Buch
Taschenbuch (188 Seiten)
Sprache: Deutsch
Sofort lieferbar
€ 8,20
Verfügbarkeit in Ihrer Thalia- Buchhandlung prüfen
Carofiglios Liebeserklärung an seine Heimat
Nach zwanzig Jahren alte Freunde wiederzutreffen, ist ein merkwürdig beklemmendes, aber auch ein sehr schönes Ereignis. Nachts ist es immer ein ganz besonderes, vor allem in Bari. Da verwandelt sich die Provinzhauptstadt Apuliens in ein unwirkliches Kino des Gedächtnisses, in dem Gegenwart und Vergangenheit, Erinnerungen und Einbildung sich vermischen - und aus dem Mann, der sich keiner Illusion mehr hingeben will, wird wieder der drängende Student, der meint, dass im Leben alles möglich ist.
Eine wunderschöne Beschreibung Süditaliens: Wenn sich der Geruch des Meeres mit dem von frisch gebackener Focaccia vermischt ...
| ISBN-10: | 3-442-47277-6 |
|---|---|
| EAN: | 9783442472772 |
| Originaltitel: | Né qui, né altrove - Una notte a Bari |
| Erschienen: | 12.04.2010 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 188 |
| Länge/Breite: | 187mm/118mm |
| Gewicht: | 181 g |
| Übersetzer: | Viktoria Schirach |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari/Italien, arbeitet als Anti-Mafia-Staatsanwalt in seiner Heimatstadt. Er hat mehrere Romane veröffentlicht, darunter Kriminalromane um den Protagonisten Guido Guerrieri, einem als Strafverteidiger tätigen Rechtsanwalt. Die Romane zeichnen sich vor allem durch die lebhafte Schilderung spannungsvoller Gerichtsszenen aus. Die Bücher von Carofiglio wurden in Italien mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem renommierten "Premio Bancarella 2005", in Deutschland 2008 mit dem "Radio-Bremen-Krimipreis".
Die Musik ertönte aus einem fernen Internet-Radio und Willie Nelson sang gerade »You were always on my mind«, als das Telefon klingelte. »Wer bin ich?«
Auf jeden Fall ein Störenfried, dachte ich, ohne die Stimme spontan einordnen zu können.
»Keine Ahnung, vielleicht kannst du es mir verraten?«
»Mein Gott, bist du humorlos. Wer keinen Humor hat, hat verlangsamte Reflexe, wusstest du das?«
Giampiero.
Giampiero Lanave.
Was bewog Giampiero Lanave an jenem Dezemberabend 2007, mich anzurufen? Unser letztes Telefonat lag über zwanzig Jahre zurück. Deutlich mehr als zwanzig Jahre. Ich wohnte damals woanders, und wir lebten alle in einer anderen Welt. Danach war ich ihm zwar mehrmals über den Weg gelaufen - wir lebten schließlich in derselben Stadt -, aber wir hatten nie wieder telefoniert und uns nie wieder verabredet.
»Giampiero?«, sagte ich mit einem kaum merklichen Zögern.
»Genau. Hat zwar ein bisschen gedauert, aber immerhin. Na, was treibst du so?«
Er tat so, als hätten wir uns erst vor ein paar Stunden gesehen, und ich antwortete zu meiner eigenen Überraschung mit derselben unangebrachten Selbstverständlichkeit.
»Ach, nichts Besonderes, ich höre gerade Musik und frage mich, was ich heute Abend noch unternehmen könnte.«
»Das kann ich dir sagen. Wir kommen dich gleich abholen, und dann gehen wir zusammen essen und unterhalten uns über die guten alten Zeiten.«
»Wir?«, fragte ich.
>WirEs dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar war, dass es der Paolo Morelli war. Soweit ich wusste, war der jedoch ziemlich weit weg.
Aber das war offensichtlich nicht der Fall. Paolo Morelli war in Bari, zusammen mit Giampiero Lanave, und die beiden würden in Kürze vor meiner Haustür stehen. Um mit mir zusammen essen zu gehen. Damit wir uns über die guten alten Zeiten unterhalten konnten.
Das Ganze war zu absurd, um sich dagegen zu wehren oder auch nur um genauer nachzufragen. Also bat ich ihn, mir eine halbe Stunde Zeit zum Umziehen zu geben.
Ich legte auf und verspürte eine körperliche Unruhe, so etwas wie ein Kribbeln oder eine leichte Verspannung. Das war mir unangenehm, und ich versuchte, dieses Gefühl unter der Dusche loszuwerden.
Eine halbe Stunde später surrte die Türklingel. Aus meinem Computer ertönten die neurotischen Klänge eines einsamen Banjos, die ursprünglich einmal über Prärien und Ozeane geschwebt waren.
Ein riesiger schwarzer Range Rover stand in zweiter Reihe auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als er mich aus dem Haus kommen sah, stieg Giampiero aus dem Auto, überquerte die Straße und umarmte mich.
»Verdammt schön, dich zu sehen. Wenn ich mich nicht gemeldet hätte, würden wir uns womöglich erst 2040 im Speisesaal eines Altersheims wiedersehen!«
Ich schätzte, dass er gut und gerne zehn Kilo zugenommen hatte, seit ich ihn das letzte Mal auf der Straße getroffen hatte, und etwa zwanzig seit unserem Examen. Er verkörperte genau das, was er auch war: ein Akademiker mittleren Alters, der nicht sonderlich auf sein Gewicht achtete. Wenn man ihn sah, dachte man automatisch an teure Stoffe, an einen langen Arbeitstag und an Azzaro. Diesen Duft hatte er schon vor vielen Jahren verwendet, als er ihn noch seinem Vater klaute.
Während Lanave und ich uns umarmten, länger, als mir angenehm war, war Paolo Morelli aus dem Auto gestiegen. Er lächelte und wirkte ein wenig verlegen. Genau wie ich.
Als Lanave mich endlich freigab, sahen Paolo Morelli und ich uns an, ohne uns zu rühren, ein paar unendliche Sekunden lang. Bevor die Situation unangenehm wurde, machte ich ein paar Schritte auf ihn zu. Da setzte auch er sich in Bewegung, und wir umarmten uns. Ich versuchte mich zu erinnern, wann wir uns das letzte Mal gesehen hatten, aber ich kam nicht darauf.
Er war damals weggegangen, ohne sich zu verabschieden - möglicherweise aber auch nur, ohne sich von mir zu verabschieden. Eine Zeitlang hatte ich mich gefragt, ob es einen Grund dafür gab, aber dann hatte ich aufgehört, darüber nachzugrübeln. Vielleicht interessierte mich die Antwort nicht oder aber, was wahrscheinlicher war, ich wollte sie gar nicht wissen.
Nach Paolos Abreise brach auch der Kontakt zwischen Giampiero und mir plötzlich ab. Als ob es die vier Jahre davor gar nicht gegeben hätte.
»Und was führt dich hierher?«, lautete meine originelle Begrüßungsfrage.
Seine Mutter war gestorben, das hatte ihn hierhergeführt.
»Oh, entschuldige, das tut mir sehr leid« - mitfühlender Gesichtsausdruck -, ach so, sie war schon seit vielen Monaten leidend, es war also eine Erlösung gewesen, für sie und alle Beteiligten. Doch, ich erinnerte mich richtig, sie war noch nicht sehr alt, aber eben schon lange sehr krank gewesen. Vor mehreren Jahren war sie zu ihrer Tochter nach Lecce gezogen, aber die letzte Zeit war es ihr so schlecht gegangen, dass sie im Krankenhaus
lag.
Paolo und seine Schwester waren nach Bari gekommen, um sich um die Erbschaft zu kümmern. Ganz praktisch hieß das: Sie mussten die Wohnung verkaufen, in der sie aufgewachsen waren, und dann würden sie ihre Heimatstadt endgültig hinter sich lassen, denn es gab nichts und niemanden mehr dort, keine Verbindung mehr. Die Wohnung hatten sie an diesem Nachmittag verkauft. Die Abwicklung hatten sie einem Notar überlassen, der ein alter Schulkamerad und Kommilitone war, vom Notariat Giampiero Lanave, dem Nachfolger von Gaetano
Lanave. Giampiero hatte nämlich das Notariat von seinem Vater übernommen.
Während Paolo mir das erzählte - wie jemand, der höflich Formalien abspult -, fiel mir ein, dass wir über die Wohnung sprachen, in der wir vor vielen, vielen Jahren gemeinsam für die Prüfung in Wirtschaftsrecht gelernt hatten. Ein Stich ging mir durchs Herz.
Paolo wollte erst am nächsten Tag abreisen und war an diesem Abend allein in Bari. Seine Schwester war gleich nach Unterzeichnung des Kaufvertrags nach Lecce zurückgekehrt. Deshalb hatte der alte Lanave vorgeschlagen, mich zu »überfallen« - mich also so knapp vorher anzurufen, dass ich keine Zeit hätte, mir eine Ausrede auszudenken. Und jetzt saßen wir hier, in diesem riesigen, angeberischen, nach Leder riechenden, unnützen Auto: drei Fremde, die ein plötzlicher Zeitsprung wieder zusammengeführt hatte.