BuchhändlerInnen im Portrait
aus Salzburg / Europark
- Gesamte Rezensionen
- 82 (ansehen)
- Über mich
- Ich esse, wenn ich lese. Das Buch, das geschriebene Wort, ist demnach ein Grundnahrungsmittel.
-
DAS GROSSE KRABBELN!Rezension vom 19.03.2012Für Ameisenfans dürfte E.O. Wilson ein Begriff sein. Als weltberühmter Biologe und eben
Ameisenforscher hat er mit dem deutschen Bert Hölldobler einst das Buch zum Thema Ameisen herausgebracht.
Nun erzählt uns Wilson in seinem ersten Roman die Geschichte eines jungen Mannes, der es sich zur Aufgabe macht, sein Land in dem er aufwuchs, vom gefährlichsten Räuber zu befreien und zu retten dem Menschen. Dem Menschen, der naturbelassene Wälder rodet, Flora und Fauna vernichtet, vertreibt und Biotope austrocknet.
Von Kindesbeinen an durchstreift Raff die Wildnis von Nokobee. Er liebt dieses Landstück und beschließt eines Tages, es mit allen Mitteln von gierigen Immobilienunternehmen und Grundstückräubern zu bewahren.
Dabei entwickelt er einen ausgeklügelten Plan, dieses sein geliebtes Land für immer zu retten.
Das Herzstück von Wilsons Roman ist die Ameisenchronik gleichermaßen Raff Codys Abschlußarbeit am College. Der Leser taucht dabei direkt in die Welt der Ameisen hinein, lebt mit ihnen, kämpft mit ihnen, stirbt mit ihnen. Hier kommt zum Vorschein, dass Wilson ein Naturwissen-schaftler ist, denn seine akribischen, sehr detaillierten Beschreibungen eröffnen einen faszinierenden Blick in die Welt dieser Insekten.
Dadurch geraten und wirken manche Sequenzen seines Romans jedoch sehr sachlich.
Die Geschichte ist deshalb nicht durchgehend spannend.
Wilson liefert seinen Lesern ein Stück amerikanische Geschichte, einen wissenschaftlichen Thriller und ein Porträt kleinbürgerlicher amerikanischer Lebensart, das, nicht durchgehend spannend, Wilson versachlicht vieles, aber doch absolut lesenswert, ist.
-
EINE EINZIGE ORGIE!Rezension vom 19.03.2012»LIMBUS« - nach traditioneller, heute weitgehend aufgegebener katholischer Lehre die Vorhölle als Aufenthaltsort der vorchristlichen Gerechten und der ungetauft gestorbenen Kinder.
Genau diesen Aufenthaltsort sucht Pierres Romanfigur, aus nicht ganz so einfachen Gründen.
Gabriel Brockwell möchte sich umbringen und das nicht unbedingt sofort und nicht ohne vorerst mit seinem Freund diesen Ort der Vorhölle aufzusuchen.
Aufgrund seiner Drogensucht zwingt Gabriels Vater ihn in eine Entzugsklinik, aus der ihm jedoch bald die Flucht gelingt.
Er haut ab und fährt seinem Freund nach Japan hinterher, der dort Gourmetkoch in einem ganz speziellen Restaurant ist. Auf den Tischen der illustren Gäste landen die Innereien des giftigsten Fisches, der auf Erden weilt, des Fugus.
Gabriel möchte seinen Freund auf eine letzte gemeinsame Sauftour überreden, es klappt jedoch nicht. Im Laufe einer Nacht im Restaurant überstürzen sich plötzlich die Ereignisse, die
Gabriel Teil eines mächtigen kapitalistischen Komplotts werden lassen, der ihn weiter nach Berlin, seinen Freund jedoch direkt in eine Gefängniszelle, führt.
Um seinen Freund zu befreien, lässt er sich nun auf einen teuflischen Deal ein.
Im alten Flughafengebäude Tempelhofsoll er eine dämonisches Gelage organisieren.
Die Situation spitzt sich mehr und mehr zu, Gabriel findet schließlich nicht nur Freunde, sondern endlich seinen Limbus, den Ort der Vorhölle.
Ein gewaltiges Orgienspektakel in Hitlers mächtigen Flughafenbunkern lässt Gabriel diese Hölle mehr spüren als ihm lieb ist
In orgastischen Wahnbildern erzählt Pierre eine rasante Geschichte.
Er zerschmettert die horrenden Ausschweifungen und Wirkungen unserer kapitalistischen Welt.
Pierre wickelt den Leser in langgezogene »lines« und alkoholdurchdrungene Rauschnächte ein, im Speichelfaden einer erbrochenen Wirklichkeit schließlich hängt und bleibt ein einziger Gedanke:
»Ich will leben, es muss ja nicht sofort sein«
-
EIN KLEINOD LATEINAMERIKANISCHER ERZÄHLKUNST!Rezension vom 19.03.2012Contreras Castros Roman liest sich wie ein fantastisches Märchen.
In einem Bordell wird ein Kind geboren. Der Junge besitzt nur ein Auge und wird auf den Namen Polyphem getauft. Jeronimo, ein Ex-Mönch und sonderbarer, ja verrückter Geselle betrachtet den Jungen als Wunder und nimmt sich seiner an. Die Huren machen mit und verstecken das wundersame Wesen im Bordell.
Fortan kümmert sich Jeronimo um die Erziehung des Jungen.
Alles Wissen, das er aus alten Büchern kennt, bringt er dem Kinde nahe.
Schließlich wird Polyphem erwachsen und es drängt ihn hinaus in die Stadt.
Jeronimo, sein Großvater durchstreift mit ihm die Gegend und mit den länger werdenden
Streifzügen verliert er das Kind an die Welt.
Jeronimo, fragt einst Polyphem seinen Großvater, Jeronimo, kann man die Sonne mit einer
Kaffeekanne voll Wasser löschen?
Das kommt ganz drauf an, wie groß die Kanne ist
Ein wunderbar sentimentales Kleinod lateinamerikanischer Erzähl- und Fabulierkunst.
-
AUFFALLEN UM JEDEN PREIS!Rezension vom 19.03.2012Im Meer des Lebens tummeln sich Arschgeigen und Idioten.
Ich schwimme mit. Ich rudere mit dem Wind, bin Teil eines wabernden, selbstsüchtigen Schwarms. Aber ich bin ein Niemand. Ein Loser, der nicht beachtet wird.
Ein Mensch unter Menschen, ein Stein unter Steinen, ein Baum unter Bäumen.
Im Sog dieser Vergessenheit fasse ich einen Entschluß:
Mein Leben muss sich ändern.
Mein Leben wird sich ändern.
Und das unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf das Ansehen meiner eigenen Person. Ich mache Dinge, eklige Dinge, verändere mein Aussehen, meine Kleidung, meinen Charakter, ich ecke an, mache von allem das Gegenteil, widersetze mich, schlüpfe kopfüber wieder hinein in die leere Hülle meines Kokons, verwandle mich zurück zur hässlichen Raupe.
Hauptsache ich falle auf.
Und ich falle auf.
Dabei wecke ich stumme Geister in mir. Ich entdecke die Poesie. Ich entdecke, dass ich Gefühle habe. Ich entdecke die Liebe.
Und ich entdecke die scharfe Klinge des Wortes, den süß-sauren Geschmack des Widerstandes. Fortan stelle ich meine Worte wie Brecher gegen den Strom herein tosender Sturmwellen.
Im Sturzbach dieser Veränderung werde ich zum Gewinner.
Und merke, dass ich erst Gewinner bin, wenn ich das Verlieren akzeptiere.
-
DER TITEL SPRICHT FÜR SICH!Rezension vom 19.03.2012Francis Dean, ein achtzehnjähriger Junge, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Zuhause, ein heruntergekommener Trailer in New Jersey, die einzige Mitbewohnerin, seine depressive Mutter.
Vom Vater keine Spur. Dean sieht sein Leben schon im Elend enden, bis er erfährt, daß er die Ausgeburt eines absurden, genetischen Experimentes ist, an dem seine Mutter einst teilgenommen hat. Sein verschollener Vater soll kein Versager wie er, sondern ein vielbeachtetes Genie, ein Wissenschaftler, sein. Eine Begegnung mit ihm könnte Deans Leben von Grund auf verändern.
So begibt er sich mit seinem besten Freund und seiner jungen Liebe auf die Suche nach dem unbekannten Erzeuger. Diese Reise wird die Reise seines Lebens. Und unvermittelt lernt er dabei das Leben, mit all seinen Schön- und Grausamkeiten kennen.
Benedict Wells kann schreiben. Und zwar so, daß der Titel seines neuen Buches für sich spricht, wobei das Wörtchen »fast« einzig und allein für das viel zu schnelle Ende seines Romanes steht.
Ein wunderbar sentimentaler Road-Trip in das Leben selbst.
-
SIEBÖCKS WANDERPREDIGT!Rezension vom 19.03.2012Wer träumt nicht davon, einmal im Leben, alles loszulassen, alles hinter sich zu lassen, dem alltäglichen Lebenstrott den Rücken zu kehren und sich in ein gewagtes Abenteuer zu stürzen, ohne zu wissen, wie es ausgehen wird, ohne nur zu erahnen, welche Strapazen und schöne Momente auf einen zukommen.
Gregor Sieböck hat den Schritt, nein, eigentlich die unendlich vielen Schritte, gewagt, die ihn um die halbe Welt führten. Er packt eines Tages seinen Rucksack und will den halben Erdkreis zu Fuß umrunden. Sein Traum ist es, der Welt, den Menschen, denen er begegnet, ein besseres Weltbild zu vermitteln, Nachhaltigkeit im Lebensstil aufzuzeigen, er will aufrütteln und Ungerechtigkeiten aufzeigen, die sein Leben bewegen.
Sieböck begibt sich drei Jahre auf den Weg, der ihn über den Jakobsweg nach Santiago, weiter über die einsame Weite Südamerikas, über die Anden, schließlich nach Kalifornien, über Russland nach Japan und als letzte Station schließlich in die Wildnis Neuseelands führt.
Sieböcks Reisebericht ist spannend. Der Leser erfährt viel über die harten Strapazen einer wirklich langen Wanderschaft, begegnet fremden Kulturen und staunt über die Schönheiten anderer Länder.
Zunehmend jedoch, verirrt sich Sieböck zu sehr in der Vermittlung seiner Botschaft einer nachhaltigen Lebensweise, die den Leser bald etwas strapaziert. Der Reisebericht wandelt sich zum Ende hin in eine esoterisch anmutende Streitschrift, die das Buch zunehmend langweilig macht.
Nichts desto trotz ist Sieböcks Reisebeschreibung spannend und rüttelt auf.
-
HOLLYWOOD WIE ES LEIBT UND STIRBTRezension vom 27.07.2011"Stadt der Verlierer" nennt Daniel Depp, der ältere Bruder des berühmten Johnny Depp, sein Erstlingswerk, und er hat mit dem Titel des Buches den Nagel auf den Kopf getroffen.
David Spandau, ein sympathischer Ex-Stuntman, arbeitet für eine Privatdetektei und wird auf einen Fall angesetzt, der in direkt in die dunklen Abgründe der amerikanischen Filmbranche eintauchen lässt. Er soll den mysteriösen Tod einer jungen Frau aufklären, die im Haus eines berühmten und aufstrebenden Hollywood-Schauspielers an einer Überdosis Drogen ums Leben kommt.
Spandau weiß dabei nicht, dass das Hornissennest, in dem er herumsticht, das wohl organisierte Nest der Mafia ist, und befindet sich alsbald in einem wirklichen Dilemma.
Der L.A.-Roman entwickelt sich rasant zu einem klug komponierten Thriller, der den Leser mitten in die korrupten Machenschaften der hollywoodschen Filmindustrie führt.
Depp versucht in seinem Buch das wahre Hollywood ans Licht zu bringen, man hat den Eindruck, seine Geschichte als Film auf weißer Leinwand zu lesen. Sein Bruder Johnny dürfte einen nicht unerheblichen Teil seines Insiderwissens zum Inhalt dieses Romans beigetragen haben.
Ein Haufen Toter, blutige Nasen, gebrochene Rippen und Herzen bleiben schlussendlich übrig.Und die Tatsache, dass Glamour und Ruhm in Wirklichkeit in Blut getränkte Siegesflaggen sein können, die dann doch nur als traurige Mahnmale menschlicher Schicksale an geknickten Fahnenmasten hängen und nichts anderes sind als Trug, Lüge und der berühmte Schaum. -
HENRY MILLER LÄSST GRÜSSENRezension vom 27.07.2011Wir sind jetzt "on the road" schmettert Bunny Munro, ein unersättlicher Lüstling und Vertreter für Schönheitsartikel, seinem neunjährigen Sohn eines Tages ins Gesicht, als die Beiden ins Ungewisse aufbrechen, um den tragischen Tod Bunnys Ehefrau und Bunny juniors Mutter zu überwinden. Sie brechen gemeinsam auf, um das Grauen hinter sich zu lassen, ihr Road-Trip führt sie jedoch in noch schwärzere und tiefere menschliche Abgründe, die den Leser in Lust- und Schmerztäler führen, aus denen es schliesslich nur ein Entkommen gibt: Den Tod des Bunny Munro.
Nick Cave erzählt in zum Teil holprig-wilden auch humorigen Wortbildern eine rasante Vater-Sohn-Geschichte, die dem Leser in manchmal rührigen Szenen, dann wieder tiefschwarzen, blutgetränkten und hemmungslosen Katastrophen, die Grenzen des Menschlichen aufzeigt.
Das Buch endet, Nick Cave zum Dank, in einem dunklen, schwarzen Todestraum.
Was bleibt, ist ein leichter Hauch der häufig erwähnten Zigarettenmarke "Lambert and Butler" und die traurig-schöne Gewissheit, dass Nick Cave uns eine sexgeschwängerte und bittersaure Alkoholdunstglocke überstülpt, die einen nichts anderes, als vielleicht das wahre Leben einatmen lässt.
Henry Miller lässt grüßen. -
PINOLS UNGLAUBLICHE PHANTASIE ZUM ZWEITENRezension vom 27.07.2011Pinol führt uns in seinem zweiten Roman in den undurchdringlichen Dschungel des Kongo.
Thomas Thomson, ein Ghostwriter, soll eine Geschichte schreiben, die die Unschuld eines
Mannes namens Marcus am Mord zweier Brüder in Afrika beweisen soll.
Wieder bedient sich Pinol seiner unerschöpflichen Phantasie, der weite Spannungsbogen
mündet schliesslich in einem überraschenden, ja erstaunlichen Finale.
Der Roman ähnelt seinem Vorgänger "Im Rausch der Stille" insofern, als Pinol wiederum
unheimliche, unterirdische Wesen eine nicht unerhebliche Rolle spielen lässt.
Das geschickt und bis zum Schluss hochspannende Buch erscheint nicht nur vom
Cover her unheimlich und düster, die Geschichte ist durchaus beklemmend und unangenehm, nichts desto trotz ein grosses Lesevergnügen.













