Rezensent im Portrait
aus Wasserburg am Inn
- Gesamte Rezensionen
- 180 (ansehen)
-
Collagetechnik erschwert die VerarbeitungRezension vom 24.04.2013Vier schwedische Intellektuelle reisten 1978 auf Einladung ins Kambodscha der Roten Khmer. Sie sahen lachende Kinder und eine heile Welt. Wir wissen heute, dass damals dort mit knüppelharter Hand regiert wurde. Wir wissen von Unterdrückung bis zur Vernichtung im kambodschanischen Foltergefängnis S-21.
Der Autor Peter Fröberg Idling fragte sich, wie die vier Schweden so eklatant getäuscht werden konnten. Jan Myrdal, einer der damals Mitreisenden, weigert sich bis heute, einen Fehler einzusehen.
Idling setzt den damaligen Reiseberichten die neuere Geschichte Kambodschas und die Lebensgeschichten einiger politisch Verantwortlichen entgegen. Hilfreich ist dazu ein Personenverzeichnis und eine Landkartenskizze zu Beginn von Pol Pots Lächeln. Der Autor reiste selbst ins Königreich Kambodscha auf den Spuren der damaligen Reisenden und versuchte damals Beteiligte zu interviewen. In Collagetechnik fügt der Autor zwischen die Berichtsfetzen Schnipsel mit Parolen der Roten Khmer ein. Plastisch vergleicht er die damaligen Lager in Kambodscha mit denen der Nazis.
Da ich weder die Geschichte Südostasiens noch das Geschehen dort in den Siebzigern gut kannte, lernte ich durch die Lektüre einiges dazu. Doch leider vereitelte die in anderen Besprechungen gelobte Collagetechnik bei mir mehr. Der Autor springt zwischen den Handlungs und Geschichtssträngen kleinräumig: jedes der 265 Kapitelchen geht von zwei Zeilen bis vier Seiten, meist sind es knappe zwei. Man folgt den zeitlichen Sprüngen vom 21. Jhdt. zu 1970, Mitte 20. Jhdt., 1975, 1978, 1963, 1973, 1967, 1999. Ich konnte den Faden nicht immer aufnehmen. Damit verbunden sind Ortssprünge: Schweden, Frankreich, Kambodscha. Das i-Tüpfelchen sind kurze Kapitel, wie z.B. das 27., deren Herkunft völlig offen ist. Kursiv gesetzt!? Bedeutet was? Das Kapitel 76 schildert den entsetzlichen Tod deines Mannes, der sich selbst verbrannt hatte. Der Berichterstatter wird von einem Straßenjungen um sein Mobiltelefon gebeten. Wo und wann spielt diese tragische Szene? Und wozu? Vieles bleibt offen, zumindest für mich.
Die politische Täuschung wurde in Pol Pots Lächeln durch die genannten Techniken auf das literarische Feld übertragen. Das Konzept einen schwierigen, komplizierten politischen Konflikt literarisch aufzubereiten gelang nicht. Sachbuch, Bericht, Reportage und Roman in 256 kleinen Portionen geht nicht zusammen. Wer es jedoch schafft all die zeitlichen Stränge wieder zusammen zu fügen, kann sich ein eigenes Bild über Kambodscha und Täuschungsmechanismen machen. -
Allen Katzen- und Hundeliebhabern zu empfehlenRezension vom 20.04.2013Die 22 tierschen Krimigeschichten in diesem Erzählungssammelband geben viele Stunden angenehmer Lektüre. Die Autorin zahlreicher normaler Krimis hat ein Faible für Hunde und Katzen. Diese sind die Hauptpersonen, oft Ermittler oder Täter, manchmal verhindern sie auch eine Straftat oder die Ereignisse überholen die Absichten der Vierbeiner.
Dass Hunde und Katzen sprechen sollte für Literaturfreunde und natürlich erst recht für Hunde- und Katzenliebhaber keine Überraschung sein. Wenn man sich darauf einläßt liest man hier wundervoll ausgedachte Kurzkrimis. Oft handeln Stanislaus oder Anubis artgerecht, manchmal menscheln sie, immer werden sie in eine kriminelle Handlung meist Mord verstrickt.
Störend sind einige Stereotype: die guten Tiere werden von der Strasse aufgelesen, die nicht ganz so guten sind die gezüchteten Rassentiere. Wer Tiere liebt kann kein schlechter Mensch sein (was sicher nicht stimmt) und wer Tiere ablehnt heckt auch sonst böse Gedanken. Das Personal der Geschichten ist strikt getrennt in Tierhasser und Tierfreunde. In welche Kategorie Mensch jemand fällt erkennt man sofort am Auftreten, Äußeren oder sonstigen Details.
Jeder wird hier eine oder mehrere Lieblingsgeschichten finden. Ich fand am Besten Wie Hund und Katz und Nebel. Dicht auf folgen Ein Fall für »Hund« (eine glänzende Hommage an Inspektor Columbo) und Gretchen.
Amüsant und besonders den Katzen-und Hundeliebhabern zu empfehlen. -
Die andere Seite moderner GastarbeiterinnenRezension vom 17.04.2013Die elf Geschichten dieser Anthologie spielen zumeist in der ukrainischen Heimat von Gastarbeiterinnen. Thematisiert wird vor allem, wie sich die Lage aus der Sicht der zurückgebliebenen Familie, Schwerpunkt Kleinkinder, darstellt. Die rechtspopulistischen Hetzparolen in Deutschland werden implizit der Lüge gestraft: Keiner verläßt ohne Not Heimat und Familie.
Dramatisch und eindrucksvoll gibt sich die Geschichte von Halyna Malyk: "Slawka", dicht auf gefolgt von Oleksandr Hawrosch mit "Stephan im Glück" und Oksana Luschtschewska mit "Das Familien-Finde-Spiel". Zu diesen teilweise ergreifenden Erzählungen gibt es im Kapitel von Marjana Sawka: "Mit Kinderaugen. Zu diesem Buch" einige Hintergrundinformationen. Es gibt schätzungsweise fünf Millionen ukrainische Arbeitsmigranten. Davon halten sich etwa ein Drittel im jeweiligen Gastland illegal (aus Sicht des Gastlandes) auf. Sie werden im sogenannten Gastland verfolgt, ausgebeutet und menschenunwürdig behandelt. Fast alle Arbeitsmigranten aus der Ukrainie hinterlassen in der Heimat Kleinkinder.
Wer sich für die andere Seite der modernen Gastarbeiterinnen interessiert kann sich mit den elf Geschichten aus "Skype Mama" auf anspruchsvolle Art unterhalten. Alle regen zum Nachdenken an. Dank an die Herausgeber und Übersetzerinnen. -
Detaillierte Darstellung einer formalen Theorie der ÜberzeugungenRezension vom 02.04.2013Wolfgang Spohn behauptet mit der Rangtheorie schlankweg die Gesetze für Überzeugungen und Überzeugungsänderungen gefunden zu haben. Das erscheint kühn. Diese Hauptfelder werden in "The Laws of Belief" behandelt:
* Theorie der Überzeugungen und der Glaubensgrade
* Deduktion / Induktion
* Änderungen von Überzeugungen
Der Autor stellt dazu die Rangtheorie umfassend und mit hohem formalen Aufwand (Logik, Mengenlehre, Wahrscheinlichkeitstheorie) präzise vor. Der umfangreiche Stoff aus der formalen Philosophie wird in 17 Kapiteln dargeboten.
Nach Kapiteln einführender Art wird die Rangtheorie präsentiert, mit konkurrierenden Ansätzen verglichen und in den letzten sechs Kapiteln ihre Anwendung in der Wissenschaftstheorie, Kausalität und der Erkenntnistheorie diskutiert.
Die Rangtheorie schlägt eine Brücke zwischen Überzeugungen in Glaubensgraden (z.B. repräsentiert in subjektiven Wahrscheinlichkeiten) und glattem Für-wahr-halten, der üblichen Auffassung von Überzeugungen.
Für die Erforschung der Rangtheorie und ihren umfassenden Präsentation in "The Laws of Belief" wurde der Autor von der London School of Economics und der Latsis Foundation mit dem Lakatos-Preis 2012 ausgezeichnet.
"The Laws of Belief" gibt für Spezialisten der Theorie von Überzeugungen und der Glaubensgrade, die den Formalismus beherrschen, eine detaillierte Einführung in einen hoch interessanten formalen Ansatz. Für sie verdient das umfangreiche Werk 5 Sterne. Leicht zugänglich ist es nicht. Alle werden viele arbeitsreiche Stunden zur Lektüre aufbringen müssen. -
Deutsche Wissenschaftler und die Atombome in der ersten Hälfte des 20. Jhdts.Rezension vom 28.02.2013Bis in die letzten Kriegstage des 2. Weltkriegs und bei manchem darüber hinaus geisterte die Idee der deutschen Wunderwaffe umher. So wie Wernher von Braun für Adolf Hitler skrupelfrei die V-2-Rakete entwickelte und baute, so forschten Wissenschaftler an der Entwicklung an der Atombombe.
Von Schirach stellt die Physiker Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker und den Chemiker Otto Hahn in den Mittelpunkt, beschäftigt sich aber auch mit anderen Forschern aus diesem Umkreis (»Uranverein«). Nach bahnbrechenden Entdeckungen der Physik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhdts. rückte der Bau einer vernichtenden Atombombe in den Bereich der Möglichkeiten. Im September 1939 sagten führende Physiker im Heereswaffenamt ihre Mitwirkung bei deren Entwicklung zu. Die deutschen Forscher stürzten sich auf die Entwicklung eines Uranreaktors.
Der Autor deckt die Fehler auf, die verhinderten, dass Deutschland in den Besitz der Wunderwaffe Atombombe kam. Sie lagen teilweise bei den Forschern, zum grossen Teil aber bei der verblendeten NS-Führung. Ideologische Ausgrenzung und Vernichtung hatten höchste Priorität.
Das Denken vom überlegenen Deutschen zeigt sich auch bei den Wissenschaftlern: sie waren felsenfest der Ansicht, nur sie wären in der Lage solch eine Bombe zu bauen. Dass die Amerikaner sehr viel weiter waren merkten sie erst nach Kriegsende. Damit brach auch die Illusion zusammen, die Amerikaner würden sich um ihr Know-how und ihre Mitarbeit reißen. Gelegentlich entsteht der Eindruck, dass (manche) deutsche Forscher darauf aus waren, die Entwicklung zu verzögern.
Der heute heiß diskutierte Besuch von Heisenberg und Weizsäcker bei Niels Bohr im Jahr 1941 wird leider nur kurz im Epilog erwähnt.
Bei mir entstand der Eindruck: die deutschen Forscher wollten und hofften bis ins Frühjahr 1945 den kriegswichtigen Erfolg zu erzielen.
Man merkt, dass Richard von Schirach tief in die verfügbaren Quellen eingestiegen ist und auch die Abhörprotokolle von Farm Hall ausgewertet hat.
Die häufigen zeitlichen Sprünge verwirren. Bei Romanen mag dies ein wesentliches Stilelement sein, hier scheint es mir unpassend.
Leser erfahren
* Fundiertes über die Entwicklung der Atombombe in Deutschland und den USA
* Einzelheiten zum Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki
* das Schicksal der beteiligten Forscher, auch nach Kriegsende
* Wissenswertes aus der Wissenschaftsgeschichte in der ersten Häfte des 20. Jhdts.
Alle daran Interessierten werden den gut aufbereiteten romanartigen Bericht mit Gewinn lesen. -
16 interdisziplinäre Beiträge, die Literatur und Philosophie verbindenRezension vom 26.02.2013Mit Philosophie verbindet man die Suche nach der begründeten Wahrheit, in der Dichtung erhebt man keinen Wahrheitsanspruch. Damit scheint ein tiefer Graben zwischen den beiden Bereichen zu liegen. Doch so einfach ist es nicht: jede gute Dichtung hat zumindest eine philosophische Grundierung. Den Graben will das Handbuch überbrücken. Dazu stellte der Herausgeber Hans Feger, Dozent an der FU Berlin, 16 Beiträge zusammen.
Das Thema legt die interdisziplinäre Ausrichtung fest. Entsprechend breit ist das Themenspektrum, das sowohl chronologisch als auch diachronisch behandelt wird.
Gleich in der Einleitung wird Richtung und Tiefe der Durchdringung des Stoffes mit Platon, Alexander Gottlieb Baumgarten, Immanuel Kant und Robert Musil festlegt. Wen diese Einleitung anregt, der findet in den folgendenBeiträgen eine Fülle von Ideen, verbindenden Elementen und Problemen, wenn sich Dichtung und Philosophie begegnen und interagieren. Neben den genannten Autoren der Einleitung werden besonders behandelt Goethe, Leibniz, Novalis, Hölderlin, Nietzsche, Cassirer, Hofmannsthal, Broch, Thomas Mann, Brecht, Sartre, Adorno. Die Liste ist keineswegs erschöpfend. Doch vermisste ich einige Literatenphilosophen wie Herman Melville und Bertrand Russell. Manche wie Jorge Luis Borges werden nur erwähnt, da ich hätte mir mehr gewünscht. Aufgrund der konzentrierten Texte kommt die Belegung mit praktischen Beispielen zu kurz. Selbst dem Kapitel 14, das auch auf Paradigmen und Gedankenexperimente eingeht, hätten einige breiter behandelten Beispiele gut getan. Die klare Sprache, wenn auch mitunter recht akademisch (Nachschlagwerke vor der Lektüre bereitstellen!), erlaubt es, die Probleme im Schnittbereich zwischen Literatur und Philosophie gut zu erfassen und zu durchdringen. Das bewährte Konzept der Handbücher-Serie bei Metzler (verschiedene Autoren, Literaturverzeichnis nach jedem Beitrag, umfassende Auswahlbibliographie im Anhang) ermöglicht es gezielt einzusteigen und Themen zu vertiefen. -
Titelfrage wird tiefschürfend analysiert und beantwortetRezension vom 26.02.2013Die Titelfrage "Warum Religion tolerieren?" ist arg verkürzt, sie läßt die Komplexität der Antwort kaum erahnen. Das Tolerieren ist dabei sehr weit aufzufassen. Es umfasst das Ausüben von Religion, auch wenn es mit dem anzuwendenden Recht kollidiert. Die eigentlichen Fragen, die in dieser Studie beantwortet werden, sind:
* Soll die Gemeinschaft, repräsentiert durch den Staat, Ausnahmen von bestimmten Gesetzen zulassen, wenn diese Ausnahmen religiös begründet werden?
* Wenn ja, warum sollen diese Ausnahmen nicht auch dann gelten, wenn der Konflikt mit dem Gesetz durch andere (nicht-religiöse) Verpflichtungen begründet wird?
Leiter findet überzeugenden Gründe für positive Antworten. Vorgebrachte Gründe lassen sich auf alle Glaubenssysteme anwenden, seien sie religiös oder nicht. Man könnte Religionsausübung im Konfliktfall also tolerieren, wenn man diese bevorzugte Behandlung allen Glaubenssystemen und Riten zukommen lassen würde. Diese Ausweitung weist Leiter jedoch als völlig überzogen zurück.
Leiter spricht sich daher für freie Religionsausübung und Gewissensausübungen ganz allgemein aus, solange die Rechte anderer nicht verletzt werden. Es ist falsch bei der stattfindenden Abwägung die Religion zu bevorzugen.
Die Fragen werden sehr tiefschürfend analysiert und beantwortet. Fazit: religiöse Gründe können keine herausgehobene Basis dafür geben, andere Grundrechte zu verletzen. Leiters durchgehendes Beispiel ist ein Schüler, Anhänger der Sikh-Religion, der in die Schule ein gefährliches Messer mitnahm und durch alle Instanzen recht bekam. Aus nicht-religösen Gründen wäre ihm das nie erlaubt worden. Das ist aufgrund Leiters Argumentation falsch und ungerecht. Religiöse Begründungen dürfen daher keine Sonderstellung erhalten.
-
Mit grossartigen und beklemmenden SzenenRezension vom 25.02.2013Ende September 1942 werden Überlebende des Afrikafeldzugs nach Stalingrad verlagert: Leutnant Hans von Wetzland, Obergefreiter Fritz Reiser, Unteroffizier Manfred Rohleder, genannt Rollo, und Oberleutnant Wulff, genannt Lupo, der allerdings schon im Rollstuhl sitzt. Rollo beschreibt die Stimmung: lumpige Stadt, das machen wir in drei Tagen, und dann hauen wir uns auf die Krim. Da gibt's Tartarenmärchen .... Einzig Hans von Wetzland passt nicht in die Landseridylle: er hat politische und humanitäre Bedenken. Hans wird zum Prototyp der sauberen Wehrmacht. Hauptmann Musk lobt ihn als Meisterschützen: Er hatte sicher und schnell getötet. Seine Opfer hatten nicht gelitten. Denn die deutsche Wehrmacht führt den Kampf tapfer und ehrenvoll, im Gegensatz zu den Russen. Doch Wetzland erkennt bald, dass seine Ideale an der Front nichts gelten. Die Schlacht um Stalingrad macht aus allen Schlächter. So toben sich die Deutschen getrieben vom Gröfaz und der eigenen Hybris in die Agonie.
Manche Szenen erzählt der Autor grossartig, ob sie glaubwürdig sind (Fritz rebelliert gegen das Scheusal von Vorgesetzten Haller), ist fraglich. Am plausibelsten sind die Episoden, in den der Irrsinn des Kriegs zutage tritt, so wenn Hans, Fritz, Rollo und Gross einen Weg freischaufeln, der sofort wieder zugeweht wird und den eh niemand benutzt. Da kommt Stalingrad an Joseph Heller: "Catch-22" heran. Grossartig gelang dem Autor auch das Erschießungskommando der Wehrmacht.
Der Erzähler im Roman kann sich der Idee der sauberen Wehrmacht nicht ganz entziehen. Das Morden an der Front sieht er als harte und unerbittliche Auslese. Manches gerät zu pathetisch und theatralisch.
Die nahezu 500 Seiten bestehen aus Gefechtsbeschreibungen, Psychologie in der Truppenhierarchie und im Innenleben der Protagonisten. Das ist zeitweise ergreifend, wirkt mit der Zeit aber eintönig. Da hätte ein Perspektivenwechsel mit der Heimat (dreitägige Staatstrauer nach dem Fiasko in Stalingrad), dem Oberkommando, den Russen oder Allierten aufgelockert.
Kann ein Nachgeborener authentisch über Stalingrad schreiben? Man entscheide selbst, mir kam es oft aus heutigem Blickwinkel geschrieben vor. Ich war aber selbst auch nicht dabei. -
Verrat in Geschichte und GegenwartRezension vom 10.02.2013Täuschung und Verrat begleiten die Menschheitsgeschichte. Buchwald teilt die 12 Kapitel in zwei Abteilungen. Dem folgt eine Zusammenfassung.
1. Die Privaten
Dem Autor purzeln die Themen schnell aus der Feder. Das macht den Text kurzweilig und anregend. Da geht es von ethischen Überlegungen (S. 34) zur Evolution (S. 34), zum Freien Willen (S. 35), zu den Zukunftsaussichten der Menschen (S. 36) und der Informationsflut (S. 36-37).
Der Verrat liegt in unseren Genen sagt der Autor , wir können ihm nicht entkommen. Um das zu zeigen beruft sich Buchwald auf einige Wissenschaftler und geht durch die Geschichte der Menschheit. Wenn man es richtig bedenkt, gründet auch das Christentum auf den Verrat des Judas Ischariot. Dieser wichtige Umstand findet seine Entsprechung, indem der Autor vom »Judasgen« spricht und den Umschlag des Werks ein Bild vom Kuss des Judas schmückt.
Dabei läßt der Autor kaum einen Verrat aus bis hin zu Helmut Kohl und Bernie Madoff.
2. Die Profis
Obwohl auch viele der Personen aus Teil 1 zu den Verrats- und Betrugsprofis zählen, geht Buchwald im 2. Teil schwerpunktmäßig auf die Geheimdienste ein. Aber er diskutiert auch weitere politische Verräter und Einzelakteure, wie Georg Elser. Das wird lebendig durch reiche Bebilderung. Am Ende wagt der Autor einige Prognosen für die Zukunft der Geheimdienste, deren Funktionen und Arbeitsweisen sich gründlich gewandelt haben und weiterhin ändern werden. Für die Zukunft sieht Buchwald zunehmende Überwachung der Bürger (S. 222-223), wie sie sich derzeit schon vollzieht.
In der Zusammenfassung vollzieht der Autor eine geistige Volte. Er begründet sie damit, dass Sympathisanten des Buchs Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin in den fast noch drucknassen Korrekturfahnen des hier besprochenen Werks den »kollektiven Vaterlandsverrat« vermissten. Gemeint ist die stückweise Preisgabe unseres abendländisch-christlich-jüdisch geprägten Wertekanons (S. 236). Dieser Kritik kommt Buchwald entgegen, indem er diesen »kollektiven Vaterlandsverrat« nachgeschoben behandelt (S. 238-239). Nachgeschoben wirkt dies deshalb, weil der Text sich bis dahin undogmatisch und liberal gab und eine multikulturelle Lebenseinstellung ausdrücklich lobte (S. 62-63).
Buchwald sprudelt über vor Gedanken und Thesen. Er breitet sie gleich aus, manchmal recht blumig, was sich gut liest aber über fehlende Begründungen hinwegtänzelt. Einige Thesen sind falsch oder zumindest bezweifelbar und werfen dadurch ein scheles Licht auf andere Thesen, die ich nicht gut beurteilen kann.
Durch Gedankenfülle, Ausdrucksweise und reichhaltiger Bebilderung entsteht die Geschichte des Verrats und der Spionage von der Antike bis heute. Dazu gesellt sich ein Rundumschlag auf den freien Willen und die EU bis hin zum aktuellen Borderline-Syndrom und Burnout. Der Autor bleibt optimistisch und gibt zahlreiche Hinweise und Ratschläge wie man der Wirkung des Judasgens entkommt. Die unmotivierte Volte gegen Menschen mit Migrationshintergrund ganz am Ende des ausgezeichneten Werks trübt das Bild. Trotzdem eine starke Leseempfehlung für dieses gelungene Sachbuch um den öffentlichen Verrat in der Menschheitsgeschichte. -
Auch heute noch amüsant zu lesenRezension vom 08.02.2013"In einer deutschen Pension" war das erste von Katherine Mansfield publizierte Buch, erschienen 1911. Mansfield verarbeitete darin ihre Eindrücke vom Aufenthalt in Bad Wörishofen. Im Jahr 1909 war sie von ihrer Mutter in ein bayerisches Kloster geschickt worden um unauffällig zu entbinden. Sie wechselte in eine Pension nach Bad Wörishofen. Der Aufenthalt endete vorzeitig mit einer Fehlgeburt.
Mit diesen 13 Erzählungen fand die Autorin in der literarischen Welt Beachtung.
Mansfield beschreibt alltägliche Situationen im deutschen Kurbetrieb von 1909. Die Gäste im fiktiven Ort sitzen bei Tisch und führen Gespräche, oft über Verdauungs- und andere Gesundheitsprobleme, über Schwangerschaft und Geburt und über nationale Besonderheiten. In den meisten Geschichten teilt uns eine Ich-Erzählerin ihre Beobachtungen mit. Sie beschreibt scheinbar objektiv und doch in gewisser Weise mitfühlend. Nie fällt von ihr selbst ein böses Wort über andere, allenfalls eine absetzende oder überhebliche Bemerkung.
Sie erzählt Merkwürdigkeiten und Banalitäten. Die Stories haben keinen Plot und entfalten sich nicht. Allerdings schwingt überall eine gewisse Ironie mit und durch die Häufung und Hervorhebung banaler oder skuriller Verhaltensweisen ergibt sich ein Überlegenheit der Ich-Erzählerin. Das hat man der Mansfield gehörig angelastet.
Elisabeth Schnack schrieb dazu in der hier besprochenen deutschen Ausgabe der Edition Büchergilde eine meinungsfreudige Biografie. Zahlreiche Hinweise tragen zum Verständnis der Prosa Mansfields bei. Ihr Urteil: In ihren größten Erzählungen ist jeder Satz bedeutungsschwer. Die unscheinbarste Bemerkung darf nicht »überlesen« werden (S. 200).
"In einer deutschen Pension" enthält grossartige Sketche aus dem Kurbetrieb, die durchaus heute noch bestehen. Man lernt vieles aus dem Leben des gehobenen Bürgertums am Ende der Kaiserzeit in Deutschland kennen. Gar manches ist auf heutige Gespräche und Verhaltensweisen übertragbar. Höchst amüsant zu lesen!













