Reden macht Wirklichkeit
von
Steppenwolf, am 03.02.2011
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Einige Leute sind auf der Suche. Nach was wissen sie meist selbst nicht genau. Sie suchen nach Menschen, nach Liebe, nach Perspektiven, denn alle sind sie unzufrieden. In vielen kleinen Episoden macht sich jeder für sich auf das Fehlende, das wonach er sich sehnt, ob nun wissentlich oder nicht, zu suchen. Letztlich finden sie alle etwas, aber ist es das Glück?
Sibylle Bergs Debütroman polarisiert wie nur wenige Bücher. Es spaltet seine Leserschaft. Kaum jemand ist in der Mitte, entweder man hasst dieses Buch oder aber man liebt es.
Was zunächst auffällt, ist die eigentümliche Sprache, die vielen sehr kurzen Sätze und die ständigen Perspektiven-wechsel. So wird mal in dritter als auch erster Person erzählt. Das mag anstrengend anmuten, aber es fügt sich auch perfekt mit der Handlung zusammen. Anders hätte man dieses Buch wohl nicht schreiben können oder vielmehr, anders hätte es wahrscheinlich so nicht funktioniert.
Es gibt drei bestimmende Motive, welche die zehn Charaktere dieses Romans miteinander verbindet: Langeweile, Einsamkeit und gestörte Kommunikation.
Gelangweilt sind alle, unzufrieden mit ihrem Beruf und vor allem mit sich selbst. Einsam sind sie, fühlen sich verlassen, isoliert und suchen nach ihrem Glück, einem Glück, das ihnen allein gehört. Ihre Einsamkeit steht also sozusagen für das noch nicht gefundene Glück und um sie auszublenden, geben sie sich teils dem Sex mit anderen Menschen hin, nur um Nähe zu spüren oder gaukeln sich Wärme vor mit dem Genuss von Alkohol. Aus ihrer aller Unvermögen zur Kommunikation scheitern Beziehungen und sie haben Angst davor, dass andere Leute eine andere Wirklichkeit haben als sie selbst und damit auch andere Vorstellungen vom Leben und der Liebe. Die Liebe rückt besonders stark in den Fokus, denn diese ist scheinbar für Männer und Frauen gänzlich verschieden. Für Frauen geht es um Seelenverwandtschaft, Verschmelzen, miteinander alt werden, die vollkommene Symbiose mit einem anderen Lebewesen. Hingegen dem Mann geht es einzig um sein körperliches Begehren.
Ist das Buch nun die knallharte Realität, die niemand sehen will oder ist alles zu sehr überzeichnet, zu sehr realitätsfern? Das ist die Frage. Sicher sind die Figuren übertrieben dargestellt, aber dennoch sind sie erschreckend authentisch. Das drückt sich besonders in den Momenten aus, in denen der Leser Einblicke in die Gedanken der Charaktere bekommt und zusehen muss, wie sie letztlich komplett anders handeln als erwartet und dann folgen die Konsequenzen und die sind drastisch.
Dieser Roman ist ehrlich, schnörkellos, direkt und hält der Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht. Das Buch ist Zeitgeist. Aber was ist Zeitgeist? Reden wir nicht drüber, denn Reden macht Wirklichkeit.
Fazit: Wieder lesen oder verbrennen? Ich würde es wieder lesen. Wer mit der wirklich hässlichen Wahrheit konfrontiert werden will, sollte dieses Buch lesen. Und wer erwartet, was zu lachen zu bekommen, der wird herb enttäuscht werden, denn dieses Buch ist alles, aber nicht zum Lachen.