Totenstarre

Roman

von Mark Nykanen

Buch

Taschenbuch (413 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Die Skulpturenserie "Familiy Planning 1 - 8" machte den Bildhauer Ashley Stassler weltberühmt. Niemand weiß jedoch, wie er seine beunruhigenden künstlerischen Effekte erzielt: Sein Werkstoff sind die Menschen selbst. Für sie hat er ein perfides Programm entwickelt, an dessen Ende er von ihrem Körper Abdrucke nimmt, die er anschließend in Bronze gießt.
Mit "Family Planning 9" will Stassler sich nun als Künstler unsterblich machen. Dazu entführt er eine Familie auf seine Ranch nach Utah, wo er ein bizarres Atelier eingerichtet hat. Doch irgendetwas läuft diesmal anders: Stassler, der sonst kühle Distanz zu seinen Modellen wahrt, glaubt, in der Tochter der Familie eine Seelenverwandte zu finden, die ihn auch erotisch ungemein fasziniert.
Und dann taucht die Kunststudentin Kerry auf. Sie hofft, von Stasslers Arbeit lernen zu können. Doch der ist im Moment mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Da entdeckt Kerry zufällig ein makabres unterirdisches Verlies - und die gekidnappte Familie...

Pressestimmen:

"Verstörend, schockierend, unheimlich und unerhört spannend!" Bild am Sonntag

Produktdetails

ISBN-10: 3-442-36624-0
EAN: 9783442366248
Originaltitel: The Bone Parade
Erschienen: 12.03.2007
Verlag: Blanvalet
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 413
Länge/Breite: 185mm/116mm
Gewicht: 331 g
Übersetzer: Fred Kinzel
Reihe: Blanvalet Taschenbücher
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Mark Nykanen

Mark Nykanen erhielt in den letzten Jahren gleich vier 'Emmys' und einen Edgar-Allan-Poe-Award für seine Arbeit als Bildreporter bei NBC News. Davor war er Leiter einer Nachrichtenredaktion in Phoenix und arbeitete als Fernsehreporter in Arizona. Nach seinem in den USA hoch gelobten Erstling ist 'Totenstarre' sein zweiter Roman. Mark Nykanen lebt an der Westküste der Vereinigten Staaten und beendet gerade seinen nächsten Psychothriller.

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Kundenrezensionen

  • Gruselig Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von S. Knöpper, am 03.10.2010

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    Öffne niemals die Tür - es könnte der Tod davor stehen...

    Wenn aus Jägern Gejagte und aus Tätern Opfer werden: "Totenstarre" ist ein rasanter Psychothriller, der seine Leser auf eine Achterbahn der Emotionen schickt, aus der es kein Entkommen gibt.
    Fazit: Für schwache Nerven definitiv nicht geeignet.

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  • Lebensechte Skulpturen.... Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Jutta Schneider, am 30.05.2010

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    Ashley Stassler ist ein begnadeter Bildhauer. Seine Skulpturenserie Family Planning 1-8 wirkt ungeheuer lebendig.
    Die Kunststudentin Kerry möchte hinter das Geheimnis seines Erfolgs kommen und besucht Stassler auf seiner Ranch. Dort entdeckt sie sein Atelier und diese Entdeckung lässt ihr und dem Leser den Atem stocken.
    Spannend von Anfang bis Ende ist dieser Thriller nichts für schwache Nerven! Sind Ihre stark genug? Probieren Sie es aus....

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  • habe mehr erwartet Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv Bewertungsstern inaktiv

    von cornelia watson, am 06.07.2009

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    Es ist das erste Buch das ich von Mark Nykanen gelesen habe. Nachdem ich auf einem Cover gelesen haben das er Stig Larssen das Wasser reichen kann, muß ich leider sagen mit diesem Buch nicht. Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren und werde mir demnächst ein anderes von Ihm kaufen um nochmals vergleichen zu können. Die Geschichte war zu langatmig und nur einige wenige spannende Momente. Ich habe mehr erwartet.

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  • Gänsehautfeeling Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Katrin, am 15.05.2007

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    Totenstarre ist ein Buch bei dem man nicht aufhören kann! Das Buch wird von Seite zu Seite immer spannender! Sehr empfehlenswert!

    .... bin schon auf die Vorsetzung (hoffentlich) gespannt!

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  • Packend! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Dabis, am 15.03.2007

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    Eines morgens klopft ein Fremder an deine Tür, und im nächsten Moment findest du dich und deine Familie geknebelt in einem Transporter wieder. Ashley Stassler ein berühmter Bildhauer, der seine Skulpturen in Bronze giest, wirft dich in einen Käfig
    und spielt mit dir ein besonderes Spiel. Stassler ist bekannt für seine Skulpturen Family Planning 1-8,deren Körper die nackte Angst zum schreien bringt. Doch niemand weiß, dass reale Menschen für diese Figuren sterben mußten.
    Lauren Reed, ebenfalls Bildhauerin und Kunstdozentin ist weniger begeistert von seinen Werken, denoch freut sie sich für ihre begabteste Studentin Kerry die einen mehrwöchigen Aufenthalt auf seiner Ranch in Utah verbringen wird, um ihm bei seinem neuen Werk Family Planning 9 über die Schulter zu schauen. Doch schon bald wird Kerry vermisst. Lauren begibt sich auf eine gefährliche Suche, die schon bald die schrecklichen Machenschaften des Bildhauers zu Tage bringt...
    Es ist keiner dieser besonderen Psychothriller, aber doch lässt er seine Spannung bis zum Ende auf uns wirken. Die einzelnen Kapitel werden immer aus verschiedenen Sichtweisen erzählt. Immer so das Täter und Opfer das Geschehen aus ihrer Sicht beschreiben.Und keines der makaberen Details die das Sterben mit sich bringt wird ausgelassen. Auch an Sex und erotischen Phantasien wurde nicht gespart. Ein rundum packender interessanter Roman, doch nur leider ist diese Geschichte so oder anders schon da gewesen, daher vergebe ich nur 4 statt 5 Sternen.

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Ra-raaa-traa-ra. Die Trompeten waren riesig, von unmöglicher Länge, und ihr Klang trug die Berghänge hinab über das Tal hinweg und ließ meinen Bauch erzittern, bis er sich so hohl anfühlte wie die dünne Luft.
Tra-raaa-traa-ra. Die Trompetenstöße stiegen über Bhaktapur auf, der rußigen Schwesterstadt Katmandus. Ich hörte ihren schrillen Ruf, als ich zum hinteren Ende der Gießerei ging, vorbei an dem primitiven Schmelzofen und den geschwärzten Ziegeln, auf denen die Flammen einst ihre federähnlichen Schatten eingebrannt hatten.
Mein Führer dirigierte mich einen Gang entlang, dessen Decke so niedrig war, dass ich mich bücken musste. Seine Haut war dunkel und glänzte wie eine harte braune Nuss, und seine Nägel sahen aus wie Krallen, sie waren zu grotesker Länge angewachsen und drehten sich ein, so wie die Nägel der Toten angeblich in der Abgeschiedenheit des Grabes wachsen. Er war Hindu, in einem Land, in das Tibeter geflohen waren und in das sie ihre hellere Haut und eine gottlose Gottheit mitgebracht hatten. Ein Hindu, der alle möglichen Wesen verehrte.
Eine einzige Glühbirne beleuchtete unseren Weg, schmucklos wie die Sonne und ebenso schmerzhaft für die Augen. Die Lehmwände des Gangs wirkten kahl und spröde wie alles in diesem unwegsamen Land.
Ich hörte ein Kratzen und passte auf, wohin ich trat. Dann stimmte mein Führer sein mangelhaftes Englisch an: »No ladies. No ladies«, obwohl uns gar keine begleiteten. Ich war allein nach Nepal gekommen, zuerst in den Bergen gewandert, mit ihren seltsamen Klöstern, Sprechgesängen und Liedern, und nun hatte ich in den letzten Tagen meiner Reise zu dieser Gießerei gefunden.
»No ladies«, wiederholte er, und diesmal kicherte er dazu. Ich spürte die Unaufrichtigkeit sofort, Gelächter, das mit einer gänzlich anderen Bedeutung befrachtet war, in diesem Fall ihr düsteres Gegenteil, denn er führte mich aus dem engen Gang in einen höhlenartigen Raum, angefüllt mit unverhüllten weiblichen Formen, voller Regale, aus denen polierte Bronzefiguren funkelten, die in einer großen Vielfalt an Stellungen darin hockten. Eine kühne, unerhörte Aufstellung. Und dann sah ich an der Wand direkt links von mir, vielleicht einen Meter über meinem Kopf, Bronzefrauen, die so gierig aussahen wie die hungrigen Heiden in einem mittelalterlichen Mosaik, Raubtiere, die nicht auf Fleisch, sondern auf Seelen aus waren, die Beine gespreizt, das Geschlecht schamlos offen zur Schau gestellt.
Bizarr? Ja, keine Frage, aber auch verlockend. Ich konnte es nicht leugnen, nicht einmal damals, obwohl ich verstand, dass es von größter Wichtigkeit gewesen wäre, diese Anziehungskraft zu leugnen und sich abzuwenden. Doch ich konnte mich ihr nicht entziehen, weil die Bronzen echt wie das Leben selbst aussahen und der bloße Blick auf sie den schrecklichen Aufruhr verstehen ließ, der mich bis zu den Haarwurzeln elektrisierte.
Hätte sich eine von ihnen bewegt, einen Schritt auf mich zugemacht, um mich zu umarmen, ich wäre nicht überraschter gewesen als eine Katze, wenn der Schatten in der Ecke zum Leben erwacht und auf eine Brotkrume zuhuscht. Genau so empfand ich mich, als ich dort stand, nicht bedeutender als ein bisschen Mehl und Fett, Salz und Zucker: die Brotkrume, die auf Entdeckung wartet.
Ich fühlte mich wie ein Mann, der zum ersten Mal einen verstörenden Geschlechtsakt sieht, der die sexuellen Raubzüge in einer Spelunke in Bangkok erlebt oder in einem Fenster an einer der engen, berüchtigten Straßen Amsterdams. Oder der im Internet auf eine völlig neue Welt stößt, eine fremdartige, wechselnde Gemeinschaft des Fleisches, die ihn von einem Augenblick auf den anderen verändert, die ihn zwingt, sich auf den Akt zu fixieren, den er gerade zum ersten Mal gesehen hat, und der fiebernd und sich der Gefahr bewusst feststellt, dass er es wieder und wieder haben muss. Ich hatte das neue Feuer entdeckt, das alle anderen aufzehrt und nichts als Asche in seiner Spur zurücklässt.
Hier war ein Wissen, das all die Jahre auf der Lauer gelegen hatte. Es hatte mich mit einer Plötzlichkeit auserkoren, die schockierte und mich unter Qualen flüstern ließ: »Ich war das, aber nun bin ich dies.« Es war ein Wissen, das sich als äußerst beunruhigend erwies, denn es strafte alles Lügen, was ich gewesen war, alles, wofür ich mich gehalten hatte. Ich erkannte in jenem Moment, der mich für immer zeichnete, dass Freundlichkeit, Anstand und auch nur jedes Minimum an schicklichem Benehmen uns im Nu entgleiten können, und was dann von uns bleibt, haben wir nicht selbst gewählt, sondern wir wurden dazu auserwählt.


Ich führe meinen neuesten besten Freund am nördlichen Rand der Wohnsiedlung entlang, bleibe stehen, während er sein Geschäft verrichtet, und streiche an den hohen Bäumen vorüber, die dicht gedrängt zu beiden Seiten der wild überwucherten Staubpiste stehen. Der Weg könnte noch von den Zement und Bauholzlastern stammen, die ihre Fracht vor mehr als vierzig Jahren hier heraufschleppten. Ich rate nur, was das Alter dieser Häuser angeht, aber ich beherrsche das mittlerweile ganz gut und gründe meine Schätzungen auf die Größe der Bäume und Sträucher sowie auf den Baustil. Das hier ist purer Sechzigerjahre-Ranchstil. Einige Häuser weisen Anbauten, einen zweiten Stock oder eine neue Fassade auf, dazu den einen oder anderen architektonischen Schnörkel; aber sie lassen sich im Grunde nicht maskieren, und meiner Ansicht nach wären sie weit attraktiver, wenn sie ehrlich ihren Originalanblick bewahrt hätten, wie schadhaft er inzwischen auch sein mag. Das Alter lässt sich sowieso nicht verbergen; genau wie Menschen zeigen auch Wohnsiedlungen eindeutige Spuren des Verfalls. Diese hier steht jedoch in voller Blüte, und sie ist alt genug, dass jedes Haus bereits ein halbes Dutzend oder mehr Besitzer gehabt haben könnte. Viele Familien. Das ist wichtig für mich.
Die Staubpiste ist gut eineinhalb Kilometer lang, eine Kloake für alle Hunde in der Gegend. So ziemlich jedes Wohngebiet hat seine Gassiallee. Deshalb habe ich den Hund, eine Sie, »adoptiert« - um mich so unauffällig ins Bild zu fügen wie einer der Bäume hier, wie eine Pappel oder ein Ahorn. Hätte man mich allein gehen sehen, würde es heißen: Wer ist der Kerl, der sich draußen im Wald herumtreibt? Aber mit einem Hund bin ich so natürlich wie ein Windhauch.
Sie ist eine richtige Schönheit, ein Border Collie. Schwarz, grau und weiß, wie die Welpen, die sie im Verschlag zurückgelassen hat. Die haben heute alle mit der Nadel Bekanntschaft gemacht. Sie ist die Sorte Hund, bei der die Leute dahinschmelzen. Ihr Leben an meiner Seite wird kurz sein, nur einige Stunden, dann werde ich sie von allen künftigen Verpflichtungen entbinden. Sie sollte sich glücklich schätzen, und wenn es meine Art wäre, mich mit solchen Banalitäten aufzuhalten, würde ich sie Lucky nennen.
Wir haben sogar einige körperliche Merkmale gemeinsam - das graue Haar und die scharf geschnittenen Gesichtszüge, das mittlere Alter - und wir sind beide nach außen hin freundlich, schmeichlerisch sogar. Während ich auf das Haus zugehe, denke ich daran, wie oft sich Hunde und ihre Besitzer doch tatsächlich ähneln.
Ich habe sie am Montag einziehen sehen, und bis heute, dem Tag der Müllabfuhr, hatten sie bereits alle Kartons flach zusammengelegt und zur Altpapierabholung gestapelt. Ich bewundere ihr anspruchsvolles Wesen und ihre Entschlossenheit, sich häuslich niederzulassen; mehr als sie ahnen können, dient ein aufgeräumtes Zuhause meinen Zwecken weitaus besser als eine wahllose Ansammlung von Besitztümern, von denen sich jedes zum gewalttätigen Widerstand ergreifen ließe. Ich stelle mir auch vor, wie ihre Kunstwerke bereits saubere Rechtecke gedeckter Farben an den Wänden bilden. Manchmal respektiere ich ihre Sammlungen, aber das ist selten. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, und meist sehe ich nicht viel davon, nicht in Häusern wie diesen und auch nicht an den Wänden der Reichen. Für gewöhnlich ist es Schrott. Passt es auch zur Couch, zum Teppich, zu Tante Emmas Häkelkissen? Das sind die Fragen, die sie stellen, die Kriterien, die sie anwenden. Es wäre traurig, wenn es nicht so ein Verbrechen wäre.
Wir kommen an eine Teerstraße, wo ein Metallpfosten verhindert, dass Autos in die Gassiallee fahren. Mein Wagen parkt weiter unten an der Straße, ein Kombi, der in einem solchen Viertel selten Neugier weckt. Es ist ein Ford Econoline, wie ihn Floristen, Klempner und Teppichverleger benutzen, obwohl ich einmal gelesen habe, dass ihn ein Profiler des FBI als das bevorzugte Fahrzeug von Serienkillern bezeichnet hat.
Unmittelbar bevor wir den Asphalt betreten, kauert sie nieder, um sich erneut zu erleichtern. Ich weiß ihre Diskretion zu schätzen und gebe ihr einen Keks, um ihr Interesse wach zu halten.
Das Haus, das ich seit Montag beobachte, hat zwei Stockwerke, zwei verschiedene Grautöne, den dunkleren am Erdgeschoss. Weiße Zierleisten überall. Ein Gehweg aus Ziegelplatten führt über einen Rasen, so kurz gestutzt wie ein Fairway. Das Grün schimmert beinahe in der Nachmittagssonne.
Sie haben es bereits fertig gebracht, Vorhänge im ersten Stock aufzuhängen, was meinen Beifall findet - es ist zweifellos zu meinem Vorteil -, allerdings habe ich am Tag des Umzugs bemerkt, dass die Treppe im Haus sich direkt zur Eingangstür hinabwindet. Schlechtes Feng-Shui, die ganze Energie fließt zur Straße hinaus. Es verkündet Unheil für alle, die hier leben. Ich bezweifle, dass sie das wissen, aber sie werden es erfahren, und zwar schon bald.
»Sie«, das sind die Vandersons. Sie sind zu viert: Mann, Ehefrau, eine Tochter, nicht älter als vierzehn, mit einer so vollkommenen Haut, dass man sie berühren, streicheln, nie mehr loslassen möchte, und ein Sohn, vielleicht neun oder zehn, der selbst aus der Ferne nervtötend wirkte, geballtes vorpubertäres Testosteron, das nur darauf wartet, loszulegen. Kein Hund. Das ist sehr wichtig. Ihre Hunde sind nämlich hinderlich; selbst die kleinen können Alarm schlagen. Katzen andererseits können in ihrem Verrat amüsant sein. Nachdem ich mit einer Familie fertig war, haben sie sich schon an meinem Bein gerieben, als wollten sie sagen: Danke, Chef, ich konnte sie ohnehin nie besonders leiden. Doch selbst Katzen können nicht verschont bleiben, nicht wenn sie zum Haushalt gehören, obwohl ich schon mit Vergnügen den Kanarienvogel oder Sittich einer Familie an ihren gierigen Rachen entsorgt habe. Ich scheue mich nicht, das lange unterdrückte Verlangen der Katzentiere zu befriedigen, und ich habe das eine oder andere gelernt, indem ich sie beim Jagen und Fressen dieser Vögel beobachtet habe. Sittiche, zum Beispiel, wehren sich am heftigsten, und Kanarienvögel sterben manchmal vor Angst. Nachdem sie in die Ecke getrieben oder mit einem Schlag zu Boden geworfen wurden, habe ich sie ins Maul der Katze starren und buchstäblich tot umfallen sehen.
Bei Menschen ist es ganz ähnlich, sie haben alle ein unterschiedliches Niveau an Angst, aber das Erstaunliche dabei ist, dass die Familien, die ich kennen lerne, ein gewisses Maß an Freundlichkeit gemeinsam haben, und es ist mir stets geglückt, sie diese empfinden zu lassen, wenn es mir am meisten darauf ankommt. Ich vermute, die Vandersons werden nicht anders sein; sie wirken so normal wie Zaunpfosten.
Sie sind von Pennsylvania hierher gezogen. Aus Harrisburg, um genau zu sein. Öffentliche Verzeichnisse sind außerordentlich aufschlussreich. Ich benutze sie jedes Mal. Ich will einfach keine Familie erwischen, die von einem Ende der Stadt ans andere gezogen ist oder nur zwei Straßen weiter. Besser, sie haben einen großen Umzug hinter sich, weit weg von Leuten, die sie kennen oder sie in einer Stunde, am selben Abend oder am nächsten Tag vermissen könnten. Ich brauche einen Tag, dann bin ich für immer verschwunden. Und sie auch. Um nie... zurückzukehren...
Ich gebe ihr einen letzten Keks, eine Art Belohnung für ihr gutmütiges Wesen. Sie verschlingt ihn und wedelt mit dem Schwanz. Falls sie ihre Jungen vermisst, merkt man es ihr nicht an. Gemeinsam schlendern wir die Treppe hinauf. »Jetzt schön brav sein«, sage ich zu ihr und läute. Ich lausche, um sicher zu sein, dass die Türglocke funktioniert. Es ist nicht so günstig, länger als nötig herumzustehen. Man weiß nie, wer zusieht. Die Glocke hier läutet melodisch.
Die Tür geht auf. Es ist der Junge. Er schiebt umgehend sein mageres Gesicht vor und starrt mich an, bevor er den Hund ansieht. Sie wedelt mit dem Schwanz und versucht, sein Interesse zu wecken -, bewundernswert, wie sie ihre Aufgabe erfüllt - aber der Kleine nimmt den Köder nicht an.
»Was wollen Sie denn?«, sagt er, als würde er mich lange genug kennen, um mich nicht ausstehen zu können.
Ich strecke den Kopf zur Tür hinein und sehe mich um. »Ist deine Mutter zu Hause? Oder dein Vater?«
»Mom!«, plärrt er. »Mom!«
Er dreht sich um, als ein Rascheln von der Küche her lauter wird. Sie sieht noch netter aus, als ich aus der Ferne dachte. Aber ihre Stimme - »Ja... kann ich Ihnen helfen?« - ist so zögerlich, so... misstrauisch.
Normalerweise sind sie vertrauensselig, da doch all die neuen Nachbarn vorbeischauen, sie begrüßen, willkommen heißen. Was ist hier los? Eine unfreundliche Nachbarschaft? Ist niemand mit einer Flasche Wein oder einer Schale Plätzchen vorbeigekommen? Ich habe ein paar Tage gewartet, damit all diese Dinge stattfinden konnten. Inzwischen sollte ich einfach ein weiteres neues Gesicht sein. Und dann fällt es mir ein: Sie kommen aus dem Hinterland der Ostküste.
Ich stelle mich als Harry Butler vor. Harry ist so ein unverfänglicher Name, von keiner Assoziation befleckt. Nenn dich Ted, und sie denken vielleicht an Bundy. John, und schon kommt ihnen Gacy in den Sinn. Aber Harry? Wenn sie jung genug sind, denken sie an Potter, und wenn sie älter sind an Truman. Falls sie überhaupt an irgendwen denken.
»Es tut mir sehr Leid, Sie zu stören, aber ich habe einmal in diesem Haus gewohnt, in meiner Kindheit, und ich dachte mir - ich weiß, das ist ungewöhnlich -, ob ich wohl kurz hereinkommen und mich umsehen dürfte, vielleicht einen Blick in mein altes Zimmer werfen. Ich komme gerade von der Beerdigung meiner Mutter, ich habe ihre Sachen da draußen« - und an dieser Stelle vollführe ich ein Ablenkungsmanöver zum Kombi - »und bevor ich wieder abreise, wollte ich einfach noch mal bei meinem alten Zuhause vorbeischauen. Ich habe es lange nicht gesehen, und ich habe so viele wunderbare Erinnerungen daran.«
Das ist immer eine Schlüsselstelle: Implizit lobe ich ihren Geschmack und lasse erkennen, dass wir die Begeisterung für das Haus teilen. Und darauf kommt es in dieser Phase an: Gemeinsamkeit herstellen. Die Situation freundlich gestalten.
Sie ist unglaublich attraktiv, und noch dazu trägt sie ein Kleid. Man macht sich nicht klar, wie wenige Frauen heute zu Hause noch Röcke tragen, bevor man mit so einer Sache anfängt. Ich frage mich, ob sie Mormonen sind, ob ich in ein Nest von ihnen geraten bin. Das wäre nun wirklich eine süße Rache für all die frisch geschrubbten Missionare mit dem tadellosen Haarschnitt und den Namensschildchen, die im Lauf der Jahre meine Privatsphäre verletzt haben. Es ist das Kleid, das mich daran denken lässt. Ich weiß, sie hat nicht den ganzen Tag gearbeitet, ich habe es beobachtet. Es ist nichts Ausgefallenes, wohlgemerkt, sondern die Art Kittel - tut mir Leid, aber es ist wahr -, wie sie die gute alte June Cleaver, die amerikanische Hausfrauenikone, getragen hätte.
Ich werde heftig erregt. Ich weiß nicht, ob es an ihr liegt, an dem Kleid, der Strumpfhose oder an schierer Vorfreude, aber ich muss das Verlangen hinunterschlucken, immer weiter zu reden, die Stille mit Worten zu füllen. Das wäre nämlich ein furchtbarer Fehler. Es würde mich viel zu begierig wirken lassen, wie einen Hausierer, der ich natürlich bin: Ich gehe mit meiner Person und der Idee einer verlorenen Kindheit in diesen Räumen hausieren.
Manche Frauen besitzen einen besonders scharfen Überlebenssinn und schicken mich weg, und ich weiß, wenn sie sagt, nein, tut mir Leid, dann muss ich ihr für ihre Zeit danken, kehrtmachen und gehen. Ich kann die Sache nicht erzwingen, und das rufe ich mir nun in Erinnerung, als sich ihre Augen umwölken und sie die Lippen fest zusammenpresst. Doch bevor sie etwas sagen kann, rettet mich ihr Mann. Er kommt genau in diesem Augenblick angeschlendert, ganz der Hausherr und die Liebenswürdigkeit in Person, ein großer, vergnügt aussehender Bursche, der mich selbst begrüßt und sagt, er wollte schon immer noch einmal das Haus seiner Kindheit besuchen. Nur herein, nur herein.
Er reicht mir die fleischige Hand und führt mich mit geübter Lässigkeit über die Schwelle. Ich höre das herrliche Klicken, als die Tür ins Schloss fällt. Sie sind erledigt.
Es ist nicht schwer, sich eine Familie gefügig zu machen. Man konzentriert sich auf die Kinder und sorgt dafür, dass die schlimmsten Befürchtungen der Eltern ihre eigenen panikartigen Impulse in Schach halten. Ich lasse diesen Jolly Roger von Vater seinen Sohn und die Tochter mit Klebeband fesseln und bestehe darauf, dass er es anständig macht, oder ich mache es selbst.
Er macht es richtig, vor allem bei dem Mädchen, und ich entdecke nicht wenig versteckte Feindseligkeit in der Art, wie er das Band um ihren Mund wickelt. Er wickelt es so fest, dass ich nicht umhin kann, mich zu fragen, ob sie in letzter Zeit wohl zu vorlaut war.
Als er an seiner Frau arbeitet, rutscht ihr das Kleid über die Schenkel und ich sehe das Höschen in der Strumpfhose. Es weckt mein Interesse, aber nicht für lange. Ich kann mir keinen Ausrutscher leisten, und mir passiert auch keiner. Niemals.
Dann ist es an der Zeit, dass Jolly Roger die Arme hinter den Rücken legt. Ich habe die Handschellen hervorgeholt. Ich brauche nur ein Paar, und ich hebe sie für diesen entscheidenden Moment auf, denn erst wenn er sich die Eisen angelegt hat, kann ich an ihm weiterarbeiten, und dann auch an den drei anderen; er hat sie ja nur gefesselt und geknebelt, und es ist noch viel mehr zu tun.
»Kommt nicht in Frage«, sagt er und grinst höhnisch. »Sie legen mir die Dinger nicht an.«
Genau davor habe ich mich gefürchtet - sturköpfiger Widerstand. Er ist nicht ungewöhnlich bei diesen großen, starken Männern, die trotz aller Augenfälligkeit des Gegenteils manchmal glauben, sie seien mächtiger als eine Kugel. Ich bin mir sicher, er sieht sich als Held. Ich dagegen denke, er ist ein Wichser. Seine Familie fesselt er, aber sich selber nicht? Was soll das?

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