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Jeder bei Hofe weiß, dass die Frauen Heinrichs VIII. gefährlich leben. Hat er einmal das Augenmerk auf eine andere gerichtet, so schwebt die Königin an seiner Seite in Lebensgefahr. Die deutsche Anna von Kleve kommt als vierte Gemahlin des
Herrschers nach England. Die schüchterne junge Frau ist fasziniert vom höfischen Leben, doch schon bald begreift sie, welche Abgründe hinter der schillernden Fassade lauern. Nach Katharina von Aragon und den Boleyn-Schwestern versucht neben
Anna nun auch ihre Hofdame, die bildhübsche Katherine Howard, sich bei Heinrich durchzusetzen. Ihnen allen ist bewusst, dass sie in eine Löwengrube geraten sind, aus der sie sich nur schwer wieder befreien können. Nur eine von ihnen kann
die Gunst Heinrichs, die Krone Englands und den Kampf um Leben und Tod gewinnen ¿
| Verkaufsrang: | 3.680 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-8387-0711-7 |
| EAN: | 9783838707112 |
| Originaltitel: | The Boleyn Inheritance |
| Erschienen: | 03.2011 |
| Verlag: | Lübbe Digital |
| Einband: | EPUB |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 1 |
| Seitenzahl: | 544 |
| Übersetzer: | Barbara Först |
| Erschienen bei: | Lübbe Digital |
| Übersetzt von: | Barbara Först |
| Spieldauer: | 502 KB |
| Kapitel: | 0 |
| Medium: | EPUB |
Philippa Gregory, geboren 1954 in Kenia, studierte Geschichte in Brighton und promovierte an der University of Edinburgh über die englische Literatur des 18. Jahrhunderts. Neben zahlreichen historischen Romanen schrieb sie auch Kinderbücher, Kurzgeschichten, Reiseberichte sowie Drehbücher und arbeitete als Journalistin für große Zeitungen, Radio und Fernsehen. Philippa Gregory lebt mit ihrer Familie in Nordengland.
ANNA, WHITEHALL-PALAST, JANUAR 1540 (S. 144-145)
Schon die Schönheit des Schlosses Greenwich hatte mich geblendet, aber Whitehall nimmt mir schier den Atem. Es ist eher eine ummauerte Stadt denn ein Palast: Dort gibt es tausend Hallen und Häuser, Gärten und Höfe, in denen sich nur die Hochgeborenen zurechtzufinden scheinen. Seit ewigen Zeiten ist Whitehall das Heim der englischen Könige gewesen, und jeder große Lord hat sich auf den ausgedehnten Ländereien ein eigenes Haus gebaut.
Jeder kennt eine geheime Passage, jeder kennt den schnellsten Weg, jeder kennt irgendeine Tür, durch die man ungesehen auf die Londoner Straßen gelangen kann, und einen direkten Weg zur Anlegestelle am Fluss. Jeder außer mir und meinen klevischen Gesandten, die wir uns in diesem Kaninchenbau ein halbes Dutzend Mal am Tag verirren und uns jedes Mal dümmer vorkommen. Jenseits der Palasttore liegt die Stadt London, eine der meistbevölkerten, lautesten, engsten Städte der Welt. Schon in der Morgendämmerung höre ich die Rufe der Straßenhändler, selbst in meinen Gemächern, die tief im Inneren des Kaninchenbaus liegen.
Später am Tag nehmen Lärm und Geschäftigkeit zu, bis man das Gefühl bekommt, dass an keinem Ort der Welt noch Frieden herrschen könnte. Ein steter Menschenstrom fließt durch die Tore, um Waren zu verhökern und gute Geschäfte zu machen und auch, wie Lady Jane mir erzählt hat, um dem König Petitionen vorlegen zu lassen. Hier tagt der Kronrat, und auch das Parlament tagt gleich in der Nähe, im Palast von Westminster. Der Tower von London, dieses Machtsymbol jedes englischen Königs, liegt ein Stück flussabwärts. Wenn ich in diesem mächtigen Königreich heimisch werden will, muss ich lernen, mich zunächst in diesem Palast zurechtzufinden und dann in der Stadt London.
Es hat keinen Sinn, mich in meinem Kämmerlein zu verkriechen, weil ich von Lärm und Betriebsamkeit überwältigt bin. Ich muss das Schloss verlassen und mich den Menschen zeigen. Mein Stiefsohn, Prinz Eduard, weilt zu Besuch bei Hofe; er wird morgen auch beim Turnier zuschauen. Er darf nur selten den Hof besuchen, weil man befürchtet, er könne sich eine Krankheit einfangen, und im Sommer darf er überhaupt nicht kommen, da man in dieser Jahreszeit die Pest besonders fürchtet.
Der Vater betet den Jungen an: Zum einen, weil er so ein niedliches Kind ist, dessen bin ich sicher; doch auch, weil er der einzige Sohn ist, der einzige Erbe der Tudors. Ein einziger Sohn ist so etwas Kostbares. Alle Hoffnungen des Geschlechts ruhen auf dem kleinen Eduard. Zum Glück ist er ein kräftiges, gesundes Kind. Er hat das feinste goldene Haar und ein Lächeln, dass man ihn sogleich in die Arme nehmen und drücken möchte. Aber er ist ganz unabhängig und wäre höchst schockiert, wenn ich ihn herzte. Wenn wir die Kinderstube besuchen, halte ich mich deshalb zurück.
Ich setze mich zu ihm und lasse mir seine Spielsachen bringen, Stück für Stück. Jedes legt er mir in die Hand, ernst und bedeutsam. »Wau«, sagt er etwa, oder »Miau«. Und nie nehme ich seine plumpe, kleine Hand und drücke einen Kuss in die warme Handfläche, obwohl er mich mit seinen dunklen, runden Augen anschaut und so anziehend lächelt. Ich wünschte, ich könnte den ganzen Tag in der Kinderstube verbringen. Eduard ist es gleich, dass ich weder Englisch noch Französisch noch Latein sprechen kann.