Der Amok-Komplex
Leseprobe

Der Amok-Komplex

oder die Schule des Tötens

von Ines Geipel

Buch

gebunden (342 Seiten)

1. Auflage

Sprache: Deutsch

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Ist der Amoklauf Teil unserer westlichen Gesellschaft und was verbindet die Taten der jungen Todesschützen weltweit? Ines Geipel stellt fünf exemplarische Orte ins Zentrum ihrer vielschichtigen Recherchen - darunter auch die drei Amokläufe in Deutschland: Erfurt, Emsdetten, Winnenden.


Junge Amokschützen lernen voneinander: Die »Schule des Tötens« erstreckt sich vom australischen Port Arthur bis zum norwegischen Utoya. Die drei deutschen Tatorte Erfurt, Emsdetten und Winnenden stellt Ines Geipel in den Kontext der weltweiten Geschichte des Amok­laufs und sie zeigt, wie diese neue Form der Gewalt aus der Mitte un­serer befriedeten westlichen Gesellschaften herausbricht. Was treibt junge Amokläufer an? Warum sind Waffen noch immer so mühelos verfügbar? Wie schützt die Polizei, was klärt die Politik, wer ist für die Hinterbliebenen da? Unveröffentlichte Akten und Materialien, Gespräche mit Augenzeugen, Angehörigen und Experten geben tiefe Einblicke in den Amok­Komplex.

Produktdetails

ISBN-10: 3-608-94627-6
EAN: 9783608946277
Erschienen: 15.03.2012
Verlag: Klett-Cotta
Einband: gebunden
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 1. Auflage
Seitenzahl: 342
Länge/Breite: 213mm/138mm
Gewicht: 557 g
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Ines Geipel

Ines Geipel, geb. 1960 in Dresden, sechs Jahre DDR-Hochleistungssport mit Zwangsdoping und Weltrekord über 4 x 100 Meter. Nach dem Germanistik-Studium in Jena 1989 Flucht nach Westdeutschland und Studium der Philosophie und Soziologie in Darmstadt. 1996 gibt sie Gedichte und Prosa von Inge Müller heraus; daneben u.a. eigene Texte (ein Roman, eine Gedichtsammlung). Heute ist sie Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Mitarbeiterin des Hannah-Arendt-Instituts.

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  • Und Steigerung ist stets noch möglich ... Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Thomas Fritzenwallner, am 02.05.2012

    1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Jede Amoktat hat ihre individuelle Vorgeschichte und wird juristisch als spezifischer einzelner Fall aufgearbeitet. Für die Frage, ob und warum diese Art Verbrechen eine neue Dimension bekommen hat und was man dagegen tun könnte, ist kein Gericht zuständig. Aber genau sie beschäftigt die Öffentlichkeit. Amoktaten sind Massenmorde, die tiefe Wunden in die Gesellschaft schlagen. Das Gefühl, dass sie seit etwa zwanzig Jahren beunruhigend zunehmen, mag durch mediale Hysterie verschärft werden, aber es wurzelt in der Realität. Überdies haben die Fälle, in denen ein überbewaffneter, junger Mann an einem öffentlichen Ort, in einer Schule ein Blutbad anrichtet, beunruhigende Gemeinsamkeiten.
    Um diese Schnittmengen geht es Ines Geipel, die sich 2004 schon einmal ausführlich mit dem Massaker im Gutenberg-Gymnasium Erfurt auseinandergesetzt hat, in ihrem neuen Buch. Ihnen spürt sie anhand von fünf Amoktaten nach. Von Port Arthur/Tasmanien 28. April 1996 über Erfurt 26. April 2002, Emsdetten 20. November 2006, Winnenden 11. März 2009 bis nach Oslo und Utoya 22. Juli 2011. An ihnen verfolgt sie im Detail, was inzwischen Standard der kriminologischen Forschung ist: Amokschützen lernen voneinander. Für den tasmanischen Täter wirkte das Massaker an 16 Kindern und ihrer Lehrerin im schottischen Dunblane wie ein Aufputschmittel, sechs Wochen später tötet er 35 Menschen. Columbine am 20. April 1999 wird zu einer neuen Grammatik des Tötens. Ab 2001 erweitert Nine-Eleven den mörderischen Horizont. Heute bietet die Internet-Community Amok-Rankings.
    Schnittmengen sind Waffenfetischismus, Alkohol, Drogen wie Extasy, Tilidin und Anabolika und manisches Online-Kriegspielen. Moderne Amokläufe sind keine spontanen Ausbrüche, sondern präzis vorbereitete Taten, in denen sich ein länger verkapseltes Ohnmachtsgefühl in absolute Macht verwandeln und den Täter berühmt machen soll. Amokläufer sind keine sozial verkorksten dummen Jungs, sie sind zumeist hochintelligent, bestens vernetzt.
    Ines Geipel kombiniert eigene Recherchen mit psychoanalytischer Kenntnis und neuer Forschung aus Neuropsychologie, Kriminologie, Evolutionsbiologie. Das ist spannend zu lesen, gerade weil sie den Erzählfluss immer wieder mit Variationen ergänzt. Manche ihrer Verknüpfungen wirken gewagt und sind mit Verschwörungstheorie überfrachtet. Alles in allem ein mitreissendes Buch, dessen Aktualität uns aus Medienberichten stets im Nacken sitzt.

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VORWORT

Nach dem Todeslauf von Robert Steinhäuser am 26. 4. 2002 am Erfurter
Gutenberg-Gymnasium hieß es von seiten der Politik, die Tat sei »ein Unheil, das
vom Himmel gefallen ist«. Die Schockstarre schien so groß, dass es unmöglich
war, den Fall umfassend aufzuklären. Nach Erfurt aber kamen Coburg, Emsdetten,
Winnenden, Ludwigshafen, Lörrach. Mehr als 100 Menschen wurden in Deutschland
allein im vergangenen Jahrzehnt durch hochkalibrige Schusswaffen getötet. Wie
viel sind zehn Jahre im Lebenstakt einer Gesellschaft?

Die Welt ist grenzenloser, schneller, atemloser geworden. Dem Amoklauf von
Port Arthur folgten Columbine, Minnesota, Pennsylvania, Cleveland, Jokela,
Utøya, Lüttich. Amok ist zum globalen Handlungsmodell geworden, die Schule des
modernen Tötens zu einem Topsystem der Destruktion. Es giert nach maximaler
Resonanz, bei der die dramatische Szene je nach medialem Referenzsystem umgebaut
wird. Nach wie vor gehören Schulen als Tatorte dazu, aber mehr und mehr - wie
Tucson und Oslo 2011 belegen - auch Senatorenbüros und Regierungsgebäude. Was
sind zehn Jahre? Im Epizentrum der Tat ereignet sich unverändert das Absolutum,
der Schrecken, nur Sekunden später unendliches Leid bei den Opfern und
Angehörigen. Außerhalb des Epizentrums zeigt sich mehr und mehr Achselzucken.
Ein Amoklauf? Schon wieder? Bloß gut, dass ich weit weg gewesen bin. Die
gesellschaftliche Halbwertszeit der Trauer sinkt mit jedem Fall. Ist das die
Lösung?

Das Buch nähert sich dem Amok-Komplex über fünf Fälle. Fünf biographische
Vignetten, in denen jeweils ein anderer Fokus gewählt wird: In Port Arthur 1996
rückt das Transgenerationelle in den Blick, in Erfurt 2002 die Politik, in
Emsdetten 2006 das Täterprofil, in Winnenden 2009 die Angehörigen und das
deutsche Waffenprinzip, in Utøya 2011 die versuchte Virtualisierung und
Ideologisierung von seiten des Täters. Parallelen und Muster sind das eine,
Konkretes und Überkomplexes dieser menschlichen Katastrophen das andere. Es geht
ums Beschreibbare, um Selbst- und Fremdbilder, um seelische Verkrümmungen,
Indifferentes, Entglittenes, Psychotisches, Verstörtes. Wo sonst kreuzen sich
Wirkliches und Unmögliches so dicht wie im Töten?

Dieser Zugang legitimiert weder Gewalttätigkeit noch Brutalität. Er sagt nur,
dass es nichts bringt, Amokläufe zu anonymisierten Menetekeln zu machen. Die
Täter sind keine Monster, Dämonen oder Teufels-Killer. Sie haben mit 17 ein
Auto, eine Doppeletage im Haus der Eltern oder ein dickes Konto. Amokläufer
töten aus unserer Mitte heraus. Sie zu psychiatrisieren hieße, sie aus der
Gesellschaft zu exkulpieren. Hilft das weiter? Der kategorische Nichtumgang der
Politik mit dem offenkundigen Grauen hat die Ohnmacht nur potenziert. Was sind
zehn Jahre? Das Einrichten in Politfloskeln, einer Angstkultur und
gesellschaftlicher Abwehr, aber auch jede Menge Mordswut.

Verleugnete Instanzen arbeiten effizient. Seit Columbine beziehen sich die
Täter auf ihre dunklen Väter aus dem Internet. Das Gefangensein in der
virtuellen Welt ist eine Parallelerfahrung zur Demütigung im Realen geworden.
Dabei liegt der Unterschied auf der Hand: Amokschützen lernen schnell, und sie
lernen voneinander. Sich im Virtuellen aufzuladen und der problemlose Zugang zu
Waffen ermöglichen das Systemische, aber auch Systematische ihrer
Inszenierungen: Anders Breivik und sein Kompendium »2083« oder der parzellierte
Amok der Jenaer Todes-Troika, die im November 2011 ganz Deutschland in Bann
hielt, sind ein Beleg dafür, dass sich die Täter in ihrem VerwüstungsAkt nicht
mehr entladen. Sie sind in der Lage, ihr NegationsProgramm im Inneren zu halten
und über den Anschlag hinaus zu verlängern. Wenn alles zum schrankenlosen Spiel
erklärt ist, warum nicht auch das Töten? Auf diese Weise sind Amokläufe zu
kaltblütigen Entrees für den vermeintlichen Missions-Akt nach der Tat geworden.
Ein herberParadigmenwechsel.

Der Amok-Komplex im Zeitalter der Neuen Medien hat die Gesellschaft zum
Komplizen gemacht. Das Buch handelt von seelischen Inseln, Vulkanen, Abrissen,
Vakuen und einem unerhörten Schmerz. Ihn wahrzunehmen könnte bedeuten, sich von
der Aufforderung zur Destruktion frei zu machen, die jeder neue Amok-Fall
offeriert.

Ines Geipel, Januar 2012


PROLOG
PORT ARTHUR, 28. APRIL
1996
DAS ARSENAL IN DER CLARE STREET, NR.
30
SAND-ÖSEN UND EXKULPIERTES.

Von Frankfurt nach Hobart, der Hauptstadt von
Tasmanien, über Singapur, Sydney, Melbourne. Ein Flug ans andere Ende der Welt.
Die Maschine kämpft sich durch dichte Wolkenmassive, ineinander geschoben,
übereinander gestapelt, aus sich heraus quellend. Mit einem Mal reißen sie auf.
In den Blick über die linke Tragfläche schiebt sich nach und nach die
Anwesenheit der Welt: das Meer, jede Menge Spinnaker und Fischerboote, das
Gesetz der Vögel, die scharfe Landkante, ab da viel dunkles Grün. Das Flugzeug
steuert direkt auf den einzigen hellen Fleck in ihm zu. Es ist Hobart. Der
Kapitän schaltet sich aus dem Cockpit ein, plaudert eine Weile übers
Inselwetter, teilt mit, dass der Sink?ug begonnen hat, verabschiedet sich. Das
Mikrofon knackt, die Fernseher werden abgeschaltet, die Sitze senkrecht
gestellt, der Druck auf die Ohren nimmt zu. Als befände man sich in einem
Vakuum. Wozu diese weite Reise?

Avis, Sixt, Hertz, Europcar. Die Mehrheit der Passagiere trifft sich nach der
Landung an den Schaltern der Autovermietungen wieder. Der Andrang ist groß. Alle
haben es eilig. Niemand achtet auf den schwarzen Rucksack, der auf der Bank vor
dem Sixt-Stand abgestellt wurde. Binnen Sekunden ist die Halle voll mit Polizei.
Jeder hat seinen Ausweis zu zeigen. Die Uniformierten wirken streng. Zwei junge
Frauen gehen nach ihrer Kontrolle in Deckung, die Augen ängstlich auf das
schwarze Teil fixiert. Jetzt sehen es alle. Es ist, als würde die ganze Halle
einen Moment lang den Atem anhalten. Ein Polizist kommt mit einem
Bombendetektor. Er hantiert professionell, stellt das Gerät einen reichlichen
Meter vor dem Rucksack auf. Vier seiner Kollegen riegeln ab, drängen die Leute
zu den beiden Ausgängen. Der Mann am Detektor schaut so konzentriert durchs
Visier wie die Umstehenden auf ihn. Erneut das Vakuum-Gefühl. Nach einer Weile
klappt er das Gerät ein, nickt die Runde ab. Die Angelegenheit ist beendet. Die
Polizisten ziehen ab. Am anderen Ende der Halle ist noch ein helles Lachen zu
hören, das die Angst verabschiedet. Die Autoausleihe läuft weiter wie immer. An
den Ausgängen hängen zwei gelbliche, meterlange Bänder mit grellroter Schrift:
»Welcome to Tasmania!«

Vom Flughafen aus Richtung Süden. Unaufhörlicher Wind und ein Licht, das
ständig auf Anfang steht: klar, grell und durchweg in dem seltsam satten Grün,
das schon vom Flugzeug aus zu sehen war. Die Fahrt durch eine Landschaft, die
man mit dem Kosewort Urvertrauen ansprechen möchte: entschieden, archaisch,
zart, zerzaust, wild, und die doch viel von Zivilisation erzählt. Alte Brücken,
stämmige Siedlungen im Kolonialstil, abseits liegende Farmen, von denen jede
zweite zum Verkauf steht. Die Straße führt entlang der Uferzonen, durch rissige
Landengen, an Meeresklippen vorbei und wird zu einem großen Bericht über
Schönheit und Grenzen. Nach anderthalb Stunden Fahrt ist man am Eaglehawk Neck,
dem »Eingang zur Unterwelt«, wie eine Tourismus-Tafel preisgibt. Dabei ist
dieser Zugang ins Dunkle etwas sehr Lichtes, eine Sand-Öse, eine Art Landbrücke,
an der schmalsten Stelle nur 30 Meter breit. Ein Durchgang. Von wo nach wo?

ALTE UND NEUE WELTEN. 160 000 Häftlinge hatte man
allein zwischen 1788 und 1868, zumeist aus England, Irland, Schottland und
Wales, nach Australien - in die sogenannte »Verbrecherkolonie« der Alten Welt -
geschickt. Vor allem die Briten suchten einen Ort, um sich ihrer wie auch immer
auf Abwege geratenen Landeskinder zu entledigen und setzten diese zumeist
lebenslänglich in der Ferne aus. Doch das notwendige Arrangement im
Deportationskosmos Australien zwischen Militär, Siedlern, Gefangenen,
Missionaren und ehemaligen Sträflingen führte eher zur gesellschaftlichen
Modellwerkstatt denn zum Desaster. Der Gouverneur von Neusüdwales, der Schotte
Lachlan Macquarie etwa, machte in seiner Amtszeit zwischen 1810 und 1821 einen
in England verurteilten Fälscher zum Staatsarchitekten und einen ursprünglich
zum Tode verurteilten Meuterer zu seinem Leibarzt. Der Fälscher Francis Greenway
baute die generösen Kolonialbauten in Sydney. Nach dem meuternden Arzt William
Redfern wurde gar ein ganzer Stadtteil benannt. Das roch nach
»Mensland«-Pragmatismus, handfestem Egalitarismus, starkem Aufbruchswillen und
Standesdurchbrüchen, die in dieser Zeit nur in der Neuen Welt denkbar waren.


Das aus der Not geborene Integrationspotential der Neugründer schmiedete
zusammen und machte das forcierte Gesellschaftsexperiment am anderen Ende der
Welt zu einem glücklichen. Und doch war es genau diese Energie, die zu einer
folgenschweren Black Box im Inneren der sich suchenden Nation führte. Ob
Rassismus oder kategorischer Ausschluss alles Fremden: Die vom Mutterland
Ausgesetzten wiederholten, was ihnen widerfahren war und gingen in ihrer
Zweitheimat nicht eben zimperlich vor. Ihre Kultur des Gelingens sollte
durchgesetzt werden. Exkulpiertes Leben, die Überfahrt als Trauma, ein
ungewisser Alltag, innere Verunsicherung und das Unbedingte des Neustarts
gehörten zum unerlösten Schweigevolumen der australischen Überlebensnation. Ein
offenbarer Double-Bind, dem zuerst die Aborigines, die Ureinwohner des
Kontinents, zum Opfer ?elen und der noch heute nicht ohne markante Schatten
ist.

Tasmanien selbst wurde innerhalb dieser gesellschaftlichen Tour de force zur
Insel der doppelt Ausgesetzten. Neben Häftlingen mit Höchststrafen aus
Großbritannien brachte man vor allem diejenigen hierher, die wegen besonderer
Renitenz von den Gefängnissen auf dem Festland ausgespuckt oder nach ihrer
Entlassung zu Wiederholungstätern wurden. Eine Auswahl, die den südlichsten
Süden Australiens zum dreifachen Sinnbild machte: zur »Endstation für die
schlimmsten Verbrecher der Kolonie«, zum Brennspiegel für den nüchternen
Reformwillen des jungen Kontinents im Hinblick auf das eigene Straf-System und
zu einem kollektiven Greuel-Kosmos. Denn die Neusiedler, allen voran entlassene
Häftlinge, jagten, quälten und massakrierten die Aborigines mit einer
Grausamkeit, dass nur wenige der Ureinwohner die Exzesse überlebten.

Eaglehawk Neck diente in diesem geschlossenen System als strategisch wichtige
Schleuse, als Durchgangszone zwischen Insel-Hauptland und südlichstem
Hinterland. Wer sich retten wollte, musste da durch. Und retten wollten sich auf
der Insel viele. Nicht nur die zum Abschuss freigegebenen Ureinwohner, sondern
auch die Häftlinge von Port Arthur, der größten australischen Sträflingskolonie.
Sonderlich aussichtsreich waren die Fluchtaussichten nie. Die Landenge wurde
strengstens bewacht; mit viel Personal, durch einen meterhohen Zaun und
besonders ausgehungerte Hunde, die man allein darauf abrichtete, jeden
Flüchtling zu zerfleischen, der sich dem Übergang Richtung Freiheit näherte.

Den letzten Zipfel Tasmaniens - oder auch alles hinter Eaglehawk Neck -
nannten die Inselbewohner lange Zeit »natural prison«. Ein Niemandsland, in das
es einen besser nicht verschlug. Es war die »Gegend mit dem Makel« und der
»Makel« nichts anderes als Port Arthur, der rasch legendäre Ort, dazu
auserkoren, die »Schurken ehrlich zu machen«. 1830 zunächst als Holzfällerlager
errichtet, wurde es 1833 zum Straflager. Eines der ersten Gefängnisse nach dem
Panoptikum-Modell, jenem Überwachungssystem, das der französische Philosoph
Michel Foucault um einiges später als »Maschinenarchitektur«, als moderne
Technologie von Macht, Wissen und Raum beschrieb. Anonymität, Medizinisierung,
Ordnung, Isolation im Sinne von Totalhierarchie wurden zu neuen Standards der
Kontrolle. Port Arthur - eine Verwandlungsinstitution par excellence, mit der
Überlegung, physische Strafen zunehmend durch psychische zu ersetzen.

Die panoptische Reform in diesen Jahren war einschneidend - und brutal für
den Einzelnen. In Port Arthur verbrachte jeder Neuankömmling die ersten Monate
zunächst in Einzelhaft. Dauerschweigen unter Dauerbeobachtung. Nicht wenige
Häftlinge waren dem modernen Psychoterror nicht gewachsen. Sie töteten sich oder
andere, kamen in die basilikaartige, rote Irrenanstalt oder ins
»Simulantenhaus«, das Krankenhaus. Wem es nicht gelang, sich dem ausgeklügelten
System der Reform-Stille zu unterwerfen, landete in der Strafzelle: bis zu 30
Tagen totale Dunkelhaft bei Wasser und Brot. Mitten in der Bucht von Port Arthur
liegt der Friedhof der Sträflingssiedlung, die Insel der Toten. Häftlinge, die
den Drill nicht überlebten, wurden hier in anonymen mehrstöckigen Massengräbern
verscharrt, zwischen 1831 und 1877 fast 2000. Die Aufseher und das Militär
bekamen am obersten Punkt der Insel Einzelgräber. Ihre hellen Grabsteine stehen
als sichtbare Reste einer Schattenwelt. Man hat unwillkürlich Arnold Böcklins
»Toteninsel« vor Augen. Vor der Insel eine Insel, auf der der Tod wohnt.

Der Transport von Häftlingen nach Port Arthur endete 1853. 24 Jahre später
wurde die Sträflingssiedlung geschlossen, die mittlerweile 12 000 Häftlinge von
innen gesehen hatten. Die letzten von ihnen, etwa 250, wurden auf die
Gefängnisse von Hobart verteilt. Es brauchte nicht lange, bis man entdeckte,
dass aus dem Ort jenseits aller Orte und dem Schmerz der Häftlinge Kapital zu
schlagen war. Zwischen den Ruinen entstand ein kleiner Ort mit dem Namen
»Carnarvon«, der sich für das, was man Knast-Tourismus nennt, umfassend
verantwortlich fühlte. Ein einträgliches Geschäft. Bei dem es geblieben ist.
Seit mehr als 100 Jahren gibt es sie, die Pilgertouren hin zum Leid, in die
Weltabgewandtheit Port Arthurs, durch eine Landschaft, die wenigstens ab
Eaglehawk Neck ganz auf Erhabenheit aus ist. Was ist Schönheit? Die Straße
scheint sich zusammenzuziehen, als liefe sie auf die eine Frage hinaus, als
könne sie sich nur darauf konzentrieren.

IM BROAD ARROW CAFÉ. Es ist dieselbe Straße, auf
der am 28. 4. 1996 mittags kurz nach 13.00 Uhr ein gelber Volvo mit einem
Surfbrett auf dem Dach Port Arthur ansteuert. Das Auto kommt von der Palmers
Lookout Road, einer etwas entlegenen Straße zwischen Meer und Busch, nur ein
paar Kilometer entfernt. In ihm sitzt ein junger Mann. Blonde, schulterlange
Haare, Mitte 20 vielleicht, in grüner Jacke. Ein Sonnyboy-Typ. Auf dem Rücksitz
eine große, mehrfarbige »Prince«-Sporttasche. Es ist Sonntag. Port Arthur hat
annähernd 700 Besucher an dem Tag. Vergleichsweise wenig. Es ist Herbst, nichts
mit Pilgerzeit, keine Saison.

Der Volvo parkt in der Nähe des Besucherzentrums. Ian Kingston, ein
Sicherheitsbeamter, entdeckt das gelbe Auto und ermahnt den Fahrer, nicht zu nah
am Wasser zu parken. Der Mann in grüner Jacke mault etwas zurück, was nach »Fuck
you!« klingt. In jedem Fall ignoriert er die Anweisung, steigt aus und läuft in
direkter Linie zum Broad Arrow Café, das unmittelbar am Wasser liegt. Dort holt
er sich am Tresen etwas zu essen und setzt sich draußen auf die Veranda in die
Sonne. Sporttasche und Videokamera neben ihm auf dem Boden. Nach einer Weile
spricht der Blonde eine Frau am Nebentisch an: »Sie müssen hier auf die
Tourismus-Wespen aus Europa achten!« Sie schaut ihn ungläubig an. Ein paar
Minuten später steht der Mann auf und geht zurück ins Café. Sein Blick fällt auf
ein Paar aus Südkorea. Er stellt seine Sporttasche auf den Tisch und öffnet
sie.

13.15 Uhr. Knapp 80 Leute sammeln sich in dem Moment für eine
anderthalbstündige Führung. Treffpunkt ist die Informationstafel am
Haupteingang. Das Gelände ist weitläufig. Es gibt viel zu sehen: die eigentliche
Strafanstalt, die von weitem wie eine Schlossruine wirkt, den Wachtturm, das
Haus des Kommandanten, das Krankenhaus, die Wäscherei, die Irrenanstalt, das
Einzelgefängnis, das Pfarrhaus, die Kirche, die Angestelltenhäuser, die Docks,
die Gärten und Parks. Fast alle buchen die Fähre auf die Insel der Toten oder
noch ein Stück weiter, zum Point Puer, dem ersten Jungen-Gefängnis der Alten
Welt. Die Gruppe wartet noch auf ihren Guide, als plötzlich ein starker Knall zu
hören ist. Alle Blicke gehen in Richtung Café. Nach ein paar Sekunden kommt ein
Körper durch eins der Frontfenster geflogen. »Wieder mal Filmaufnahmen«, sagt
einer aus der Gruppe und wendet sich erneut der Informationstafel zu.

Ian Kingston, der soeben auf dem Parkplatz zu tun hat, hört das laute
Geräusch ebenfalls. Vermutlich eine Gasexplosion, denkt er, und stürmt zur
Eingangstür des Cafés. Keine fünf Meter von ihm entfernt sieht er im Innenraum
von hinten einen Mann mit einem Gewehr auf Hüfthöhe. Das ist kein Spaß, weiß Ian
Kingston sofort. Der Mann mit der Waffe geht von Tisch zu Tisch. Sehr schnell,
doch dabei ohne Eile, schießt er auf die Touristen, die vor ihm sitzen. Er
stellt sich so nah vor seine Opfer, dass er aus kürzester Entfernung auf sie
zielen kann. Ian Kingston hört ihn dabei laut lachen. Dem Sicherheitsbeamten ist
klar, dass er unbewaffnet keine Chance hat, den Schützen zu stoppen. Es gelingt
ihm, sich in Richtung Informationszentrum zurückzuziehen, um Alarm auszulösen
und die Besucher zu warnen.

Im Café ist Panik ausgebrochen. Einige haben sich in den Toiletten versteckt,
einige in der Küche, einige sitzen unter den Tischen, einige rennen den Flur
Richtung Souvenirladen entlang, einige sind schreiend nach draußen gelaufen und
suchen Schutz hinter den großen Bäumen im Park. Der Mann mit der Waffe weiß das
Chaos zu nutzen. Sein Lachen wird zum Schreien. In weniger als zwei Minuten gibt
er im Broad Arrow Café 29 Schüsse ab. Manche Kugeln treffen mehrfach. Er tötet
20 Menschen und verletzt 12 weitere. Als das Magazin leer ist, verlässt der
Schütze den Ort des Geschehens, wechselt binnen Sekunden das Magazin und tritt
auf die Terrasse, ins Freie.

Ian Kingston ist es mittlerweile gelungen, Polizei und Besucher zu
alarmieren. Doch trotz Warnung glauben viele noch immer an ein Re-enactment,
laufen zum Café und dem Mann mit der Waffe direkt vors Visier. Dem geht es ums
Ballern, ums Weitermachen, darum, möglichst viele »Wespen« zu töten. Das hat
keine Methode. Er verlässt das Café, läuft los, streunt, schießt auf alles, was
sich bewegt, entscheidet sich dabei für den Busparkplatz, schießt wahllos in die
Busse hinein und tötet vier Menschen. Erneut an seinem Volvo, wechselt er zum
zweiten Mal das Magazin. Aus dem Augenwinkel heraus sieht er, dass jede Menge
Touristen den Hügel hochrennen, um sich in den Ruinen des Gefängnisses zu
verstecken. Er will eine Geisel haben, was mit dem Auto am einfachsten zu machen
ist. Noch im Anfahren entdeckt er etwa 100 Meter entfernt eine Frau mit zwei
kleinen Mädchen. Er hält auf sie zu, stoppt und steigt aus.

Nanette Mikac, eigentlich Geistertour-Führerin in Port Arthur, ist an dem Tag
mit ihren beiden Töchtern, der sechsjährigen Alannah und der dreijährigen
Madeline, zum Picknicken auf die weitläufigen Wiesen der Anlage gekommen. Sie
mag diese Art Sonntage mit den Mädchen, wenn ihr Mann mit ein paar Freunden den
Tag im »Tasman Golf Club« verbringt. Walter Mikac ist der örtliche Apotheker.
Die vier leben im größeren Nubeena, mit dem Auto kaum 20 Minuten von Port Arthur
entfernt. Die Familie ist erst vor zwei Jahren von Melbourne nach Tasmanien
gezogen. Bis dahin gab es keine Apotheke in der Gegend, ein Manko für die
Bevölkerung im Südteil der Insel, die ohnedies unter medizinischer
Unterversorgung leidet.

Der Mann mit dem Gewehr, noch an seinem Volvo, schreit Nanette Mikac aus
einiger Entfernung hinterher, befiehlt ihr, stehen zu bleiben und ballert einige
Male in ihre Richtung. Sie hastet zum Wasser, die beiden Mädchen panisch vor
sich hertreibend. Die Jüngere schreit. Der Schütze erreicht die drei, drückt die
Schulter der Mutter auf den Boden und be?ehlt ihr, sich vor ihm hinzuknien.
Nanette Mikac ?eht nicht um sich, sondern um das Leben ihrer Kinder. Der Mann
zögert keinen Moment, erschießt die Mutter und die dreijährige Madeline aus
nächster Nähe. Alannah gelingt es, sich in dem Chaos loszureißen und hinter
einem der großen Bäume zu verstecken. Der Täter hat sie in dem Gemenge
offensichtlich übersehen. Zwei Touristen beobachten das Drama aus der Ferne und
rufen das Mädchen, in der Hoffnung, wenigstens Alannah noch retten zu können.
Sie rennt los. Der Schütze entdeckt sie zwischen den Bäumen und schießt. Er
verfehlt die Sechsjährige. Nach einer kurzen Jagd erreicht er sie, hält ihr das
Gewehr in den Nacken und tötet das Mädchen.

Der Mann verlässt den Tatort nahe am Wasser und fährt Richtung Straße
oberhalb des Gefängnisgeländes. Auf diesem Teil des Parkplatzes steht ein
goldener BMW mit vier Insassen. Er stoppt seinen Volvo,
steigt aus, geht mit vorgehaltener Waffe auf den Wagen zu und ruft: »Ihr seid
meine Geiseln!« Der Fahrer des BMW, um die 60, steigt
ebenfalls aus und erklärt, dass das nicht möglich sei, denn er habe ein
schwaches Herz. »Da hast du was für dein Herz«, sagt der Schütze, drückt ohne
Vorwarnung ab und schießt dem Älteren direkt in die Brust. Der stirbt sofort.
Der Schütze sieht den Körper vor sich fallen, läuft um den BMW herum und erschießt auch die anderen drei.

Und noch immer hat der Mann keine Geisel. Aus dem Kofferraum seines Volvos
holt er sich einen Kanister Benzin, schiebt die Leichen kurzerhand aus dem BMW, steigt ein und fährt los. An der Tankstelle Stewart Bay,
zweieinhalb Kilometer von Port Arthur entfernt, sieht er eine Frau und einen
Mann in einem weißen Auto. Beide machen grad Pause. Der
BMW-Fahrer fährt vor und kommt sofort zur Sache. »Ich nehme Sie als
Geisel!«, droht er und fuchtelt vor ihren Augen mit dem Gewehr herum. »Nein,
nicht meine Frau, bitte nicht«, wehrt der Mann ab. »Gut, dann eben Sie«,
antwortet der BMW-Fahrer, legt ihm Handfesseln an und
drängt ihn zum Kofferraum. Während er die Motorhaube des Wagens schließt, fällt
sein Blick Richtung Tankstellen-Shop. Der Laden ist voll. Es gibt also keine
Zeit zu verlieren. Er erschießt die Frau und prescht mit der Geisel im
Kofferraum davon. Die Tour geht zum Gästehaus »Seascape«, unweit von Oakwood,
mitten im Busch. Es gehört dem Ehepaar Sally und David Martin. In diesem Haus
ist der Mann, der zu dem Zeitpunkt mehr als 30 Menschen erschossen hat, an dem
Tag schon einmal gewesen.

WO IST DAVID? Noch einmal der 28. 4. 1996, früh
am Morgen, in Hobart New Town. Der Wecker in dem weitläufigen, hellen Haus in
der Clare Street Nummer 30 klingelt schon kurz vor 6.00 Uhr. Für das junge Paar
oben im ersten Stock eine eher unübliche Zeit. Die Freundin, müde und
überrascht, sieht den Mann im Bett neben sich irritiert an. Er habe ein paar
Dinge zu erledigen, meint der knapp. »So früh?«, fragt sie. Bald darauf verlässt
die Frau das Haus, um sich auf den Weg zu ihren Eltern zu machen. »Bis morgen!«,
verabschiedet sich der Freund. »Ja, bis morgen!«, ruft sie ihm von der Straße
aus zu. Um 9.47 Uhr - stellt später die Alarmanlage fest - und nach etlichen
Schluck Sambuca zieht der Mann die Haustür hinter sich zu und begibt sich zu
seinem gelben Volvo. Im Kofferraum: zwei Paar Handfesseln, ein langes Seil, ein
Jagdmesser und verschiedene Kanister Benzin. In der bunten Sporttasche drei
halbautomatische Waffen und ein ganzes Arsenal an Munition. Die Waffen: eine
halbautomatische AR-15 des Kalibers .223, eine
halbautomatische Military SLR des Kalibers .308 und eine
halbautomatische Daewoo, 12-Gauge. Der blonde Mann fährt in seinem Volvo - eine
Fahrerlaubnis hat er nicht - auf den Brooker Highway, um die Stadt über die
Tasman Bridge zu verlassen.

Um 10.30 Uhr macht er zum ersten Mal Station, am Zeitungskiosk am Midway
Point. Dort kauft er für 1,50 Dollar ein Feuerzeug. Er ist Nichtraucher. Zehn
Minuten später hält er erneut, in Sorell, einer Kleinstadt auf dem Weg Richtung
Süden. In einem Supermarkt holt er sich für 1,40 Dollar eine Flasche
Tomatenketchup. In Forcett, zehn Kilometer weiter, stoppt er wieder, um an der
Shell-Tankstelle einen Kaffee zu trinken. Zur vierten Unterbrechung wird die
Bäckerei Taranna Convict, nochmal reichlich zehn Kilometer weiter gen Süden. Dem
Bäckerei-Besitzer erzählt der Mann, dass er mit zwei anderen Jungs in die
Norfolk Bay wolle, zum Surfen. Trotz gut sichtbaren Surfbrettes auf dem Dach des
Autos hat der vermeintliche Sonntagsausflügler noch nie in seinem Leben gesurft
und wird das auch an diesem Tag nicht tun. Der Volvo hält noch dreimal, an drei
verschiedenen Tankstellen. Der Mann mit den langen, blonden Haaren tankt nur an
der letzten.

Die zahllosen Stopps verkürzen den Vormittag. Gegen 11.00 Uhr verlässt der
Volvo-Fahrer Taranna, einen Ort, den er gut kennt, da er mit seiner Schwester
dort früher oft reiten gewesen war. Minuten später steuert das Auto die Farm der
Martins an. Sally Martin, die Farmerin, sieht den Mann in der grünen Jacke schon
von weitem. Sie kennt ihn seit seiner Kindheit. Sowieso kennt man sich hier.
Jede Hochzeit, jedes neugeborene Kind, jeden Schmerz. In dieser Gegend sind alle
Nachbarn, auch wenn eine Farm 20, 30 Kilometer von der nächsten entfernt liegt.
Sally Martin ist nicht begeistert, als das gelbe Auto den schmalen Weg Richtung
Seascape einschlägt. Das ist doch der Typ, der vor Jahren um jeden Preis ihr
Anwesen kaufen wollte. Der Streit war heftig. Sie hat ihn nicht vergessen. Aber
warum sollten sie verkaufen? Das Gästehaus läuft gut. Und außerdem die
Landschaft, das nahe Meer. All das ist ihr Zuhause.

Die Martins hören ein Klopfen am Hintereingang. Sally geht zur Tür. Er
brauche ein Doppelzimmer, sagt der einst Abgewiesene, für sich und seine
Freundin. Es gehe nur um eine Nacht. Woanders sei nichts mehr zu bekommen,
drängt er. Sally Martin nickt und bringt den Blonden mit der Sporttasche nach
oben, in den ersten Stock. »Wo ist David?«, fragt der und wirft seine bunte
Sporttasche aufs Bett. In der Küche, sagt sie. Er habe Geburtstag heute, seinen
72. Ein paar Minuten später steht der Gast unten in der Küche, mit einer
halbautomatischen AR-15 des Kalibers .223 in der Hand. »Das
ist ein Raubüberfall!«, schreit er. »Die Juwelen! Ich will die Juwelen!« Er
gestikuliert mit der Waffe herum und be?ehlt dem Paar, sich im Schlafzimmer aufs
Bett zu legen, mit dem Gesicht nach unten. Er greift nach einem Kissen, drückt
es David Martin auf den Kopf und schießt. Seine Frau schiebt sich auf den Schuss
hin re?exartig zur Seite. Der Mann drückt ab, schießt an ihr vorbei. Er dreht
ihren Körper und trifft Sally Martin aus nächster Nähe in die Brust. David und
Sally Martin sind beide sofort tot.

Der Mann duscht und verlässt Seascape. Er fährt zur Carnarvon Bay, keine zehn
Minuten entfernt. Es ist der Ort seiner Kindheit. Jedes Wochenende, jeden
Feiertag, jede Ferien hat er hier verbracht. Jede Sandwelle, jede Grasnarbe,
jedes Boot kennt er. Auf dem Weg zum Strand trifft er einen ehemaligen Nachbarn.
Es ist mittags, genau 13.00 Uhr. »Wie geht's?« - »Und selber?« - »Och, bestens.
Ich rauche und trinke nicht mehr«, sagt der Volvo-Fahrer. Er sei hier, um mit
ein paar Freunden surfen zu gehen. Nebenbei wolle er sich ein bisschen
umschauen, wegen einem Stück Land. »Willst du kaufen?« - »Ja, die Farm der
Martins. Aber die geben ja nichts her.« - »Nein, da ist nichts zu machen«, weiß
der Nachbar. »Und sonst?« - »Ach, einfach mal nach dem Rechten schauen. War
lange nicht da«, sagt der Mann in der grünen Jacke. Die beiden verabschieden
sich. Der Jüngere steht noch einen Moment lang am Wasser, geht dann zum Auto und
fährt nach Port Arthur, zum Broad Arrow Café.

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