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Taschenbuch (317 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Stephanie Plum hat in ihrem Leben schon viele Fehler gemacht, aber Dickie Orr zu heiraten, war definitiv ihr größter. Gerade einmal fünfzehn Minuten hatte ihre Ehe gedauert, als sie ihn mit einer anderen erwischte. Nun soll sie im Auftrag des Ganovenjägers Ranger eine Wanze im Büro ihres Exgatten platzieren und gerät dabei prompt in einen handfesten Streit mit Dickie. Als der am nächsten Tag verschwunden ist und mit ihm 40 Millionen Dollar, fällt der Verdacht natürlich auf Stephanie. Ihr bleibt also nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Suche zu machen. Dabei wird sie jedoch von Dickies eifersüchtiger Geliebten Joyce Barnhardt auf Schritt und Tritt verfolgt. Stephanies Freund, der Polizist Joe Morelli, hält sich aus der Sache lieber heraus, zumal Stephanie auch sonst Ärger geradezu magisch anzieht: seien es Kautionsflüchtlinge wie der Tierpräparator, der aus kleinen possierlichen Nagern ausgewachsene Bomben anfertigt, oder der Grabräuber, der sich auf Steuerberatungen in Imbissstuben verlegt hat.
Pressestimmen:
"Vor Janet Evanovichs Romane rund um die chaotische Kopfgeldjägerin Stephanie Plum müsste eigentlich gewarnt werden: Es besteht Suchtgefahr!" Wiener Zeitung
| Verkaufsrang: | 6.401 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-46927-9 |
| EAN: | 9783442469277 |
| Originaltitel: | Lean Mean Thirteen |
| Erschienen: | 20.09.2010 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 317 |
| Länge/Breite: | 187mm/117mm |
| Gewicht: | 260 g |
| Übersetzer: | Thomas Stegers |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Janet Evanovich, der Star unter den amerikanischen Krimiautorinnen, stammt aus South River, New Jersey, und lebt heute in New Hampshire. "Kusswechsel" ist ihr zehnter Stephanie- Plum-Roman, ein elfter ist bereits in Vorbereitung. Die Autorin wurde von der Crime Writers Association mit dem "Last Laugh Award" und dem "Silver Dagger" ausgezeichnet. Bereits zweimal erhielt sie den Krimipreis des Verbands der unabhängigen Buchhändler in den USA.
von Doris Oberauer, am 11.12.2010 aus der Thalia-Buchhandlung in Grieskirchen
von Blacky, am 09.07.2011
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Seit fünf Minuten stand ich mit meiner Schrottkarre draußen vor der Kautionsagentur meines Cousins Vinnie und überlegte, ob ich mich an die Arbeit machen oder lieber zurück zu meiner Wohnung fahren sollte. Ich bin Stephanie Plum, und die vernünftige Stephanie wollte sich wieder ins Bett verkriechen, die verrückte meinte, sie sollte sich nicht so haben und endlich in die Gänge kommen.
Ich war drauf und dran, eine Dummheit zu begehen. Alle Anzeichen sprachen dafür: mein flauer Magen; das Gefühl, einer Katastrophe ins Auge zu sehen; und das Wissen, etwas Verbotenes zu tun. Trotzdem wollte ich an dem Plan festhalten. Eigentlich waren Dummheiten in meinem Leben ja nichts Neues. Seit ich denken kann, bin ich von einer Katastrophe in die nächste geschlittert. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mir mal Zucker auf den Kopf gestreut. Ich redete mir ein, es sei Feenstaub, wünschte mir, unsichtbar zu sein, und spazierte auf das Jungsklo in meiner Schule. Tja, aus Erfahrung wird man bekanntlich klug.
Die Tür zum Kautionsbüro ging auf, und Lula steckte den Kopf durch den Spalt. »Willst du den ganzen Tag da rumsitzen, oder was ist los?«, fuhr sie mich an.
Lula ist eine schwarze Frau mit einer Rubensfigur und einem Las-Vegas-Outfit, das vier Nummern zu klein ist. Früher ist sie auf den Strich gegangen, jetzt macht sie die Ablage in Vinnies Büro und ist meine Fahrerin - je nach Lust und Laune. Heute trug sie breite Wuschel-Boots aus Kunstfell, und ihren Po hatte sie in giftgrüne Pants aus Elastan gezwängt. Quer über die Brust ihres pinkfarbenen Sweatshirts stand mit Pailletten geschrieben: Liebesgöttin.
Mein Outfit ist im Allgemeinen etwas salopper als Lulas. Ich trug Jeans und ein langärmliges Shirt von GAP. Meine Füße steckten in nachgemachten Ugg-Boots, und ich hatte mich in eine dicke Steppjacke eingemummelt. Ich habe braune Naturlocken, die ganz okay aussehen, wenn ich das Haar schulterlang trage. Wenn ich es kurz trage, ist das einzig Positive, was man über meine Frisur sagen kann, dass sie schwungvoll aussieht. Heute hatte ich etwas mehr Wimperntusche aufgetragen als sonst, um mein Selbstbewusstsein zu heben. Ich sollte jemandem einen Gefallen tun, was vermutlich noch ein langes Nachspiel haben würde. Ich schnappte mir meine Tasche, drückte die Fahrertür auf und schlüpfte aus dem Auto.
Es war Ende Februar, Düsternis, so weit das Auge reichte. Obwohl es schon fast zehn Uhr war, brannten die Straßenlaternen noch immer, und die Sichtweite in dem Schneetreiben betrug gerade mal zwanzig Zentimeter. Ein Lastwagen tuckerte vorbei und bespritzte mich mit Schneematsch, so dass meine Jeans klatschnass wurde. Das löste mir die Zunge: Ich schickte dem Fahrer eine wüste Schimpfkanonade hinterher. Winterwunderland ä la New Jersey.
Als ich ins Büro spazierte, spähte Connie Rosolli hinter ihrem Computer hervor. Connie ist Vinnies Büroleiterin und erste Verteidigungslinie gegen den Strom der genervten Kautionsnehmer, Zocker, Nutten, diversen Schuldeneintreiber und geprellten Pornohändler, die in Vinnies Allerheiligstes vordringen wollen. Connie ist ein paar Jahre älter als ich, ein paar Kilo schwerer, ein paar Zentimeter kleiner, ihr Busen ein paar Nummern üppiger und ihre Frisur etwas voluminöser als meine. Connie ist einigermaßen hübsch auf ihre Art, hart im Nehmen, Italienerin, dritte Generation, aber sonst voll das Jersey-Girl.
»Ich habe drei neue Ausreißer«, sagte Connie. »Simon Diggery ist auch wieder dabei.«
Ausreißer, das sind Kautionsflüchtlinge, Leute, die nicht zu ihren Gerichtsterminen erscheinen, nachdem Vinnie sie gegen Kaution aus dem Gefängnis geholt hat. Wenn diese Leute den Termin versäumen, geht Vinnie das Geld flöten. An dem Punkt komme ich ins Spiel. Ich arbeite als Kautionsdetektivin für Vinnie, besser gesagt als Kopfgeldjägerin, und ich führe die Kautionsflüchtlinge wieder unserem Rechtssystem zu, das ist mein Job.
»Mit Simon Diggery musst du allein fertig werden. Dabei kann ich dir nicht helfen«, sagte Lula. Sie ließ sich auf das braune Kunstledersofa fallen und holte die neue Ausgabe der Stars hervor. »Das habe ich hinter mir. Das mache ich nicht noch mal.«
»Diggery ist leichte Beute«, sagte ich. »Wir wissen doch sogar schon, wo wir ihn suchen müssen.«
»Das>wir Diggery war, neben vielen anderen Dingen, hauptberuflich Grabräuber, der Frischverstorbene um ihre Ringe, Uhren und gelegentlich auch Brooks-Brothers-Anzüge erleichterte. Die Kleidung nahm er allerdings nur, wenn sie seine Größe hatte. Bei seiner letzten Kautionsflucht hatten Lula und ich ihn dabei erwischt, wie er Miriam Lukach gerade ihren Ringfinger abhackte, um an die Goldklunker zu kommen. Wir verfolgten ihn über den ganzen Friedhof, bis ich ihn endlich vor dem Krematorium festnehmen konnte.
Ich nahm die drei neuen Akten an mich und verstaute sie in meiner Umhängetasche. »Und tschüss!«
»Wo willst du hin?«, wollte Lula wissen. »Ist schon fast Mittag. Kommst du zufällig an einem Imbiss vorbei? Ich hätte nichts gegen ein Riesenbaguette mit Fleischbällchen. An so einem Sautag wie heute.«
»Ich fahre in die Stadt«, sagte ich. »Treffe mich mit Dickie.«
»Wie bitte?«, Lula sprang auf. »Habe ich dich richtig verstanden? Meinst du den Dickie, der dir die Polizei auf den Hals gehetzt hat, als du das letzte Mal in seinem Büro warst? Den Dickie, dem du gesagt hat, er soll sich ins Knie ficken? Den Dickie, mit dem du irgendwann in deinem ersten Leben mal eine Viertelstunde verheiratet warst?«
»Genau den.«
Lula griff sich Mantel und Schal vom Stuhl. »Ich komme mit. Das muss ich mir ansehen. Selbst das Riesenbaguette ist mir jetzt egal.«
»Na gut. Aber mach kein Theater!«, warnte ich sie. »Ich will Dickie nur kurz etwas wegen einer rechtlichen Sache fragen. Ich bin nicht auf Konfrontation aus!«
»Keine Konfrontation. Kapiert. Reden wie zwei zivilisierte Menschen.«
»Warte, ich komme auch mit«, sagte Connie und holte ihre Handtasche aus der untersten Schreibtischschublade. »Das kann ich mir nicht entgehen lassen. Das Büro bleibt für zwei Stunden geschlossen.«
»Ich will kein Theater, klar?«, wiederholte ich.
»Klar. Aber man will doch vorsorgen, falls es unangenehm wird«, sagte Connie.
»Genau. Ich auch«, sagte Lula. »Meine 9-Millimeter-Glock ist immer noch die beste Vorsorge.«
Connie und Lula sahen mich an.
»Und womit bist du bewaffnet?«, fragte Connie.
»Mit einer vollen Dose Haarspray und dem Lipgloss, das ich aufgetragen habe.«
»Schönes Lipgloss«, sagte Lula. »Aber ein bisschen mehr Rückendeckung könnte nicht schaden.«
Connie wickelte sich in ihren Mantel. »Ich wüsste nicht, was für ein juristisches Problem man mit Dickie besprechen möchte. Muss etwas Wichtiges dahinterstecken, wenn man bereit ist, dafür bei diesem Wetter aus dem Haus zu gehen.«
Ich besann mich auf die einzige Fähigkeit, die mich berechtigt, als Kopfgeldjägerin zu arbeiten: mein Talent, Lügengeschichten zu erzählen. »Es ist was Persönliches, aus der Zeit, als wir noch verheiratet waren. Es geht um ^ Steuern.«
Mit hochgezogenen Schultern traten wir hinaus in die Kälte. Connie schloss die Bürotür ab, und wir stiegen in Lulas roten Firebird. Lula schmiss den Motor an, Hip-Hop dröhnte aus dem Lautsprecher, und wir röhrten los.
»Arbeitet Dickie immer noch im Stadtzentrum?«, fragte Lula.
»Ja, aber er hat ein neues Büro, 3240 Brian Place.
Seine Kanzlei heißt jetzt Petiak, Smullen, Gorvich & Orr.«
Lula gondelte die Hamilton Avenue entlang und bog in die North Broad. Der Wind hatte etwas nachgelassen, und es schneite nicht mehr, aber über uns hing immer noch eine dicke Wolkendecke. Das Wetter ließ sich jetzt bestenfalls als trübe bezeichnen. Im Kopf ging ich noch mal das Märchen durch, das ich Dickie auftischen wollte: Mir würde eine Rechnungsprüfung ins Haus stehen, und dazu bräuchte ich von ihm ein paar Auskünfte. Zum Trost und als Leistungsansporn wollte ich mir später etwas gönnen: Vor meinen Augen sah ich Makkaroni mit Käse, Butterscotch Tastykakes, geröstete Zwiebelringe und Berge von Snickers-Riegeln. Damit wäre ein Mehrfachorgasmus programmiert, aber es wartete ja auch ein Dairy-Queen-Eis mit Oreo-Keksen auf mich.
Lula bog links in die Brian ein und fand einen Parkplatz, der nur einen halben Häuserblock von Dickies Büro entfernt war.
»Wenn du nicht gleich aufhörst, mit den Fingern zu knacken, knall ich dir eine«, sagte Lula zu mir. »Reg dich ab. Du willst doch nur ein paar Informationen über Steuern von ihm, und er wird sie dir geben.« Lula sah mich von der Seite an. »Mehr ist doch nicht dran, oder?«
»So ziemlich.«
»O nein«, sagte Lula. »Also ist doch mehr dran.«
Wir stiegen aus und drängten uns gegen die Kälte aneinander.
»Eigentlich soll ich für Ranger ein paar Wanzen bei Dickie auslegen«, sagte ich zu Lula. Jetzt war es raus, hing in der kalten Luft - der Gefallen, um den mich der Teufel persönlich gebeten hatte.
Carlos Manoso, in der Szene nur Ranger genannt, ist mein Freund, mein Kopfgeldjägermentor und in diesem speziellen Fall mein Mittäter. Ranger ist Amerikaner kubanischer Abstammung mit dunkler Hautfarbe, dunklen Augen und dunkelbraunem, raspelkurzem Haar. Er ist einen halben Kopf größer als ich und zwei Jahre älter. Ich habe ihn schon nackt gesehen, und wenn ich sage, dass jedes Körperteil an ihm perfekt ist, dann meine ich das auch. Er war mal bei einer Spezialeinheit der Armee, wo er sich die nötigen Fähigkeiten und Muskeln antrainiert hat. Heute besitzt er eine eigene Security-Firma, die sich Range-Man nennt. Bei Vinnie ist er außerdem noch für die Ausreißer mit hoher Kaution zuständig. Ranger ist ein heißer Typ, und zwischen uns knistert es heftig, aber ich versuche, etwas auf Distanz zu gehen. Ranger lebt nach seinen eigenen Gesetzen, und die beherrsche ich nicht alle.
»Habe ich es doch gewusst!«, sagte Lula. »Das kann ja heiter werden.«
»Du brauchst eine bessere Entschuldigung als Steuern«, sagte Connie. »Du musst ihn mit irgendetwas ablenken, wenn du deine Wanzen unterbringen willst.«
»Ja, genau«, sagte Lula. »Du musst uns mitspielen lassen. Wir veranstalten schon das nötige Chaos.«
»Wir könnten sagen, dass wir eine Firma gründen wollen«, schlug Connie vor. »Ihn fragen, ob er uns bei den Genehmigungen und Partnerschaftsverträgen beraten könnte.«
»Und was für eine Firma soll das sein?«, fragte Lula. »Ich muss schließlich wissen, auf was ich mich mit euch einlasse.«
»Es soll ja keine echte Firma sein«, sagte Connie. »Wir tun nur so als ob.«
»Trotzdem«, sagte Lula. »Ich gebe doch nicht meinen guten Namen für alles und jeden her.«
»Himmel, Arsch«, sagte Connie, warf die Arme um sich und stampfte mit den Füßen auf, um sich warm zu halten. »Es könnte alles Mögliche sein. Ein Partyservice zum Beispiel.«
»Ja, das klingt glaubhaft«, sagte Lula. »Schließlich sind wir alle solche Feinschmecker. Ich mache meinen Herd nur an, um meine Wohnung zu heizen. Und Stephanie weiß wahrscheinlich nicht mal, wo ihr Herd überhaupt steht.« »Na gut«, sagte Connie. »Wie wär's mit chemischer Reinigung oder Limousinenservice oder Hundeausführservice? Nein, jetzt habe ich es: Wir kaufen uns einen Krabbenkutter.«
»Mir gefällt die Idee mit dem Limousinenservice«, sagte Lula. »Wir kaufen uns einen Lincoln und legen uns sexy Uniformen zu. Was mit Glitzer.«
»Nichts dagegen«, sagte Connie.
Ich nickte und hielt mir den Schal vor die Nase. »Ich auch nicht. Kommt, gehen wir rein. Ich friere.«
»Moment«, sagte Lula. »Wir brauchen noch einen Namen. Einen Limousinenservice ohne Namen, so was gibt es nicht.«
»Lucky Limos«, sagte Connie.
»Für'n Arsch«, sagte Lula. »Bei einem Limousinenservice, der so heißt, würde ich niemals einsteigen.«
»Dann schlag du doch etwas vor«, sagte Connie. »Mir scheißegal, wie der blöde Laden heißt. Langsam frieren mir die Füße an.«
»Es müsste ein Name sein, der zu uns passt«, sagte Lula. »Zum Beispiel Zickenlimousinen.«
»Ein bescheuerter Name. Glaubst du, von einer Firma mit so einem Namen würde sich jemand eine Limousine mieten?«, sagte Connie.
»Ich wüsste da einige«, sagte Lula.
»Liebes-Limousinen, lustige Limousinen, lange Limousinen, Limousinen für Lügner, Lemon-Limousinen, lapidare Limousinen, laute Limousinen, lukullische Limousinen, Lotter-Limousinen«, zählte ich auf.
Connie sah mich an und zog eine Fratze.
»Vielleicht doch einfach Lulas Limousinen«, sagte ich.
»Ja, das klingt doch gut«, sagte Lula.
»Also abgemacht. Lulas Limousinen.«
»Abgemacht«, sagte Connie. »Und jetzt Platz da, damit ich reingehen und auftauen kann.«
Wir stürmten den Eingang zu Dickies Bürogebäude und blieben erst mal im Foyer stehen, um die plötzliche Wärme zu genießen. Das Foyer führte zu einem Empfangsbereich, und ich war erleichtert, als ich hinter dem Schalter ein unbekanntes Gesicht sah. Wenn mich jemand von meinem letzten Besuch wiedererkannt hätte, hätten sie gleich die Security gerufen.
»Überlass mir das Reden«, bat ich Lula.
»Klar«, erwiderte sie. »Ich verhalte mich mucksmäuschenstill und sage keinen Ton.«
Ich ging auf den Empfangsschalter zu und versuchte, eine ernste Miene aufzusetzen. »Wir hätten gerne Mr. Orr gesprochen«, sagte ich zu der Frau.
»Haben Sie einen Termin?«
»Nein«, sagte ich. »Entschuldigen Sie, wenn wir hier unangemeldet hereinschneien, aber wir wollen eine Firma gründen und hätten dazu gerne seinen juristischen Rat. Wir waren gerade zufällig in der Gegend, um uns passende Gewerberäume anzusehen, und dachten, Mr. Orr hätte vielleicht ein paar Minuten Zeit für uns.«
»Selbstverständlich«, sagte die Frau. »Ich frage gleich mal nach. Wie ist der Name bitte?«
»Capital City Limousinen.«
»Hm«, raunzte Lula hinter mir.
Die Frau wählte Dickies Büro an und gab die Information durch. Sie legte auf und lächelte. »Ein paar Minuten zwischen zwei Terminen kann er schon noch erübrigen. Nehmen Sie den Aufzug links, erster Stock.«
Wir schoben ab in den Aufzug, und ich drückte den Knopf für den ersten Stock.
»Was sollte das denn eben?«, wollte Lula wissen. »Capital City Limousinen?«
»Ist mir spontan eingefallen. Hört sich doch edel an, oder?«
»Nicht so edel wie Lulas Limousinen«, sagte Lula. »Lulas Limousinen würde ich immer lieber bestellen als Capital City Limousinen. Capital City Limousinen hört sich schnöselig an, aber in Lulas Limousinen fühlt man sich gleich wohl.«
Die Tür öffnete sich, und wir stolperten aus dem Aufzug in den nächsten Empfangsraum, hinter dem Schalter wieder ein neues Gesicht.
»Mr. Orr erwartet Sie«, sagte die Frau. »Sein Büro ist am Ende des Gangs.«
Gemessenen Schrittes führte ich die Parade an zu Dickies Büro. Die Tür war leicht geöffnet, vorsichtig klopfte ich an. Ich steckte den Kopf durch den Spalt und lächelte. Freundlich. Wohlmeinend.
Dickie blickte auf und hielt die Luft an.
Er hatte einige Pfund zugelegt, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das braune Haar war oben am Schädel schütter geworden, und er hatte eine Brille auf der Nase. Er trug einen dunkelblauen Anzug, weißes Hemd und eine blau-rot gestreifte Krawatte. Als ich ihn heiratete, fand ich ihn einigermaßen gut aussehend, und als Mann war er immer noch relativ attraktiv, als Ganzes gesehen. Aber er wirkte verweichlicht, verglichen mit Joe Morelli und Ranger, den beiden Männern, die momentan eine Rolle in meinem Leben spielten. Dickie fehlte es an der rohen männlichen Energie, die Morelli und Ranger ausstrahlten, und natürlich wusste ich inzwischen, dass Dickie ein Arschloch war.
»Kein Grund zur Panik«, sagte ich ganz ruhig. »Ich komme als Mandantin. Ich brauche einen Anwalt, und da bist du mir eingefallen.« »Wie schön für mich«, erwiderte Dickie.
Instinktiv kniff ich die Augen zusammen und atmete im Geist tief durch.
»Lula, Connie und ich wollen einen Limousinenservice gründen«, erklärte ich Dickie.
»Lulas Limoservice«, sagte Lula. »Alles klar?«
»Und?«, fragte Dickie.
»Wir haben keine Ahnung, wie man eine Firma gründet«, sagte ich. »Braucht man dafür einen Partnerschaftsvertrag? Irgendeine Lizenz? Sollte man gleich an die Börse gehen?«
Dickie schob ein Blatt Papier über den Schreibtisch. »Hier stehen die Beratungshonorare unserer Kanzlei drauf.«
»Wow!«, sagte ich, als ich die Preise sah. »Ihr verlangt ja ganz schön viel. Ich weiß nicht, ob wir uns das leisten können.«
»Wie schön für mich.«
Ich konnte geradezu fühlen, wie mein Blutdruck anstieg. Ich stemmte die Fäuste in die Hüften und starrte Dickie wütend an. »Soll ich daraus schließen, dass du uns lieber nicht als Mandanten aufnehmen willst?«
»Da brauche ich keine Sekunde zu überlegen«, sagte Dickie. »Ja! Als du das letzte Mal in meinem Büro warst, hast du versucht, mich umzubringen.«
»Übertreib nicht. Ich wollte dich nur ein bisschen verstümmeln, aber nicht umbringen, das nicht.«
»Wenn ich euch einen Rat geben darf«, sagte Dickie. »Behaltet eure Jobs. Ihr drei in einer Firma, das gäbe eine Katastrophe. Solltet ihr als Geschäftspartner so lange durchhalten, bis ihr in die Wechseljahre kommt, dann würdet ihr noch zu Kannibalen werden.«
»Soll das eine Beleidigung sein?«, fragte Lula.
Gut, sagte ich mir, Dickie ist ein Blödmann, aber das ändert nichts an meinem Auftrag. Immer schön freundlich bleiben und nach einer Gelegenheit suchen, um die Wanzen anzubringen - nicht gerade leicht, wenn Dickie auf dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch saß und ich davor stand.
»Wahrscheinlich hast du recht«, sagte ich zu Dickie. Ich sah mich um und ging zu dem Mahagoniregal, das eine ganze Wand des Zimmers einnahm. Juristische Fachliteratur aufgelockert durch persönlichen Krimskrams; Fotos, Urkunden, ein Paar geschnitzte Holzenten, Kunsthandwerk aus Glas. »Du hast aber ein schönes Büro«, sagte ich. Ich schritt die Fotos nacheinander ab, ein Bild von Dickie mit seinem Bruder, ein Bild von Dickie mit seinen Eltern, ein Bild von Dickie mit seinen Großeltern, ein Bild von Dickie als Collegeabsolvent, ein Bild von Dickie auf irgendeiner Skipiste, kein Bild von Dickies Exfrau.
Zentimeterweise rückte ich an der Wand entlang und stand jetzt fast hinter Dickie. Ich drehte mich zu ihm um und bewunderte das hübsche Schreibtischset, und da entdeckte ich es: ein Bild von Dickie und Joyce Barnhardt. Dickie hatte einen Arm um Joyce gelegt, und die beiden lachten. Die Aufnahme musste erst kürzlich entstanden sein, denn Dickies Stirn war ziemlich hoch.
Ich merkte, wie ich mich verkrampfte. Schön ruhig bleiben, sagte ich mir. Aber ich spürte, wie sich der Druck in den Fingerspitzen aufbaute, und ich hatte Angst, mein Schädel würde gleich in Flammen stehen.
»Achtung«, raunte Lula, die mich beobachtet hatte.
»Ist das Joyce?«, fragte ich Dickie.
»Ja«, sagte er. »Wir haben wieder zusammengefunden. Ich hatte mal was mit ihr, ist schon einige Jahre her. Sie war sehr attraktiv, das habe ich nie vergessen.«
»Ich weiß genau, wie lange das her ist. Ich habe dich dabei erwischt, wie du die Schlampe auf meinem Esstisch flachgelegt hast. Eine Viertelstunde später habe ich die Scheidung eingereicht, du widerlicher Hurenbock.«
Joyce Barnhardt war früher ein dickes, fieses Mädchen gewesen mit einem vorstehenden Zahn. Sie streute gerne Gerüchte, stocherte in alten Wunden, spuckte beim Mittagessen in meinen Nachtisch und machte mir die Schulzeit zur Hölle. Mit zwanzig war das Fett in ihrem Körper an die richtigen Stellen gewandert. Sie färbte ihr Haar rot, ließ sich die Brüste vergrößern, die Lippen aufpolstern und bastelte an ihrer Karriere als Betthäschen und Nesträuber, indem sie sich an verheiratete Männer ranschmiss. Rückblickend muss ich sagen, dass Joyce mir als Auslöser für meine Trennung von Dickie einen großen Dienst erwiesen hat. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass sie niemals zu meinen Freundinnen zählen wird.
»Stimmt, ja«, sagte Dickie. »Jetzt erinnere ich mich. Ich dachte, ich könnte es noch in Ruhe zu Ende bringen, bevor du nach Hause kommst, aber an dem Tag hast du eher Feierabend gemacht als sonst.«
Im nächsten Augenblick lag Dickie auf dem Boden, und ich hatte ihm die Hände um den Hals gelegt. Er brüllte wie am Spieß, wenn man bedenkt, dass ihm die Kehle zugedrückt wurde. Lula und Connie mischten sich in die Keilerei ein. Als es den beiden gelungen war, mich von ihm herunterzuzerren, wimmelte es im Zimmer von Büropersonal.
Dickie rappelte sich auf und sah mich mit wildem Blick an. »Ihr seid alle Zeugen!«, rief er in den Raum hinein. »Sie hat versucht, mich zu töten. Die Frau ist wahnsinnig. Sie gehört eingesperrt. In die Irrenanstalt. Ruft die Polizei. Den
Tierfänger. Meinen Anwalt. Ich verlange eine einstweilige Verfügung gegen sie.«
»Joyce hast du verdient«, sagte ich zu Dickie. »Aber diese Schreibtischuhr, die hast du nicht verdient. Das war ein Hochzeitsgeschenk von meiner Tante Tootsie.« Ich nahm die Uhr, machte auf dem Absatz kehrt, rümpfte ganz leicht die Nase und stürmte aus dem Büro, Connie und Lula im Gefolge.
Dickie stolperte hinter uns her. »Gib mir die Uhr zurück! Das ist meine Uhr!«
Lula zückte ihre hübsche Glock und rieb sie Dickie unter die Nase. »Haben wir nicht zugehört? Tante Tootsie hat ihr die Uhr geschenkt. Und jetzt heb deinen fetten Arsch weg und verpiss dich in dein Büro, bevor ich dir ein sauberes Loch in den Schädel blase.«
Wir benutzten die Treppe, aus Angst, der Aufzug könnte zu langsam sein, rannten durch den Haupteingang und marschierten im Eiltempo die Straße hinunter, bevor noch die Polizei auftauchen und mich in den Knast stecken konnte. Auf der anderen Straßenseite sah ich den schwarzen SUV. Getönte Scheiben. Laufender Motor. Ich blieb kurz stehen und signalisierte mit aufgestelltem Daumen>Alles klar Wir drückten uns in Lulas Wagen, und der Firebird raste los wie eine Rakete.
»Als du das Bild von Dickhead und Joyce auf dem Schreibtisch sahst, dachte ich: O weia, gleich rastet sie aus! Echt!«, sagte Lula. »Und deine Augen hättest du erst sehen müssen! Wie diese funkelnden teuflischen Glupscher in alten Horrorfilmen. Fehlte nur noch, dass sich dein Kopf um die eigene Achse drehte.«
»Ja, aber dann überkam mich eine große Ruhe«, sagte ich. »Und plötzlich sah ich meine Chance, wie ich Dickie die Wanzen in die Tasche stecken konnte.«
»Die muss dich überkommen haben, als du ihm an die Kehle gesprungen bist«, sagte Connie.
Ich seufzte. »Ja, genau in dem Moment.«
Wir hatten unser Essen auf Connies ganzem Schreibtisch ausgebreitet. Riesenbaguettes mit Fleischbällchen in Wachspapier eingewickelt, einen großen Becher Krautsalat, Kartoffelchips, Gurken und diverse Softdrinks.
»Gute Idee«, sagte ich zu Lula. »Ich hatte einen Mordshunger.«
»Ausflippen macht hungrig«, sagte Lula. »Was steht als Nächstes an?«
»Ich klemme mich hinters Telefon, versuche, was über Simon Diggery herauszufinden. Vielleicht gibt es ja einen Hinweis, der mich mal woanders hinführt als immer nur auf Friedhöfe.«
Diggery war ein drahtiger kleiner Kerl, Anfang fünfzig, das braune Haar von grauen Strähnen durchzogen und hinten zu einem Zopf zusammengebunden. Seine Haut sah aus wie altes Leder, und seine Oberarme waren von dem vielen Graben so dick wie die von Popeye. Meistens arbeitete er allein, aber gelegentlich, so gegen zwei Uhr nachts, traf man ihn auch mit seinem Bruder Melvin an, die Schaufeln wie Gewehre geschultert.
»Mit Anrufen kommst du bei dem nicht weiter«, sagte Lula. »Die Diggerys sind gerissen.«
Ich zog mir eine alte Akte über Diggery aus dem Schrank und schrieb mir Telefonnummern und die Namen von ehemaligen Arbeitgebern ab. Diggery hatte schon Pizzas aus-
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gefahren, im Supermarkt die Einkäufe der Kunden in Tüten verpackt, an Tankstellen gejobbt und Hundehütten gereinigt.
»Irgendwo muss ich ja anfangen«, sagte ich zu Lula. »Besser als Klinkenputzen.«
Die Diggerys wohnten alle zusammen in einem maroden Doppelhaus in Bordentown. Simon, Melvin, Melvins Frau, Melvins sechs Kinder, sein Haustier, eine Pythonschlange und Onkel Bill Diggery. Wenn man an der Haustür klingelte, war immer nur die Python da. Die Diggerys benahmen sich wie Wildkatzen. Sobald ein Auto in der Einfahrt auftauchte, flüchteten sie in den Wald hinterm Haus.
Bei besonders schlechtem Wetter oder wenn der Boden gefroren war, lief es nicht mehr so mit der Grabräuberei, und Simon musste Gelegenheitsjobs annehmen. Ich hoffte, ihn bei einem dieser Jobs zu erwischen, und die einzige Möglichkeit zu erfahren, wo er gerade beschäftigt war, bestand darin, ein Mitglied der Familie oder einen Nachbarn dazu zu verleiten, Simon zu verraten.
»Was wirft man ihm diesmal vor?«, fragte Lula.
Ich blätterte in der Akte. »Trunkenheit, vorsätzliche Sachbeschädigung, versuchter Raubüberfall.«
Jeder Mensch wusste, dass Diggery Trentons Grabräuber Nummer eins war, aber verhaftet wurde er selten wegen Grabschändung, sondern meistens wegen ungebührlichen Verhaltens und tätlichen Angriffs. Wenn Simon Diggery betrunken war, konnte er schon mal gewalttätig werden.
Ich sammelte meine Unterlagen ein und verstaute sie zusammen mit der Uhr in meiner Umhängetasche. »Für den Rest des Tages arbeite ich zu Hause.«
»Ich hätte Lust, bis zum Sommer zu Hause zu arbeiten«, sagte Lula. »Das schlechte Wetter stinkt mir allmählich.«
Gerade war ich in mein Auto eingestiegen, als meine Mutter auf meinem Handy anrief.
»Wo bist du?«, wollte sie wissen. »Noch im Kautionsbüro?«
»Ich wollte gerade los.«
»Könntest du bitte noch bei Giovichinni's vorbeifahren? Dein Vater ist heute den ganzen Tag mit seinem Taxi unterwegs, und mein Auto springt nicht an. Ich glaube, die Batterie ist leer. Ich brauche ein halbes Pfund Leberwurst, ein halbes Pfund Schinken, ein halbes Pfund Olivenbrot und ein halbes Pfund Truthahn. Kauf doch bitte auch noch Schweizer Käse und ein gutes Roggenbrot und einen Lendenbraten. Und bring noch was Süßes von Entenmann's mit. Dein Vater isst so gerne den Himbeerkuchen.«
»Mach ich«, sagte ich. »Bin schon unterwegs.«
Hinterm Kautionsbüros liegt die Stadt Trenton, vor dem Büro liegt ein kleines Einwandererviertel, Chambersburg, kurz Burg genannt. Ich bin in Burg geboren und aufgewachsen, und auch wenn ich heute woanders wohne, fühle ich mich durch meine Familie und ihre Geschichte dem Viertel immer noch verbunden. Einmal Burger, immer Burger. Giovichinni's ist ein Familienbetrieb, ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Hamilton Avenue und bevorzugter Deli von ganz Burg. Es ist eine Brutstätte für Klatsch und Tratsch, und ich ging jede Wette ein, dass sich die Nachricht von meinem Wutanfall bereits wie ein Lauffeuer in Burg verbreitet hatte und auch Gesprächsthema bei Giovichinni's sein würde.
Zurzeit fuhr ich einen rotbraunen CrownVic, einen ehemaligen Polizeiwagen. Ich hatte schnell einen fahrbaren Untersatz gebraucht, und der Crown war die einzige Karre in Crazy Iggy's Gebrauchtwagenladen, die ich mir leisten konnte. Zum Trost sagte ich mir, es sei nur eine Notlösung. Ich haute den Gang rein und raste zu Giovichinni's.
Mit gesenktem Kopf huschte ich an den Regalen entlang, tat geschäftig und hoffte, dass niemand den Namen Dickie erwähnen würde. Unbehelligt ließ ich die Fleischtheke hinter mir, eilte grußlos an Mrs. Landau und Mrs. Ruiz vorbei und reihte mich hinter Mrs. Martinelli in die Kassenschlange ein. Gott sei Dank sprach Mrs. Martinelli kein Englisch; ich sah an ihr vorbei, und da wusste ich, dass mich mein Glück verlassen hatte. An der Kasse saß Lucy Giovichinni.
»Ich habe gehört, Sie hätten heute Morgen das Büro von Ihrem Ex zertrümmert«, sagte Lucy, während sie meine Waren abkassierte. »Stimmt es, dass Sie gedroht haben, ihn umzubringen?«
»Nein! Ich war zusammen mit Lula und Connie da.
Wir wollten nur eine rechtliche Sache mit ihm besprechen. Ehrlich, ich weiß nicht, wie diese Gerüchte aufkommen konnten.«
Das war erst der Anfang. Ich sah Schlimmes auf mich zukommen. Es würde sich zu einer Katastrophe biblischen Ausmaßes entwickeln.
Ich trug meine Einkaufstüten zum Auto, verstaute sie im Kofferraum zusammen mit Tante Tootsies Uhr und setzte mich hinters Steuer. Als ich bei meinen Eltern ankam, flirrte der Schnee schon heftig über meine Windschutzscheibe. Ich stellte den Wagen in die Einfahrt und schleppte die Tüten zur Haustür, wo Grandma Mazur mich schon erwartete.
Grandma Mazur war bei meinen Eltern eingezogen, nachdem Grandpa Mazur sämtliche Ernährungsratschläge in den Wind geschlagen und sich von dieser Welt verabschiedet hatte ^
»Hast du an den Kuchen gedacht?«, fragte Grandma.
»Ja.« Ich schlüpfte an ihr vorbei und trug alles in die Küche, in der meine Mutter gerade Wäsche bügelte.
»Wie lange ist sie schon am Bügeln?«, fragte ich Grandma.
»Seit ungefähr zwanzig Minuten. Seit dem Anruf, du hättest Dickie krankenhausreif geschlagen und wärst vor der Polizei geflohen.«
Wenn meine Mutter Stress hatte, fing sie an zu bügeln. Manchmal bügelte sie ein und dasselbe Hemd dreimal hintereinander.
»Ich habe Dickie nicht krankenhausreif geschlagen. Und die Polizei hat sich überhaupt nicht blicken lassen.« Jedenfalls ist mir kein Polizist über den Weg gelaufen. »Lula, Connie und ich wollten uns bei Dickie juristischen Rat holen, und irgendwie sind daraufhin diese Gerüchte entstanden.«
Meine Mutter hörte auf zu bügeln und stellte das Bügeleisen ab. »Über Miriam Zowickis Tochter höre ich nie Gerüchte. Oder über Esther Marcheses Tochter. Oder über die Tochter von Elaine Rosenbach. Warum immer nur über dich?«
Ich schnitt mir ein Stück Kuchen ab, schlang es hinunter und steckte die Hände in die Hosentaschen, damit ich nicht in Versuchung kam, den ganzen Kuchen zu verdrücken.
Grandma verstaute die Lebensmittel im Kühlschrank. »Stephanie und ich sind eben lebhafte Menschen, deswegen redet man viel über uns. Denk nur an die verrückten Dinge, die man über mich sagt. Die Leute behaupten einfach alles Mögliche.«
Meine Mutter und ich sahen uns an, weil fast alle verrückten Behauptungen, die über Grandma Mazur im Umlauf waren, der Wahrheit entsprachen. Fand im Beerdigungsinstitut eine Aufbahrung statt und der Sarg war geschlossen, stemmte sie den Deckel hoch, um einen Blick hineinzuwerfen.