Rezensent im Portrait
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Intelligenter Thriller mit TiefgangRezension vom 24.07.2012Es gibt zwei Handlungsstränge: Der erste beschäftigt sich mit dem Verschwinden von Sean Butler und beginnt 2003. Die Ereignisse werden aus Pippas Sicht anhand ihrer Tagebucheinträge geschildert. Der zweite beginnt 2010 mit dem Mord an Lillian, und hier bekommen wir die Ereignisse sozusagen in Echtzeit abwechselnd aus der Sicht von Cedric, Ben und Dana mit. Erst ganz kurz vor dem Ende treffen die beiden Handlungsstränge aufeinander. Durch den häufigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelingt es der Autorin, sehr viel Spannung zu erzeugen und durch ihre kurzen, knackigen Kapitel hält sie den Leser bei der Stange.
Trotz der nicht vorhandenen blutigen Szenen ist "Das zerbrochene Fenster" von der ersten bis zur letzten Seite absolut faszinierend und fesselnd. Zoe Beck bringt immer wieder neue Aspekte in ihre Geschichte ein, neue Motive, neue Details aus Lillians Vergangenheit. Bis zum Ende hatte ich keine Ahnung, wie die Lösung und die Zusammenführung der beiden Zeitstränge aussehen könnte. Die Spannung blieb also bis zum Ende erhalten.
Wenn man dieses Buch in eine Schublade packen möchte, wäre es wohl ein psychologischer Thriller. Es geht hauptsächlich darum, was die Figuren antreibt, was in ihnen vorgeht und wie sie die Dinge sehen. Dabei füllt die Autorin aber nicht alle Lücken, sie lässt dem Leser viel Raum für seine eigene Interpretation und so sind einige Lesarten möglich, was die Motivation ihrer Protagonisten angeht. Das hat mir sehr gut gefallen, es ist für mich ein Qualitätsmerkmal, dass unterschiedliche Leser das Buch auf ebenso vielfältige Art interpretieren können.
Mich hat das Buch begeistert, aber mir ist auch klar, dass einige Dinge, die ich als Vorteil sehe, wie beispielsweise wenig Gemetzel und offene Handlungsstränge (man könnte hier auch sagen: lose Enden), für andere Leser schwerwiegende Kritikpunkte am Buch sein werden. Wer es gerne hat, wenn der Autor am Ende ganz genau erklärt, was aus welchem Grund geschehen ist, wird nach dem Lesen dieses Buches wohl ein wenig unzufrieden sein und das Gefühl haben, zwar zu wissen, was passiert ist, aber nicht warum. Auch ein Leser, der sich von einem Thriller actiongeladene Szenen und eine atemlose Jagd nach dem Mörder erhofft, wird wohl enttäuscht sein.
Deswegen werte ich das Buch mit vier Sternen. Eine klare Kaufempfehlung gibt es für alle, die die leisen Töne mögen und die gerne noch ein paar Tage nach dem Ende eines Buches darüber nachgrübeln, warum der Protagonist so und nicht anders gehandelt hat. -
Schwarzweiße LiebesgeschichteRezension vom 19.03.2012Midas, seines Zeichens Hobbyfotograf, Aushilfsflorist und chronischer Einzelgänger, hat sein ganzes Leben auf der Insel St. Haudas Land verbracht. Seine große Liebe ist seine Kamera, soziale Kontakte pflegt er nur zu seinem besten Freund und Arbeitgeber Gustav und dessen Tochter Denver. Das ändert sich schlagartig, als er eines Tages bei einer Fototour im Wald die bildschöne Ida kennenlernt. Ida hat es schwer Midas' Schale zu knacken, aber mit der Zeit gelingt es ihr. Allerdings leidet sie an einer geheimnisvollen Krankheit, der Midas eher zufällig auf die Spur kommt: Ihr Körper verwandelt sich von den Füßen her langsam zu Glas. Auf der Suche nach einem Heilmittel, das Ida helfen kann, greifen noch einige andere Inselbewohner ins Geschehen ein.
Die Welt, die der Autor auf St. Haudas Land erschaffen hat, ist sehr phantasievoll und phantastisch. Es gibt seltsame Wesen und Legenden, die sehr schön erdacht sind. Auch wenn das Ambiente sehr ansprechend und gut vorstellbar geschildert wird, so kommt die Geschichte selbst etwas zu langsam ins Rollen, als Leser braucht man also etwas längeren Atem.
Es gibt sehr viele Rückblenden sowohl in Midas' als auch in Idas Kindheit und die Eltern der beiden spielen eine relativ große Rolle. Diese Rückblenden dienen wohl dazu, um einerseits zu erklären, warum Midas so "verkorkst" ist, und warum er und Ida so gut zusammenpassen.
Die Geschichten ihrer Eltern ähneln sich jedenfalls frappierend - in beiden Fällen stand die Mutter zwischen zwei Männern und hat sich wohl für den falschen entschieden. Außerdem haben beide ein sehr schlechtes Verhältnis zu ihrem Vater.
Diese Rückblenden stehen allerdings nicht immer in direktem Zusammenhang mit der Handlung der Gegenwart und unterbrechen den Lesefluss, vor allem weil oft nicht ersichtlich ist, warum sie für die Geschichte oder das weitere Geschehen wichtig sein sollen. Ich hatte das Gefühl, als hätte der Autor sich ein wenig in diesen "Nebenhandlungen" verzettelt - wirklich wichtig für den Hauptstrang waren sie meiner Meinung nach nicht.
Das Ende hat mich ein wenig enttäuscht, ich hatte das Gefühl auf ein paar losen Enden sitzen geblieben zu sein. Am meisten hat mich gestört, dass der Leser keine Erklärung dafür bekam, wodurch die rätselhafte Glaskrankheit nun eigentlich ausgelöst wird.
Alles in allem bekommt das Buch von mir drei Sterne - für einen Erstlingsroman ist es durchaus gelungen und die etwas düstere, graue Stimmung passte ganz gut zur Jahreszeit. Zudem ist die Ausstattung des Buches - das schöne schwarzweiße Cover, der silberne Buchschnitt und die schöne Seitengestaltung zu den Kapitelanfängen - auf jeden Fall ein Hingucker im Regal.
Auch wenn mich "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" noch nicht zu hundert Prozent begeistert hat, würde ich auf jeden Fall bei einem neuen Roman des Autors zugreifen - das Potenzial für eine richtig tolle Fantasy-Handlung ist vorhanden, auch wenn es im vorliegenden Buch ein klein wenig an der Umsetzung gehapert hat. -
Die kopflose Leiche oder wo ist Guldensuppes Kopf?Rezension vom 29.02.2012New York, Sommer 1897: Long Island ist eine ländlich-verschlafene Gegend, genau wie die Bronx. Pferdefuhrwerke prägen das Stadtbild und Zeitungsjungen verkaufen mehrmals täglich die neuesten Ausgaben einer Unmenge rivalisierender Tageszeitungen. Als der East River den Brustkorb eines Mannes, verpackt in rot-goldenes Wachspapier, anspült, behauptet die Polizei es handle sich um einen Scherz von Medizinstudenten. Die Zeitungsmogule Joseph Pulitzer (New York World) und William Randolph Hearst (New York Journal) wittern jedoch einen sensationellen Mordfall, der das Sommerloch stopfen kann. Die Presse, allen voran das Journal und die World, ermittelt schneller als die Polizei, versorgt die New Yorker mit ständig neuen Meldungen und setzt hohe Belohnungen auf Hinweise, die zur Identifizierung des Opfers führen, aus. Zwischen Pulitzer und Hearst entbrennt ein regelrechter Zeitungskrieg, und öfter als einmal lassen die beiden die New Yorker Polizei schlecht aussehen.
"Der Mord des Jahrhunderts" ist spannend wie ein Krimi, informativ wie ein Sachbuch und gewährt dem Leser einen Einblick in eine längst vergangene Zeit wie ein historischer Roman. Klingt nach einem wilden Genre-Mix? Das ist es auch, aber ein äußerst gelungener. Das Buch ist in die folgenden fünf Abschnitte unterteilt: "Das Opfer", "Die Verdächtigen", "Die Anklage", "Der Prozess" und "Das Urteil".
Die Frage der Täterschaft ist also relativ früh geklärt, danach flaut die Spannung aber nicht ab. Im Gegenteil: Nun geht es darum, wie die Polizei die Täterschaft und trotz fehlendem Kopf die Identität der Leiche nachweist, die Spannung bleibt in bester Columbo-Manier vollständig erhalten. Ich konnte beim Lesen von Anfang bis Ende mitfiebern und das Buch war ein richtiger Pageturner.
Auf der Sachbuch-Ebene hat der Autor unheimlich viele Details über den Fall einfließen lassen, wobei er auf die Flut von Zeitungsartikeln zurückgreifen konnte. Auch die damaligen Ermittlungsmethoden der Polizei werden ausführlich geschildert. In Zeiten von Fernsehserien wie CSI wirkt es fast schon amüsant, dass die New Yorker Polizei von den "neumodischen" Fingerabdrücken nichts hielt und sich lieber auf Indizienbeweise verließ.
Über die Zeitungsgrößen Pulitzer und Hearst erfährt der Leser ebenfalls eine Menge. Ihren Werdegang, ihre Erfolge und kleine Anekdoten. Sie konkurrierten um die Vorherrschaft auf dem Zeitungsmarkt und lieferten sich einen erbitterten und schmutzigen Kampf, der mit dem "Fall Guldensuppe" seinen Höhepunkt erreichte. Die "Yellow Press" war geboren.
Besonders gut gefallen hat mir der Einblick in das New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Paul Collins schildert diese Zeit so gut, dass man sich wirklich hineinversetzt fühlt. Die Atmosphäre auf den Straßen, das tägliche Leben der Menschen, das Großstadtflair, den Schmelztiegel unterschiedlicher Nationen. Durch unzählige Details lässt er New York im Sommer 1897 für den Leser auferstehen.
Müsste ich das Buch zwingend einem Genre zuordnen, wäre es dennoch das Genre "Sachbuch", allein schon die beinahe 60 Seiten Anhang/Quellenverzeichnis lassen keinen Zweifel daran, dass in diesem Buch keine Fiktion enthalten ist, sondern ein tatsächlicher, echter Mordfall detailreich und fundiert aufgearbeitet wurde. Trotzdem hat mich noch nie ein Sachbuch so gut unterhalten und mir so spannende Lesestunden beschert. Wer sich für Mordfälle, historische Schilderungen und / oder fesselnde Lektüre begeistern kann, ist mit diesem Buch sicher gut beraten. -
Tiefe EinblickeRezension vom 22.02.2012Der Dreh- und Angelpunkt der Handlung in Tsiolkas' Roman ist, wie der Titel schon sagt, eine Ohrfeige. Hector, Sohn griechischer Einwanderer, und seine Frau Aisha, die indische Wurzeln hat, laden Familie und Freunde zu einer Grillparty ein. Auf dem Fest sind Menschen verschiedener Generationen mit unterschiedlichem kulturellen, religiösen und sozialen Hintergrund. Die Gäste sind in den vergangenen Jahren immer wieder bei Aisha und Hector zusammengetroffen, sie kennen und respektieren sich. Während des Barbecues lenkt der kleine Hugo, das einzige Kind von Aishas Freundin Rosie, wiederholt die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich: Die anderen Kinder geraten seinetwegen immer wieder in Streit, er beschädigt den Tisch im Wohnzimmer, und beides bleibt für den Kleinen ohne weitere Konsequenzen. Aber als er Rocco, den Sohn von Hectors Cousin Harry, mit einem Holzschläger angreifen will, platzt Harry der Kragen und er ohrfeigt Hugo vor den Augen aller Anwesenden. Diese Tat ruft die unterschiedlichsten Reaktionen hervor, man steht entweder auf Hugos oder auf Harrys Seite, eine neutrale Position scheint unvorstellbar.
Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, die als Titel einen Vornamen tragen: Hector, Anouk, Harry, Connie, Rosie, Manolis, Aisha, Richie. Zuerst dachte ich, das Buch wäre in etwa so aufgebaut, wie der Film "8 Blickwinkel", und dass diese acht Personen jeweils schildern werden, wie es zu der Ohrfeige kam und was sie davon halten. Im Film hatte das gut funktioniert, in einem Buch hatte ich die Befürchtung, dass es langweilig werden würde. Der Autor entschied sich aber zum Glück ohnehin nicht für diese Variante. Er schildert aus der Sicht der acht Personen die Geschehnisse im Laufe eines ganzen Jahres. In jedem Kapitel wird zwar die Ohrfeige und ihre weitreichenden Konsequenzen thematisiert, aber im Grunde geht es um ganz andere Dinge. Um Liebe, Partnerschaft, Familie, Freundschaft und Erziehung. Und darum, wie schnell die vordergründige Akzeptanz und Toleranz zwischen verschiedenen Milieus ins Wanken gerät oder sogar zerbricht, wenn sich ein Anlass dafür bietet.
Die einzelnen Kapitel sind immer vollkommen aus der Sicht des titelgebenden Charakters geschrieben und es ist sehr aufschlussreich, wie die unterschiedlichen Personen aus den jeweiligen Perspektiven beschrieben werden. Während des Barbecues wirken die Erwachsenen zum Großteil konservativ bis spießig, nach außen hin gibt es perfekte Familien, eine starke Karrierefrau, stolze Großeltern und vernünftige Teenager. Wenn man als Leser später hinter diese Fassaden blicken darf und die Abgründe dort entdeckt, ist man überrascht oder auch geschockt. Der Autor hat eine schonungslose Art, seine Wortwahl beschönigt nichts, er nennt die Dinge beim Namen - das ist sicher nicht jedermanns Sache. Er nutzt die Abgründe seiner Figuren aber nicht, um den moralischen Zeigefinger zu heben, er schildert lediglich Fakten und überlässt deren Beurteilung und Interpretation dem Leser.
"Nur eine Ohrfeige" bietet zwar keine atemlose Spannung, aber dennoch brauchte ich nur drei Tage um das Buch zu lesen. Es hat mich in seinen Bann gezogen. Der Autor versteht es, um ein kleines Ereignis eine vielschichtige Handlung aufzubauen und den Leser dazu zubringen, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Meiner Meinung nach ist "Nur eine Ohrfeige" ein absolut lesenswertes Buch. -
Niederkaltenkirchen - wo das Verbrechen wütet und der Franz mit'm Ludwig eine Runde drehtRezension vom 07.02.2012Der Eberhofer Franz wohnt mit der Oma, dem Papa und Hund Ludwig in Niederkaltenkirchen. Er ist dort der Dorfpolizist und beschäftigt sich hauptsächlich mit Alkoholkontrollen und ein paar Wirtshausraufereien. Aber weil er früher mal ein richtiger Polizist in München war, kennt er sich schon auch mit brisanteren Delikten aus. Deswegen ist er auch der einzige der sich wundert, als die Familie Neuhofer plötzlich durch die seltsamsten Todesursachen dahingerafft wird: Der Vater stirbt an einem Stromschlag (obwohl er Elektrikermeister ist), die Mutter erhängt sich im Wald und der ältere Sohn wird von einem Bauschuttcontainer erschlagen. Und wenn er von seinem anstrengenden Privatleben (die Heimsuchungen von der "Schleimsau" - auch bekannt als sein Bruder Leopold und dem Ferarri - auch bekannt als die neue Bewohnerin vom Sonnleitnergut und eine echte Sahneschnitte) nicht so abgelenkt wäre, hätte er den Fall bestimmt sogar noch schneller geknackt.
Ich war wirklich begeistert von diesem Buch, ich habe beim Lesen selten soviel gelacht und geschmunzelt. Der Mordfall ist eigentlich fast Nebensache, weil man sich so sehr über das Leben vom Franz und die Anekdoten über die Oma und den Papa amüsiert, dass man ganz vergisst, dass der Franz ja auch noch ermittelt. Das bayrische Lebensgefühl in einem kleinen Kaff, wo in der Boazn vom Wolfi und im Vereinsheim das Dorfleben pulsiert und der Besuch von Christmette und Osternacht mit der Oma einfach Pflicht sind, wird von der Autorin so gut eingefangen, dass man (besonders als Bayer) nur darüber schmunzeln kann.
Die Charaktere sind so liebevoll und schrullig gezeichnet, dass ich fast sicher bin, dass sie eine reale Vorlage haben: Die Oma, die nix mehr hört, aber ihren Franz beschützt, wie eine Löwenmutter ihr Junges. Der Papa, der gerne mal einen Joint raucht und wegen der Demo zur Demo geht und nicht wegen der Sache. Der Flötzinger, der Heizungs-Pfuscher und beste Freund vom Franz, der mitten in der Midlifecrisis steckt und seiner verlorenen Jugend hinterherjoggt. Der Simmerl, der Dorfmetzger, der den besten Leberkäs im ganzen Landkreis macht und so einen sonnigen Humor hat. Der Leopold, der nur kommt, um sich beim Papa und der Oma einzuschleimen und dem Franz das Kartoffelbratl wegfrisst. Und, zu guter Letzt, der Hund vom Franz, der Ludwig, der anfängt zu hinken wie ein Pirat, wenn er sich vernachlässigt fühlt. Am Ende des Buches hat man wirklich das Gefühl, die Figuren zu kennen. Mir fehlen sie jetzt schon!
Nachdem mich "Winterkartoffelknödel" so gut unterhalten hat, sind die beiden Nachfolgebände "Dampfnudelblues" und "Schweinskopf al dente" bei mir auf jeden Fall Pflichtlektüre - Ehrensache! -
Spannend, emotional, anspruchsvollRezension vom 06.12.2011Lucy ist fünfzehn, als sie aus ihrer Heimat im kongolesischen Dschungel gerissen wird. Ihr Vater, ein britischer Forscher, wurde von Rebellen getötet. Die amerikanische Wissenschaftlerin Jenny nimmt das Mädchen mit nach Amerika und deckt anhand der Notizen von Lucys Vater das unglaubliche Geheimnis auf: Lucy ist halb Mensch, halb Bonobo. Das erklärt viel, deswegen ist sie überdurchschnittlich intelligent, stark und mitfühlend. Nach außen hin wirkt sie zwar wie ein normaler Teenager, aber instinktiv spüren die Menschen, dass sie anders ist. Jenny adoptiert Lucy, um das Mädchen besser schützen zu können. Sie ahnt, dass sie Lucys Geheimnis um jeden Preis bewahren muss - aber als Lucy schwer erkrankt, ist das nicht mehr möglich. Öffentlichkeit, Regierung, staatliche Behörden, alle kennen nun die Wahrheit über Lucy - welche Konsequenzen wird diese Erkenntnis für das Mädchen haben?
Lucy ist ein außergewöhnliches Buch. Laurence Gonzales bietet dem Leser viel Stoff zum Nachdenken. Es entsteht ein Spannungsfeld um viele interessante Fragen. Wie reagiert jemand, der im Dschungel in völliger Abgeschiedenheit aufgewachsen ist, wenn man ihn plötzlich in eine amerikanische Großstadt verpflanzt? Gäbe es einen Hybriden aus Mensch und Bonobo, wie, und vor allem was, wäre dieses Wesen - ein Mensch oder ein Tier? Und wie weit hat der Homo Sapiens sich überhaupt von seinen nächsten Verwandten, den Bonobos, entfernt - wie viel Bonobo steckt in jedem von uns? Und wie wird die breite Masse auf ein Wesen wie Lucy reagieren?
Als das Geheimnis nicht mehr zu bewahren ist, erscheinen alle möglichen Gruppierungen auf der Bildfläche: die hysterische Medienmeute, skrupellose Regierungsbehörden, seriöse Wissenschaftler, aber auch religiöse Fanatiker. Um dieses Grundgerüst entwickelt der Autor eine in sich logische, spannende und vor allem glaubhafte Geschichte. Eine Geschichte, in der man mitfühlt, mitleidet, mitdenkt.
Mir hat "Lucy" außerordentlich gut gefallen. Es ist definitiv keines dieser Bücher, die man zuklappt und deren Inhalt man sofort vergisst. Es wirkt nach, es bringt den Leser zum Nachdenken. Und es ist auch ein Buch, dass man nochmals lesen kann, weil es eine solch komplexe, facettenreiche Handlung hat. Ich kann "Lucy" guten Gewissens jedem empfehlen, der spannende, intelligente Lektüre mit Tiefgang sucht. -
Packender Krimi mit Münchner FlairRezension vom 21.11.2011Ein Architekt wird auf einer belebten Straße überfahren - absichtlich. Eine Studentin wird in einem See ertränkt - in 30 cm tiefem Wasser. Dühnforts Team hat in beiden Fällen kaum Anhaltspunkte, doch plötzlich entdeckt es eine Parallele. Damit beginnt die Jagd auf einen Serientäter und den Kriminalern läuft die Zeit davon...
Für mich war dieser Krimi eine Löhnig-Premiere, obwohl dies bereits Dühnforts vierter, und laut Klappentext, schwerster Fall ist. Leider! Ich werde auf jeden Fall die drei Vorgängerbände in den nächsten Wochen nachholen, denn Inge Löhnig hat mit "Schuld währt ewig" einen packenden, fesselnden Krimi abgeliefert, den ich, im wahrsten Sinn des Wortes, nicht mehr aus der Hand legen konnte. Einen kompletten Sonntag habe ich damit verbracht, dieses Buch zu lesen und ich hätte beim besten Willen nicht damit aufhören können.
Inge Löhnig legt für den Leser falsche Fährten, ständig wechselte während des Lesens mein Hauptverdächtiger. Ich brauchte fast genau solange wie das Team um Dühnfort, um mich auf die richtige Person festzulegen. Und mal ehrlich: Es gibt ja nichts schlimmeres als einen Krimi, bei dem man nach hundert Seiten schon eine Idee hat, wer der Täter ist, und damit auch noch richtig liegt. Zum Glück war das hier nicht im Geringsten der Fall.
Von Anfang an baut die Autorin gekonnt ihren Spannungsbogen auf, durch häufige Perspektivwechsel beleuchtet sie den Fall von allen Seiten und die kurzen, knackigen Kapitel treiben einen richtig durch das Buch, weil man ständig wissen möchte, wie es weitergeht.
Da mich "Schuld währt ewig" so sehr überzeugt hat, dass ich auch Dühnforts drei vorhergehende Fälle unbedingt lesen will, kann ich das Buch uneingeschränkt weiterempfehlen und es gibt von mir fünf Sterne. Allerdings würde ich empfehlen, mit dem Lesen nicht am Abend zu beginnen. Das könnte zu dunklen Augenringen am nächsten Tag führen! -
Gänsehaut, Spannung , aber leider logische SchwächenRezension vom 30.10.2011"Ewig böse" erzählt die Geschichte von James und Stacey Hastings. James ist Schauspieler. Weil er dem international erfolgreichen Rapper Ghost sehr ähnlich sieht, arbeitet er seit ein paar Jahren als sein Double. Er hält dem Star aufdringliche Fans vom Hals, oder zieht durch die Clubs in LA, während sein Chef irgendwo anders auf der Welt unbehelligt eine Auszeit nimmt, einen Drogenentzug macht oder etwas anderes starmäßiges, wobei er keine Paparazzi oder wildgewordene Fanhorden gebrauchen kann. James verdient mit diesem Job eine Menge Geld, aber seine Ehe leidet darunter. Die optische Veränderung, die vielen Tourneen und die Anfeindungen, die Ghost und somit auch seinem Doppelgänger entgegenschlagen, belasten Stacey. Eines Tages geschieht das Unfassbare, Stacey wird hinter ihrem Haus überfahren, der Fahrer versteckt ihre Leiche am Straßenrand und macht sich auf und davon. James gibt sich die Schuld an ihrem Tod, kündigt den Doppelgängerjob und erschafft sich in ihrem gemeinsamen Haus sein persönliches Gefängnis. Er geht nur noch vor die Tür, um Bier zu holen und versucht gewissenhaft, sich zu Tode zu trinken. Sein Leben ändert sich erst mit Staceys erstem Todestag. Er lernt eine Frau kennen und von da an passieren Dinge, die er sich nicht erklären kann. Stacey scheint zurück zu sein...
Besonders der erste Teil des Buches lebt eher von subtilem Grusel. Der Thriller ist in der Ich-Form geschrieben, James erzählt seine Geschichte. Dadurch ist der Leser dem Geschehen sehr viel näher, scheint direkt in James Kopf zu sein. Da James in einer handfesten Krise steckt und zu viel trinkt, gibt es Passagen, die schwer zu lesen sind, allerdings macht es die Handlung auch authentischer. Man schleicht sich mit James durch sein Haus, das von Tag zu Tag unheimlicher wird, und rechnet hinter jeder Ecke mit der toten Stacey oder zumindest mit einer ihrer "Botschaften". Spätabends alleine zu lesen ist also nur etwas für die Hartgesottenen. Erst in der zweiten Hälfte des Buches wird das Geschehen dann blutiger und brutaler.
Besonders gegen Ende wird es atemlos spannend und "Ewig böse" wird zum Pageturner. Christopher Ransom peitscht die Handlung auf das Ende zu und ich konnte das Buch auf den letzten hundert Seiten nicht mehr beiseite legen.
Meiner Meinung nach lebt ein guter Thriller davon, dass im letzten Viertel alle offenen Fragen logisch beantwortet werden und dem Leser am Ende alles Geschehene klar wird. Bei "Ewig böse" ist es leider so, dass einige Sachen gar nicht geklärt werden oder unlogisch sind. Im ersten Leserausch fällt das noch nicht so auf, sondern erst wenn man nach dem Zuklappen des Buches noch mal über die Handlung nachdenkt. Das Buch war zwar sehr spannend und es hat mich auch gut unterhalten, aber dennoch reicht es deswegen nur für 3 Sterne.











