Buch
Taschenbuch (334 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Louis Begley: »About Kafka«
Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor hat die Literatur der Moderne so stark geprägt wie Franz Kafka. Dem Leben dieses Ausnahmetalents widmet sich jetzt Louis Begley: Selbst ein jüdischer Schriftsteller mit juristischem Hintergrund, gelingt es ihm, sich intensiv, aber durchaus kritisch, in Kafkas Biographie einzudenken und dem Leser dessen oft rätselhafte Texte auf eine bisher ungekannte Weise nahezubringen.
Brillante Einführung in Kafkas Leben und Werk.
Pressestimmen:
"Das ist alles klug, das ist alles schön geschrieben, immer wieder untermauert mit schlagenden Zitaten. Als Einführung hervorragend geeignet." (Literarische Welt)
| ISBN-10: | 3-570-55095-8 |
|---|---|
| EAN: | 9783570550953 |
| Originaltitel: | The Tremendous World I Have Inside My Head |
| Erschienen: | 14.09.2009 |
| Verlag: | Pantheon |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 334 |
| Länge/Breite: | 200mm/125mm |
| Gewicht: | 417 g |
| Übersetzer: | Christa Krüger |
Christa Krüger, geboren 1938 in Rostock, lebt in Berlin, studierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Latein. Dissertation über Friedrich Schlegel, Georg Forster und die französische Revolution. Lehrbeauftragte an der Universität Göttingen. Heute als Übersetzerin tätig.
Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor. Seine Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Louis Begley lebt in New York.
Millionen kennen die Romane und Erzählungen Franz Kafkas - seine Bücher sind in alle Schriftsprachen übersetzt -, und noch mehr Menschen, die nie eine Zeile von ihm gelesen haben, sind trotzdem mit seinem Namen vertraut und finden es ganz natürlich, ihre verwirrenden oder frustrierenden Erfahrungen mit dem undurchschaubar komplexen modernen Leben als "kafkaesk" zu bezeichnen. Kafka selbst gab nur wenige seiner Werke zur Veröffentlichung frei. Dazu gehörten die Erzählungen Die Verwandlung und In der Strafkolonie, die ihm, jede für sich genommen, schon einen hohen Rang im Pantheon der Literatur verschafft hätten, außerdem eine Handvoll anderer ebenso gelungener Texte, zum Beispiel Das Urteil, Ein Landarzt, Ein Bericht für eine Akademie, Ein Hungerkünstler und Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, die letzte von ihm verfaßte Erzählung. Diese Werke sicherten ihm die Bewunderung von Schriftstellern und Kritikern in Prag, Berlin und Wien, die ihn als einen Meister moderner deutscher Prosa anerkannten; schon zu Kafkas Lebzeiten wurde sein Werk in Anthologien aufgenommen und in tschechischen, ungarischen und schwedischen Übersetzungen publiziert. Mit Sicherheit hätte es nach seinem Tod nicht solche Weltberühmtheit ohne die unermüdlichen Anstrengungen Max Brods erlangt, seines engsten Freundes und ersten Biographen, der für die postume Veröffentlichung seiner Romane und Erzählungen sorgte.
Kafka hinterließ kein Testament, aber unmittelbar nach dem Tod des Freundes fand Brod in dessen Schreibtisch in der Wohnung der Eltern einen Brief mit einer "letzten Bitte": Brod solle alles, was sich im Nachlaß finde - Tagebücher, Manuskripte, Briefe (fremde und eigene) und Gezeichnetes (Kafka konnte sehr gut zeichnen) -, restlos und ungelesen verbrennen, ebenso alles von seiner Hand, was andere in Besitz hätten. Diese "anderen" solle Brod "in [s]einem Namen darum bitten", ihm die Manuskripte auszuhändigen. Weiter heißt es: "Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten." In einem älteren Brief, den Brod ebenfalls im Schreibtisch des Freundes fand, legte Kafka fest:
Von allem was ich geschrieben habe gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der "Betrachtung" mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber neu gedruckt darf nichts daraus werden).
Brod entschied sich, Kafkas Verfügungen nicht auszuführen; als einen Hauptgrund dafür gab er an, daß er Kafka 1921 in einem Gespräch erklärt habe, er werde die Schriften nicht vernichten, falls sein Freund ihm tatsächlich so etwas zumuten würde. Daß Kafka daraufhin keinen anderen Testamentsvollstrecker bestimmt habe, der ihm zugesichert hätte, seine Bitte zu erfüllen, könne man - so Brod - als einen Hinweis verstehen, daß dem Freund "seine eigene Verfügung [kein] unbedingter und letzter Ernst" war. Der zwingende und entscheidende Grund war aber wohl Brods Einschätzung, "daß der Nachlaß Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eigenen Werk gemessen, enthält". Auch wenn man noch so fest davon überzeugt ist, daß allein der Autor das Recht hat, zu entscheiden, welche seiner Werke erscheinen und welche nie ans Licht kommen sollen, muß man dankbar sein, daß Kafkas Romane und späte Erzählungen erhalten geblieben sind.
Die Klausel in Kafkas zweitem sogenannten Testamentzettel, die Brod dazu autorisierte, Manuskripte und Briefe im Besitz anderer zurückzufordern, war, wie sich zeigte, von entscheidender Bedeutung. Brod besaß seit 1920 beziehungsweise 1923 die Manuskripte der Romane Der Proceß und Das Schloß. Er benutzte die zweite Verfügung als Druckmittel, um sich von Kafkas Eltern persönliche Papiere ihres Sohnes, die noch in seinem Zimmer lagerten, aushändigen zu lassen, unter anderem den 1919 geschriebenen, ungewöhnlich umfangreichen (in der Handschrift ungefähr hundert Seiten langen) Brief an den Vater. Dora Diamant (1898-1952), eine junge polnische Jüdin, mit der Kafka in seinen letzten Lebensmonaten in Berlin zusammengelebt hatte, übergab ihm ein Skizzenbuch, das Manuskript der Erzählung Der Bau und Kafkas letzte Tagebucheintragungen. Von Milena Jesenskâ (1896-1944), einer großen Liebe Kafkas, erhielt Brod das Manuskript des Romans Der Verschollene (Amerika), Briefe und zwölf Hefte mit Tagebuchnotizen von Ende 1909 bis zum 6. Januar 1921, die Kafka ihr im Oktober 1921 gegeben hatte. Briefe und Zeichnungen, dazu das Manuskript von Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse kamen von Robert Klopstock (1899-1972), einem Medizinstudenten, der während seines Militärdienstes an Tuberkulose erkrankt war. Kafka hatte sich mit Klopstock angefreundet, als sie sich beide in einem Lungensanatorium in Matliary in der Hohen Tatra aufhielten. Später, in der letzten Phase von Kafkas Krankheit, hatte Klopstock Dora Diamant geholfen, ihn zu pflegen.
Nachdem Brod die verschiedenen handschriftlichen Materialien zusammengetragen hatte, mußte er schwerwiegende editorische Probleme bewältigen, die mit dem ungeordneten Zustand der Manuskripte und mit Kafkas Kompositionsmethoden zusammenhingen, doch er setzte sich unermüdlich für die Veröffentlichung des Gesamtwerks ein. Daß Kafkas Schriften einen Succès d'estime erfahren hatten, war für deutsche Verlage kein ausreichender Grund, in einen Autor zu investieren, dessen Bücher sich bis dahin nicht gut verkauft hatten und dessen Attraktivität für das breite Publikum nur begrenzt schien; angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage in Deutschland wollten sie kein kommerzielles Risiko eingehen. Immerhin wurden die drei Romane publiziert: Der Proceß 1925 (in dem
avantgardistischen Verlag Die Schmiede), Das Schloß 1926 und Amerika 1927 (beide im Verlag Kurt Wolff). Nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 verschlechterten sich die Publikationsmöglichkeiten für Werke jüdischer Autoren rapide. Kafkas Bücher wurden öffentlich verbrannt. Im Oktober 1935 wurden sie auf die schwarze Liste des "schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. Danach mußte Brod zu allen möglichen Schachzügen Zuflucht nehmen, wie zum Beispiel die deutschen Rechte an Kafkas Werk dem nominell tschechischen Verlag Heinrich Mercy in Prag zu überschreiben, der mit dem Berliner Schocken Verlag assoziiert war. 1937 wurde die erste Gesamtausgabe von Kafkas Schriften abgeschlossen; die Bände I bis IV waren im Schocken Verlag erschienen, die Bände V bis VI bei Mercy. Diese Ausgabe enthielt Dichtungen, die vorher nur im Manuskript vorgelegen hatten, eine Auswahl aus den Tagebüchern und Briefen an Freunde (vor allem an Brod) und andere, aber weder die Briefe an Felice Bauer (1887-1960), Kafkas erste Verlobte, noch an Milena Jesenska. Derselbe Prager Verlag brachte 1937 Brods Kafka-Biographie heraus, ebenfalls in deutscher Sprache.