Über den grünen Klee geküsst

Roman. Originalausgabe

von Jana Seidel

Buch

Taschenbuch (285 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Ein altes irisches Herrenhaus und eine junge liebeskranke Hamburgerin - kann das gutgehen?


Louisa Wolff wurde gerade schwer das Herz gebrochen, und um auf andere Gedanken zu kommen, fliegt sie zu ihrem Vater nach Irland. Schließlich lässt es sich in einem gemütlichen Cottage vor einem knisternden Kamin viel schöner vorstellen, wie der Exfreund von einem Bus überfahren wird. Doch für Racheszenarien bleibt Louisa kaum Zeit: Denn es gilt, das Landschloss ihrer neuen Nachbarn vor dem Ruin zu bewahren, das Geheimnis um einen alten Liebesbrief zu lüften und vor allem herauszufinden, ob der unwiderstehliche Colin tatsächlich so schlecht ist, wie sein Ruf ...


Produktdetails

Verkaufsrang: 23.864
ISBN-10: 3-442-47332-2
EAN: 9783442473328
Erschienen: 18.04.2011
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 285
Länge/Breite: 188mm/120mm
Gewicht: 237 g
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Jana Seidel

Jana Seidel wurde 1977 in Hannover geboren. Nach ihrem Studium in Kiel volontierte sie bei einer Tageszeitung. Anschließend schrieb Jana Seidel zwei Jahre als freie Journalistin für diverse Medien. Mittlerweile lebt sie in Hamburg und arbeitet in einer Zeitschriftenredaktion.

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Buchhändlertipps

  • witziger Frauenroman Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Magdalena Berger, am 24.06.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Grieskirchen

    Aus Liebeskummer kündigt Louisa ihren Job. Ihr Freund hatte ein Verhältnis mit seiner Sekretärin. Diese bittere Enttäuschung ist zuviel für Louisa. Sie reist nach Irland,zu ihrem Vater um Abstand von der gewohnten Umgebung, und dem Schmerz zu bekommen.
    Im Haus ihres Vaters findet sie einen geheimnisvollen Liebesbrief. Sie begibt sich auf die Suche nach dem Dichter namens Zuckermann. Und auch in der Liebe wartet Neues auf Louisa! Unterhaltsam, super Urlaubslektüre!
  • nett für zwischendurch Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Yvonne Simone Vogl, am 01.06.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in Gmunden

    Die Deutsche Louisa Wolff besucht ihren Vater in Irland um auf andere Gedanken zu kommen (den Exfreund vergessen). Sie lernt nette ältere Herrschaften vor Ort kennen. Bekommt Besuch von ihren Freunden. Verliert ihr Herz an einen jungen Mann. Und stellt durch ihre Anwesenheit, den Freundeskreis ihres Vaters etwas auf den Kopf.

    Ein nett zu lesender, leichter Roman.
  • Über den grünen Klee geküsst Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Karin Obruca, am 05.04.2011 aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten

    Die Hamburgerin Louisa W. entscheidet sich für Irland. Ihr Freund Martin hat sie mit einer Kollegin betrogen. Louisa fährt zu ihren Vater nach Irland. Dort lässt es sich besser vorstellen wie Martin von einen Bus überrollt wird.
    Aber für Phantasien dieser Art ist wenig Zeit. Ihr Vater findet einen alten Gedichtband,ausdem ein mysteriöser Liebesbrief fällt. Das hat Louisa´s Neugier geweckt und ein spannender Urlaub beginnt.

Kundenrezensionen

  • Auszeit in Irland Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Sigrid Jung, am 08.10.2011

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    Louisa Wolff wurde von ihrem Freund betrogen. Grund genug um den Job zu kündigen und Deutschland zu verlassen. Kein Problem, denn ihr Vater wohnt bereits in Irland. Ein perfekter Ort um abzuschalten. Nix da, eher stehen eine Menge Aufgaben an. Dem Geheimnis eines alten Liebesbriefes will sie auf die Spur kommen, das Landschloss ihrer neuen Nachbarn muss gerettet werden, eine „Fish- und- Chips“- Bude soll es auch noch geben und dann gibt es Colin… Gut das Louisa eine Menge Freunde hat, die kurzerhand in Irland Ferien machen wollen und ihr gleichzeitig zur Seite stehen. Die Autorin sorgt für ein mächtiges Durcheinander. Keine Angst, deswegen gerade lesenswert. Für einen Debütroman ganz ordentlich!

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  • Sommerliche Lektüre Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von K. Voß, am 28.07.2011

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    Vom Freund betrogen, Job geschmissen, die Wohnung gekündigt...wohin jetzt? Louisa flieht nach Irland zu ihrem Vater und seinem urigen Cottage. Doch Entspannung sieht anders aus. Sie gerät mitten in die Rettung eines alten Landhauses, das Rätsel um einen alten Liebesbrief und dann ist da auch noch Colin...

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  • Toller Sommeroman Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Rebecca Bäumer, am 27.07.2011

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    Louise flüchtet zu ihrem Vater nach Irland, nachdem sie ihren Freund mir einer anderen erwischt hat. Dort angekommen lernt sie die netten Nachbarn und deren Haus kennen. Ein großes Schloss das kurz vor der Zwangsversteigerung steht. Louisa beordert ihre Freunde nach Irland und zusammen entwerfen sie einen Rettungsplan. Nebenbei verliebt sie sich in den süßen Colin, der allerdings keinen guten Ruf hat. Außer dem versucht sie das Geheimnis um einen ominösen Liebesbrief zu lösen.
    Alles in allem eine wunderschöne Liebesgeschichte mit viel Witz und Charme!!
    Für alle Fans von Cathy Kelly, Sarah Harvey und Susan Elisabeth Phillips!

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  • Schöne Urlaubslektüre Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Andrea Schleyer, am 03.06.2011

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    Die Hamburgerin Louisa Wolff flüchtet aus Liebeskummer zu ihrem Vater nach Irland,der aus denselben Gründen nach Irland ausgewandert ist und nun ein Cottage auf der Insel besitzt.Dort angekommen will Louisa einfach nur ihre Ruhe haben,doch Irland und ihre Menschen lassen Sie aus ihrer Lethargie erwachen und beginnen ihr gutzutun.Als auch noch ihre Freunde aus Deutschland zu Besuch kommen und irische Männer wieder interessant werden,ist sogar das Leben in Irland vorstellbar.

    Lesespaß mit irischem Charme!

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  • Urlaubslektüre! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Sabrina Hermes, am 07.05.2011

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    Louisa flüchtet zu ihrem Vater nach Irland, nachdem ihr Freund sie mit einer Kollegin betrogen hat. In dem kleinen, eigensinnigen Dörfchen findet sie sich rasch ein und rutscht direkt in eine Rettungsaktion für das altehrwürdige Herrenhaus rein. Was Louisa dort mit all ihren neuen skurrilen Bekannten und ihren Freunden aus ihrer Heimat erlebt und zu Stande bringt, dies ist die perfekte Urlaubslektüre für nebenbei.

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Jeder vernünftige Mensch weiß, dass Klischees nur deswegen zu Klischees werden konnten, weil es einem schon beinahe unheimlich vorkommt, dass sie so dermaßen zutreffend sind. Und es hat mich deswegen auch nur einen halben Tag gekostet, ein halbes Dutzend Beweise dafür zu sammeln:
1. Die Iren sind ein heiteres Volk, das gerne singt; immer und überall.
Schon im Flieger nach Dublin umringte mich ein angeheitertes Damengrüppchen, das schmissige Balladen vortrug. Ich habe kein Wort davon verstanden - keine Ahnung, ob es sich um alkoholisiertes Englisch oder Gälisch gehandelt hat. Auf jeden Fall konnte ich nur die Augen schließen und so tun, als ob ich schlafe - dabei hätte ich so gerne etwas Gutes gelesen, um mich von meinem Elend abzulenken. Zum Beispiel das Buch »Die vier Phasen des Liebeskummers«, das Juli mir aus gegebenem Anlass geschenkt hat.
2. Männer stehen auf ihre Sekretärinnen.
Ein Duo wie Sherlock Holmes und der Koks - ohne Sekretärin funktionieren die Typen einfach nicht. Zuhause nimmt die Frau ihnen die Alltagsaufgaben ab, im Büro betätigt die Sekretärin für sie das Telefon. Und im idealen Fall bekommen sie auch noch von beiden Sex. Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich wurde tatsächlich für die Sekretärin verlassen - mit gerade mal 32 Jahren! Es gibt nur eine klitzekleine Abweichung von der üblichen Geschichte: Das Luder ist nicht jünger, sondern 15 Jahre älter als ich, außerdem fünf Jahre älter als Martin und gefühlte 20 Kilo schwerer als wir beide zusammen. Auch wenn sich das Drama in so nüchternen Zahlen zusammenfassen lässt, ist doch wohl ziemlich offensichtlich, dass die Geschichte dahinter brutal und widerlich ist. Und hätte ich die beiden nicht auf frischer Tat ertappt, würde ich immer noch denken, ich hätte meinen Traummann gefunden. Der Mistkerl war ja sogar zu feige, zu seiner wahren Vorliebe zu stehen. Dachte wohl, dass passe nicht zu seinen schicken Anzügen und seiner Design-Eigentumswohnung. Wenigstens habe ich ihn verlassen! Ha! Aber was für eine Wahl hatte ich denn, wenn ich nicht jede Selbstachtung verlieren wollte? Oh, ich glaube, ich bin nach über einem Monat endlich in Phase drei angekommen: Zorn! Sehr gut, dann habe ich es fast hinter mir. Das sind auch nur Wuttränen auf meinen Wangen. Wirklich!
3. Frauen treffen nach Trennungen radikale Entscheidungen.
Sie färben sich ihre Haare platinblond - oder, wenn ihre Haare schon blond sind (wie meine), packen sie ihre Sachen und suchen das Weite. Und sitzen dann plötzlich in einem Taxi mitten in der irischen Pampa.
4. Männer flüchten gerne vor Problemen.
Dass ich überhaupt hier in einem Taxi auf einer irischen Weide sitze, ist eigentlich die Schuld meines Vaters. Mein Erzeuger und derzeitiger Schicksalsgenosse wurde von seiner Frau - ja, genau, meiner Mutter, aber das würde ich vorerst gerne vergessen - für einen anderen Mann verlassen. Betrachtet man unser beider Schicksal genauer, könnten wir stellvertretend für eine Welt im Umbruch stehen, vielleicht wird nach uns sogar ein Phänomen benannt, das der Nachwelt als kulturhistorisch wichtigstes Kennzeichen unserer Zeit erscheinen wird: Die älteren, warmherzigen Gutverdiener werden von ihren Frauen für brotlose Jungs verlassen, die noch selbst den Töchtern dieser Frauen wie unreife Teenager erscheinen. Und die knackigen jungen Blondinen mit Grips werden mit älteren Damen mit viel zu langen roten Fingernägeln betrogen. Anything goes! Nun, mein Vater hat dann aber den Slogan, man solle die Krise als Chance begreifen, vorbildlich umgesetzt: Er hat ratzfatz seine Arztpraxis in Deutschland aufgegeben, um ein Cottage in Irland zu kaufen und in Zukunft dort zu praktizieren. »Ein alter Lebenstraum«, hat er ganz dreist behauptet, obwohl ich mir sicher bin, dass er den noch nie zuvor erwähnt hatte. Das Haus, das er fand, wurde für einen Spottpreis verscherbelt. Und er bekam den Zuschlag, weil er die einzige Kaufbedingung erfüllte: Der Zuziehende sollte Arzt sein. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind die Einwohner wohl hoffnungslos überaltert und brauchen dringend jemanden, der sich um Gicht, Rheuma und Herzbeschwerden kümmert. Ich bin also in ein todgeweihtes Dorf gereist. Aber ich will ja auch meine Ruhe haben. Totenstille quasi.
5. /6. Fallen mir gerade nicht ein. Aber ich werde darüber nachdenken.
»Wollen Sie nun aussteigen oder soll ich Sie vielleicht irgendwo anders hinfahren?« Der Taxifahrer räuspert sich ein wenig genervt.
Eigentlich möchte ich sitzenbleiben, es scheint draußen ziemlich kalt zu sein. Und ich habe überhaupt keine warmen Sachen dabei. In Hamburg reicht es, wenn ich mir morgens ein Mäntelchen übers Kleid werfe. Da lasse ich mich nämlich direkt vor der Haustür in die S-Bahn fallen, die direkt an meinem Arbeitsplatz hält - wo der von mir einst besonders geschätzte Kollege aus der Politikredaktion des Hamburger Morgen, also der Mann den ich verlassen musste, sicher genau in diesem Moment mit seinen gut manikürten Händen den Nacken der üppigen Sekretärin massiert. Es war so quälend, noch einen ganzen Monat in diesem Sodom, das sich Tageszeitung schimpft, auszuharren. Die letzte Herausforderung an dieser Front: bloß nichts anmerken lassen, nur den Aasgeiern, sprich: Kollegen, kein Futter geben. Irgendwie habe ich es überstanden. Aber zum Glück hatte ich so viel Resturlaub angesammelt, dass ich nach dem schrecklichen Monat bis zum Ende der Kündigungsfrist Urlaub einreichen konnte. Tja - und nun bin ich hier. Und hier werde ich mit meinen netten schwarzen Retro-Etui-Kleidern und den hübschen Jäckchen im 5oer-Jah- re-Stil, auf die Martin so abfuhr, wohl nicht besonders weit kommen. Aber das ist nun wirklich kein Grund schon wieder loszuheulen. Das bisschen Kälte ... Ich werde einfach in den nächsten Tagen einen Abstecher nach Dublin machen und dort wärmere Klamotten kaufen. Mit dem Auto sind das gerade mal 30 Minuten. Ich leihe mir Papas Wagen und los geht's! Das ist nun wirklich alles gar kein Problem.
»Aussteigen«, stammele ich also. Gerne würde ich noch etwas Gefälliges über den angenehmen Tag und das milde Klima sagen, aber mein Englisch ist etwas eingerostet.
Der Fahrer reicht mir den Koffer und ich stehe mutterseelenallein vor einem abgelegenen Cottage.
In einem Punkt hatte mein Vater allerdings Recht. Das Häuschen ist wirklich hübsch - ganz genauso, wie man es sich vorstellt, wenn man noch nie in Irland war: ein verwilderter Garten mit kahlen Rosensträuchern, bemoostes Reetdach über weißem Stein. Im Sommer, wenn alles blüht, muss es ein Traum sein. Und es gibt noch einen Bonuspunkt, den mein Vater offenbar vergessen hat, zu erwähnen: Gar nicht weit hinter dem Häuschen steht ein echtes Anwesen - fast ein Schloss. Nicht so ein finsteres mittelalterliches Gemäuer, sondern ein schmuckes Herrenhaus wie aus einer Jane-Austen-Verfilmung. Schuldbewusst nehme ich zur Kenntnis, dass mein Vater auch nicht besonders viel Gelegenheit hatte, dieses Schmankerl zu erwähnen. Zwischen seiner und meiner Trennung habe ich den Kontakt nicht so optimal gepflegt, wie man es tun sollte. Zu viel Stress. Und als ich mich dann endlich gemeldet hatte, hat mich ohnehin nur eines interessiert: »Darf ich kommen und eine Weile bei dir wohnen?«
»Aber sicher doch. Das wird lustig!«, hat mein Vater begeistert erwidert.
Daran, dass es lustig würde, hatte ich so meine Zweifel, aber egal. Ich wollte nur noch weg aus Hamburg.
Das Häuschen hat gar keine Türklingel. Ich hämmere also mit dem Türklopfer im Löwenmaul gegen die blau gestrichene Holztür. Nichts rührt sich. Ich drücke die Türklinke. Es ist nicht abgeschlossen. Von einem kleinen Vorraum gehen zwei Türen ab: Eine führt zu einer behaglichen Wohnküche, in der mindestens zehn Leute Platz fänden. Ein kleiner Holztresen teilt den Herd ab, davor steht ein langer Esstisch aus robustem, unbehandeltem Holz. Die andere Tür führt in ein großes Zimmer mit dunkelgrün gestrichenen Wänden. Man möchte juchzen vor Vergnügen! Ich schmeiße mein Gepäck in eine Ecke und sehe mir alles genauer an: Vor dem Kamin steht ein leicht abgewetzter Ohrensessel aus ehemals sicher sehr teurem, altrosa Brokatstoff, davor steht ein Fußschemel, der mit dem gleichen Stoff bezogen wurde. An der zerknüllten Zeitung und der kuscheligen, nur zur Seite geschobenen Decke, erkenne ich, dass mein Vater hier seinen Lieblingsplatz gefunden hat. Hinter einem Sofa und einem weiteren Ohrensessel mit dem gleichen Bezug stehen jede Menge prall gefüllte Bücherregale. Wunderbar! Eine kleine Wendeltreppe führt nach oben auf die Galerie. Von hier gehen noch mal zwei kleine Schlafzimmer und ein Raum ab, in dem eine unzählige Menge Kisten stehen, die mein Vater noch nicht ausgepackt hat. Die kleinen Schlafzimmer sind ganz reizend - mit Blumentapeten und schmalen Ehebetten im Landhausstil mit geschnitzten Verzierungen an Rahmen und Stangen, in denen wirklich nur Frischverliebte Platz finden. Zurück im Erdgeschoss finde ich hinter dem Wohnzimmer auch das Schlafzimmer meines Vaters. Ich hätte ihm vielleicht doch die genaue Uhrzeit meiner Ankunft mitteilen sollen. Wie schön wäre es, wenn er jetzt bei mir wäre. Ich bin so erschöpft, und ich fröstele am ganzen Körper. Holz habe ich allerdings nirgendwo gesehen. Und selbst wenn, ich wüsste auch gar nicht, wie man einen Kamin anfeuert. Resigniert sinke ich in den Ohrensessel meines Vaters vor der kalten Asche, wickle mich in die Wolldecke, die den vertrauten Duft von
Papas Aftershave angenommen hat, und heule erst mal eine Runde.
^^o mein Vater wohl bleibt? Nach über einer Stunde ist er immer noch nicht zurück. Vielleicht sollte ich etwas lesen, die Auswahl in den Regalen ist ja mehr als üppig. Dafür müsste ich aber aufstehen und daran hindert mich meine weinerliche Bequemlichkeit. Ich wühle lieber in der Handtasche neben mir, um mir den Liebeskummer-Selbsthilfe-Ratgeber von Juli zu schnappen. Als Erstes fällt mir aber das alte Buch mit Ledereinband und leicht vergilbten Seiten in die Hände, das ich außerdem mitgeschleppt habe. Das ist zwar nicht der Ratgeber, aber einer der Gründe, aus denen ich hier bin - neben der peinlichen Flucht vor dem Martin-Desaster samt plötzlicher Joblosigkeit. Es ist ein Gedichtband von Hermann Zuckermann. Darin werde ich blättern und mich auf meine selbst auferlegte Mission, die Geheimnisse des Dichters zu enträtseln, vorbereiten. Der Ratgeber ist im Grunde ohnehin überflüssig. Nach dem Gejammere von gerade eben weiß ich ganz genau, dass ich noch zwischen Phase zwei oder drei gefangen bin - also zwischen Verzweiflung und Zorn. Ich will aber nicht mehr heulen, immerhin ist das Ganze schon über einen Monat her. Es muss mir doch irgendwie gelingen, mich endlich in die nächste Phase zu katapultieren! Ich konzentriere mich auf meinen Lieblingstagtraum und male mir genussvoll aus, wie Martin vom Bus überfahren wird. Er wird dabei aber nicht zermatscht oder so. Er liegt hinterher nur leicht verrenkt mit unnatürlich abgewinkelten Beinen auf dem Asphalt. Sein hübsches Gesicht wirkt - falls das bei der ganzen Sonnenstudiobräune, die er mit sich rumträgt, überhaupt geht - ein wenig blass. Nur ein ganz zarter Blutfaden läuft aus seinem Mundwinkel, als er einer Passantin zuhaucht: »Hätte ich doch nur Louisa nicht gegen die dicke Sekretärin eingetauscht!«
Mich packt das schlechte Gewissen. Nicht wegen der Busfantasie an sich, aber Martin würde noch jeweils einen minderjährigen Sohn aus erster Ehe und zweiter Ehe zurücklassen. Wir haben uns kurz nach der Scheidung von seiner dritten Ehefrau kennengelernt und getrennt, bevor ich Nummer vier werden konnte. Aber seine arglosen Jungs können ja nichts dafür, dass ihr Vater ein Schwein ist, und haben es sicher nicht verdient, Waisen zu werden. Ich heule schon wieder.
Mist! Schnell zurück zu meiner wichtigen Mission. Ich kralle mir den Gedichtband. Das Fesselnde daran sind weniger die Gedichte als das nahezu zerfallene Stück Papier, das beim ersten Blättern aus den Seiten geflattert ist. Es entpuppt sich als Brief, in altmodischer, schnörkeliger Handschrift verfasst und von Zuckermann höchstpersönlich unterzeichnet. Ich habe also allen Grund zu der Annahme, einen Originalbrief des Dichters an eine Frau aus Irland gefunden zu haben. Das käme einer literaturwissenschaftlichen Sensation gleich, und ich, Louisa Wolff, hätte sie entdeckt! Nun ja, es wäre nur beinahe eine Sensation. Blöderweise wird Hermann Zuckermann den eher unbedeutenden Dichtern zugeordnet. Seine Zeitgenossen nahmen ihn nicht sonderlich ernst, die Nachwelt noch weniger. Er hatte nämlich irgendwann angefangen, ausschließlich Gedichte über Elfen zu verfassen. Damit wäre er im 19. Jahrhundert ganz vorne mit dabei gewesen, aber in den 6oer Jahren des darauffolgenden Jahrhunderts war romantische Fantasterei so richtig out. Da wollte jeder ernstzunehmende Dichter nur die reine Wahrheit produzieren. Zuerst hatte Zuckermann diese Strömung ja noch mitgemacht: bemühte politische Prosa voller Sendungsbewusstsein, die zur Revolution anstacheln sollte. Ich habe ein bisschen davon gelesen und es schnell wieder aufgegeben. Der Kram war stinklangweilig. Eines Tages brach der zu dem Zeitpunkt recht erfolgreiche und geschätzte junge Zuckermann nach Irland auf. Über seinen Aufenthalt selbst weiß man wenig. Aber die neuen Gedichte, die er dort schrieb, wurden von Anfang an verrissen. Er weigerte sich, seinen Wandel zu erklären oder sich überhaupt noch in irgendeiner Form zu äußern. Man dachte daher, er wäre durchgedreht und tatsächlich einem mystischen Glauben verfallen. War ja auch nicht unwahrscheinlich, nichtige Anlässe können bei sensiblen Künstlernaturen offenbar extreme Wandlungen hervorrufen. Cat Stevens wird Yusuf Islam, Paul McCartney wird bei einem Angelausflug zum Extremvegetarier, »Conan, der Babar« wird kalifornischer Gouverneur. Vielleicht war aber auch bloß Irland schuld: Ich habe mal gelesen, dass der irische Dichter William Butler Yeats ähnlich wie Zuckermann geschmäht wurde, als er plötzlich über Elfen und Drachen geschrieben hat. Na ja, vielleicht hätte der auch einfach nicht versuchen sollen, mit diesen Fabelwesen auch noch in spiritistischen Sitzungen Kontakt aufzunehmen. Zuckermann jedenfalls zog sich ganz und gar zurück, schrieb nichts mehr, entwickelte ein massives Alkoholproblem und starb schließlich Ende der 70er Jahre so vereinsamt und verarmt, wie es sich für einen romantischen deutschen Dichter gehört.
Sein Brief ist eindeutig an eine Frau gerichtet, an eine echte und zumindest zu dem Zeitpunkt noch lebende. Es ist ein Liebesbrief - auf Englisch verfasst. Vieles ist unleserlich, aber er scheint sie zu bitten, auf ihn zu warten, er müsse für eine Weile nach Deutschland zurück. Leider nennt er den Namen der Empfängerin nicht. Er schreibt an seine »Liebste«. Nun mein Verdacht: Über ein Liebesleben Zuckermanns weiß man rein gar nichts - aber offenbar hatte er eines. Was, wenn er überhaupt nie an Elfen geglaubt hat? Wenn er nicht einmal an Elfen interessiert gewesen ist, sondern nur eine bildhafte Umschreibung für seine »Liebste« gesucht hat? Wenn die Liebe ihn hat durchknallen lassen - und nicht etwa irgendwelcher esoterischer Kram -, könnte das seinen Ruf durchaus wieder herstellen. Wenngleich ich sowieso finde, die Kritiker hätten sich nicht so anstellen sollen. Die späten Elfengedichte finde ich viel anrührender als den bemüht intellektuellen, politischen Kram. Wie auch immer: Ich bin einem sehr großen und sehr faszinierenden Geheimnis auf der Spur. Und ich bin wild entschlossen, dieser heißen Fährte zu folgen, die mich von dem anderen Elend wegführen soll und mich immerhin schon hierhergebracht hat. Wenn doch nur mein Vater endlich käme. Und wenn ich doch meine Freunde nicht jetzt schon so vermissen würde. Leider sind die alle in Hamburg - einer Stadt, die mir im Moment einfach zu sehr auf die Nerven geht. Aber wozu gibt es Handys? Ich wühle wieder in meiner Tasche. Und ich habe sogar Empfang! Das ist sehr hilfreich. Dann kann ich zumindest mit Juli die ganze Geschichte noch mal durchkauen. Und zwar die Martin-Geschichte, nicht die Zuckermann-Geschichte. Ich selbst finde es ja furchtbar nervig, wenn Liebeskummerpatienten immer wieder dieselbe Geschichte runterleiern und dabei ständig ihre Sichtweise wechseln. Mal überwiegt der blanke Hass, dann wieder die Hoffnung, alles sei vielleicht doch nur ein Missverständnis gewesen.
Juli versteht das zum Glück und kichert:
»Und ich dachte immer, du wärst die Vernünftige von uns. Hier meine Meinung: Die Dinge sind leider manchmal einfach ganz genau so, wie sie scheinen. Und nein, es gibt keine harmlose Erklärung für Martins Verhalten.«
Die Vernünftigste von uns allen? Dass ich nicht lache! Alles nur Tarnung. So, wie ich mich vorhin über den Anblick der Bücherregale gefreut habe, fürchte ich, dass in mir immer noch das Mädchen steckt, das sich ihr halbes Schülerleben in der Bibliothek verschanzt hat. Wo sonst hatte man eine so riesige Auswahl an Fantasiewelten? Die hat unsere ach-so-vernünftige Louisa nämlich jedem Schulbuch über Fotosynthese, pythagoreische Dreiecke und 1000-jährige Kriege eindeutig vorgezogen. Gelegentlich habe ich darüber sogar vergessen, zur Schule zu gehen. Stattdessen habe ich aufregende archäologische Expeditionen zu Pharaonengräbern unternommen, die Welt umsegelt und - zugegeben - auch die eine oder andere Liebesgeschichte nacherlebt. Während die anderen pubertären Langweiler sich nachmittags mit anderen pickeligen Volltrotteln trafen, bin ich zu den Figuren aus meinen Büchern zurückgekehrt. Die fand ich viel aufregender und interessanter. Man hätte mich zu dem Zeitpunkt mit voller Berechtigung »unsozial« nennen können. Aber woher sollte ich das wissen? Vermisst habe ich zumindest nichts. Erst zum Ende der Schulzeit änderte sich das. Da entdeckte ich einen der grundlegenden Mechanismen des Lebens: Die von mir bis dahin ignorierten Schulkameraden fanden mich nicht mehr merkwürdig, sondern »cool«. Weil nach den unsicheren Teenagerjahren der Anpassung an die Gruppe urplötzlich gnadenlose Individualität gefragt war. Und als Schulschwänzerin, die sich mit allen Lehrern anlegte und sich von niemandem in die Karten blicken ließ, konnte ich die Anforderung mehr als erfüllen. Leider war das aber nur ein Missverständnis. Ich war einfach so dämlich zu glauben, die Typen an der Tafel könnten mir nichts anhaben. Zuhause in meinem Bett erfroren zwischen den Papphüllen unter meinem Kopfkissen hundert tapfere Männer bei einer Antarktis-Expedition. Das war dramatisch! Ein bisschen hat es mir aber gefallen, plötzlich »cool« zu sein. Ich habe verstanden, dass es eine phänomenale Taktik ist, sich rar zu machen. Und am besten funktioniert sie, wenn es gar keine Taktik ist. Schnell eignete ich mir auch noch alles andere an, was ein »cooles« Mädchen beherrschen muss. Ich tauschte die Jeans gegen Röcke und die Brille gegen Kontaktlinsen ein. Mit meiner blonden Mähne wuchs auch meine Gabe zu flirten. Und ich hörte - zumindest nach außen hin - auf, andere Menschen als unverständliche Forschungsobjekte zu betrachten, und fing stattdessen an, ihre Anwesenheit zu genießen. Mit ihnen zu lachen und auch ordentlich rumzualbern. Sprich: Ich bin mit der Zeit wirklich vernünftig und sozial verträglich geworden. Und es gefällt mir durchaus immer noch, für erfahren und abgeklärt gehalten zu werden. Aber offen gestanden ist Martin das Aufregendste, was in meinem 32-j'ährigen Leben bislang passiert ist. Ganz schön traurig eigentlich. Ich meine, natürlich hatte ich davor schon andere Beziehungen. Aber ich glaube eher deswegen, weil man ab einem bestimmten Alter eben Beziehungen haben muss. Ich bin da irgendwie immer so reingeschlittert und dann nicht so bald wieder rausgekommen. Man will ja auch niemanden vor den Kopf stoßen. Ich wollte aber nie mit jemandem zusammenziehen, und habe mich schnell aus dem Staub gemacht, wenn es zu ernst wurde. Dahinter steckte nicht pure Gemeinheit, sondern Todesangst. Es gab da diesen kleinen Film, der sich in solchen Momenten vor meinem inneren Auge abspielte. Darin sah ich mich in der Rolle der geplagten Hausfrau mit zwei Kindern, die sich an der Kasse unter kreischendem Wutgeheul zu Boden werfen, weil sie die Hello-Kitty-Kaugummis wollen, während ich mir die fettigen Haare raufe, weil für mich und die Schönheitspflege schlicht keine Zeit mehr bleibt. Natürlich gab es in diesem Alptraum auch ein nettes Häuschen mit Spitzengardinen in der Küche, eine Wohnzimmerschrankwand und Wanderurlaube im Harz.
Das hätte das Ende aller Kindheitsträume von aufregenden Reisen und Abenteuern bedeutet, die ich in irgendeinem Trotzwinkel immer noch versteckt hatte. Ja, und dann kam Martin, Rächer aller Männer, die ich jemals nicht zu schätzen gewusst hatte. Unsere Affäre hat mich hinterrücks überrumpelt. Es ging alles sehr schnell. Anfangs umwarb er mich so stürmisch, dass zum Nachdenken keine Zeit blieb. Bis es zu spät war. Da konnte ich mir dummerweise schon ALLES, ALLES, ALLES, was ich bis dahin nicht gewollt hatte, mit genau diesem Mann vorstellen. Gemeinsame Eigentumswohnung? Au ja! Großfamilie? Na klar! Blöd nur, dass sich nach der leidenschaftlichen Phase der Werbung zeigte, dass Martin noch viel mehr Angst vor heimeliger Gemütlichkeit und partnerschaftlichen Verpflichtungen empfand als ich in der gesamten Zeit davor. Ich habe mir noch eine ganze Weile eingeredet, es könne trotzdem funktionieren. Bis zu dem Tag, als ich das Zimmer besagter Sekretärin betrat. Er massierte ihr gerade den Nacken, und sie seufzte wohlig: »Mehr davon.« Statt ihr zu antworten, biss Martin der ruchlosen Schlampe mit den Pornonägeln sanft in den Hals, als wäre er ein vampirischer Verführer.
O Gott, mir wird schon wieder übel, wenn ich an diese doppelte Demütigung denke. Nicht genug, dass er mich betrog, er musste es auch noch ganz öffentlich an unserem gemeinsamen Arbeitsplatz tun, wo uns gerade mal ein Stockwerk trennt. Ich sitze nämlich in der Lokalredaktion direkt unter der Politik. Deutlicher kann man einem Menschen nicht zeigen, dass er einem total egal ist, oder? Danach wurde es richtig schlimm. Als kleine Jungs, die sie bis zu ihrem Lebensende bleiben, geben Männer ja immer nur so viel zu, wie man ihnen hieb- und stichfest nachweisen kann. Aber so dreist wie Martin ist dabei wohl kaum jemand gewesen. »Quatsch. Das war ich gar nicht. Keine Ahnung, was du dir da einbildest, gesehen zu haben.«
Ich wollte ihm so sehr glauben, dass ich kurz davor war, mir selbst einzureden, dass ich tatsächlich nicht gesehen hätte, was ich gesehen habe. Ich glaube aber nicht, dass man aus diesem schwachsinnigen Verhalten unbedingt ableiten kann, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Es ist doch erwiesenermaßen so, dass sich die Erinnerung eines Menschen ziemlich leicht manipulieren lässt - ganz ohne dass ein Gehirnchirurg mit Skalpell ans Werk gehen muss. Ein Forscher hat ein paar Studenten ziemlich eindringlich Kindheitserinnerungen wildfremder Menschen geschildert. Eine Woche später wurden die Studenten nach ihren eigenen Kindheitserinnerungen gefragt - und sie hatten ohne es zu merken die Schilderungen der anderen aus der Vorwoche eingebaut. Sogar an so unwahrscheinliche und seltene Ereignisse wie Erdbeben oder Überfälle konnten sie sich »erinnern«. Einfach nur, weil sie es sich beim Zuhören so intensiv vorstellten, dass diese Bilder sich zwischen die eigenen Erinnerungen geschummelt hatten. Alles klar? Das Gleiche ist bei mir abgelaufen. Und wie ich mir gerade so schön intensiv vorstellte, rein gar nichts gesehen zu haben, musste dieser blöde Martin sich doch urplötzlich dafür entscheiden, klein beizugeben: »Es war doch nur Sex. Was regst du dich so auf?« Gelangweilt blickte er dabei aus dem Fenster und nippte noch mal an seinem Rotwein. Ich war außer mir. Und dann begriff ich, dass er mich wirklich nicht verstand und meinen Zorn für eine Art PMS hielt. Er konnte an seinem Verhalten gar nichts Verwerfliches erkennen. Dieser Mann sah sich absolut im Recht. Dieser Mann würde dort genauso unbeweglich stehen bleiben, wenn ich einfach ginge. Dort würde er einfach warten, bis ihn die Nächste aufliest - genügend Bewerberinnen gab es ja. Also ging ich und schrieb einen Haufen Bewerbungen.
Ich muss eingeschlafen sein. Als ich meine Augen öffne, ist mir ganz warm. Ein Feuer brennt im Kamin. Mein Vater sitzt im Sessel neben mir und liest in einem Buch. Ich richte mich auf, torkele auf ihn zu und küsse ihn auf die Wange.
»Hallo, Papa.«
»Schön, dass du da bist, Liebes«, sagt er. Dann verschwindet er wortlos.
Ich hatte ganz vergessen, dass er so wenig spricht. Wenn ich mal meine Eltern angerufen habe und zufällig er derjenige war, der den Hörer abgenommen hatte, sagte er immer das Gleiche: »Ich hole mal deine Mutter.«
Na ja, so wird es zumindest keine peinlich-emotionalen Vater-Tochter-Gespräche geben. Als er zurückkommt, hat er zwei Gläser mit einer klaren Flüssigkeit und Eiswürfeln in der Hand. Ich muss gar nicht daran nippen, um zu wissen, dass es sich dabei um einen Gin Tonic handelt. Auch wenn er nicht ein Mann der großen Worte ist: Er macht einfach immer das Richtige. Mir schießen schon wieder Tränen in die Augen - so gerührt bin ich. Er hüstelt verlegen, setzt sich wieder in seinen Sessel und starrt in das Feuer. Ich wische mir schnell die Tränen weg und tue es ihm gleich. Nach einer gefühlten halben Stunde seufzt er: »Was für ein Mist, oder, Häschen?«
Das kann man wohl sagen.
Mein Zimmer ist so wunderschön, dass das Erwachen am nächsten Morgen eine Offenbarung ist. Ich habe eines der der winzigen beiden Extra-Schlafzimmer mit Rosentapeten bezogen. Wer hier wohl mal geschlafen hat? Die Töchter der Pächter vielleicht. Durch das Fenster kann ich das Anwesen sehen. Herrlich - und so unwirklich, dass ich das erste Mal seit langem tief und fest durchgeschlafen habe. Echter, tiefer Schlaf ist was Großartiges. Man wacht auf, und die Welt ist wie neu. Bis dahin dachte ich ja, die Phase vier des Liebeskummers sei nur die Erfindung der Ratgeber-Trulla, die dachte, ein Ratgeber mit Happy End würde sich besser verkaufen. Aber nein. Irgendwo da draußen gibt es ihn wirklich, den »Neuanfang«. Ich brauche nur ein bisschen
Geduld. Wenn ich daran denke, wie ich einen ganzen Monat lang wie ein Roboter über die Flure geschlafwandelt bin und mit mechanischem Lächeln und viel Make-up in meinem Gesicht meine Arbeit erledigt und die Nächte durchgeheult habe - da bin ich jetzt doch wirklich schon einen riesigen Schritt weiter. Als ich runter in die Küche wanke, entdecke ich dort meinen Vater, der vor dem Fenster steht und begeistert von einem Bein aufs andere hüpft. »Lu, komm schnell und schau mal!«
Ja, richtig gehört! Wenn er mich nicht gerade »Häschen« nennt, bin ich für ihn »Lu«. Ich folge seiner Aufforderung und erwarte zumindest ein rosafarbenes Kaninchen zu sehen, das vor unserem Haus einen dreifachen Salto schlägt, und entdecke ... absolut gar nichts. Besorgt schaue ich meinen Vater an, aber der lacht nur vergnügt: »Schnee! In Irland schneit es fast nie, das ist ja wie ein Wunder.«
Tatsächlich: Ein winziges Flöckchen hat sich auf dem Fenster niedergelassen, um dort sofort zu schmelzen. Ich teile seine anrührende Begeisterung nicht sofort. Muss ich mich jetzt über Kälte und Schnee freuen, nur weil es auf dieser Insel offenbar die Ausnahme von der Regel ist? Erstens ist es fast zwei Monate zu spät für die weiße Weihnacht, die ich mir gewünscht hätte, zweitens fällt mir wieder ein, dass ich gar keine warmen Klamotten dabeihabe. An dieser Stelle merke ich, dass ich gar nicht friere - obwohl im Kamin kein Feuer brennt.
»Heizung«, erklärt mein Vater kichernd.
Oh, na klar, so etwas gibt es in Irland natürlich auch. Sogar in einem verwunschenen kleinen Cottage wie diesem. Wir trinken in stiller Eintracht unseren heißen Kaffee und schauen, wie das Schneetreiben stärker wird.

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