Die Vatikan-Verschwörung

Roman

von Kai Meyer

Buch

Taschenbuch (446 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Rätselhafte Morde im Vatikan.


Der Kunstdetektiv Jupiter stößt in Rom auf die Spur des geheimnisumwitterten Kupferstechers Piranesi. Rätselhafte Morde und unheimliche Erscheinungen führen ihn zum legendären Haus des Daedalus, einem vergessenen Ort tief unter den Fundamenten der Stadt. Verbirgt sich dahinter die Hölle selbst, wie ein vatikanischer Geheimbund vermutet?




Produktdetails

Verkaufsrang: 17.404
ISBN-10: 3-453-43156-1
EAN: 9783453431560
Originaltitel: Bisher: Das Haus des Daedalus
Erschienen: 07.11.2005
Verlag: Heyne Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 446
Länge/Breite: 187mm/121mm
Gewicht: 356 g
Reihe: Heyne-Bücher Allgemeine Reihe
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Kai Meyer

Kai Meyer wurde am 23. Juli 1969 in Lübeck geboren und ist im Rheinland aufgewachsen. Er hat in Bochum einige Semester Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik und Philosophie studiert. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre als Journalist und Redakteur für eine Tageszeitung. Sein erstes Buch veröffentlichte er im Alter von 24 Jahren. Seit 1995 ist er freier Schriftsteller und gelegentlicher Drehbuchautor. Kai Meyer hat eine Vielzahl von Romanen veröffentlicht, darunter Bestseller wie "Das Buch von Eden", "Die Fließende Königin", "Die Wellenläufer", "Die Vatikan-Verschwörung" und "Herrin der Lüge". 2005 erhielt er für "Frostfeuer" den internationalen Buchpreis Corine. Die "Fließende Königin" hat in England den renommierten "Marsh Award" als "Bestes übersetztes Kinderbuch" gewonnen; verliehen wurde er am 24.01.2007 an die Übersetzerin Anthea Bell. Kai Meyer lebt mit seiner Familie in einer Kleinstadt am Rande der Eifel.

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Kundenrezensionen

  • Man legt es jedenfalls nicht schnell aus der Hand Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von slowfood, am 22.04.2012

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Gut und flüssig zu lesen. Spannender Aufbau rund um ein unbekanntes Werk Piranesis aus dem Kerkerzyklus.
    Verwebung von alten Mythen mit modernen Verschwörungen.
    Reichlich Aktion und mehr als genug Tote.
    Warum das zweimal unter verschiedenen Namen erscheinen mußte (s. andere Rezensionen) erschließt sich einem nicht, es sei denn der neue Titel verkauft sich besser?

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  • Sehr gelungen Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Kati Wascher, am 30.11.2009

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Kai Meyer weiß, wie er seine Leserschaft von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Geschickt verwebt er Realgeschichte mit fiktiven Elementen. Wer spannende Unterhaltung abseits des normalen Allerleis sucht, ist hier goldrichtig. Unbedingt lesen!

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  • Spannend bis zum Schluss Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von thomas, am 16.07.2006

    2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Die Geschichte in der es um das älteste Geheimnis des Vatikan, einem mächtigen Geheimbund der weder vor Folter noch vor Mord zurückschreckt und 2 unerschrockenen Helden (1 männlicher und 1 weiblicher natürlich), die sich der schier unbesiegbaren Übermacht stellen, klingt zunächst wie ein weiterer Roman der irgendwie vom derzeitigen Kirchenverschwörungshype profitieren will. Doch dahinter verbirgt sich eindeutig mehr. Das Buch, das bereits 2000 unter dem Titel, "Das Haus des Daedalus", erschienen ist, ist um ein vielfaches besser als alle 0815 Romane die zurzeit zu diesem Thema erscheinen. Kai Meyer schafft es das ganze Buch hindurch Spannung aufzubauen und falsche Fährten für den Leser zu legen. Obwohl man als Leser warscheinlich öfters das Gefühl hat den Plot vorauszuahnen, kommt es schließlich doch wieder anders. Der Autor lässt bei seiner Geschichte rund um Piranesis berühmte Carceri-Kupferstiche und die Unterwelt Roms, Fakt und Fiktion, Geschichte und Mythologie, genial miteinander verfließen. Dabei lässt er auch noch genug Spielraum für den Leser, eigene Interpretationen anzustellen, was sich nun wirklich hinter den versiegelten Türen befindet. Meiner Meinung nach ein sehr gutes und spannendes Buch, 4 Sterne nur deshalb, weil die Hauptcharaktäre ein bisschen zu farblos bleiben, was allerdings aufgrund der sonst gelungen Story nicht besonders schwer ins Gewicht fällt. Fazit: Auf jeden Fall Empfehlenswert!

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  • Spannend - aber unpassendes Ende! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Peter Röben, am 09.06.2006

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Das Buch baut wirklich einen hervorragenden Spannungsbogen auf, leider krankt es aber am mythischen, übertriebenen Ende. Was mit einer interessanten Verschwörung in den Mauern des Vatikans beginnt, endet in einer Verfolgungsjagd mit Helden und Antihelden der griechischen Mythologie - Anfang und Ende passen meiner Meinung nach nur schwer zusammen!!!

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  • Achtung!!!! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Sandra Pohler, am 12.05.2006

    1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Das Buch ist wirklich spannend und vor allem fessend geschrieben. Wieder ein interessanter Vatikan-"Thriller".

    Aber Achtung!!!!!!!

    Dieses Buch ist schon einmal erschienen und zwar unter dem Titel: Das Haus des Daedalus.

    Also wer Kai Meyer-Fan ist und dieses Buch schon besitzt, sollte sich die Vatikan-Verschwörung nicht kaufen, da er sonst ein Buch doppelt im Regal stehen hat.

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  • Spannend Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Alessandra, am 28.04.2006

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Ein Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite spannend bleibt und den man in einem Zug durchlesen kann. Leicht zu lesen, spannend und alles in allem ein wirklich gelungens Buch, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

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  • Spannender Thriller! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Michael, am 15.03.2006

    0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Spannender Roman um einen Kupferstich, den es eigentlich nicht geben sollte. Spannende erzählt, man ist sofort "in der Handlung", keine langatmigen Umschreibungen, welche es schwer machen, in die Story zu finden. Mit Sicherheit kein Roman mit großem Tiefgang, aber spannend erzählt und mit Sicherheit ein netter Zeitvertreib.

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Das Vermächtnis des Kupferstechers


Wenn er Bilder sagte, meinte er Kunst.
Alles andere - die Bilder der Menschen, der Städte, seines Lebens - waren nur Eindrücke, flüchtig und schnell vergessen. Die Wirklichkeit hatte keinen Bestand. Zumindest redete er sich das ein. Es hätte alles soviel einfacher gemacht.


Manchmal aber, wenn er vor einem ganz besonderen Kunstwerk stand, einem, das ihm den Atem raubte, ihn schwindelig machte, dann fürchtete er, daß selbst diese Empfindungen nur Erinnerungen waren, an all das Schöne, Vollkommene - Erinnerungen an damals.


An Miwa.


»Guten Flug gehabt?« fragte der junge Taxifahrer, der ihn vom Flughafen Leonardo da Vinci in die Innenstadt brachte.


So sind sie, die Italiener, dachte Jupiter; sogar ihren Flughäfen verleihen sie den Anschein von Kultur und Stil. Der ursprüngliche Name des Flughafens Fiumicino existierte nur noch auf sonnengebleichten Autobahnschildern. Überall sonst hieß er Leonardo da Vinci. Welches andere Volk entlieh den Spitznamen eines Flughafens von einem Künstler?


»Signore?«


Jupiter blickte auf. »Hm?«


»Hatten Sie einen guten Flug?« fragte der Fahrer noch einmal und schnitt dabei einen Lastwagen. Hinter ihnen setzte ein wildes Hupkonzert ein.


»Sicher. Wie ist der Verkehr heute? Brauchen wir lange?«


»Dreißig Kilometer bis zur Innenstadt.«


»Das meine ich nicht. Ich kenne die Strecke. Aber sind die Straßen frei?«


»Baustellen. Berufsverkehr. Aber es geht schon.« Sein Blick im Rückspiegel sagte: Vertrauen Sie mir. Dieser Blick gehört zum Repertoire aller Taxifahrer dieser Welt. In meinem Wagen bin ich König. Und mein Wagen ist der König der Straße. Machen Sie sich keine Sorgen.


Jupiter lehnte sich zurück und betrachtete vom Rücksitz die öde Landschaft zu beiden Seiten der Autobahn. Die braunen Ackerflächen, die vereinzelten Bauten mit ihren seichten Dachschrägen. Und dann, ein paar Kilometer weiter östlich, die ersten Hochhäuser, grelle Hotelbauten am Rande grauer Ghettoblöcke. Wäsche auf Balkons. Neonreklamen, die bei Tageslicht schmutzig und irgendwie obszön aussahen.


Zuletzt war er mit Miwa in Rom gewesen, vor fast zwei Jahren.


»Sind Sie geschäftlich hier?« fragte der Fahrer. Ihm fehlte die Lethargie seiner älteren Kollegen; er war Anfang Zwanzig und noch neugierig auf alles, was von draußen aus der Welt hierherkam. Er trug eine Kappe aus Kordstoff. In seinem Schoß lag ein phosphorgrünes Handy, mit dem er zweifellos seine Freundin anrufen würde, falls es ihm nicht gelang, seinen Fahrgast in ein Gespräch zu verwickeln. Jupiter war nicht danach, eine halbe Stunde lang italienisches Liebesgeplänkel mitanzuhören; er haßte dieses floskelhafte ›Bella‹ nach jedem zweiten Satz. Lieber redete er selbst, gezwungenermaßen.


»Geschäftlich, ja. In gewisser Weise.«


»Sie haben mit Kunst zu tun, oder?«


Jupiter hob erstaunt eine Augenbraue. Er trug keine Designerkleidung, hatte keine Farbkleckse an den Fingern. »Wie haben Sie das rausbekommen?«


Der junge Fahrer grinste stolz. »Sie wollen, daß ich Sie zur Kirche Santa Maria del Priorato fahre. Touristen, die sich Kirchen anschauen wollen, lassen sich immer zuerst zum Hotel bringen. Das heißt, daß sie kein normaler Tourist sind. Aber Sie sind Ausländer. Und ein Ausländer, der sich vom Flughafen direkt zu einer Kirche kutschieren läßt, muß dort beruflich zu tun haben. Sie sehen nicht aus wie ein Priester. Demnach haben Sie Interesse an dem Gebäude selbst, nicht wahr? Kunst oder Architektur, eines von beidem.« Er zuckte die Achseln. »Der Rest war Glück.«


»Für manche ist auch Architektur Kunst.«


Der Fahrer winkte ab. »Sehen Sie die Wohnblöcke da drüben? Ich wohne in so einem. Und jetzt erzählen Sie mir noch mal was über Kunst und Architektur.«


»Ich geb mich geschlagen.«


»Sind Sie Restaurator oder so was? Architekt? Prüfen Sie irgendwelche Bilder auf ihre Echtheit?«


Okay, dachte Jupiter, was soll's ... »Ich spüre verschollene Kunstwerke auf. Im Auftrag von Sammlern und Museen.«


»So was wie 'n Detektiv?«


»Nur in Sachen Kunst. Keine Angst, ich werde Ihrer Freundin nicht verraten, daß Sie heute nachmittag noch eine andere Frau treffen werden.«


Der Fahrer verriß das Steuer und streifte dabei um ein Haar einen Subaru auf der Nebenspur. Bei Tempo hundert schaute er über die Schulter nach hinten. »Hey, Sie sind ...«


Jupiter grinste. »Ich hab den Bierdeckel in der Ablage gesehen. Darauf steht ein Frauenname und ein Apartment in Tiburtina. Ihre Freundin müßte Ihnen das nicht aufschreiben, oder? Schon gar nicht in irgendeiner Kneipe.«


»Vielleicht hab ich gar keine feste Freundin?«


»Dann hätten Sie Ihr Handy nicht griffbereit auf dem Schoß liegen.« Er konnte sich den Rest nicht verkneifen, auch wenn es überheblich klang: »Ihr Italiener - immer erreichbar für die liebe Familie.«


Schmollend wandte sich der Fahrer wieder nach vorne. »Scheiße, ich bin froh, daß Sie kein Priester sind. Verdammt froh.«


»Angst vor der Hölle?« erkundigte sich Jupiter grinsend.


»Sie nicht?«


Ich war schon da, dachte Jupiter, aber natürlich sagte er das nicht. Klischees sind Klischees wegen ihrer grundsätzlichen Wahrheit, aber man muß sie nicht auch noch laut aussprechen.


Eine Weile fuhren sie schweigend. Sie durchquerten die Außenbezirke, bleiche Ladenfronten vor den Wohngebirgen der Apartmentsilos. Zweispurige Straßen, auf denen die Autos dreispurig fuhren. Dann die langen Alleen der Oleanderbäume, die ersten Ruinen kleiner Aquädukte und gelbbrauner Mauerzeilen, antike Pylonen neben dutzendfach überklebten Litfaßsäulen. Dunstschleier über Brunnenbecken, darüber winzige Regenbögen. Alte Männer in dunklen Anzügen, die Mützen tief in die Stirn gezogen. Junge Mädchen mit Miniröcken und teurem Parfüm, süß genug, damit es in die Nasen vorbeifahrender Cabriofahrer drang. Und aus allen Richtungen gelbe Taxis, als erwartete Rom an diesem Tag eine Generalversammlung der Verkehrsgewerkschaft.


Sie näherten sich der Altstadt.


Es dauerte einige Augenblicke, bis die Umgebung Jupiter stutzig machte.


»Wo sind wir denn hier? Santa Maria del Priorato liegt viel weiter südlich. Wir hätten gar nicht so weit in die Stadt hineinfahren müssen.« Er warf dem Fahrer im Rückspiegel einen argwöhnischen Blick zu, aber etwas sagte ihm, daß der Junge
keineswegs den Versuch machte, ihn übers Ohr zu hauen. Er wußte, daß Jupiter kein naiver Tourist war, der sich nichtsahnend durch halb Rom fahren ließ und anschließend bereitwillig die viel zu hohe Rechnung zahlte.


Der Junge fluchte, warf ihm einen grimmigen Blick über die Schulter zu und riß das Steuer zu einer Kehrtwende auf offener Straße herum. Wieder hupte es lautstark, wieder wurden sie nur knapp von anderen Autos und einem ganzen Schwarm röhrender Vespas verfehlt.


»Ich hab keine Ahnung, warum wir plötzlich hier sind«, preßte der Fahrer zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich hab wirklich keine Ahnung.«


»Ach, kommen Sie ...«


»Nein, nein«, verteidigte sich der Fahrer, »glauben Sie mir, ich versuch nicht, hier irgendwas abzuziehen. Hier, sehen Sie, ich stelle die Uhr ab.« Mit einem Hieb, der eine Spur zu heftig ausfiel, hielt er das Taxameter an. »Ich hab mich verfahren. Aber ich weiß nicht, warum.«


»In Gedanken schon in Tiburtina?«


»Oh, das! Nein, das wird nichts. Das hab ich im Gefühl.«


»Sie sind der erste Taxifahrer, den ich je getroffen habe, der sich auf dem Weg vom Flughafen zur Stadt verfährt.« Jupiter schmunzelte. »Ehrlich, eine Premiere.«


»Schön, daß Sie so viel Spaß in meinem Wagen haben. Empfehlen Sie mich weiter.«


Eben noch hatte Jupiter geglaubt, ziemlich genau zu wissen, wo sie sich befanden - irgendwo nahe der Via Pellegrino, nicht weit vom Campo dei Fiori -, aber jetzt machte die Umgebung auch ihn ratlos. Seit ihrer abrupten Wende war der Fahrer zweimal abgebogen, und jetzt befanden sie sich im Gewirr enger, dunkler Altstadtgäßchen. Das Taxi spiegelte sich in den dunklen Fenstern als gelber Farbklecks, der wie ein Irrwisch vorübersauste.


»Sie fahren zu schnell«, bemerkte Jupiter.


»Ich weiß nicht, wo wir sind. Das macht mich nervös.«


»So was wie einen Taxischein gibt's doch auch hier, oder?«


»Machen Sie sich nur lustig. Glauben Sie mir, das ist mir noch nie passiert. Noch nie.«


»Klar, natürlich.«


»Ich bin abgebogen, und da wußte ich noch genau, wo wir waren. Aber jetzt ...« Er zog sich die Kappe vom Kopf und wischte damit Schweiß von seiner Stirn.


Jupiter seufzte und schaute aus dem Seitenfenster. »Bringen Sie mich einfach irgendwie zur Kirche.«


Das Taxi irrte noch einige Minuten durch schmale Gassen, in denen man kaum den Himmel sah, und über Plätze, auf denen einsame Brunnen plätscherten. Die ganze Zeit über sahen sie keinen Menschen; nur einmal, hinter einer vergitterten Toreinfahrt, kauerte eine krumme Gestalt in einem dunklen Kapuzengewand. Der Kopf war so tief vorgebeugt, daß man das Gesicht nicht sah. Es schien fast, als küsse sie den Boden als Teil eines archaischen Begrüßungsrituals.


»Na, endlich«, rief der Fahrer plötzlich, als vor ihnen eine Schneise sichtbar wurde. Dahinter lag, gebadet in den Strahlen der grellen Frühlingssonne, ein breiter Corso.


Wenig später fuhren sie eine dichtbevölkerte Straße am rechten Tiberufer entlang. Mächtige Platanen beugten sich über die Fahrbahn, fast so devot wie die sonderbare Gestalt im Schatten des Torbogens.


»Sie glauben mir nicht, oder?« fragte der Fahrer.


»Daß Sie sich verfahren haben? Doch, natürlich.«


»Daß ich mich vorher noch nie verfahren habe.«


»Ist schon okay. Ich hab's ja nicht eilig.«


»Sie denken, ich lüge«, brummte der Junge beleidigt.


Jupiter lächelte, gab aber keine Antwort. Statt dessen versuchte er einen Blick auf den Tiber zu erhaschen, doch der gemauerte Steinwall neben dem Fußweg versperrte ihm die Sicht. Erst als sie die Auffahrt einer Brücke kreuzten, sah er kurz die Wasseroberfläche aufblitzen, tief unten in ihrem künstlich begrenzten Bett aus Stein.


Zu ihrer Linken standen hintereinander in kurzen Abständen drei Kirchen. Santa Maria del Priorato war die letzte. Das Taxi mußte von der anderen Seite heranfahren und durchquerte erneut ein Netz kleiner Sträßchen. Diesmal fand der Fahrer sein Ziel ohne Probleme.


Jupiter bezahlte und stieg aus. »Denken Sie an den Bierdeckel, wenn Sie Ihre Freundin mal mitnehmen.«


Der Junge ließ das Stück Pappe in einer Tasche verschwinden. »Grazie, Signore. Ciao.«


»Ciao.« Jupiter zerrte seinen Koffer vom Rücksitz und warf die Tür zu.


Der Junge winkte ihm im Davonfahren zu, so, als hätte die Irrfahrt durch den unbekannten Teil der Altstadt sie zu Freunden gemacht.


Jupiter erwiderte die Geste, erstaunt über sich selbst. Dann wandte er sich kopfschüttelnd dem Kirchenportal zu und eilte mit weiten Schritten über den Vorplatz.




Im Inneren des Gemäuers roch es, wie in allen alten Kirchen, nach Weihrauch, Wachs und Feuchtigkeit. Als Teenager hatte Jupiter sich gefragt, ob es hinter jedem Altar eine Dose mit Geruchsspray gab, so wie früher auf den Toiletten alter Tanten, die er als Kind an den Sonntagen besuchen mußte. Kirchenmuff statt Tannengrün, Kerzenrauch statt Gelber Limone.


Auf der rechten Seite des Kirchenschiffs hatte man die Gebetsbänke beiseite geräumt. Dort erhob sich ein vierstöckiges Baugerüst, das die gesamte Seitenwand einnahm. Arbeiter waren nirgends zu sehen, auch keine Gläubigen, kein Priester.


Das Gerüst erzitterte leicht, als auf der oberen Ebene Schritte laut wurden. Die Bretter und Stahlstangen vibrierten. Jeder Schritt klang laut und hohl durch das Kirchenschiff. Jupiter trat ein paar Meter zurück, um einen besseren Blickwinkel nach oben zu haben, doch noch immer konnte er niemanden sehen.


Die Schritte waren nicht mehr zu hören, und eine schlanke Gestalt kletterte an einer seitlichen Leiter hinunter, flink wie eine junge Katze. Langes dunkles Haar fiel über den Rücken des Mädchens. Sie trug einen grauen Overall. Erst als sie die untere Ebene erreichte, erkannte Jupiter, daß der Stoff eigentlich blau war; die blasse Färbung rührte von Kalk und Staub, der ihren ganzen Körper überzog. Ihr Haar war von Natur aus rabenschwarz, aber jetzt hatte es einen Grauschimmer, der sie älter machte, als sie war.


Coralina wandte ihm erst das Gesicht zu, als sie von der vorletzten Sprosse auf den Boden sprang. Sie lächelte. Seit damals war sie noch hübscher geworden. Das mochte daran liegen, daß er sich ihre Schönheit heute eingestehen durfte; damals war sie noch ein Kind gewesen, kaum fünfzehn Jahre alt.


»Jupiter?« Sie trat auf ihn zu, blieb aber einen Schritt vor ihm stehen und musterte ihn mit einer Gelassenheit, die ihn irritierte. »Du bist drahtiger geworden in den letzten, wieviel, acht Jahren?«


»Zehn.« Er grinste. »Hallo, Coralina.«


Er stellte den Koffer ab, und da flog sie ihm auch schon um den Hals. Sie war leicht, er spürte ihr Gewicht kaum, und sie war fast einen Kopf kleiner als er. Als sie ihn wieder losließ, war sein Mantel mit grauem Staub überzogen.


»Upps«, machte sie. »Tut mir leid.« Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. »Die Shuvani wird ihn waschen. Ist das mindeste, was sie für dich tun kann.«


»Wie geht's ihr?«


»Wir sehen uns nach zehn Jahren wieder, und du fragst mich als erstes, wie es meiner Großmutter geht?« Coralina lachte. »Charmant.«


»Du bist kein Teenager mehr. Daran muß ich mich erst mal gewöhnen.«


Coralinas Augen blitzten. Sie waren dunkel, fast so schwarz wie ihr Haar und ihre schmalen Brauen. Ihre Eltern waren Roma gewesen, Zigeuner, die sie als kleines Kind ihrer seßhaften Großmutter überlassen hatten. Auch die Shuvani war Roma mit Leib und Seele, aber sie lebte jetzt seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in der Hauptstadt, und ihr Volk behauptete, daß die Stadt den Menschen das Blut aussaugte. In den Augen ihrer Leute hatte die Shuvani das Leben auf der Straße abgestreift und war keine echte Roma mehr - auch wenn sie zweifellos noch immer so aussah und sich in die auffälligen Trachten und Stoffe ihres Volkes kleidete. Jupiter war sicher, daß sich daran in den letzten zwei Jahren, seit er Coralinas Großmutter zuletzt gesehen hatte, nichts geändert hatte. Beständigkeit war immer wichtig für sie gewesen.


»Du warst in Florenz, als Miwa und ich die Shuvani besucht haben«, sagte er. »Sie wollte mir nicht mal ein Bild von dir zeigen. Die Fotos würden dir nicht gerecht, hat sie gesagt. Du weißt ja, wie sie ist. Aber ich schätze, sie hatte recht.«


Sie nahm das Kompliment mit einem feinen Lächeln entgegen. »Ich bin vor einem dreiviertel Jahr zurück nach Rom gekommen. Seitdem wohne ich wieder im Haus der Shuvani, im Kellergeschoß.«


»In dem alten Gästezimmer?« Beide verbanden mit diesem Raum eine bestimmte Erinnerung, aber Coralina ließ sich nicht verunsichern. Sie durchschaute die Herausforderung.


»Das Gästezimmer gibt's noch immer. Du wirst dort schlafen, wenn's dir recht ist.« Sie strich sich eine lange Strähne hinters Ohr. »Ungestört«, fügte sie dann hinzu. »Ich trage keine Batiknachthemden mehr.«


Jupiter war damals fünfundzwanzig gewesen, zehn Jahre älter als Coralina. Sein erster Auftrag hatte ihn nach Rom geführt, und es war sein erster Besuch bei der Shuvani gewesen. Coralina hatte sich mit jugendlicher Begeisterung in ihn verliebt und war eines Nachts im Gästezimmer aufgetaucht, nur in einem knappen Nachthemd mit gebatiktem Sternenmuster. Sie hatte ihm gestanden, wie sehr sie ihn mochte und daß sie mit ihm schlafen wolle. Jupiter hatte einmal heftig geschluckt, an ein langes Bad in Eiswasser gedacht und sie schweren Herzens fortgeschickt. Damals hatte er Miwa noch nicht gekannt, aber zu Hause wartete eine andere Freundin auf ihn; außerdem hatte er befürchtet, die Shuvani würde ihn hochkant aus dem Haus werfen, wenn er ihre heißgeliebte Enkelin verführte. Und obwohl ihm die Zurückweisung beileibe nicht leichtgefallen war, hätte er doch kein gutes Gefühl gehabt, mit einer Fünfzehnjährigen zu schlafen. Mit einem Mädchen zudem, das ihn gerade erst vier Tage kannte. Er hatte nie Zweifel gehabt, daß seine Entscheidung richtig gewesen war, auch wenn er noch Jahre später ein ganz schwaches Bedauern verspürte. Er hätte sich selbst belogen, hätte er das abgestritten.


Und nun stand Coralina erneut vor ihm, zehn Jahre älter, eine bildhübsche junge Frau, und sie kokettierte mit jener Nacht im Gästezimmer, als hätte sie ihm damals versehentlich Rotwein aufs Hemd gespritzt.


Um das Thema zu wechseln, deutete er auf das Gerüst an der Seitenwand der Kirche. »Dein Reich?«


Sie nickte. »Na ja, zumindest für ein paar Tage. Ich hab vergangene Woche erst angefangen, die Grundsubstanz der Wand zu prüfen. Die Restauration wird ein paar Monate dauern, aber das ist dann nicht mehr meine Sache. Ich meine, klar, ich bin dabei, aber die Leitung hat jemand anders. Ich mache nur die Vorarbeit.«


»Ziemlich verantwortungsvoller Job für jemanden, der gerade erst mit dem Studium fertig ist.«


»Immerhin fast ein Jahr«, entgegnete sie. »Meine Noten waren ziemlich gut. Und ich hab eine abgeschlossene Steinmetzlehre. Die Kombination macht's, schätze ich. Es gibt ja kaum noch traditionelle Steinmetze hier in der Gegend.«


Die Shuvani hatte Jupiter erzählt, wie gut Coralinas Abschlußnoten gewesen waren. In Florenz hatte sie Kunstgeschichte studiert und war nebenher bei einem Steinmetz in die Lehre gegangen. Sie hatte beide Ausbildungen mit Auszeichnung abgeschlossen, trotz der zweifachen Belastung. In Anbetracht dessen war es vielleicht Glück, aber gewiß kein Zufall, daß sie gleich einen solchen Auftrag an Land gezogen hatte.

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