Hier hat's mir schon immer gefallen. Wyoming Stories,  Band 3
von Annie Proulx

Hier hat's mir schon immer gefallen. Wyoming Stories, Band 3

Erzählungen

  • Erschienen: Februar 2009
  • EAN: 9783630872865
  • ISBN-10: 3-630-87286-7
  • Seitenzahl: 256
  • Sprache(n): Deutsch
  • Erschienen bei: Luchterhand Literaturverlag

18,50 EUR*

Sofort lieferbar

in den Warenkorb legen
 

Diesen Artikel liefern wir Ihnen
auch gerne versandkostenfrei zur
Abholung in Ihre Thalia-Buchhandlung

Kostenlose Lieferung ab EUR 20,-
Informationen In-/Ausland

 

Wie denken Sie über das Produkt?

Jetzt bewerten

 

Bewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktivBewertungsstern inaktiv  (0 Leser)

 
Auf den Merkzettel setzen Artikel weiterempfehlen

In neun neuen Geschichten erzählt Annie Proulx von den Mythen und Menschen Wyomings - lakonischer, böser und witziger denn je


Wyoming, dieser am dünnsten besiedelte aller nordamerikanischen Staaten, ist Annie Proulx' Revier. Und sie schreibt über diese unwirtliche, bizarr-schöne Gegend wie niemand sonst, voller Sympathie und Ironie. Erinnerungen eines alten Mannes an seine Zeit als Rodeoreiter enthüllen familiäre Abgründe; eine große tragische Liebesgeschichte aus dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert zerreißt einem schier das Herz; bitterböse Satiren schauen dem Teufel und seinem Sekretär bei der Arbeit zu; Legenden erzählen von der Zeit, als die Indianer noch allein in den Bergen und Prärien lebten, ganz anders als heute, da Millionäre, Grundstücksmakler, moderne Hippies und sture Farmer ihr Glück im Land der Pioniere suchen.


Melanie Walz
Melanie Walz, geboren 1953 in Essen, wurde 1999 mit dem Zuger Übersetzer-Stipendium und 2001 mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet. Sie ist die Übersetzerin von u. a. Antonia Byatt, John Cooper-Powys, Lawrence Norfolk.

Annie Proulx
Edna Annie Proulx wurde 1935 in Connecticut geboren, begann Anfang der neunziger Jahre zu schreiben und wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet, dem PEN/Faulkner Award, dem Pulitzerpreis, dem National Book Award, sowie dem Irish Times International Fiction Prize. Annie Proulx lebt in Denver und Wyoming.

"Proulx, die unter anderem mit dem Pulitzer-Preis, dem National Book Award und dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet wurde, schreibt in einer souveränen stilistischen Breite, die die Elemente der literrischen Reportage ebenso umfasst wie die Winkelzüge der Science-Fiction. Sie scheut weder Brutalität noch Zärtlichkeit, auch wenn menschliches Glück vor dem Hintergrund einer überwältigenden Natur nur ein Aufblitzen gewesen sein kann, das immer schon vorbei ist." Angelika Overath in NZZ am Sonntag

Mellowhorn Home war ein weiträumiges einstöckiges Blockhaus im sogenannten Westernstil - "indianisch" geometrisch gemusterte Möbelbezüge und mit Wildlederfransen herausgeputzte Lampenschirme. An den Wänden hingen Mr. Mellowhorns präparierte Maultierhirschköpfe und eine Zweimannschrotsäge.
Zu dieser Jahreszeit wurde Berenice Pann bewusst, dass die Erde der Dunkelheit entgegenging; keine gute Zeit, dachte sie sich, um eine neue Stelle anzutreten, vor allem eine so deprimierende Stelle wie die, sich um alte Rancherwitwen zu kümmern. Aber sie musste nehmen, was sie kriegen konnte. Im Mellowhorn-Altersheim waren Männer rar und bei den Frauen so gefragt, dass sie Berenice leidtaten. Sie hatte gedacht, der Sexualtrieb lasse im Alter nach, doch die alten Krähen kämpften um die Aufmerksamkeit paralysierter Opas mit wabbeligen, zitternden Armen. Die Männer hatten die Wahl zwischen formlosen Morgenmänteln und geblümten Vogelscheuchen.
Drei verstorbene und ausgestopfte Mellowhorn-Hunde waren an strategischen Wachpositionen aufgestellt: nahe der Eingangstür, am Fuß der Treppe und neben der rustikalen Bar aus alten Zaunpfosten. Auf Schildchen waren wie zum Beweis der Kunstfertigkeit des Brandmalers ihre Namen verewigt: Joker, Bugs und Henry. Wenigstens, dachte Berenice, die Henry den Kopf tätschelte, hatte man von dem Heim aus einen Blick auf die Berge ringsum. Es hatte den ganzen Tag geregnet, und in der sich verdichtenden Dämmerung sahen die Bartgrasbüschel wie gebleichtes Haar aus. An einem alten Bewässerungsgraben bildeten Weiden eine unregelmäßige Linie in düsterem Dunkelbraun, und der Viehteich am Fuß des Hügels war so glatt wie Zink. Berenice trat an ein anderes Fenster, um zu sehen, welches Wetter bevorstand. Im Nordwesten trieb ein milchig weißer, frostiger Keil am Himmel Regen vor sich her. An dem Fenster des Gemeinschaftsraums saß ein alter Mann und starrte in das graue Herbstwetter hinaus. Berenice wusste seinen Namen, wie sie die Namen aller Heimbewohner wusste: Ray Forkenbrock.
"Kann ich was für Sie tun, Mr. Forkenbrock?" Sie hielt sich etwas darauf zugute, die Heiminsassen mit den entsprechenden Ehrentiteln anzusprechen, was die übrige Belegschaft nicht tat, die mit Vornamen um sich warf, als hätten sie mit den alten Leuten Säue gehütet. Deb Slaver war geradezu maßlos anbiedernd mit ihrem verschwenderischen Gebrauch von "Sammy", "Rita" und "Delia", interpungiert mit "Schatzi", "Herzchen" und "Putzi".
"Klar", sagte er. Er machte lange Pausen zwischen den Sätzen, fügte die Wörter so bedächtig aneinander, dass Berenice ihm am liebsten mit Vorschlägen auf die Sprünge geholfen hätte.
"Bringen Sie mich hier raus", sagte er. "Geben Sie mir ein Pferd", sagte er.
"Machen Sie mich siebzig Jahre jünger", sagte Mr. Forkenbrock.
"Das kann ich leider nicht, aber ich kann Ihnen eine schöne Tasse Tee holen. Und in zehn Minuten ist Gemeinschaftsstunde", sagte sie.
Sein Blick war schwer zu ertragen. Trotz des gewöhnlichen Gesichts mit den eingefallenen Lippen und dem faltigen Hals bot er einen ungewöhnlichen Anblick. Es lag an den Augen. Sie waren sehr groß, weit geöffnet und von hellstem Hellblau, der Farbe von Eissplittern, einem unmerklichen Blau mit Kristallstrahlen. Auf Fotos waren sie so weiß wie die Augen römischer Statuen, sah man von dem starren Blick der kleinen, dunklen Pupillen ab. Wenn er einen ansah, dachte Berenice, vergaß man darauf zu achten, was er sagte, weil man von den sonderbaren weißen Augen so fasziniert war. Sie mochte ihn nicht, tat aber so. Frauen mussten so tun, als hätten sie Männer gern und bewunderten, was sie taten. Ihre eigene Schwester hatte einen Mann geheiratet, der sich für Felsgestein interessierte, und musste sich jetzt mit ihm durch Wüsten und steile Berge hinauf quälen.
Zur Gemeinschaftsstunde gab es für die Heimbewohner Drinks und Cracker mit Käsecreme aus dem Super-Wal-Mart, wo die Köchin einkaufte. Sie waren durch die Bank Schnapsdrosseln, mit besonderer Vorliebe für die Whiskeyflasche. Chauncey Mellowhorn, der das Mellowhorn-Altersheim gebaut und die Heimregeln bestimmt hatte, war der Ansicht, dass die letzten dämmerigen Jahre genossen werden sollten, und propagierte Rauchen, Trinken, Schmuddelfernsehen und billiges Essen in Hülle und Fülle. Weder Abstinenzler noch Frömmler verbrachten ihren Lebensabend im Mellowhorn Home.
Ray Forkenbrock schwieg. Berenice fand, dass er traurig aussah, und wollte ihn aufheitern.
"Was haben Sie früher gemacht, Mr. Forkenbrock? Waren Sie Rancher?"
Der alte Mann bedachte sie mit einem zornigen Blick. "Nein", sagte er.
"Ich war kein Scheißrancher. Ich war Rancharbeiter. Ich habe für die Scheißkerle gearbeitet. Als Cowboy, wilde Pferde eingeritten, Rodeo, auf dem Ölfeld, Schafe geschoren, Lastwagen gefahren, was anfiel", sagte er.
"Und hatte am Ende keinen Cent. Jetzt bezahlt der Ehemann meiner Enkelin dafür, dass ich in diesem Hühnerstall voller alter Weiber hocke", sagte er. Oft wünschte er, er wäre draußen in einem Unwetter gestorben, allein und ohne jemandem zur Last zu fallen.
Berenice sprach in bemüht munterem Ton weiter. "Ich habe seit der Highschool auch alle möglichen Jobs gehabt", sagte sie. "Kellnerin, Tagespflegerin, Putzfrau, Regalauffüllerin, solche Sachen." Sie war mit Chad Grills verlobt; sie wollten im Frühjahr heiraten, und Berenice wollte nur noch eine Zeitlang arbeiten, um Chads Gehalt bei Red Bank Power aufzubessern. Doch bevor der alte Mann etwas erwidern konnte, kam Deb Slaver geräuschvoll herein, ein Glas in der Hand. Berenice konnte den dunklen Whiskey riechen. Debs laute Stimme drang stoßweise aus ihrer üppigen Brust.
"Bitte sehr, mein Süßer! Ein kleiner Drink für unseren Ray!", sagte sie. "Kommen Sie weg von dem hässlichen dunklen Fenster und amüsieren Sie sich!" Sie sagte: "Hätten Sie Lust, mit unserem Mehlgesicht die Sendung Cops anzuschauen?" (Mehlgesicht war Debs Spitzname für eine angemalte alte Vettel mit haselnussbraunen Fingerknöcheln und bräunlichen Zähnen.) "Oder ist Ihnen heute einfach danach zumute, aus dem Fenster zu schauen und ein bisschen Trübsal zu blasen? Haben Sie etwa Sorgen? Ihr alten Leutchen wisst doch gar nicht, was Sorgen sind; ihr sitzt hier gemütlich mit einem schönen Glas Whiskey und schaut Fernsehen", sagte sie.
Sie knuffte die Kissen auf dem Sofa. "Sorgen haben wir anderen - Rechnungen, untreue Ehemänner, freche Kinder, kaputte Füße", sagte sie. "Unsereins muss das Geld für die Winterreifen zusammenkratzen. Mein Mann sagt immer, die Hexe mit den grünen Zähnen würde uns das Leben schwermachen", sagte sie. "Kommen Sie, ich setze mich ein bisschen zu Ihnen und Mehlgesicht", und mit diesen Worten zog sie

Gewicht: 433 g
Einband: gebunden
Übersetzt von: Melanie Walz
Ausstattung: 22 cm
Reihe: Wyoming Stories

Sprache(n): Deutsch

 

 

Kundenrezensionen

Kundenrezensionen

Wie denken Sie über das Produkt?

Jetzt bewerten

 

 

 

Jetzt den Thalia Newsletter bestellen und auf dem Laufenden bleiben: