Die Einsamkeit der Primzahlen
von Paolo Giordano

Die Einsamkeit der Primzahlen

Ausgezeichnet mit dem Premio Strega 2008. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010, Kategorie Preis der Jugendlichen

  • Erschienen: August 2009
  • EAN: 9783896673978
  • ISBN-10: 3-89667-397-1
  • Seitenzahl: 368
  • Stilrichtung: Romane
  • Sprache(n): Deutsch
  • Erschienen bei: Karl Blessing Verlag

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»Zum Teufel noch mal, was für ein großartiger Schriftsteller, schon mit 26 Jahren!« Andrea Camilleri


Ein einziger Tag in ihrer Kindheit, so scheint es, hat über ihr ganzes Leben entschieden. An einem solchen Tag verlor Alice für immer ihre Unbeschwertheit und das Vertrauen zu ihrem halsstarrigen Vater. Mattia hingegen verlor mit sechs Jahren seine Schwester, deren Hilfsbedürftigkeit er ein einziges Mal, für wenige Stunden, missachtet hatte. Seither quälen ihn Schuldgefühle, die er niemandem offenbart.


Sieben Jahre später lernen Mattia und Alice sich auf dem Gymnasium kennen. Die Anziehungskraft zwischen den beiden scheint unwiderstehlich. Jeder erkennt im anderen die eigene Einsamkeit. Alice ist der einzige Mensch, dem Mattia wenigstens einmal seinen Schmerz zu offenbaren wagt. Und umgekehrt würde sie nie einen anderen als ihn bitten, das Tattoo von ihrer Haut zu entfernen, mit dem sie ihre inneren Wunden gleichsam übermalen wollte. Doch mit den Jahren werden die Hindernisse, die die beiden einander unbewusst in den Weg legen, höher und höher. Bis sie sich entscheiden müssen.


In einer ebenso klaren wie poetisch-eindringlichen Sprache erzählt Paolo Giordano die Geschichte von Alice und Mattia, die wie Primzahlzwillinge nahe beieinanderstehen und doch immer durch eine Winzigkeit getrennt bleiben. Komplexe Seelenzustände schildert er so genau, dass sie fassbar werden und uns tief berühren. Paolo Giordano findet unvergessliche Bilder für die verschlungenen Wege, auf denen die Dramen der Kindheit in uns fortwirken. Seine Prosa verwandelt auf magische Weise Schmerz in Trost.


Ausgezeichnet mit Italiens renommiertestem Literaturpreis - dem »Premio Strega«. Mit 26 Jahren ist Paolo Giordano der jüngste Gewinner aller Zeiten.


Paolo Giordano
Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren, wo er auch Physik studierte und lehrte.

"Mit traumwandlerischer Sicherheit und stilistischer Meisterschaft stellt Paolo Giordano die Schmerzen des Erwachsenwerdens und das Verlangen nach Anerkennung dar." (Corriere della Sera)

Alice Della Rocca hasste die Skischule. Sie hasste den Wecker, der auch jetzt in den Weihnachtsferien morgens früh um halb acht klingelte, und ebenso ihren Vater, der ihr beim Frühstücken zusah und dabei nervös mit dem Bein unter der Tischplatte wippte, wie um zu sagen: Los, beeil dich doch endlich. Sie hasste die Strumpfhose, die an den Oberschenkeln kratzte, die Skihandschuhe, in denen sie die Finger nicht bewegen konnte, den Helm, der ihre Wangen zusammenkniff und dessen Metallschnalle sich in ihren Unterkiefer bohrte, und vor allem diese Skischuhe, die viel zu eng waren und in denen sie wie ein Gorilla lief.
"Was ist denn? Trink doch endlich mal die Milch aus!", drängte ihr Vater weiter.
Und so kippte Alice eine halbe Tasse heiße Milch hinunter, die ihr zuerst die Zunge, dann die Speiseröhre und schließlich den Magen verbrannte.
"Na also. Und heute zeigst du ihnen mal, wer du bist", sagte er.
Und wer bin ich?, dachte sie.
Dann schob er sie hinaus, eingemummt in den grünen, mit Abzeichen und phosphoreszierenden Sponsorenlogos übersäten Skianzug. Um diese Tageszeit war es zehn Grad minus draußen, und die Sonne war nur eine dunkle Scheibe im Grau des Nebels, der alles umhüllte. Alice spürte, wie die Milch in ihrem Magen rotierte, während sie durch den tiefen Schnee stapfte, mit den Skiern auf der Schulter, die man selbst tragen musste, solange man nicht so gut war, dass andere sie für einen trugen.
"Halte die Spitzen nach hinten, sonst erstichst du noch jemanden", forderte ihr Vater sie auf.
Am Ende der Saison schenkte der Skiclub jedem Mitglied eine Anstecknadel, die mit Sternchen besetzt war. Jedes Jahr ein Sternchen mehr. Die erste erhielt man mit vier Jahren, wenn man groß genug war, um den Liftbügel zwischen die Beine zu klemmen, die letzte, wenn man neun war und sich den Bügel selbst greifen konnte. Drei silberne Sternchen und dann drei goldene. Jedes Jahr eine neue Anstecknadel, die einem sagte, dass man näher herangekommen war an die Wettkämpfe, vor denen es Alice so grauste. Schon jetzt dachte sie daran, obwohl sie erst drei Sternchen besaß.
Treffpunkt war der Sessellift, punkt halb neun, wenn die Anlage geöffnet wurde. Alices Kameraden waren bereits eingetroffen. In einer Art Kreis standen sie da, wie kleine Soldaten eingemummelt in ihre Skiuniformen und starr vor Müdigkeit und Kälte. Sie hatten die Enden ihrer kurzen Skistöcke, die im Schnee staken, unter die Achseln geklemmt und stützten sich darauf. Mit ihren baumelnden Armen sahen sie aus wie eine Schar Vogelscheuchen. Keiner hatte Lust zu reden, am allerwenigsten Alice.
Ihr Vater versetzte ihr zwei übertrieben kräftige Schläge auf den Helm, als wolle er seine Tochter in den Schnee rammen.
"Mach sie fertig. Und denk immer dran: Körpergewicht nach vorn, verstanden? Gewicht-nach-vorn."
Gewicht nach vorn, antwortete ihm das Echo in Alices Kopf.
Dann entfernte er sich, wobei er in seine zum Kelch zusammengelegten Hände hauchte. Schon bald würde er wieder in der warmen Stube sitzen und seine Zeitung lesen. Nach zwei Schritten hatte der Nebel ihn bereits verschlungen.
Alice ließ ihre Ski so achtlos zu Boden fallen, dass sie, hätte ihr Vater es gesehen, auf der Stelle vor aller Augen ein paar hinter die Ohren bekommen hätte. Bevor sie die Skischuhe in die Bindung einrasten ließ, klopfte sie mit den Stöcken gegen die Sohlen, um die festklebenden Schneeplacken zu lösen.
Es tröpfelte schon ein wenig. Wie eine Nadel, die sich in ihren Unterleib bohrte, spürte sie den Druck auf der Blase. Auch heute würde sie es nicht schaffen, das war ihr klar.
Jeden Morgen die gleiche Geschichte. Jeden Morgen schloss sie sich nach dem Frühstück im Bad ein und presste und presste, um alle Flüssigkeit loszuwerden. Dann saß sie da und zog so fest die Eingeweide zusammen, dass ihr von der Anstrengung ein Stich durch den Kopf fuhr und sie das Gefühl hatte, die Augäpfel träten ihr aus den Höhlen, wie das Fruchtfleisch mancher Traubensorten, wenn man die Schale ausquetschte. Dazu drehte sie den Wasserhahn ganz auf, damit ihr Vater die Geräusche nicht hörte, und ballte die Fäuste beim Pressen, um auch noch das letzte Tröpfchen herauszudrücken.
So blieb sie sitzen, bis ihr Vater gegen die Badtür pochte und rief: Los jetzt, Fräulein, mach mal fertig, wir sind schon wieder zu spät.
Aber es nützte alles nichts. Nach der Fahrt auf dem Sessellift musste sie immer so dringend, dass sie gezwungen war, die Skier zu lösen, um sich, ein wenig abseits, in den Neuschnee zu hocken. Sie tat so, als müsste sie die Schuhe fester schnallen, während sie in Wirklichkeit Pipi machte. Sie schaufelte ein wenig Schnee um die eng geschlossenen Beine zusammen und ließ es einfach laufen, machte sich in den Skianzug, in die Strumpfhose, während alle Kameraden zusahen und Eric, der Skilehrer, stöhnte: Jetzt müssen wir wieder mal auf Alice warten.
Wirklich eine Erleichterung, dachte sie jedes Mal, wenn sich diese angenehme Wärme zwischen ihren verfrorenen Beinen ausbreitete.
Oder es wäre eine Erleichterung, wenn mir nicht alle dabei zusähen, dachte sie.
Irgendwann werden sie es merken.
Irgendwann wird ein gelber Fleck im Schnee zurückbleiben. Und dann werden mich alle damit aufziehen.


Einer der Väter trat jetzt auf Eric zu und fragte, ob der Nebel an diesem Morgen nicht zu dicht sei, um hinaufzufahren. Alice horchte auf, von leiser Hoffnung erfüllt, doch Eric konterte mit seinem perfekten Lächeln. "Neblig ist es nur hier unten", erklärte er. "Oben beim Gipfel knallt eine Sonne, dass es die Felsen sprengt. Auf jetzt! Los geht's."
Auf dem Sessellift bildete Alice ein Pärchen mit Giuliana, der Tochter eines Kollegen ihres Vaters. Die ganze Strecke über wechselten sie kein Wort miteinander. Dabei waren sie sich weder sympathisch noch unsympathisch. Sie hatten einfach nichts gemeinsam, höchstens die Tatsache, dass sie nicht da sein wollten, wo sie jetzt gerade waren.
Die einzigen Geräusche waren das Rauschen des Windes, der über den Gipfel des Mont Fraiteve fegte, sowie das gleichmäßige metallische Surren des Stahlseils, an dem Alice und Giuliana hingen, das Kinn tief im Jackenkragen verborgen, um sich mit dem eigenen Atem zu wärmen.


Gewicht: 1372 g
Einband: gebunden
Übersetzt von: Bruno Genzler
Ausstattung: 22,5 cm
Auflage: 2. Auflage

Sprache(n): Deutsch

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Buchhändler-Tipp

Schmerzhaft schön

Die Geschichte erzählt von zwei jungen Menschen, Alice und Mattia, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eines gemeinsam haben,ein schreckliches Erlebnis in ihrer Kindheit.
Ihre Wege kreuzen sich in der Jugend und sie werden enge Freunde.Trotzdem gelingt es ihnen nicht ein Paar zu werden. Die Geschichte ist berührend und die Sprache poetisch.
Dennoch konnte mich das Buch nicht fesseln. Mir fehlte mehr Lebendigkeit.

Buchhändler-Tipp

-Einsamkeit der Primzahlen-

Erzählt wird die Geschichte zweier junger Menschen, die gezeichnet sind von einschneidenden, traumatischen Erlebnissen der Kindheit.
Sie grenzen sich ab und sind meist für sich allein.
Der Umgang mit anderen Menschen ist oft schwierig.
Ähnlich jenen Zahlen, die nur durch eins und sich selbst teilbar sind - den Primzahlen.

Buchhändler-Tipp

Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe

Ein schmerzhafter, aber sehr warmherziger Roman über das Erwachsenwerden und die Wunden der Kindheit. Tief berührend und beklemmend zugleich. Alice und Mattia lernen sich auf dem Gymnasium kennen und fühlen sich
sofort voneinander angezogen. Beide gezeichnet von den Erlebnissen in ihrer Kindheit und dem Schmerz , der niemals aufhört.Man leidet mit und kann die körperlichen Qualen fast spüren.Und obwohl sie wissen , dass sie zusammengehören, können sie nicht zueinander finden. Denn die Hindernisse, die sie sich gegenseitig in den Weg legen, werden immer größer, je älter sie werden.
Ein außergewöhnlicher Roman von einem außergewöhnlichen jungen Autor, der nicht umsonst in Italien monatelang Platz 1 der Bestsellerlisten war. Hoffentlich hören (lesen) wir noch mehr von Paolo Giordano.

Buchhändler-Tipp
Buchhändler-Tipp
von
aus der Thalia-Buchhandlung in Tulln (16.10.2009)

Wunderschön...

Alice und Mattia, zwei Jugendliche die nicht unterschiedlicher sein können. Und doch verbindet sie dieses unsichtbare Band. Es braucht kein Wort um sich in der Einsamkeit des anderen wiederzufinden. Die Verletzungen und schicksalhaften Ereignisse in Ihrem Leben, schweißt sie zusammen und entfernt sie gleichzeitig immer mehr von einander. Mein Fazit: Ein echt berührendes, erschütterndes Buch. Mein einziger Gedanke während ich es las, bitte, bitte redet miteinander.

Buchhändler-Tipp
Buchhändler-Tipp
von
aus der Thalia-Buchhandlung in Salzburg (02.09.2009)

Außergewöhnlicher Debütroman

Ein stilsicherer, fesselnder, atmosphärisch dichter und wunderschöner Erstlingsroman aus der Feder eines italienischen Physikers: Mattia und Alice kennen sich von Kindheit an und haben eine besondere Beziehung zueinander. Beide haben als Kinder ein Trauma erlitten, und bis zu einem gewissen Grad finden sie Trost beieinander, doch ein gemeinsames Leben gelingt ihnen nicht. Auf absolut glaubwürdige, verstörende Weise beschreibt Giordano die emotionalen Verletzungen, die sich auch im Erwachsenenalter stetig wiederholen und Mattia und Alice einsam machen. Manchmal erscheint es dem Leser, als würden sie sich aus diesem Kreislauf gar nicht befreien können, doch das Leben geht weiter und die Protagonisten werden älter. Und schließlich gibt es zwar kein Happy-End, aber doch ein paar kleine Veränderungen und die Verheißung, dass die Dinge vielleicht einfach werden könnten.

Buchhändler-Tipp
Buchhändler-Tipp
von
aus der Thalia-Buchhandlung in Wels (23.07.2009)

Der Schmerz der Kindheit

Hochgelobt und ausgezeichnet wurde Giordano bereits in Italien, völlig zurecht muss ich sagen, dieses Buch will man nicht mehr aus der Hand legen.

Ein einziger Tag im Leben zweier Kinder entscheidet scheinbar über ihr ganzes zukünftiges Leben. Alice verletzt sich bei einem Skikurs, den sie nur wegen dem Ehrgeizes ihres Vaters besucht, schwer und flüchtet sich fortan in die Magersucht.
Mattia verliert seine zurückgebliebe Zwillingsschwester und flüchtet sich daraufhin in die sichere Welt der Mathematik und beginnt sich selbst zu verletzen.
Jahre später begegnen sich die beiden in der Schule, sehen den eigenen Schmerz im anderen.
Wie Primzahlenpaare stehen sie einander nahe, doch immer durch eine Winzigkeit getrennt voneinander. Jedem bleibt nur die eigene Einsamkeit. Giordano gelingt es mit großer Eleganz und Einfühlungsvermögen die Einsamkeit der beiden zu schildern.
Jeder, der mit Kindern zu tun hat sollte diese Buch lesen, eine Kinderseele ist so schnell verletzt, doch Heilung ist oft nicht möglich.

 

 

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"Gutes Debüt",

von Alessandra Top 100 Rezensent aus Wien (17.02.2010)


Der Debütroman von Paolo Giordano wurde allerseits hoch gelob und wurde sogar mit dem Premio Strega ausgezeichnet. Der Roman hat etwas sehr schmerzliches und beklemmendes an sich und man nimmt diese Stimmund während des Lesens irgendwie in sich auf. Ich fand den Roman gut geschrieben, flüssig und leicht zu lesen, aber irgendwie habe ich mir mehr erwartet, nach all den Lobeshymnen. Trotzdem kann ich den Roman guten Gewissens weiterempfehlen.

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"Unbedingt lesen !!!",

von einer Kundin/ einem Kunden aus Windischgarsten (30.01.2010)


Einmal angefangen, konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen; Erzählkunst vom Feinsten!!!

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"Dieses Buch werden Sie nicht mehr aus der Hand legen...",

von Melanie Fischer aus Amstetten (29.10.2009)


Unglaublich, wie ein so junger Autor diese zwei Schicksale erschaffen konnte. Man lebt mit den Protagonisten und wartet ständig auf den nächsten Schritt, der die beiden zueinander führen soll..

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