Buch
Taschenbuch (541 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Über John Twelve Hawks ist fast nichts bekannt, denn er versucht, wie die Traveler, jenseits des Systems zu leben. Anlässlich des Erscheinens seines Buches in Amerika gab er allerdings ein Interview via Satellitentelefon, in dem er sich dennoch zu einigen sehr persönlichen Dingen äußerte, wie etwa sein jahrelanges Training in asiatischer Kampfkunst, seine Vorliebe für die Essays von George Orwell und seine spirituellen Erfahrungen mit den großen Religionsgemeinschaften. Ein Auszug aus diesem Interview erklärt aber wohl am besten sein wichtigstes Anliegen: "Ich habe den Roman geschrieben, um unsere heutige Welt zu verstehen, und weil ich immer noch an das Ehrgefühl glaube. Und an die Tapferkeit. Und an die Liebe. Ich lebe außerhalb des Rasters. Wer ich bin, und was ich gemacht habe, spielt keine Rolle. Mein Name ist John Twelve Hawks. Der 'Traveler' spricht für mich."Die weiteren zwei Bände dieser Trilogie sind bei Page&Turner bereits in Vorbereitung.
Pressestimmen:
Ein Thriller der Extraklasse! Bild am Sonntag
| ISBN-10: | 3-442-46549-4 |
|---|---|
| EAN: | 9783442465491 |
| Originaltitel: | The Traveler - The Fourth Realm |
| Erschienen: | 12.11.2007 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 541 |
| Länge/Breite: | 187mm/119mm |
| Gewicht: | 433 g |
| Übersetzer: | Eva Bonne, Claus Varrelmann |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
von Stefan Heidsiek, am 28.02.2012
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von Florian Haas, am 22.06.2010
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von M. Jäger, am 24.07.2009
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von einer Kundin/einem Kunden, am 22.01.2008
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Als Maya zusammen mit ihrem Vater zum Ausgang des U-Bahnhofs ging, nahm sie seine Hand. Ausnahmsweise schob Thorn ihre Hand nicht weg und sagte ihr auch nicht, sie solle sich auf ihre Körperhaltung konzentrieren. Stattdessen führte er sie lächelnd eine schmale Treppe hinauf, die an einem langen, ansteigenden Tunnel mit weiß gekachelten Wänden endete. Die U-Bahn-Verwaltung hatte auf einer Seite des Tunnels Metallstangen anbringen lassen, und durch diese Begrenzung wirkte der ansonsten völlig normale Gang, als wäre er Teil eines riesigen Gefängnisses. Wäre Maya allein gewesen, hätte sie sich eingesperrt und unbehaglich gefühlt, aber sie brauchte sich keine Sorgen zu machen, denn Vater war bei ihr.
Heute ist der schönste Tag meines Lebens, dachte sie. Na ja, wahrscheinlich der zweitschönste. Sie erinnerte sich noch gut daran, dass Vater vor zwei Jahren, nachdem er sich weder an ihrem Geburtstag noch an Heiligabend gemeldet hatte, am zweiten Weihnachtsfeiertag in einem Taxi vorgefahren war, beladen mit Geschenken für Maya und ihre Mutter. Jener Vormittag war von Fröhlichkeit und vielen Überraschungen geprägt gewesen, aber dieser Samstag versprach ein dauerhafteres Glück. Statt des üblichen Ausflugs zu dem leer stehenden Lagerhaus in der Nähe von Canary Wharf, wo Vater immer mit ihr Kickboxen und den Umgang mit Waffen trainierte, hatten sie den ganzen Tag im Londoner Zoo verbracht, und über jedes der Tiere hatte er ihr Geschichten erzählt. Vater war schon überall auf der Welt gewesen und konnte Paraguay oder Ägypten beschreiben, als wäre er ein einheimischer Touristenführer.
Sie hatten die Blicke der anderen Leute auf sich gezogen, während sie von Käfig zu Käfig geschlendert waren. Die meisten Harlequins bemühten sich, nicht aufzufallen, doch ihr Vater stach zwischen normalen Menschen zwangsläufig hervor. Er war ein Deutscher mit markanter Nase, schulterlangem Haar und dunkelblauen Augen. Thorn trug dunkle Kleidung und ein stählernes Armband, das aussah wie eine zerbrochene Fessel.
Maya hatte in der Abstellkammer ihrer Wohnung in East London ein ramponiertes Buch über Kunstgeschichte entdeckt. Auf einer der vorderen Seiten des Buches war ein Bild von Albrecht Dürer abgedruckt, das Ritter, Tod und Teufel hieß. Sie schaute sich das Bild oft an, obwohl es sie merkwürdig berührte. Der Ritter in seiner Rüstung glich ihrem Vater: Mutig und gelassen ritt er durch die Berge, neben ihm der Tod mit einem Stundenglas in der Hand und hinter ihm der Teufel, der so tat, als wäre er ein Knappe. Auch Thorn hatte ein Schwert bei sich, aber seines verbarg sich in einer Metallröhre mit ledernem Schultergurt.
Einerseits war sie stolz auf Thorn, aber andererseits war sie seinetwegen auch verlegen und unsicher. Manchmal wünschte sie, sie wäre ein gewöhnliches Mädchen mit einem dicklichen Büroangestellten als Vater - einem zufriedenen Mann, der ihr Eiswaffeln kaufte und blöde Witze erzählte. Das Leben ringsum mit seiner grellbunten Mode, der Popmusik und den Fernsehshows war eine ständige Versuchung. Sie wollte sich in dieses warme Gewässer fallen und von seiner Strömung davontragen lassen. Es war anstrengend, die Tochter von Thorn zu sein, die ständig der Beobachtung durch das System auswich, immer nach Feinden Ausschau hielt und sich vor Angriffen in Acht nehmen musste.
Maya war zwölf und noch nicht kräftig genug, um das
Schwert eines Harlequins zu benutzen. Als Ersatz dafür hatte Vater ihr vor dem Verlassen der Wohnung einen Spazierstock aus der Abstellkammer gegeben. Maya hatte Thorns helle Haut und seine ausgeprägten Gesichtszüge, aber das kräftige, schwarze Haar ihrer Mutter, einer Sikh, geerbt. Ihre Augenfarbe war ein so blasses Blau, dass die Iris, aus einem bestimmten Winkel betrachtet, durchsichtig wirkte. Sie fand es furchtbar, wenn irgendwelche Frauen ihrer Mutter gegenüber nett gemeinte Komplimente über Mayas Aussehen machten. Glücklicherweise würde sie in ein paar Jahren alt genug sein, um sich so zu tarnen, dass sie möglichst durchschnittlich aussah.
Maja und Thorn verließen den Zoo und spazierten durch den Regent's Park. Es war Ende April, junge Männer bolzten auf dem matschigen Rasen, und Paare schoben Kinderwagen, in denen dick eingewickelte Babys lagen. Die ganze Stadt schien unterwegs zu sein, um nach drei Regentagen die Sonne zu genießen. Maya und ihr Vater fuhren mit einer U-Bahn der Piccadilly Line zur Haltestelle Arsenal; es dämmerte bereits, als sie sich dem ebenerdigen Ausgang näherten. Thorn hatte in einem indischen Restaurant in Finsbury Park einen Tisch für ein frühes Abendessen reserviert. Maya hörte aus der Ferne Lärm - Gebrüll und Getröte von Plastiktrompeten - und fragte sich, ob dort ein Demonstrationszug unterwegs war. Dann folgte sie ihrem Vater durch das Drehkreuz und schien sich plötzlich am Rand eines Kriegsschauplatzes zu befinden.
Vom Bürgersteig aus sah sie eine Horde Menschen die Highbury Hill Road entlangmarschieren. Keiner von ihnen trug ein Transparent mit Protestparolen, und Maya begriff, dass gerade eben ein Fußballspiel zu Ende gegangen war. Am Ende der Straße stand das Stadion von Arsenal, und ein Klub mit den Vereinsfarben Blau und Weiß - es handelte sich um Chelsea - war dort zu Gast gewesen. Die Chelsea-Fans kamen aus dem Besuchereingang am Westrand des Stadions und liefen durch die schmale, von Reihenhäusern gesäumte Straße. Es war eigentlich nicht weit bis zum U-Bahnhof, aber jetzt glich die kurze Strecke auf dieser Straße in North London einem Spießrutenlauf. Die Polizei wollte verhindern, dass die Hooligans unter den Arsenal-Fans Prügeleien mit den Anhängern von Chelsea anzettelten.
Uniformierte am Straßenrand. Dazwischen Blauweiß. Rowdys in Rot, die Flaschen schmissen und versuchten, die Polizeikette zu durchbrechen. Unbeteiligte Bürger, die sich unerwartet vor den herannahenden Fans wiederfanden, hasteten zwischen geparkten Autos hindurch und rissen Mülleimer um. Am Bordstein wuchs Weißdorn, und jedes Mal, wenn jemand gegen einen der Büsche gedrückt wurde, zitterten die rosa Blüten. Blütenblätter segelten durch die Luft und fielen auf die wogende Menge.
Der größte Pulk war nur noch etwa hundert Meter vom Eingang des U-Bahnhofs entfernt. Thorn hätte sich nach links wenden und die Gillespie Road hinaufgehen können, aber er blieb auf dem Bürgersteig stehen und betrachtete die Menschen um sich herum. Er lächelte ein wenig, sich seiner Macht voll bewusst, amüsiert angesichts der sinnlosen Gewalt dieser Drohnen. Zusätzlich zu dem Schwert trug er noch mindestens ein Messer bei sich sowie eine Pistole, die er sich in den USA besorgt hatte. Wenn er wollte, könnte er sehr viele dieser Menschen töten, aber es handelte sich hier um eine öffentliche Auseinandersetzung, und die Polizei war zugegen.
Maya schaute zu ihrem Vater hoch. Wir sollten von hier verschwinden, dachte sie. Die Leute sind total außer sich. Aber Thorn warf seiner Tochter einen strengen Blick zu, so als hätte er ihre Angst gespürt, und Maya schwieg.
Alle schienen aus vollem Hals zu schreien. Die verschiedenen Stimmen verschmolzen zu einem einzigen, wütenden Gebrüll. Maya hörte einen hohen Pfeifton. Das Heulen einer Polizeisirene. Eine Bierflasche flog durch die Luft und zersplitterte weniger als einen Meter von der Stelle entfernt, wo sie und ihr Vater standen. Plötzlich durchbrach ein Keil aus roten Hemden und Schals die Polizeikette, und Maya sah, wie die Hooligans Schläge und Fußtritte austeilten. Über das Gesicht eines Polizisten lief Blut, aber er hob seinen Schlagstock und setzte sich zur Wehr.
Sie drückte Vaters Hand. »Gleich sind sie hier«, sagte sie. »Komm, lass uns gehen.«
Thorn drehte sich um und zog seine Tochter zurück in den Eingang zur U-Bahn-Station, so als wollte er mit ihr dort Schutz suchen. Doch inzwischen trieben die Polizisten die Chelsea-Fans voran wie eine Viehherde, und plötzlich befanden sich Maya und ihr Vater inmitten von blau gekleideten Männern und wurden zusammen mit ihnen an dem Fahrkartenschalter vorbeigeschoben, hinter dessen dicker Glasscheibe sich ein ältlicher Bahnangestellter duckte.
Vater sprang über das Drehkreuz, und Maya folgte ihm in den langen Tunnel, der zu den Gleisen führte. Alles in Ordnung, dachte sie. Wir sind in Sicherheit. Dann bemerkte sie, dass sich Männer in Rot in den Tunnel gedrängt hatten und neben ihnen herliefen. Einer von ihnen hielt einen Wollstrumpf in der Hand, in den etwas Schweres gestopft war - Steine, Eisenkugeln -, und er schwenkte ihn wie eine Keule, schlug damit einem alten, direkt vor Maya gehenden Mann die Brille aus dem Gesicht und brach ihm die Nase. Ein paar der Hooligans schleuderten einen Chelsea-Fan gegen die Metallstangen am linken Rand des Tunnels. Der Mann versuchte, ihren Schlägen und Tritten zu entkommen. Weiteres Blut floss. Und kein Polizist in Sicht.
Thorn packte Maya am Jackenkragen und zerrte sie zwischen den Prügelnden hindurch. Ein Mann ging auf sie los, aber Vater stoppte ihn sofort mit einem abrupten, ansatzlosen Schlag gegen den Hals. Maya rannte den Tunnel entlang, um zur Treppe zu gelangen. Unvermittelt streifte ihr jemand etwas Längliches über die rechte Schulter und die Brust. Maya blickte nach unten und sah, dass Thorn einen blau-weißen Chelsea-Schal an ihrem Oberkörper festgeknotet hatte.
In diesem Moment begriff sie, dass der Besuch im Zoo, die unterhaltsamen Geschichten, die Fahrt zum Restaurant Teil eines Plans gewesen waren. Vater hatte von dem Fußballspiel gewusst, war vermutlich schon einmal hier gewesen und hatte den Zeitpunkt ihrer Ankunft berechnet. Sie schaute über die Schulter und sah Thorn nicken und lächeln, so als hätte er ihr gerade eine seiner unterhaltsamen Geschichten erzählt. Dann wandte er sich ab und ging weg.
Maya wirbelte in dem Moment herum, in dem drei Arsenal-Fans schreiend auf sie zugerannt kamen. Nicht nachdenken. Reagieren. Mit einer Bewegung wie beim Speerwurf stieß sie dem größten der Männer die Stahlspitze des Spazierstocks in die Stirn. Blut spritzte aus der Wunde, und die Beine des Mannes gaben nach, woraufhin Maya herumschnellte und den zweiten Mann über den Stock stolpern ließ. Als er nach hinten taumelte, sprang sie hoch und trat ihm ins Gesicht. Er vollführte eine halbe Drehung und fiel zu Boden. Erledigt. Er ist erledigt. Sie lief zu ihm und versetzte ihm einen Tritt.
Als sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden stand, umschlang der dritte Mann sie von hinten und hob sie in die Höhe. Er versuchte, ihr mit dem Druck seiner Arme die Rippen zu brechen, doch Maya ließ den Stock fallen, griff mit beiden Händen nach hinten und krallte sich an seinen Ohren fest. Der Mann jaulte laut auf, als sie ihn über die Schulter zu Boden warf.
Maya erreichte die Treppe, nahm zwei Stufen auf einmal und sah ihren Vater auf dem Bahnsteig an der geöffneten Tür eines U-Bahn-Wagens stehen. Er packte sie mit der rechten Hand und quetschte sie beide mit Hilfe der linken in das Abteil. Die Türen bewegten sich hin und her, doch schließlich schlossen sie sich. Einige Arsenal-Fans rannten zu dem Zug und schlugen mit den Fäusten gegen die Scheiben, aber er setzte sich schon in Bewegung und verschwand im U-Bahn-Tunnel.
Die Leute im Abteil standen dicht an dicht. Eine Frau weinte, und wenige Zentimeter von Maya entfernt drückte sich ein Junge ein Taschentuch gegen Mund und Nase. Der Zug fuhr um eine Kurve. Maya wurde gegen ihren Vater gedrückt und vergrub ihr Gesicht in seinem Wollmantel. Sie hasste ihn und liebte ihn, wollte gleichzeitig auf ihn einschlagen und ihn umarmen. Nicht weinen, dachte sie. Er beobachtet dich. Ein Harlequin weint nicht. Und sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass die Haut aufplatzte und sie ihr eigenes Blut schmeckte.
EINS
Maya landete am Nachmittag auf dem Flughafen Ruzyne und fuhr mit dem Shuttlebus nach Prag. Die Wahl dieses Verkehrsmittels war ein kleiner Akt der Rebellion. Ein echter Harlequin hätte sich einen Mietwagen oder ein Taxi genommen. In einem Taxi konnte man jederzeit dem Fahrer die Kehle durchschneiden und selbst das Steuer übernehmen. Flugzeuge und Busse waren gefährlich, denn sie boten kaum Fluchtmöglichkeiten.
Niemand hat vor, dich umzubringen, sagte sie sich. Niemand interessiert sich für dich. Traveler vererbten ihre Kräfte, und deshalb versuchte die Tabula, so wie sie die Bruderschaft nannten, alle Mitglieder ein und derselben Familie zu beseitigen. Die Harlequins verteidigten die Traveler und deren Lehrer, die Wegweiser, aber dies beruhte auf einem freiwilligen Entschluss. Das Kind eines Harlequins konnte dem Weg des Schwertes entsagen, einen bürgerlichen Namen annehmen und sich einen Platz im System suchen. Solange es keinen Ärger verursachte, ließ die Bruderschaft der Tabula es in Ruhe.
Vor ein paar Jahren besuchte Maya einmal John Mitchell Kramer, den einzigen Sohn von Greenman, einem britischen Harlequin, der in Athen von den Tabula durch eine Autobombe ermordet worden war. Kramer hatte sich auf eine Schweinefarm in Yorkshire zurückgezogen, und Maya schaute ihm zu, wie er mit Eimern voller Futter für seine Tiere durch den Matsch stapfte. »Nach ihrer Einschätzung hast du die Grenze noch nicht überschritten«, erklärte er ihr. »Du hast die Wahl,
Maya. Du kannst dich noch immer abwenden und ein normales Leben führen.«
Maya beschloss, sich in Judith Strand zu verwandeln, eine junge Frau, die an der University of Salford in Manchester ein paar Semester Produktdesign studiert hatte. Sie zog nach London, begann als Aushilfe in einer Designfirma zu arbeiten, und nach einer Weile wurde ihr dort eine feste Stelle angeboten. Die drei Jahre in der Großstadt waren von einer Serie privater Herausforderungen und kleiner Triumphe geprägt gewesen. Maya erinnerte sich noch gut, wie es war, als sie das erste Mal ihre Wohnung unbewaffnet verließ. Sie war den Angriffen der Tabula schutzlos ausgeliefert und fühlte sich schwach und wie auf dem Präsentierteller. Alle Menschen auf der Straße beobachteten sie; jeder einzelne Passant war ein potenzieller Auftragsmörder. Sie rechnete damit, von einer Kugel oder Klinge niedergestreckt zu werden, aber nichts passierte.
Nach und nach hielt sie sich länger außerhalb ihrer Wohnung auf und testete ihre neue Lebenseinstellung. Maya blickte nicht länger in jedes Schaufenster, um zu sehen, ob ihr jemand folgte. Wenn sie mit ihren neu gewonnenen Freunden in ein Restaurant ging, hatte sie keine versteckte Waffe griffbereit in ihrer Nähe und setzte sich nicht mit dem Rücken zur Wand.
Im April verstieß sie gegen den Grundsatz der Harlequins, niemals einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Fünf teure Sitzungen lang saß sie in einem Zimmer voller Bücherregale in Bloomsbury. Sie wollte über ihre Kindheit reden und über den ersten Vertrauensbruch im U-Bahnhof Arsenal, aber sie schaffte es einfach nicht. Dr. Bennett war ein gepflegter kleiner Mann, der sich hervorragend mit Wein und altem Porzellan auskannte. Maya wusste noch genau, wie verwirrt er gewesen war, als sie ihn einen Bürger genannt hatte.
»Selbstverständlich bin ich ein Bürger dieses Landes«, sagte er. »Ich bin in England geboren und aufgewachsen.«
»Das ist bloß so eine Bezeichnung, die mein Vater benutzt. Neunundneunzig Prozent der Bevölkerung sind entweder Bürger oder Drohnen.«
Dr. Bennett nahm seine Goldrandbrille ab und putzte sie mit einem grünen Flanelltuch. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das zu erklären?«
»Bürger sind Menschen, die zu verstehen glauben, was in der Welt vor sich geht.«
»Es ist keineswegs so, dass ich alles verstehe, Judith. Das habe ich auch nie behauptet. Aber ich bin über das Zeitgeschehen gut informiert. Ich sehe mir jeden Morgen die Nachrichten an, während ich auf meinem Laufband jogge.«
Maya zögerte, beschloss dann aber, ihm die Wahrheit zu sagen: »Das meiste von dem, was Sie für Tatsachen halten, ist frei erfunden. Die wahren Kämpfe der Menschheitsgeschichte finden unter der Oberfläche statt.«
Dr. Bennett bedachte sie mit einem herablassenden Lächeln. »Erzählen Sie mir von den Drohnen.«
»Drohnen, das sind die Menschen, die nur damit beschäftigt sind zu überleben und deshalb nichts wahrnehmen, was sich jenseits ihres täglichen Lebens ereignet.«
»Sie meinen arme Menschen?«
»Sie können arm sein oder ihr Dasein in einem Drittweltland fristen, aber sie wären dennoch in der Lage, sich zu ändern. Vater sagte immer:>Bürger ignorieren die Wahrheit. Drohnen sind einfach zu erschöpft. Dr. Bennett setzte seine Brille wieder auf und griff nach seinem Notizblock. »Vielleicht wäre jetzt ein geeigneter Zeitpunkt, über Ihre Eltern zu sprechen.«
Dieser Vorschlag bedeutete das Ende der Therapie. Was hätte sie über Thorn erzählen können? Ihr Vater war ein Harlequin, der fünf Mordanschläge der Tabula überlebt hatte. Er war stolz, grausam und sehr mutig. Mayas Mutter entstammte einer Familie von Sikhs, die seit etlichen Generationen Verbündete der Harlequins war. Zu Ehren ihrer Mutter trug sie am rechten Handgelenk ein Armband.
Im Spätsommer feierte sie ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag, und eine ihrer Kolleginnen aus der Designfirma machte mit ihr einen Einkaufsbummel durch die Boutiquen in West London. Maya erstand ein paar modische, leuchtend bunte Kleidungsstücke. Sie gewöhnte sich an, abends fernzusehen, und bemühte sich, den Nachrichtensprechern zu glauben. Manchmal war sie glücklich - beinahe glücklich - und freute sich über die ständigen Ablenkungen durch das System. Regelmäßig wurde eine neue Sorge erfunden, vor der man Angst haben konnte, oder ein neues Produkt, das man unbedingt haben wollte.
Maya trug zwar keine Waffen mehr bei sich, doch sie besuchte gelegentlich ein Sportstudio, um mit einem Kickbox-Trainer ein paar Sparringsrunden zu absolvieren. Dienstags und donnerstags nahm sie an einem Fortgeschrittenenkurs in einem Kendo-Dojo teil und kämpfte dort mit dem Shinai-Schwert aus Bambusstäben. Maya versuchte, sich einzureden, dass sie nichts anderes wollte, als fit zu bleiben, so wie ihre Kollegen, die joggten oder Tennis spielten. Aber insgeheim wusste sie, dass es um mehr ging. Wenn man kämpfte, war man vollständig auf den gegenwärtigen Moment fixiert, richtete seine Energie einzig und allein darauf, sich zu verteidigen und den Gegner zu vernichten. Eine solche intensive Erfahrung hatte das bürgerliche Leben ihr nicht zu bieten.
Nun war sie in Prag, um ihren Vater zu besuchen, und die vertraute Paranoia eines Harlequins ergriff wieder mit Macht von ihr Besitz. Nachdem sie sich an einem Schalter das Flugticket gekauft hatte, stieg sie in den Shuttlebus und setzte sich in eine der hinteren Reihen. Ein ungünstiger Platz, falls man einen Angriff abwehren musste, aber sie war fest entschlossen, sich daran nicht zu stören. Maya beobachtete, wie ein älteres Ehepaar und eine Gruppe deutscher Touristen den Bus bestiegen und ihr Gepäck abstellten. Sie versuchte, sich abzulenken, indem sie an Thorn dachte, aber ihr Körper übernahm das Kommando, und ohne es zu wollen, stand sie auf und setzte sich auf einen Platz am Notausgang. Zornig darüber, dass ihre Ausbildung zum Harlequin wieder einmal die Oberhand gewonnen hatte, ballte sie die Fäuste und starrte aus dem Fenster.
Kaum war der Bus vom Terminal losgefahren, hatte es zu nieseln begonnen, und als er sich der Innenstadt näherte, wurde der Regen heftiger. Prag war an den beiden Ufern der Moldau erbaut worden, und die schmalen Straßen und grauen Steinhäuser gaben ihr das Gefühl, in einen Irrgarten geraten zu sein. Die Stadt war voller Kirchen und Burgen, deren spitze Türme in den Himmel stießen.
An der Bushaltestelle boten sich ihr erneut verschiedene Alternativen. Sie konnte zu Fuß zum Hotel gehen oder ein Taxi anhalten. Der legendäre japanische Harlequin Sparrow hatte geschrieben, wahre Krieger sollten »Zufälligkeit kultivieren«. Mit wenigen Worten hatte er eine komplette Philosophie entworfen. Ein Harlequin lehnte dumpfe Routine und bequeme Angewohnheiten ab. Er lebte äußerst diszipliniert, hatte aber keine Furcht vor Unordnung.
Es regnete noch immer. Ihre Kleidung war inzwischen fast durchnässt. Das Naheliegendste war, in das Taxi zu steigen, das wartend am Bürgersteig stand. Maya zögerte einige Sekunden lang, dann beschloss sie, sich wie eine normale Bürgerin zu verhalten. Sie nahm ihre Taschen in die eine Hand, riss mit der anderen die hintere Tür auf und stieg ein. Der Fahrer war ein kleiner, untersetzter Mann mit Bart, der aussah wie ein Troll. Sie nannte ihm den Namen ihres Hotels, aber er reagierte nicht.
»Hotel Kampa«, sagte sie auf Englisch. »Ist das irgendwie ein Problem?«
»Kein Problem«, antwortete der Fahrer und fuhr los.
Das Hotel Kampa war ein großes vierstöckiges Gebäude, solide und gepflegt, mit grünen Markisen. Es befand sich in einer Kopfsteinpflasterstraße nahe der Karlsbrücke. Maya bezahlte den Taxifahrer und wollte die Tür öffnen, doch sie war verriegelt.
»Los, machen Sie schon die Tür auf.«
»Tut mir Leid, meine Dame.« Der Troll drückte auf einen Knopf, und das Schloss ging klackend auf. Lächelnd sah er zu, wie Maya ausstieg.
Sie ließ ihr Gepäck vom Portier tragen. Da sie ihren Vater besuchte, hatte sie den Drang verspürt, mit den üblichen Waffen ausgerüstet zu sein. Sie waren in einem Kamerastativ versteckt. Ihr Äußeres verriet nicht, aus welchem Land sie stammte, deshalb sprach der Portier auf Englisch und Französisch mit ihr. Für die Reise nach Prag hatte sie auf ihre farbenfrohe Londoner Kleidung verzichtet und trug stattdessen halbhohe Stiefel, einen schwarzen Pullover und eine weite graue Hose. Harlequins hatten eine Vorliebe für maßgeschneiderte Kleidung aus teuren, dunklen Materialien. Keine engen oder bunten Sachen. Nichts, was beim Kämpfen hinderlich war.
Im Foyer standen Klubsessel und kleine Tische. An der Wand hing ein verblasster Wandteppich. Der Angestellte hinter dem Empfangstresen warf einen Blick auf das Stativ und die Videokamera, und seine Neugier schien befriedigt. Harlequins befolgten die Regel, dass sie stets in der Lage sein mussten zu erklären, wer sie waren und warum sie sich an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort befanden. Die Videoausrüstung war eine typische Requisite. Der Portier und der Mann am Empfang dachten vermutlich, sie sei eine Art Filmemacherin.
Thorn hatte eine Suite im zweiten Stock für sie reserviert, dunkel möbliert, mit nachgemachten Jugendstillampen und plüschigen Sesseln. Von einem Fenster blickte man auf die Straße, vom anderen auf die Restauranttische im Innenhof des
Hotels. Es regnete immer noch. Der Innenhof war menschenleer. Die gestreiften Sonnenschirme trieften vor Nässe, und die Stühle lehnten wie müde Soldaten an den runden Tischen. Maya sah unter dem Bett nach und fand dort ein kleines Willkommensgeschenk ihres Vaters vor - eine Art Enterhaken mit etwa fünfzig Metern Bergsteigerseil. Sollte die falsche Person an die Tür klopfen, könnte sie innerhalb von zehn Sekunden durch das Fenster geflohen sein.
Sie zog ihren Mantel aus, spritzte sich Wasser ins Gesicht und legte das Stativ aufs Bett. Bei den Sicherheitschecks auf den Flughäfen verwendeten die Kontrolleure immer viel Zeit darauf, die Videokamera und die verschiedenen Linsen zu inspizieren. Dabei waren die Waffen im Stativ versteckt. In einem der Füße befanden sich zwei Messer - ein relativ schweres Wurfmesser und ein Stilett, mit dem sie schnell zustechen konnte. Sie steckte die Messer in ihre Scheiden und schob sie unter die elastischen Binden, die sie um ihre Unterarme gewickelt hatte. Sorgfältig rollte sie die Ärmel ihres Pullovers hinunter und betrachtete sich im Spiegel. Der Pullover war so weit, dass von beiden Waffen nichts zu sehen war. Maya kreuzte die Hände, machte eine ruckartige Armbewegung, und schon hatte sie in der rechten Hand ein Messer.
In dem zweiten Fuß des Stativs befand sich die Schwertklinge. Im dritten verbargen sich Griff und Stichblatt. Maya befestigte beides an der Klinge. Man konnte das Stichblatt zur Seite drehen, bis es sich in einer Linie mit der Klinge befand. Das machte es viel einfacher, die Waffe in der Öffentlichkeit bei sich zu tragen. War ein Kampf mit dem Schwert unvermeidbar, musste man das Stichblatt nur rasch in die normale Position zurückdrehen und einrasten lassen.
Zusätzlich zu dem Stativ und der Kamera hatte sie noch eine ein Meter zwanzig lange Metallröhre mit Schultergurt dabei. Die Röhre sah aus, als gehörte sie einem Künstler, der darin zusammengerollte Bilder transportierte. Maya benutzte es, um ihr Schwert überallhin mitzunehmen. Sie brauchte nur zwei Sekunden, um es aus der Röhre zu holen, und eine weitere, um angriffsbereit zu sein. Ihr Vater hatte ihr in ihrer Jugend beigebracht, wie man mit dem Schwert kämpft, und sie hatte ihre Technik durch Kendo-Kurse bei einem japanischen Lehrer verfeinert.
Ein Harlequin lernte zusätzlich den Gebrauch von Handfeuerwaffen. Maya benutzte am liebsten ein automatisches Gewehr, möglichst Kaliber 20, mit Pistolengriff und abklappbarer Schulterstütze. Gleichzeitig ein altmodisches Schwert sowie moderne Waffen zu benutzen, wurde als Teil des typischen Kampfstils der Harlequins akzeptiert und geschätzt. Schusswaffen waren ein notwendiges modernes Übel, Schwerter hingegen gab es schon seit Jahrhunderten. Sie existierten außerhalb der Gegenwart, waren der Kontrolle des Systems entzogen. Durch das Schwerttraining lernte man Körperbeherrschung, strategisches Handeln und Unbarmherzigkeit. Das Schwert des Harlequins verband diesen, genau wie der Kirpan den Sikh, sowohl mit seinem spirituellen Erbe als auch mit der kriegerischen Tradition, in der er stand.
Thorn war zudem der Ansicht, dass praktische Gründe für ein Schwert sprachen. Wenn man es in einem Gegenstand wie einem Stativ versteckte, kam man damit problemlos durch den Sicherheitscheck am Flughafen. Ein Schwert war geräuschlos, und man konnte damit so schnell zuschlagen, dass man einem Feind meist das Überraschungsmoment voraushatte. Maya spielte in Gedanken einen Angriff durch. Erst einen Hieb zum Kopf des Gegners vortäuschen und ihn dann seitlich am Knie treffen. Kaum Gegenwehr. Das Geräusch zerbrechender Knochen und Knorpel. Und schon hatte man ein Bein abgeschlagen.
In der Mitte des aufgerollten Fluchtseils lag ein brauner Umschlag. Maya riss ihn auf und las Zeitpunkt sowie Adresse ihres Treffens. Sieben Uhr. In der Altstadt nahe des Betlemske Namesti. Sie legte das Schwert auf ihren Schoß, schaltete das Licht aus und versuchte zu meditieren.
Bilder huschten ihr durch den Kopf, Erinnerungen an den einzigen Kampf als Harlequin, bei dem sie auf sich allein gestellt gewesen war. Sie war damals siebzehn gewesen. Ihr Vater hatte sie nach Brüssel geholt, um einen Zen-Mönch zu beschützen, der zu Besuch in Europa weilte. Der Mönch war ein Wegweiser, einer jener Lehrer, die zukünftigen Travelern beibringen, in eine andere Sphäre überzuwechseln. Die Harlequins waren zwar nicht verpflichtet, Wegweiser zu beschützen, aber sie halfen ihnen, wenn irgend möglich. Der Mönch war ein berühmter Lehrer - und er stand auf der Todesliste der Tabula.
An jenem Abend in Brüssel hielten sich Mayas Vater und sein französischer Freund Linden oben im Hotel nahe der Suite des Mönchs auf. Maya hatte den Auftrag bekommen, im Keller die Tür des Warenaufzugs zu bewachen. Als zwei Söldner der Tabula auftauchten, war niemand da, um ihr zu helfen. Einen der Männer schoss sie mit einer MP in den Hals, den anderen erschlug sie mit ihrem Schwert. Ihre graue Zimmermädchenkluft, ihre Arme und Hände waren blutverschmiert. Als Linden zu ihr nach unten kam, weinte sie hysterisch.
Zwei Jahre später starb der Mönch bei einem Autounfall. All das Blut war umsonst geflossen, all der Schmerz umsonst erlitten.
Beruhige dich, ermahnte sie sich. Such dir ein persönliches Mantra. Unsere Traveler, die da sind im Himmel. Verflucht seien sie allesamt.
Gegen sechs Uhr hörte es zu regnen auf, und Maya beschloss, zu Fuß zu Thorns Wohnung zu gehen. Vom Hotel aus lief sie die Mostecka hinunter zur Karlsbrücke. Die breite gotische Steinbrücke war geschmückt mit einer langen Reihe bunt beleuchteter Statuen.