

    Die einleitenden Texte von Stefan Schomann geben jeweils eine kurze Einführung in die Geografie und Entdeckungsgeschichte der einzelnen Bundesstaaten und man kann sie getrost als Inspiration für die eigene Streckenplanung nutzen, wenn man vorhat, den Südwesten der USA zu bereisen. Seine lebendigen Schilderungen von Landschaft und Nationalparks machen auf jeden Fall Lust, den Rucksack zu packen.

    Ein rundum gelungener Bildband.
  • Voll Speed
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    Christoph Maria Herbst in Hochform
    Rezension vom 21.05.2013
    Sie sehen so putzig aus, haben es aber faustdick hinter den Ohren. Die Erdmännchen im Berliner Zoo pflegen in ihren unterirdischen Kammern einen Lebensstil, der auf technologische Bequemlichkeit nicht verzichten muss. Aber nur ein einziger Mensch hat die Gabe, die Sprache der Erdmännchen zu verstehen: Phil, ein mäßig erfolgreicher Privatdetektiv mit Hang zu Hochprozentigem, und so bleibt die geheime Welt der Zwergmangusten vorerst geheim. Phil hat bereits eine Art berufliche Partnerschaft mit Ray, dem Kleverle aus dem 5. Wurf, der schon immer gerne Detektiv werden wollte. Und jetzt findet Ray bei einer Motorboot-Spritztour im Berliner Kanalnetz eine Leiche. Wieder einmal müssen sich die beiden ungleichen Detektive verbünden, um einen äußerst mysteriösen Fall zu lösen, für den sich die Polizei scheinbar gar nicht interessieren will. Und dann laufen die Tiere im Zoo auch noch der Reihe nach Amok, wie Ninjas auf Überspannung. Ob es da wohl einen Zusammenhang gibt?

    Der Witz der Geschichte liegt vor allem darin, dass die Insassen des Zoos eine Gesellschaft im Kleinen spiegeln. Alle Charaktere sind vorhanden: Blöde Flamingos, kriminelle Gorillas, gutmütige Elefanten, weichherzige Chinchillas und schwule Schwäne. Dazu das komplizierte Hierarchiesystem der Erdmännchen mit dem tumben aber bärenstarken Sippenvorstand Rocky, seiner ebenso tumben aber dafür höchst attraktiven Schickse Nathalie und den zahlreichen Nachkommen aus dem ersten bis fünften Wurf von Ma und Pa. Das ergänzt sich alles zu einem herrlich bunten Bild, dass man aus dem Grinsen gar nicht mehr herauskommt. Irgendwie kommt einem alles so liebenswert bekannt vor. Die Geschichte ist übervoll von schrillen Einfällen und skurrilen Begebenheiten, dass nicht eine Minute Langeweile entsteht.
    Und ein weiterer Faktor macht das Hörbuch dann endgültig zum Kult: Christoph Maria Herbst erweckt das Universum der Erdmännchen stimmlich so variantenreich und effektvoll zum Leben, wie es nur einer kann: Christoph Maria Herbst. Eine komödiantische Glanzleistung auf höchstem Niveau. Die Charaktere sind absolut stimmig, jederzeit wiedererkennbar und dabei richtig witzig. Das sind fünf Stunden ungetrübter Hörbuchspaß, die man so schnell nicht vergisst.
  • Die geheime Macht der Ratingagenturen
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    "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing"
    Rezension vom 20.05.2013
    "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing"

    Wer würde aufgrund eines angeblich guten Testurteils ein Produkt kaufen, wenn der Hersteller für dieses Testsiegel bezahlt hätte? Ich nehme mal an, die Wenigsten.
    Die Ratings von Finanzprodukten werden von den Emittenten beauftragt und bezahlt, ja zum Teil gehören die Ratingagenturen den bewerteten Firmen sogar, und trotzdem haben sie einen immensen Einfluss auf den Finanzmarkt als angeblich neutrale Instanz. Kapitalanleger richten sich nach den Bonitätsstufen und Herabstufungen sorgen regelmäßig für Turbulenzen an den Börsen.

    Ulrich Horstmann sorgt mit seinem Buch "Die geheime Macht der Ratingagenturen" für Aufklärung. Beginnend mit einem fiktiven Krisenszenario skizziert der Autor, wie nach der Herabstufung von Spanien und Italien auf Ramschniveau sowie der USA auf B-Niveau die Dominosteine kippen, Bürgeraufstände zunehmen und schließlich das internationale Währungssystem kollabiert.

    In einem umfangreichen Kapitel beleuchtet Horstmann die Geschichte der Ratingagenturen und stellt die Scheinwerfer auf die drei größten und ältesten: Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Sie teilen den Markt praktisch unter sich auf - kleinere und regionale Häuser haben kaum eine Chance, etwas vom Kuchen abzubekommen.

    Wenn man sich die Eigentümerstruktur der Agenturen anschaut, kann das nur empören: So hält der einflussreiche Value-Investor Warren Buffet rund 13 Prozent an Moody's. Auch zahlende Emittenten sind oft Miteigentümer. S&P gehört der US-Gruppe McGraw-Hill, die wiederum im Besitz eines Hedgefonds ist. Ein äußerst interessantes Kapitel über ein gefährliches Beziehungsgeflecht.

    Anschließend beschreibt Horstmann, wie das grundsätzliche Rating von Unternehmensanleihen funktioniert. Er geht dabei auch auf komplexe Produkte, sog. strukturierte Finanzprodukte ein, die als wesentliche Ursache für die jetzige Finanzkrise gelten. Neu war mir, dass das Rating von Staaten noch keine lange Tradition hat: 1975 bewertete S&P erstmals die USA und Kanada, Moody's zusätzlich Australien. Während Unternehmensratings eher fundamental auf Jahresabschlüssen oder anderen Informationen basieren, ist das Rating von Staaten subjektiver und damit riskanter. Zwar spielen hier auch harte Fakten wie Wirtschaftswachstum oder Verschuldung eine Rolle, aber auch viele weiche Faktoren wie politische Stabilität, Streikbereitschaft der Bevölkerung oder Kosten einer möglichen (Wirtschafts)Reform.

    Besonders interessant fand ich das Kapitel, wie die Ratingagenturen so mächtig werden konnten. Bereits in den 30er-Jahren wurden in den USA wesentliche Teile der Finanzaufsicht an profitorientierte Gesellschaften übertragen und diese wussten ihre Rolle als staatlich legitimierter Lizenzgeber zu nutzen. Aber auch in Europa wurden durch Basel-II die Ratingagenturen gestärkt, in dem die Eigenkapitalanforderungen der Finanzinstitute per Gesetz durch Ratings gesteuert wurden. Des weiteren wurden Automatismen in den Anlagestrategien etabliert, z. B. automatische Verkäufe bei institutionellen Anlegern, wenn die Bonität des Emittenten oder das Produkt herabgestuft wurde. [...]

    Im letzten Kapitel beschreibt Horstmann Wege aus der Abhängigkeit: Mehr Wettbewerb, Aufbrechen von starren Ratingregeln oder die Unabhängigkeit von politischen Entscheidungsträger sind nur einige seiner Vorschläge. Ich fürchte nur, dass seine Forderungen Theorie bleiben, da der Reformdruck auf diesem Gebiet anscheinend immer noch nicht groß genug ist.

    "Die geheime Macht der Ratingagenturen" gibt einen fundierten Einblick in die Welt der Ratingagenturen - gut strukturiert, verständlich und mit detaillierten Quellenangaben.

    Desillusionierend, aber absolut empfehlenswert!
  • Theater im Römischen Reich
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    Welche Zielgruppe?
    Rezension vom 19.05.2013
    Mit Unterstützung der Mainzer Krämmer-Stiftung erscheint diese umfangreiche und differenzierte Darstellung römischer Theater im Nünnerich-Asmus Verlag als eine der wenigen aktuellen Monografien zum Thema. Als interessierter Laie muss ich eine Anmerkung voranstellen: Der Autor bedient sich durchgehend der griechischen und lateinischen Fachbegriffe, die nur erklärt werden, wenn sie das erste Mal verwendet werden (und auch das nicht immer). Wer kein gutes Gedächtnis hat, dem wird diese Methode sicher Mühe bereiten, zumal das Buch sträflicherweise kein Glossar und keinen Index besitzt. Das macht auch das Wiederfinden von Informationen sehr aufwendig.

    Von den knapp 1000 archäologisch bekannten Theaterbauten im Römischen Reich werden etwa 100 im Text erwähnt, viele davon mit Abbildungen und Plänen. Die Legenden der zahlreichen, außerordentlich interessanten historischen Aufnahmen sind leider nicht ausreichend detailliert, und wer wissen will, von wem sie gemacht wurden und vor allem, wann sie entstanden sind, der muss in das unübersichtliche Abbildungsverzeichnis am Schluss des Bandes wechseln. So umfassend und faktenreich der Text insgesamt ist, so wenig scheint der Autor im Detail an seine Leserschaft gedacht zu haben.

    Inhaltlich schlägt Gogräfe einen weiten Bogen. Den größten Umfang hat die architektur- und kulturgeschichtliche Betrachtung, die von den griechischen Einflüssen hin zum rein römischen Theatertypus und seiner regionalen Entwicklung führt. Auch mir war nicht bewusst, wie stark sich Bühnenstruktur und damit Aufführungspraxis im Laufe der Zeit verändert haben. Spätestens mit Ende der Republik verbreitet sich das Theater dann als wesentlicher Bestandteil römischer Urbanität bis in alle Provinzen. Die interessante Übersichtskarte zu Beginn zeigt die ungeheure Dichte von Theatern im Römischen Reich. Dass einige der am besten erhaltenen Bauten im allgemeinen Bewusstsein nicht wirklich präsent sind (die phantastischen Anlagen von Aspendos oder Bosra mögen als Beispiel dienen), macht noch einmal deutlich, wie sehr das Thema ein unverdientes Nischendasein führt. Das größte jemals errichtete Theater, das Pompeius-Theater in Rom, ist übrigens heute vollständig überbaut.
    Ein sehr gelungenes Kapitel, das man wegen des fehlenden Glossars wahrscheinlich öfter zu Rate zieht, befasst sich mit den Bestandteilen des Theaters. Da meistens nicht alle Elemente erhalten geblieben sind, machen diese Erklärungen viele Befunde erst transparent. Noch instruktiver wäre es gewesen, wenn einige schematische Architekturskizzen mit Beschriftung den geschriebenen Text ergänzt hätten.
    Besonderes Augenmerk widmet der Autor den Erbauern, oder besser Finanziers der Theater. Neben Kaisern und Provinzfürsten waren es vor allem wohlhabende Bürger, die mit dem Bau von Theatern soziale, gesellschaftliche und politische Ernte einfuhren. Über die Aufführungspraxis ist erstaunlich viel bekannt. Die vielseitige Nutzung reichte vom rituellen Opfer über öffentliche Ehrungen bis hin zu klassischen Aufführungen und Gladiatorenkämpfen. In vielen Städten waren die Theater zentrale Orte der Begegnung und oft auch architektonisch mit Heiligtümern verknüpft. Durch die Einführung von Gewölbestockwerken durch die Römer war man später auch nicht mehr abhängig von abschüssigen Geländestrukturen, um die Sitzreihen unterzubringen, wie noch zur Zeit der Griechen.

    "Theater im Römischen Reich" ist eine informationsdichte und umfassende Darstellung, die dem interessierten Laien durch unnötige Verknappungen leider einige Knüppel zwischen die Beine wirft. Für ein reines Fachpublikum ist die Quellenarbeit aus meiner Sicht wiederum zu kurz geraten.

  • Es gibt nur den geraden Weg
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    Leuchtfeuer der Menschlichkeit
    Rezension vom 18.05.2013
    Leuchtfeuer der Menschlichkeit

    Es wäre eine bessere Welt, wenn alle Menschen wären, wie Waafa El Saddik. Sieben Jahre lang war sie Direktorin des berühmten Ägyptischen Museums in Kairo, aber ihr Leben auf diese sieben Jahre zu kondensieren, wäre viel zu kurz geraten. Aufgewachsen in der Aufbruchstimmung nach der Gründung der Republik unter Nasser, wird sie Zeuge vieler gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen, die teilweise Auswirkungen bis in ihr Privatleben haben. Mit Ehrgeiz, Mut und einem unerschütterlichen Empfinden für Gerechtigkeit meistert sie Probleme, an denen die Meisten zerbrochen wären.

    Waafa El Saddik stammt aus einer bedeutenden ägyptischen Familie, die über Jahrhunderte herausragende Stellungen besetzte. Ihre Großeltern waren noch hohe Verwaltungsbeamte und Großgrundbesitzer, ihr Vater Wasserbauingenieur. Mehr durch Zufall findet das intelligente Mädchen nach der Schule den Weg zur Ägyptologie und wird die erste Frau, die in Ägypten selber einen Spaten in die Hand nehmen darf. Bis dahin waren Ausgrabungen reine Männersache. Aber ihre Zielstrebigkeit, gepaart mit ein wenig Glück, bringen sie immer dahin, wo sie hin will. Es ist ihre Gradlinigkeit, die oft den Ausschlag gibt. Sie ist immer ehrlich, hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg und das beeindruckt letztlich Gönner wie Gegner.

    Als El Saddik den Direktorenposten im Ägyptischen Museum übernahm, lag der Anteil der Ägypter unter den Besuchern bei 2%, zum Schluss waren es 20%. Aber der Weg dahin war steinig und es gab viele mächtige Männer (und Frauen), die ihr Knüppel zwischen die Beine warfen. Der unrühmliche Zahi Hawas gehörte ebenfalls dazu, obwohl sie ihn sehr differenziert kritisiert. Sein pharaonisches Ego, die unberechenbaren Wutausbrüche und seine mediengeile Auffassung von Wissenschaft verachtet sie und wird nicht müde, dies zu geißeln. Auf der anderen Seite hält Hawas trotz aller Differenzen an ihr als Direktorin fest und das, obwohl ihr Vertrag jährlich kündbar ist. Auch hat er die Ägyptologie nach 200 Jahren endlich den Ägyptern zurückgegeben. Nicht ganz so differenziert ist Wafaa El Saddiks Kampf für die Rückgabe der Nofretete, bei dem sie ihre Argumente leider dreht, wie sie sie gerade braucht. Aber dieses schwierige Kapitel möchte ich hier nicht vertiefen, zumal das vom Eigentlichen ablenken würde: Diese Frau ist ein wirkliches Leuchtfeuer der Menschlichkeit in einem Meer aus Korruption und Intrigen. Wie sie es geschafft hat, in ihrem Leben allen Versuchungen zu widerstehen (und es gab deren genügend), sich für die Rechte der Rechtlosen einzusetzen, loyale Freundschaften über Kultur- und Ländergrenzen hinweg zu pflegen, wie sie sich für eine pluralistische Gesellschaft engagiert und darin nie nachlässt, auch wenn die Widerstände noch so stark werden, das ist eine wahrhaft großartige Lebensleistung.

    Wafaa El Saddik schreibt lebendig und mit dem gleichen Herzblut, mit dem sie für ihre Projekte kämpft. Sie ist oft sehr emotional und gerade das fesselt den Leser von der ersten Seite an, wird er doch quasi Teil der großen Familie El Saddik. Man erleidet mit ihr Schicksalsschläge und freut sich mit ihr, wenn es gelingt, unfaire Gegner mit fairen Mitteln zu besiegen. Auch das Buch nimmt immer den geraden Weg.
  • Übungsbuch Bilanzen erstellen und lesen für Dummies
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    Praxisnahe Übungen
    Rezension vom 17.05.2013
    Wer in Aktien und Anleihen investiert, kommt langfristig nicht um eine fundierte Unternehmensbewertung herum. Basis hierfür ist vor allem der Jahresabschluss, der für alle Kapitalgesellschaften und bestimmte Personenhandelsgesellschaften in elektronischer Form veröffentlicht werden muss.

    Das "Übungsbuch Bilanzen erstellen und lesen" von Michael Griga hilft dabei, die Regeln der Bilanzierung zu verstehen und anhand von praxisnahen Übungen umzusetzen. Das Themenspektrum ist dabei sehr vielseitig und richtet sich sowohl an Einsteiger als auch an Leser mit Vorkenntnissen. Auch zum Auffrischen des Wissens ist das Buch sehr gut geeignet.

    Die ersten drei Teile vermitteln die Grundlagen des Jahresabschlusses: Sinn und Zweck, rechtliche Grundlagen, Aufbau und Erstellung von Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen und Konzernabschlüssen sowie Berichtspflichten der Unternehmen. Die beiden letzten Teile bauen auf diesem Grundwissen auf und beschäftigen sich mit der Bilanzpolitik und -analyse.
    Auf die in Österreich (UGB) und der Schweiz (OR) geltenden Besonderheiten wird separat und deutlich hingewiesen. Für wen dies nicht relevant ist, der kann die Absätze einfach überspringen. Die Unterschiede zwischen dem deutschen HGB und internationalem IFRS dürften dagegen für die meisten Leser wieder interessant sein. Seit 2005 müssen kapitalmarktorientierte Unternehmen in der EU nämlich ihre Konzernabschlüsse nach IFRS erstellen.

    Das Konzept des Übungsbuches ist zunächst ungewohnt: Bereits bei den ersten Übungen merkt man, dass häufig Aufgaben gestellt werden, deren Lösung als Lerninhalt noch gar nicht vermittelt wurde. Hierdurch wird der Einsteiger zwar zum Nachdenken angeregt und der Auffrischer erinnert sich vielleicht an das früher einmal Gelernte, allerdings besteht dadurch die Gefahr, dass sich manche Leser überfordert fühlen. Mir hat das Konzept sehr gefallen, da es den Lernprozess auflockert - "Spinksen" ist ausdrücklich erlaubt! Der Leser sollte sich aber die Zeit nehmen, die Übungen, wenn nicht schriftlich, dann zumindest gedanklich durchzuspielen. Nur so wird sich der Lernerfolg einstellen.

    Empfehlenswert für diejenigen, die sich anhand von Praxisbeispielen das Wissen rund um Bilanzen aneignen oder auffrischen wollen. Als Nachschlagewerk, klassisches Lehrbuch oder Ergänzung eignet sich übrigens die parallel erschienenen Bücher "Bilanzen erstellen und lesen" und "Buchführung und Bilanzierung".
  • Der Mensch und die Weltmeere
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    Atemberaubende Bilder mit klarer Botschaft
    Rezension vom 17.05.2013
    Yann Artus-Bertrand und Brian Skerry sind einander absolut ebenbürtige Fotografenlegenden. Der eine als Luftbildfotograf, der andere als Unterwasserspezialist. Zusammen haben sie ein wunderbares Buchprojekt realisiert, das neben atemberaubenden Fotos eine eindringliche Botschaft vermittelt, die man nicht genug unterstützen kann: Rettet die Meere, sonst sind wir nicht mehr zu retten.

    Bertrands Luftaufnahmen zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Vielgestaltigkeit aus. Er schießt seine Fotos aus unterschiedlichen Höhen und lässt so mal verborgene Strukturen erkennen, mal zeigt er den Menschen in seinem Lebensraum. Die Farbverläufe in einem Flussdelta wirken bei ihm wie ein abstraktes Gemälde, so wie ein quirliger Fischmarkt von oben zum Entdecken einlädt und das blutverschmierte Deck eines Robbenfängers zur beredten Anklage wird. Aber besonders haben es ihm die Strukturen angetan: von Dünen über Inselwelten bis zu den grünen Schwaden einer Algenblüte.

    Die Unterwasserfotografie stellt ganz besondere Herausforderungen an die Fototechnik. Die Objektive müssen von allerbester Qualität sein, um die störenden Farbsäume vor allem im Randbereich einer Aufnahme zu vermeiden. Die Fotos von Brian Skerry sind technisch einfach unübertroffen und von einer Ästhetik, die keinen Zweifel lässt, dass er in der ersten Liga der Unterwasserfotografen spielt. Die unglaubliche Tiefenschärfe lässt den Betrachter jedes Detail erkennen - man taucht quasi mit und nicht nur deshalb hält man öfter mal den Atem an, beim Anblick der Farbenpracht und bizarren Formen unter Wasser. Die Aufnahmen haben eine Dynamik und Expressivität, die begeistert.

    Die beiden Fotografen aber treibt mehr an, als "nur" schöne Fotos aus aller Welt zu präsentieren. Sie engagieren sich aktiv im Umweltschutz und ihnen ist sehr bewusst, dass die Menschheit auf Dauer nicht überleben wird, wenn wir es nicht schaffen, die Lebensräume in unseren Meeren zu erhalten. Überfischung und Verschmutzung haben längst kritische Dimensionen angenommen. Im Buch sind neben vielen hochinteressanten, kurzen Sachkapiteln auch zahlreiche Interviews mit ausgewiesenen Meeresexperten aufgenommen. Aus dem Mund der Fachleute bekommen die Fakten eine ganz andere Dringlichkeit: Die Ausmaße der Zerstörung unserer Meere ist wirklich erschreckend und je weiter man liest, umso mehr erkennt man, auf wie vielen Ebenen der Mensch in Ökosysteme eingreift, die kaum untersucht sind. Entsprechend lassen sich die Folgen von massiven Eingriffen kaum abschätzen: Die Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt ebenso wenig wie die für das Klima und die Welternährung. 200 Meilen außerhalb der Küste beginnt der "Freie" Ozean und spätestens hier macht fast Jeder was er will. Aber es gibt auch erste Ansätze, die ein Umdenken zeigen. Auch das verschweigt das Buch nicht.

    Ich wünsche mir, dass "Der Mensch und die Weltmeere" nicht ein weiterer wunderschöner Bildband über die Ozeane ist, sondern dass er dazu beiträgt, dass unsere Entscheider auch etwas tun. Eigentlich sollte man jedem Politiker ein Exemplar davon auf den Tisch legen und ihn zwingen, es auch zu lesen...

  • Für solche Schweine spiele ich nicht!
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    Bravourös interpretiert
    Rezension vom 15.05.2013
    Ferdinand Ries war einer von nur zwei Schülern, die Beethoven jemals unterrichtete. Der andere war übrigens Carl Czerny, der noch heute Klavieranfänger mit seinen Übungen quält. Zehn Jahre nach Beethovens Tod erschien eine Doppelbiografie über den Titanen der Musik, zu dem Ferdinand Ries den einen Teil beitrug. Seine sehr persönlichen Erinnerungen an die Zeit bei seinem Lehrer, während der er quasi Beethovens Privatsekretär wurde, Noten kopierte, Drucke kontrollierte und die Post erledigte, gehören zum Lebendigsten und Anrührendsten, was über den Bonner Grantler geschrieben wurde. Es sind hinreißende Anekdoten, die vor allem den Menschen Beethoven charakterisieren, sein aufschäumendes Wesen, seine Launenhaftigkeit, aber auch seine fast schon naive Gutgläubigkeit und Herzensgüte. Er war schnell beleidigt und dann oft auch ausdauernd nachtragend, auf der anderen Seite aber bereit, Fehler einzugestehen und den status quo ante wiederherzustellen.

    Aus Ferdinand Ries' Erinnerungen an Beethoven wird hingegen auch deutlich, was für ein hervorragender Musiker Ries selber war, ohne dass er als Prahler oder eitler Selbstdarsteller daherkommt. Es sind die vielen Randbemerkungen über die anspruchsvollen Aufgaben, die ihm Beethoven übertrug und den Fleiß, mit dem er sie erledigte. Nicht viele konnten vor Beethovens Augen bestehen - Ferdinand Ries gehörte definitiv dazu. Da ist es umso erstaunlicher, wie gründlich Ries' eigenes Werk heute vergessen ist.

    Aus Ries' Worten spricht nicht nur die Bewunderung von Musiker zu Musiker, sondern auch eine tiefe Wertschätzung, ja sogar Liebe, wie die von Sohn zu Vater. Ein Gefühl, das offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Beethoven kannte Ferdinand Ries noch aus dessen Kinderzeit, denn Ries' Vater war wiederum einer von Beethovens Lehrern und dieser half dem damals noch Unbekannten aus mancher misslichen finanziellen Lage. Mit Geld umzugehen, das lernte Beethoven übrigens nie, wie Ries in mancher launigen Anekdote zu berichten weiß.

    Konrad Beikircher liest den nicht einfachen Text mit Bravour. Er strukturiert die langen Sätze mit ausgeprägt musikalischem Feingefühl, dass sie perlen wie Sekt im Glas. Da entsteht eine tiefe Verbundenheit, wenn Beethoven mit Bonner Akzent poltert und Kronprinz Rudolf auf Wienerisch näselt. Sparsam dosiert wirkt dies keinesfalls aufgesetzt, sondern gibt dem Bericht zusätzlich etwas sehr Lebendiges.

    Ries' amüsante Beethoven-Anekdoten sind auch nach 200 Jahren immer noch hörenswert, manche sind tatsächlich Teil des deutschen Kulturgedächtnisses geworden. Und in der Interpretation von Konrad Beikircher beginnen diese niemals wirklich in Vergessenheit geratenen Texte geradewegs zu funkeln.
  • Showdown
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    Mehr Wirtschaftskrimi als Sachbuch
    Rezension vom 14.05.2013
    Wer kennt "Mr. Dax" nicht? Dirk Müller versteht es immer wieder, in Talkshows, Börsenzeitschriften oder mit seinen Büchern Aufmerksamkeit zu erregen. Er ist ein Meister des (Selbst)Marketings, aber durch seine verständliche Ausdrucksweise erreicht er viele Menschen, die sich ansonsten weder für Politik- noch Finanzthemen interessieren.

    In seinem neuesten Buch mit dem etwas reißerischen Titel "Showdown" beschreibt Dirk Müller den aktuellen Stand der Euro-/Schuldenkrise, analysiert die Motive der Hauptbeteiligten und stellt mögliche Lösungen vor, wie Europa doch noch aus der Krise herausfinden kann.

    Es ist unbestritten, dass wir mit dem Euro eine Währungsunion mit völlig unterschiedlichen Wirtschaftsräumen geschaffen haben, ohne zuvor eine politische, wirtschaftliche oder steuerliche Union zu etablieren. Somit sind Puffermöglichkeiten wie eine Abwertung der Währung in einzelnen Staaten verloren gegangen - ein katastrophaler Konstruktionsfehler der Gemeinschaftswährung. Ich kann Müller nur zustimmen, dass dies die Achillesferse ist. Ebenso, dass wir bereits heute mit den vielen Rettungsschirmen à la ESM längst eine Schuldenunion haben.

    Wie ist es dazu gekommen? Müller arbeitet nicht die kompletten Ursachen und Maßnahmen der Finanzkrise auf, sondern beleuchtet im ersten Teil punktuell einige für ihn wesentliche Entwicklungen der neueren Vergangenheit.

    An Griechenland mit seiner langen Tradition für Misswirtschaft und Korruption wird besonders deutlich, dass man den zweiten vor dem ersten Schritt gemacht hat, also die Einführung der Währungsunion vor der Wirtschaftsunion. Gemessen an der Leistungskraft der Wirtschaft ist die "griechische Währung" nach Angabe des Autors mittlerweile zu 100 Prozent überbewertet - Abwertung ist nicht möglich.
    Will man Dirk Müller glauben, verfügt Griechenland über eines der größten Rohstoffvorkommen Europas - insb. Gas und Öl. Ein Ausgleich des Defizits wäre somit ein Leichtes. Aber angeblich greifen weder Medien noch Politiker dieses Thema auf. Müller polemisiert: "Wenn mir jetzt einer mit dem Totschlagargument 'Verschwörungstheorie' kommt, fange ich an, dessen gesunden Menschenverstand zu bezweifeln." Wären seine Ausführungen nicht nur mit "eigenen Recherchen" belegt, sondern mit überprüfbaren Quellenangaben, der Leser wäre dem gesunden Menschenverstand vielleicht etwas näher. So bleibt dann doch ein wenig das Gschäckle "Verschwörungstheorie".
    Bei vielen Themen liest sich Müllers Buch wie ein Krimi, aber leider nicht immer wie ein Sachbuch. Geht es bei der Eurokrise um eine "Geostrategie" (der USA), um die zukünftigen wirtschaftlichen und politischen Machtachsen festzulegen? Werden die USA ihr Handeln im Nahen Osten überdenken, wenn sie durch Fracking energieautark würden? Ich konnte seiner Argumentation gut folgen, aber trifft sie auch zu? Quellenangaben hätten der Glaubwürdigkeit auch hier gut getan.

    [...]

    Im zweiten Teil seines Buches fordert Müller zum Umdenken und zur Aufgabe der eingeschlagenen Richtung auf, um Europa noch zu retten. Investitionen in die Infrastruktur, Korrektur der verfehlten Politik bei den erneuerbaren Energien und Hebung der besagten Rohstoffressourcen sind nur einige seiner Vorschläge zur Ankurbelung der Wirtschaft und somit zur Lösung des Schuldenproblems.

    "Showdown: Der Kampf um Europa und unser Geld" regt zum Nachdenken an und wartet mit zum Teil unbekannten Details auf. Die Quellenlage bleibt leider etwas undurchsichtig und der Leser muss selber entscheiden, den Aussagen zu glauben ... oder auch nicht. Dennoch ein lesenswertes und spannendes Buch.