BuchhändlerInnen im Portrait
aus Düsseldorf
- Gesamte Rezensionen
- 189 (ansehen)
- Alter
- 32 Jahre
- Abteilung
- Belletristik
- Funktion
- Warengruppenleitung
-
Orient - Europa in einundzwanzig TagenRezension vom 05.05.20131954. Michael ist elf Jahre alt und völlig ahnungslos, als beschlossen wird, dass er den Ort seiner Kindheit verlassen und auf Reisen soll. An Bord eines Passagierschiffs, von Colombo (Sri Lanka) nach Tilbury (England), zu seiner Mutter, einer Fremden.
Am Katzentisch - in weitester Entfernung zum Tisch des Kapitäns und somit von geringstem gesellschaftlichen Prestige - freundet er sich rasch mit zwei Jungen in seinem Alter an. Einundzwanzig Tage stromern die drei, auf und unter Deck, umher und erleben ständig irgendwelche Abenteuer. Zwangsläufig unter ihnen, auf engstem Raum, erkunden sie das eigentümliche Verhalten der Erwachsenen.
Wikipedia verrät, dass die biografischen Eckdaten des Roman-Michas auch die des gleichnamigen Autoren sind. Verrückt! Ein Autobiografischer Roman? Sei's drum!
Ondaatjes KATZENTISCH ist ein Abenteuerroman erster Klasse, der sich liest wie ein Klassiker der Weltliteratur. Sprachlicher Balsam und dabei vergnügliche Unterhaltung! -
Orient - Europa in einundzwanzig TagenRezension vom 05.05.20131954. Michael ist elf Jahre alt und völlig ahnungslos, als beschlossen wird, dass er den Ort seiner Kindheit verlassen und auf Reisen soll. An Bord eines Passagierschiffs, von Colombo (Sri Lanka) nach Tilbury (England), zu seiner Mutter, einer Fremden.
Am Katzentisch - in weitester Entfernung zum Tisch des Kapitäns und somit von geringstem gesellschaftlichen Prestige - freundet er sich rasch mit zwei Jungen in seinem Alter an. Einundzwanzig Tage stromern die drei, auf und unter Deck, umher und erleben ständig irgendwelche Abenteuer. Zwangsläufig unter ihnen, auf engstem Raum, erkunden sie das eigentümliche Verhalten der Erwachsenen.
Wikipedia verrät, dass die biografischen Eckdaten des Roman-Michas auch die des gleichnamigen Autoren sind. Verrückt! Ein Autobiografischer Roman? Sei's drum!
Ondaatjes KATZENTISCH ist ein Abenteuerroman erster Klasse, der sich liest wie ein Klassiker der Weltliteratur. Sprachlicher Balsam und dabei vergnügliche Unterhaltung! -
Pilcher-Idyll auf der KreissägeRezension vom 03.05.2013Sommerhitze. Ein Plantage, trostlos und abgeschottet. Hier wohnt Galen mit seiner Mutter. Und die will ihn ganz für sich allein. Über die Jahre hat sie sich den mageren, aber hübschen jungen Galen zu einer Art Ehemann erzogen. Ein behüteter Kokon der Friedlichkeit. Sie hält sich für eine gute Mutter, einen guten Menschen. Das tägliche Teekränzchen als Sinnbild inszenierter Harmonie.
Bis zu jenem verhängnisvollen Familienausflug zur Hütte. Sie erwischt ihren Sohn, in flagranti, mit seiner Cousine.
Binnen Sekunden schlägt der familiäre Frieden in wahnsinnigen Hass um. Kosenamen werden zu Drohungen. Er soll verschwinden, für immer! Galen aber, der ein Leben lang unter den Machtspielchen seiner Mutter litt, bleibt - mit aller Gewalt.
"Galens Mutter weinte lautlos, mit heftigen Atemhicksern, Sie konnte kaum sprechen. Ich sollte mein eigenes Kind nicht hassen, sagte sie. Das weiß ich. Aber ich hasse dich."
David Vann stellt in DRECK die existenziell-selbstverständliche Notwendigkeit der familiären Bindung in Frage. Mehr noch. Wozu gibt es überhaupt Bindungen? Bedeuten Sie doch nur Enttäuschung, schlechtes Gewissen und Kränkung. Vann beschreibt Familie, Zweisamkeit, Zugehörigkeit als einen fadenscheinigen sozialen Umstand, in dem es keinen Frieden geben kann. Bei Bosheit und Verzweiflung belässt es der Autor nicht. Wie bereits in IM SCHATTEN DES VATERS und DIE UNERMESSLICHKEIT entlädt auch DRECK sich in unvorhersehbarer und unerträglicher Wut und Gewalt.
Kritik: Das unablässige esoterisch-spirituelle New-Age-Gequatsche Galens nervt doch ab und an.
Dieser außergewöhnliche Roman ist nichts für schwache Nerven, er wird Sie fordern, aber er wird Sie auch nachhaltig berühren!
Zu Ihrem Gemütsausgleich empfehle ich Ihnen Rosamunde Pilchers MEINE BEIDEN MÜTTER gleich mit zu bestellen. -
Funktionieren oder verschwindenRezension vom 03.05.2013Ein strahlend schöner Samstag im August. Ein junger Mann, Mitte zwanzig, ist mit seiner Frau auf dem Weg zu einem Tennismatch. Er gibt vor seinen Tennisschläger vergessen zu haben, kehrt allein zum Haus zurück, steigt in den Keller und erschießt sich. Kopfschuss, mit einem sorgfältig dafür präparierten Gewehr. Einen Abschiedsbrief hinterlässt er nicht.
Aus der Perspektive eines Freundes erzählt Édouard Levé die Geschichte eines Selbstmörders. Liebevoll, fast zärtlich geschilderte Erinnerungen. Wie ein sorgfältig verlesenes Album künstlerischer Schwarz/Weiß-Aufnahmen, in seiner Chronologie willkürlich. Schnappschüsse eines Lebens.
Ein junger, starker, gesunder Mann. Der Familie hatte, eine Frau, Freunde, ein Haus, auch Geld.
Rückblickend wird immer klarer, dass der Moment des Schusses nur ein Punkt auf einem Zeitstrahl war. Eine Selbsttötung in Zeitlupe. Immer wieder Phasen schlechter seelischer Verfassung. Schweigen, Zweifel, Niedergeschlagenheit. Sein abwesender, trauriger Blick.
Erklärungen und Antworten auf das Warum?-Warum?-Warum? gibt Levé nicht. Vielmehr stellt sich in SELBSTMORD eine Frage: Was wissen wir schon von der Hölle des Anderen?
Nach Vollendung des Buches hat sich Édouard Levé erhängt.
Ein ergreifendes beeindruckendes Buch! -
Funktionieren oder verschwindenRezension vom 03.05.2013Ein strahlend schöner Samstag im August. Ein junger Mann, Mitte zwanzig, ist mit seiner Frau auf dem Weg zu einem Tennismatch. Er gibt vor seinen Tennisschläger vergessen zu haben, kehrt allein zum Haus zurück, steigt in den Keller und erschießt sich. Kopfschuss, mit einem sorgfältig dafür präparierten Gewehr. Einen Abschiedsbrief hinterlässt er nicht.
Aus der Perspektive eines Freundes erzählt Édouard Levé die Geschichte eines Selbstmörders. Liebevoll, fast zärtlich geschilderte Erinnerungen. Wie ein sorgfältig verlesenes Album künstlerischer Schwarz/Weiß-Aufnahmen, in seiner Chronologie willkürlich. Schnappschüsse eines Lebens.
Ein junger, starker, gesunder Mann. Der Familie hatte, eine Frau, Freunde, ein Haus, auch Geld.
Rückblickend wird immer klarer, dass der Moment des Schusses nur ein Punkt auf einem Zeitstrahl war. Eine Selbsttötung in Zeitlupe. Immer wieder Phasen schlechter seelischer Verfassung. Schweigen, Zweifel, Niedergeschlagenheit. Sein abwesender, trauriger Blick.
Erklärungen und Antworten auf das Warum?-Warum?-Warum? gibt Levé nicht. Vielmehr stellt sich in SELBSTMORD eine Frage: Was wissen wir schon von der Hölle des Anderen?
Nach Vollendung des Buches hat sich Édouard Levé erhängt.
Ein ergreifendes beeindruckendes Buch! -
Vollkommen!Rezension vom 01.05.2013Ein Dorf im Oberpfälzischen. Der Brauersche Hof und seine Bewohner. Im Erdgeschoss bewohnt ein Esel sein eigenes Zimmer. Dieses Wohnrecht verdankt er Mutter Hanna, die sich alsbald - wirr im Kopf - vom Balkon stürzt. Vater Randolph, nunmehr Witwer, tieftraurig und dauerbeschwipst. Und neben der grantigen Haushälterin, Herzjesuleins treueste Anhängerin und dem schlüpfrigen Dauermieter, immer eine Frauengeschichte auf Lager, schließlich und endlich die Buben Lorenz und Karl. In ihrem Kopf wirbelt Elsa umher. Narrisch nach ihr, raubt sie den Brüdern den Schlaf. Die kleine Elsa mit den dürren Ärmchen. Nebst Krokodillederhandtasche und Lackstiefeln trägt sie die viel zu großen Negligés ihrer Mutter (die einst einem beträchtlichen Teil der männlichen Dorfpopulation zugetan war).
Astrid Rosenfeld beweist mit ELSA UNGEHEUER einmal mehr, dass sie eine begnadet-talentierte Erzählerin ist. Wie schon in ADAMS ERBE lässt sie auch in diesem Roman liebevoll intonierte schrullige Helden von einem Anekdötchen um Kindheit, Herkunft und Heimat ins nächste schlittern. Figuren (inklusive Metzgersohn Schweinewilli) die man sich zum Freunde wünscht.
Ein zweifelsohne vollkommenes, anrührend-komisches Buch. -
Vollkommen!Rezension vom 01.05.2013Ein Dorf im Oberpfälzischen. Der Brauersche Hof und seine Bewohner. Im Erdgeschoss bewohnt ein Esel sein eigenes Zimmer. Dieses Wohnrecht verdankt er Mutter Hanna, die sich alsbald - wirr im Kopf - vom Balkon stürzt. Vater Randolph, nunmehr Witwer, tieftraurig und dauerbeschwipst. Und neben der grantigen Haushälterin, Herzjesuleins treueste Anhängerin und dem schlüpfrigen Dauermieter, immer eine Frauengeschichte auf Lager, schließlich und endlich die Buben Lorenz und Karl. In ihrem Kopf wirbelt Elsa umher. Narrisch nach ihr, raubt sie den Brüdern den Schlaf. Die kleine Elsa mit den dürren Ärmchen. Nebst Krokodillederhandtasche und Lackstiefeln trägt sie die viel zu großen Negligés ihrer Mutter (die einst einem beträchtlichen Teil der männlichen Dorfpopulation zugetan war).
Astrid Rosenfeld beweist mit ELSA UNGEHEUER einmal mehr, dass sie eine begnadet-talentierte Erzählerin ist. Wie schon in ADAMS ERBE lässt sie auch in diesem Roman liebevoll intonierte schrullige Helden von einem Anekdötchen um Kindheit, Familie und Herkunft ins nächste schlittern. Figuren (inklusive Metzgersohn Schweinewilli) die man sich zum Freunde wünscht.
Ein zweifelsohne vollkommenes, anrührend-komisches Buch. -
Elf OhrfeigenRezension vom 01.05.2013Ferdinand von Schirach, Anwalt und Strafverteidiger in Berlin, hat mit VERBRECHEN tatsächliche, echte Fälle seines beruflichen Alltags literarisch verpackt.
Für mich ist von Schirach, allein mit diesen elf Kurzgeschichten um Habgier, Betrug und Vergeltung, der Roald Dahl des 21. Jahrhunderts. Dabei schreibt er mit einer klinischen Kühle und Sterilität und emotionalen Teilnahmslosigkeit, als operiere er den Verbrecher am offenen Herzen.
Wie gewichten wir Schuld, Sinn und Schicksal sowie Strafe, Sühne und Vergebung?
Hat es im Leben eines Verbrechers etwas gegeben, das die Tat rechtfertigt oder erklärt, dass sich wenigstens in einem fernen Winkel seines Lebens irgendetwas erzieherisch Furchtbares abgespielt hat?
Erscheinen uns die Strafen gerecht, weil sie normal und notwendig sind, dass der Schuldige bestraft wird, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, und weil es notwendig ist, dass das Böse bestraft wird?
Jede dieser elf kriminalistischen Miniaturen in VERBRECHEN endet mit dem verbalen Äquivalent einer schallenden Ohrfeige.
Das Perfide dabei ist, dass wir Leser mit den Tätern und Verbrechern sympathisieren und man Partei ergreifend aus dem Zuschauerraum des Gerichtes ruhestörend dazwischenrufen möchte und tückisch schmunzeln, wenn der Greifarm des Gesetzes ins Leere langt und die Tat straffrei oder -mildernd bleibt!
Hier als kleinformatige, in Leinen gebundene Ausgabe. -
Fingernägel auf TafelRezension vom 01.05.2013Die Krankenschwester Liddy hatte es nie leicht. Als Säugling misshandelt, als Kind geduldet, als Heranwachsende missbraucht, meint es das Schicksal endlich gut mit ihr. Arthur - erfolgreich, verdammt gut aussehend und sehr geduldig, außer im Schlafzimmer. Sie heiraten. Doch seine Reizbarkeit nimmt ungeahnte Ausmaße an. Immer öfter schlägt Arthur Liddy zusammen. Auch ihr kleiner Sohn Robert verhält sich zunehmend auffällig. Und bald muss sie feststellen, dass sie mit einem Verrückten, einem Wahnsinnigen zusammenlebt, dessen Vorlieben bei Fesseln und Karabinern nicht aufhören.
Die Karten die das Leben Liddy ausgeteilt hat, sind nicht die besten. Und auch dem Leser bleibt nichts erspart. Ketchum konfrontiert uns in WAHNSINN mit unverhofften, unvorstellbaren Grausamkeiten, furchtbaren, verabscheuungswürdigen Verbrechen. Mit Verdachtsmomenten, Anzeichen, Warnsignalen spielt Ketchum nicht. WAHNSINN erschüttert in seiner erschütternden Gewissheit. -
Hipster vs. Querdenker 0:1Rezension vom 22.04.2013Eine Kleinstadt irgendwo im Mittleren Westen Amerikas. Erster Tag nach dem Spring Break an der Osborne-High. Tummelplatz pubertärer Hipster-Elite. Eine Welle Kaugummi kauender, grenzenlos selbstbewusster, Hollister-beleibter Coolness. Und inmitten dieses Strudels testosteronsatter und sexhungriger Kids, oder eher nebenher, oder noch besser außen vor: James Weinbach, siebzehn, Anzug und Krawatte, jeden Tag. Kontaktscheuer, pessimistischer Querdenker und Menschenfeind.
"Ich hatte das Gefühl, dass alle anderen einander kannten und ich der uneingeladene Gast war, der nur höflich zuhören sollte."
Neben den Kursen, gibt es nur einen einzigen Grund, der ihn diese talgige, Flip-Flop-klatschende Vorhölle aushalten lässt: Chloe. Ausgerechnet Chloe aber hat sich während der Ferien den Anderen, den Massen angeschlossen.
Weinbach, nun hysterisches Nervenbündel, läuft Amok. Keine abgesägten Schrotflinten und Schnellfeuerwaffen. Nein, nein, nein! Er nimmt seinen Mitschülern das, dem sie ein amerikanisches Schülerleben lang entgegenfiebern. Spoiler: *
Joey Goebels ICH GEGEN OSBORNE ist eine sympathisierende Hymne an all die Nerds, Spinner, Introvertierten und Außenseiter. Mit spöttischer Belustigung und grenzenloser Abscheu beschreibt Goebel den Alltag, exemplarisch an einem einzigen Tag, einer picklig-egomanen Gesellschaft, mit jener begehrtesten aller Eigenschaften: Coolness.
* Der Abschlussball.














